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Fullbliss: Bleischwerer Psycho-Rock

Dafür, dass am Samstag der ehemalige The Jud-Frontmann David Clemmons mit seiner aktuellen Band The Fullbliss in der Reutlinger »Zelle« gastierte, war’s eigentlich ziemlich leer. Vielleicht 120 Fans hörten sich das Konzert des Trios um den in Berlin lebenden Sänger, Gitarristen und Songschreiber nach dem der Vorgruppe Porous an.

Es war nichts für heiter gestimmte Gemüter: Wem The Jud schon immer zu lustig, zu energiereich oder zu schnell waren, der dürfte mit Fullbliss viel anfangen können. Das Trio brachte bleischwere, sozusagen dogmatisch deprimierte Rock-Songs im Zeitlupentempo – Weltschmerz als Programm, gedehnt bis zum Geht-nicht-mehr. Da fiel es zu zumindest dem Szene-Tonspion ziemlich schwer, einen Hauch von spannender Dramatik auszumachen.

Dass Clemmons‘ Intonation und seine Gitarren-Stimmung stets danebenlagen, mag vielleicht als gewollter Kunstgriff durchgehen, der für ein wenig Irritation im bleischweren Gedröhn sorgte – uns hat’s schlichtweg genervt.

Da war nichts von der harten Power-Rock-Attitüde von The Jud zu spüren, stattdessen gab’s düsterere Monotonie bis zum Abwinken. Clemmons im ersten Konzert der Winter-Tour live auf dem Solotrip: Für uns deutlich schwächer als sein aktuelles Studiowerk »This Temple Is Haunted«, viel langweiliger als die Vielfalt, die’s von seiner ehemaligen Band zu hören gab – und für die »Zelle«-Besucher augenscheinlich gut genug für zurückhaltenden Applaus.
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Spermbirds: Frische Punker der ersten Stunde

Grosser Bahnhof für die Spermbirds in der Reutlinger Zelle – beim Konzert der wiedervereinigten deutschen Hardcore-Pioniere war der Laden zum Bersten voll. Neben »normaler« Zelle-Kundschaft im späten Teen- und jungen Twen-Alter kamen zum Konzert auch einige Reutlinger Hardcore-Opas.

Alle mussten lange auf Original-Sänger Lee Hollis und seine Krachmacher warten: Das Hauptkonzert begann erst um Mitternacht. Die vielen »echten« und auch ein paar Poser-Punks waren aber bester Stimmung und tanzten, als es dann losging, in nullkommanichts heftigst Pogo. Naja, was sollten sie auch sonst tun?

Die Spermbirds brachten nämlich auch in der Zelle das, was sie Mitte der Achtziger schlagartig in deutschen Punk-Kreisen bekannt gemacht hat: Gnadenlos schnellen, harten und nicht eben filigranen Punkrock, keinen komplexen Hardcore, sondern sozusagen den puren Stoff mit immer noch glaubhaft wirkender »Gib’s ihm«-Attitüde.

Den Besuchern war die frisch und überraschenderweise unverbraucht wirkende Punk-Attacke gerade recht.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Yaaba: Lässiger Roots-Reggae

Die Jungs von »Yaaba« touren schon eine halbe Ewigkeit durch die regionalen Szene-Clubs; nach längerer Pause gab’s jetzt wieder einmal ein Konzert der Reggae-Musiker in der gut besuchten Reutlinger »zelle«.

Die neuen »Yaaba« bringen nur unwesentlich anderen Sound als die alten – der Roots-Reggae, den die sechs Musiker in der »zelle« präsentierten, scheint indes straffer, exakter zu klingen als bei vergangenen Konzerten.

Auch wenn »Yaaba« bei diesem Gig weitgehend Material Bob Marleys reproduzierten und sich damit ins unüberschaubare Heer der »BMW«-Epigonen einreihen: Die Songs des Meisters klangen in der »zelle« nicht schlaff, sondern frisch und knackig.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Blumfeld: Ziemlich glatt gebügelt

Schon erstaunlich – da machen die Jungs von »Blumfeld« jahrelang auch hier in der Gegend die »Ochsentour« durch kleine und kleinste Clubs – und jetzt, wo sie sich nach fast vier Jahren Plattenpause mit »Old Nobody« deutlich glattgebügelter als bisher zurückmelden, strömt das Szene-Volk in wahren Massen.

Die Reutlinger »zelle« jedenfalls war mit 600 Besuchern so voll wie schon ganz arg lange nicht mehr, als die Hamburger — vom Trio zum Quartett angewachsen – auf der aktuellen Frühjahrs-Clubtour dort spielten. Dichtgedrängt hörten die Besucher zu – neben vielen Twens sichtete der »Szene«-Tonspion auch »zelle«gänger und Ex-Mitglieder, die teilweise schon mit dem »Kulturschock« sympathisierten, als der noch »Galerie« hiess und Unter den Linden sein Domizil hatte.

Bei dermassen gutbesuchten Konzerten erwartet man gemeinhin auch gute Stimmung. Die in der »zelle« war einfach nur seltsam: Ganz weit vorne spielten Ole Distelmeyer und Co., angefangen von der aktuellen Singleauskopplung »Tausend Tränen tief«, eine Mischung aus neuen und alten Songs , wirkten in ihrer statischen – sprich: so gut wie gar nicht vorhandenen – Bühnenshow mehr als unbeteiligt und liessen auch mit langatmigen Pausen zwischen den kaum beklatschten Titeln Spannung erst gar nicht aufkommen.Und hinten standen – oft genauso unbeteiligt – die Konzertbesucher; manch einer hat sich dem Gesichtsausdruck nach gefragt, was er in der »zelle« soll.

»Blumfeld« sind nämlich nicht nur stellenweise mit dick aufgetragenen Keyboardflächen und den überaus harmonischen Arrangements watteweich poppig geworden, sondern auch musikalisch nicht unbedingt aufregender.

Auffallend, dass in der »zelle« die alten Songs, besonders die von der letzten Platte »L’etat Et Moi«, wesentlich besser ankommen als das neue Material. Erst, als das Konzert kurz nach elf Uhr vorbei zu sein scheint, wachen die Besucher aus der trägen Stimmung auf und fordern Zugaben. Vier Titel spielen »Blumfeld« noch, bevor sie sich endgültig für diesmal von Reutlingen verabschieden. Dass bei dem Popularitäts-Schub, den die Nordlichter gerade erfahren, bei der nächsten Tour noch eine »location« wie die »zelle« für die Fans ausreicht, darf bezweifelt werden. (-mpg)

Laub: Wenig Getrommel, kein Baß – aber hervorragend

Scheint, so, als ob die Kids heutzutage auch nicht weiter geöffnete Scheuklappen haben als die Konzertgänger früherer Generationen: Die »zelle«- Besucher (die dann zu später Stunde zur nicht sehr erhebenden Plattenteller-Beschallung doch noch die Extremitäten verdrillten) reagierten auf das Gastspiel der Berliner Gruppe »Laub« nur verhalten bis kühl.

Es gab halt in dieser »TripHop-Night« zumindest live eben diesen Stil nicht zu hören. Die beiden Haupt-Macher bei »Laub«, die Sängerin und Elektronik-Mixerin Antje Greie und Jürgen Kühn, der eine Gitarre in der Hand hält und mit ihr unerhörte Dinge anstellt, haben offensichtlich ein zu weites Verständnis von Kunst, um sich mit einem Ding alleine abgeben zu wollen.

Besonders am Anfang des »zelle«-Auftritts — der vom dezent-gekonnten Live-Schlagzeug vom Schlagwerker ihrer Labelkollegen »Kante« prächtig unterstützt wird — bringen die beiden Pop in Reinkultur.

Später mischen sich Rock-Zitate, viel unterschwellig Funkiges oder Passagen dazu, die gut zur Untermalung von Science-Fiction-Streifen dienen könnten.

Sängerin Antje macht zwischendrin mit ihrem intensiven, textlich schwer politisierenden Sprechgesang den Eindruck, als ob sie die vielen Spielarten Dylanscher »Talkin‘ Blues’« verinnerlicht habe – und Kühn bemüht sich recht erfolgreich, gängige gitarristische Klischees zu vermeiden: Eher nach Pianistenart setzt er die Akkorde zum Geblubbere aus der nicht taufrischen, aber offensichtlich voll tauglichen Elektronikabteilung mit Akai-Sampler und Atari-Sequencing.

Und malt so damit so manchesmal schwer stimmungsvolle und fast schon verträumte Akustik-Bilder. In denen ist auch Platz für winzige, verspielte Zitate: Das von Miles Davis ganz zum Schluß  – das Thema aus »Jean Pierre« – hat dem Tonspion, der ein Härtefan des Jazztrompeters ist, ganz besonders gut gefallen. Logisch.   (-mpg)

Phantoms Of Future: Hartes Crossover

Von der — künstlerisch meist unbegründeten Konzertmüdigkeit der Reutlinger wird auch in der »Szene« immer wieder berichtet. Davon war jetzt in der neuen »zelle« beim Crossover-Konzert mit den Dortmunder »Phantoms Of Future« plus Vorgruppe »Tass« nichts zu spüren: Gut 300 Besucher kamen.

Zu hören gab’s erst satten, knalligen Crossover-Rock mit schön nostalgischen Analog-Sequenzen vom Keyboarder: In den ersten drei Stücken klangen »Tass« trotz gelegentlich zu heftigem Schielen auf berühmt-bekannte Vorbilder recht vielversprechend. Die Iggy-Popattitüde des Sängers war dann aber langweilig und auch musikalisch deckte die Band die restlichen 40 Minuten ihres Auftritts mangelnde Ideen mit heftigem Gitarren-Gebrettere zu.

Danach dann die »Phantoms« mit dem Schwerpunkt auf den Songs ihres aktuellen Albums »Chimera«: Heftig-harten Crossover-Rock mit Einflüssen aus fast allen (Rock-)Richtungen brachte die Gruppe vollprofessionell auf die Bühne: Selten hat man in der »zelle« eine opulentere Rock-Show gesehen.

Aber auch hier waren mangelnde eigene Sound-Ideen das Manko, auch hier wünschte man sich angesichts der Iggy-Posen des Frontmanns das Original auf die Bühne. Die Kopie Marke »Phantoms« kam bei den Besuchern aber auch nicht schlecht an. (mpg)

Schwoißfuaß: Heftiger Jubel für neue „alte“ Schwobarocker

Die neue »zelle« kommt bei den Reutlingern an — und die wiedervereinten »Schwoissfüasse« sowieso. Mit 600 Besuchern war der schmucke Bau in der Albstrasse proppenvoll. Die halbe Szene war auf den Beinen, um den »warm up gig« der Schwobarocker mitzuerleben. Von wegen »warm up«: Mehr als zwei Dutzend alte und ganz neue Songs lieferten Alex Köberlein, Riedel Diegel, Didi Holzner, Andre Schnisa, Michel Stoll, Gottlob Schmid und Bodo Schopf ohne Pause — 165 Minuten »Schwoissfuass« von den Anfängen (wie »Paule Popstar«) bis zur Gegenwart (»I moss hoim«).

Die Musiker, die morgen abend beim »11. Internationalen Tübinger Festival« ab 20.30 Uhr im Zelt an der Reutlinger Strasse spielen, zeigten sich nach anfänglichen Nervositäts- und Tonproblemen in bester Spiellaune; man merkte ihnen an, dass sie nur wegen dem Spass an der Sache wieder zusammen sind.

Die Zuhörer gingen vor allem bei den teilweise neu arrangierten »Schwoissfuass«-Klassikern begeistert mit: Neben einigen Songs von der aktuellen Platte »Rattakarma« gab es ein Wiederhören mit dem »täglichen Wahn« und dem »Rastaman«, der »gesunden Familie«, den »Fremden Zigaretten«, »Jupp vom Tennisclub«, »Dibänga äd night« und anderen »Klassikern« der Band. Klar, dass der Jubel der Fans am lautesten war, als Alex »Oinr isch emmer dr Arsch« anstimmte.

Besonders heftigen Applaus heimste auch Riedel Diegel — früher Gönningen, jetzt Köln — für sein nach wie vor meisterhaftes Mundharmonika-Spiel ein. Genau wie seine Bandkumpels und das »zelle«-Team bekam er das zufriedene Lächeln über die gelungene Premiere an diesem Abend nicht aus dem Gesicht. (mpg)