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Theaterhaus-Jazztage Stuttgart: Musikalischer Gemischtwarenladen

Die selbst ernannten Gralshüter des »wahren Jazz« mögen Zeter und Mordio schreien – Zeitgeist und mehr noch finanzielle Möglichkeiten der Jazz-Veranstalter sind so, wie sie sind: Auch die renommierten österlichen Jazztage des Stuttgarter Theaterhauses präsentierten sich jetzt, bei der 17. Auflage, als musikalischer Gemischtwarenladen.

Kein durchweg mit Stars gespicktes Programm gab’s diesmal an vier Abenden, sondern eine stilistisch kunterbunte Mischung, die stark auf den europäischen, speziell Stuttgarter Nachwuchs setzte, und im übrigen aus Veranstaltersicht vermeintlich »sichere« Zugnummern präsentierte. Die Reduktion an großen Namen ist nur teilweise gewollt: Weil das SDR-Fernsehen nicht mehr mitproduziert, sind die Kosten für das Theaterhaus enorm gestiegen, zudem scheint das Interesse an dem, was man landläufig unter Jazz versteht, im Moment längst nicht so groß wie vor zehn Jahren.

Vom Publikum immer wieder gern gehört und auch in Stuttgart freundlich empfangen wurde Pianistin Aziza Mustafa Zadeh. Die Musikerin aus Baku (Aserbaidschan) hat seit ihrem spektakulären Erscheinen auf der westeuropäischen Szene nichts von ihrer stilübergreifenden technischen Brillanz verloren. Den Folk ihrer Heimat vermischte sie auch jetzt wieder im Theaterhaus ohne ungewollte Brüche mit Avantgarde und afroamerikanischen Roots. Aber auch hier klang Zadehs Spiel unterkühlt bis unbeteiligt ihr Blues kam garantiert keimfrei daher.

Ganz anders Richard Gallianos Piazzolla-Programm am letzten Abend: Wie auch bei seinem Gastspiel bei den letzten Tübinger Jazz- und Klassik-Tagen verband der französische Akkordeonvirtuose technische Meisterschaft sowie tiefgehendes Piazzolla-Verständnis mit seiner eigenen musikalischen Sprache: Hochspannend.

Eher wie alte Bekannte mögen manchem dagegen Wolfgang Dauner, Charlie Mariano und Dino Saluzzi am Ostersamstag vorgekommen sein. Dieses legendäre Jazz-Trio hat Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre mit dem Live-Mitschnitt »One Night in ’88« und »Pas de Trois« mächtig Furore gemacht – die Scheiben zählen heute zu Klassikern der europäischen Jazzentwicklung, das Konzert vor eineinhalb Jahrzehnten gilt als legendär. Dementsprechend laut war der Jubel über die drei, die anscheinend blindes Verständnis füreinander haben, jetzt wieder. Der Abend mit dem Stuttgarter Pianisten und Theaterhaus-Förderer seit Gründungstagen war aus Sicht der Festivalbesucher sowieso das Glanzlicht. Nicht nur mit dem berühmten Trio, auch im (viel zupackenderen, viel erdigeren) Quintett mit Albert Mangelsdorff, Eberhard Weber, Christof Lauer und Sebastian Haffner war Dauner zu hören: Eine souverän und lässig musizierende All-Star-Riege, die da im Theaterhaus -vermutlich zum Sonderpreis – ein mitreißendes Konzert hinlegte. Solo, das zeigte sich zu Beginn des Abends, reduziert Dauner sein Spiel und die Akzente immer mehr, ein »Vielschwätzer« war Dauner sowohl am Klavier wie auch verbal sowieso nie.

Neben der New Yorker Partyband »Dem Brooklyn Burns« und einem Trio des jungen schwedischen Pianisten Esbjörn Svensson gab’s bei den »17. Internationalen Theaterhaus Jazztagen« alte Bekannte aus der Gegend zu hören: Die Brüder Lorenzo und Franco Petrocca vermischten gekonnt wie immer Italo-Folk mit Jazz, und Drummer Daniel Messina (des öfteren in Reutlingen zu Gast) brachte mit Uli Möck und Frank Kroll argenti-
nisch eingefärbten Jazz.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Theaterhaus-Jazztage ’99 Stuttgart: Orient und Okzident

Viele alte Bekannte kamen zu den »15. Theaterhaus-Jazztagen« nach Stuttgart. Juliette Greco, Jan Garbarek und Charlie Mariano mit dem indischen »Karnataka College Of Percussion« wurden von den Fans frenetisch bejubelt. Beim »Stuttgart Jazz Network«abend gaben sich Wolfgang Dauner, Gregor Hübner oder Jörg Reiter ein Stelldichein.

Wie bei (fast) allen bisherigen Festivals gab’s aber auch dieses Jahr frischen Ohrenkitzel – Gratwanderungen zwischen Orient und Okzident diesmal. Die Marokkanerin Safo brachte zeitgenössische arabische Lieder mit traditionell instrumentiertem Orchester – nicht nur, aber ganz besonders für westliche Hörer ein exotisches Hörerlebnis.

Ungewohnt und ungewöhnlich auch das, was Pharaoh Sanders, Weggefährte von John Coltrane und Free-Jazz-Ikone, zur Eröffnung des »Total Global«-Abends hören liess. Der ehemalige Harmonie-Zerpflücker schwelgte geradezu in Zurückgezogenheit, liess seinen beiden algerischen Mitmusikern Chaouki (Oud, Gesang) und Yahi (Percussion) Smahi weitgehend den Vortritt. Sehr ruhig klang diese Bühnenpremiere des Trios.

Bedächtig und wunderbar atmosphärisch tönten nur die ersten zwei Stücke beim Auftritt von Renaud Garcia-Fons. Ansonsten zeigte der französische Bass-Virtuose – manche Jazzfans kennen ihn vielleicht durch seine Zusammenarbeit mit Rabih Abou-Khalil – pure Virtuosität. Garcia-Fons spielt seinen Kontrabass mit der Behendigkeit eines Violinisten, setzt seinen Bogen mit höchst erstaunlicher Kontrolle für groovige perkussive Phrasen ein. Dabei hat der Bassist auch kompositorisch die Nase ziemlich weit vorn. Zusammen mit seiner Oriental Bass Band brachte der Stilwanderer alle möglichen Tempi-, Rhythmus- und Harmoniewechsel in seine suitenartigen Kompositionen: Ein Wechselbad der Musik-Stimmungen, vergleichbar mit der Herangehensweise eines Frank Zappa.

Die gefeierte Klezmer-Truppe »Kol Simcha« – erst kürzlich im Tübinger »Sudhaus« zu erleben – brachte zwar mächtig Stimmung ins »Theaterhaus«, klang aber längst nicht so vielschichtig und abwechslungsreich wie die beiden anderen Acts des Abends. (-mpg)

Theaterhaus-Jazztage Ostern ’98: Watte, Salz und volle Ohren

Jubel (fast) ohne Ende am zweiten und dritten Festivaltag der diesjährigen Oster-Jazztage im Stuttgarter Theaterhaus — von ganz unterschiedlichen Fans, für ganz unterschiedliche Musik.

Am Samstag kannte die Begeisterung vor allem bei den zahlreich erschienenen algerischen Gästen im da schon fast überfüllten Wangener Kulturzentrum kein Halten mehr — schließlich hatte sich mit Khaled der Superstar Algeriens angesagt.

Diesmal kam der schmächtige Sänger auch wirklich nach Stuttgart. Vor einem Jahr hatten ihn schon die »Jazz-Open«- Macher für ihr Festival in der Liederhalle eingeplant; damals hatte Khaled, dessen Texte zum Teil politisch ziemlich scharf sein sollen, wegen Attentats-Drohungen fundamentalistisch gesinnter Landsleute abgesagt.

Und jetzt gab er, während sich das Kondenswasser an den Wänden sammelte, ein gut zweieinhalbstündiges Konzert. Seine acht Begleiter waren Vollprofis, die im internationalen Vergleich gut bestehen können — ihm selbst, stimmlich eher Durchschnitt, fraß der Großteil des Publikums sozusagen aus der Hand.

Seinen 97er-Hit »Aisha« mußte er nach der stimmungsvollen Einleitung seines Gitarristen und ersten Keyboarders gar nicht groß selbst anstimmen: Das erledigte ein vielstimmiger Publikumschor ziemlich perfekt. Und selbst nach dieser Zugabe war hoch lange nicht Schluß mit dem — nicht nur aus »beinharter« Jazz-Sicht — ziemlich glattgebügelten Arab-Pop: In der zur »Jazz-Lounge« erklärten Halle drei fragte sich so manch ein Besucher während der Wartezeit auf zwei Combos aus der Region, was die watteweichen Harmonien von ebenan denn, bittschön, mit Jazz zu tun hatten . . .

Sowohl das »Patrick Tompert Trio« als auch das Quintett um Klaus Graf und Sebastian Studnitzky lieferten dann vor kleinem Publikum bis weit in den Morgen hinein »richtigen«, eher konventionell gelagerten Jazz — wie bereits aus zahlreichen Clubgastspielen in der Region bekannt in teils verblüffend hoher Qualität.

Schon am Karfreitag lieferten Musiker aus dem »Gäu« kräftig Salz für die Stuttgarter Jazz-Suppe. Fried Dähn und Manfred Kniel überraschten mit ihrer Schrägton-Show sicher auch so manchen Großstädter — nur hatten der Cellist und der Drummer das Pech, zeitgleich gegen eine All-Star-Formation im großen Saal anspielen zu müssen.

In Halle eins blies nämlich Albert Mangelsdorff, Deutschlands wohl bekanntester (und vielleicht auch bester) Posaunist, zusammen mit Jazz-Weltstar Chico Freeman ins Blech. Interessanter als die Horn-Kombination war da schon die dreiköpfige Percussion-Begleitung, die westliche Grooves mit solchen aus Asien und Afrika zusammenbrachte.
Frisch und überraschend klangen auch die Ravel-Bearbeitungen, die der Frankfurter Jazzer zu später Stunde zusammen mit Wolfgang Dauner, Christof Lauer, Dieter Ilg und Wolfgang Haffner präsentierte. Speziell die letzten drei spielten — wieder mal — ganz hervorragend zusammen.

Das Highlight dieses langen Abends  – der neben der Klasse Mangelsdorffs auch dessen höchst erstaunliche Kondition bewies – gab’s aber mittendrin. Zusammen mit dem Tübinger Ausnahme-Trompeter Claus Stötter spielte der »edler statesman« der deutschen Jazzszene weitgehend frei improvisierte, nicht eben einfache, aber beeindruckend intensive Musik. Da zeigte sich, daß im Schlichten oft die wahre Schönheit liegt — und in der Beschränkung große Kunst.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Wolfgang Dauner & Albert Mangelsdorff: Hinreißend innig

Es war ein Konzert der Extraklasse: Das Gastspiel von Pianist Wolfgang Dauner und Albert Mangelsdorff (Posaune) im Spitalhofsaal geriet zu einem berührenden und mitreißenden Erlebnis. Der gerade 30 Jahre alt gewordene Reutlinger »Jazzclub in der Mitte« hatte eingeladen — und nach blamabler Vorverkaufs-Resonanz kamen dann doch noch fast 200 Jazzfans. Die ehrenamtlich schuftenden »Mitte«-Leute machten also schon vor dem zweieinhalbstündigen Konzert zufriedene Gesichter.

Beglückt schauten Besucher und Veranstalter am Ende drein: Sie hatten Musik von unerhörter und ungehörter Intensität erlebt, enorm gefühlvolle Musik, die keine und keinen kalt lassen konnte.

Seit 13 Jahren geben der mit Ehrungen und Preisen überhäufte Frankfurter Posaunist (Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, regelmäßig seit mehr als zwei Jahrzehnten zum weltbesten Musiker seines Instruments gewählt) und der Stuttgarter Piano-Hansdampf zusammen Duo-Konzerte. Die beiden sind seit langer Zeit Freunde und verstehen sich prächtig. Wie gut sie miteinander können, zeigten der äußerst bescheiden auftretende Mangelsdorff und sein stets etwas scheu wirkender Kumpel im Reutlinger Gastspiel ohne Worte: Intensiver und konzentrierter mit- und untereinander musizierend haben die Fans der Region das Duo selten erlebt.

Dabei waren die äußeren Bedingungen nicht gerade die besten: Das Klima im nicht klimatisierten Spitalhofsaal verdiente die Bezeichnung »subtropisch«. Mangelsdorff mußte schwer schnaufen und viel Wasser trinken. Dauners Steinway war nach einer Stunde dermaßen verstimmt, daß in der Pause der Klavierstimmer lange schraubte.

Musikalisch kamen diese Widrigkeiten kaum durch: Im zweiten Set waren die Frequenzverhältnisse der schwarzweißen Tasten wieder in Ordnung und Mangelsdorff ging (wieder mal) mit seinem an sich sehr spröden und spieltechnisch »schweren« Instrument um, als sei’s eine Schul-Blockflöte. Manch einem Besucher klappte der Unterkiefer nach unten und blieb dort.

Die ursprünglich mit großer Perkussions-Familie aufgenommene Mangelsdorff-Komposition »Moon at Noon« kam auch in der reduzierten Besetzung mit enormer rhythmischer Spannung daher. Melancholisch anmutend und fast schon romantisch intonierten die heiden den »Wendekreis des Steinbocks« von Dauner — und mit seinem bereits beim Tübinger »Na endlich!«-Gastspiel des »United Jazz & Rock Ensembles« gehörten Gershwin-Prelude zeigte der Pianist, was man aus »altem« Material wunderbar Neues machen kann.

Erdig und rotzig-zupackend klang der »Wheat Song«, harmonisch und melodisch »ahgefahren« Dauners »Yin«. Bevor sich das hochmusikalische Team verabschiedete (und natürlich zu einer Zugabe wieder herheigejubelt wurde), hörten die Besucher einen Jazz-Hit: Die Spitalhof-Ausgabe von Dauners unwiderstehlichem Dauerbrenner »Trans Tanz« fügte den zahlreichen verschiedenen ‚Aufnahmen und Live-Versionen dieses Dauerbrenners eine weitere neue Facette hinzu. Klasse! (mpg)

Wolfgang Dauner: Mann am Klavier

Er nimmt regelmäßig Spitzenplätze in europäischen Jazz-Polls ein, obwohl diese Kategorie seinen musikalischen Aktivtäten nur teilweise entspricht. Er ist für den riesigen Erfolg des »United Jazz + Rock Ensemble«, dessen Mitbegründer er 1975 war und dessen musikalische Koordination er übernommen hat, zum großen Teil verantwortlich. Seine Duo-Konzerte mit seinem Freund Albert Mangelsdorff zählen zu den Highlights im bundesdeutschen Konzertbetrieb. Konstantin Wecker, der Kraftprotz aus Bayern, brachte mit seiner Hilfe nach einer kreativen Flaute wieder tolle Platten heraus. Wolfgang Dauner, der am 30. Dezember 54 Jahre alt wird, ist mit seinem Klavier fast überall zu hören, auch da, wo man ihn gar nicht erwartet.

Dauner, der in Stuttgart geboren ist, wuchs als Waise auf. Ohwohl er als Kind Klavierunterricht hatte, machte er nach der Schule zunächst eine Lehre als Schlosser. Ab 1958 studierte er an der Stuttgarter Musikhochschule Trompete und Komposition. Seine Anfänge als Profimusiker verzeichnet unter anderem eine Tournee mit Marika Rökk. 1962 machte er erste Aufnahmen mit Joki Freund, ein Jahr später auch mit dem ersten eigenen Trio, mit Eberhard Weber am Baß. Bei den Berliner Jazztagen 1967 führte Dauner unter anderen mit Jean Luc Ponty seine »Free Action für Jazz-Septet« auf, ein Jahr später an selber Stelle das Jazz/Chor-Werk »Psalmus Spei«.

1969 übernahm Dauner die »Radio Jazz Group« des Süddeutschen Rundfunks, zwei Jahre später präsentierte der Avantgarde-Pianist dem Publikum die Gruppe »Et cetera«, bei der unter anderen auch mal der Gitarrist Larry Coryell sowie derspätere Schlagzeuger des »United Jazz + Rock Ensembles«, Jon Hiseman, mitspielten.

1975 folgte dann die Gründung eben des »UJ + RE«, parallel dazu die musikereigene Plattenfirma »Mood Records« — auch hier hatte Dauner, dessen Markenzeichen ein Pferdeschwanz sowie ein weißer Schal um den Hals geworden sind, seine Finger wesentlich mit im Spiel.

Wolfgang Dauner komponierte auch fürs Fernsehen, für Hörspiele und machte Filmmusiken. 1976 produzierte er zusammen mit Dieter Süverkrüp das Kindermusical »Das Auto-Blubbergum«, zwei Jahre vorher war er für die TV-Serie »Glotzmusik« verantwortlich.

Dauner, der inzwischen mit fast allen europäischen Jazzern von Rang gespielt hat, veröffentlichte im Lauf der Jahre eine Unzahl von Platten, mit Leuten wie seinen Kollegen vom »UJ + RE«, Albert Mangelsdorff, Charlie Mariano, Dino Saluzzi, Peter Gigers »Family of Percussion« und vielen mehr. Als Einstieg für zukünftige Dauner-Fans empfehlen sich »Changes« (Solo-Piano und -Synthesizer, 1979), »Solo-Piano« (1983), »One night in ’88« (mit Charlie Mariano und Dino Saluzzi, 1988) oder das kollektive Meisterwerk »Moon at Noon«, das unter Albert Mangelsdorffs Namen erschienen ist.

Zusammen mit Trilok Gurtu und der »Familiy of Percussion« entzünden die Freunde an Posaune und Klavier hier ein Feuerwerk in Rhythmik und Melodik, das seinesgleichen sucht. (mpg)

Wolfgang Dauner & Albert Mangelsdorff: Reise durch Klanglandschaften

Über die beiden zugkräftigen Namen des »Moon at Noon«-Konzerts in der Mensa Wilhelmstraße, veranstaltet vom finanziell angeschlagenen »Club Voltaire«, braucht man eigentlich überhaupt nichts mehr sagen: Wolfgang Dauner und Albert Mangelsdorff sind die deutschen Jazzmusiker schlechthin. Beide sind so etwas wie Stars (obwohl sie es sicher nicht sein wollen); beide können sich inzwischen die Wohnung mit den Ehrungen, Prei sen und Auszeichnungen, die sie erhalten haben, tapezieren.

Vor kurzem haben die beiden zusammen mit dem Schlagzeuger Peter Giger und seiner »Family of Percussion« eine vielbeachtete und -gelobte Schallplatte eingespielt.

»Moon at Noon« heißt diese LP, war der Titel des Konzerts und auch der Name des ersten Stücks im Tübinger Gastspiel. Eine Menge Klopfgerät war auf der Bühne aufgebaut: Neben Peter Gigers imposantem Schlagzeugaufbau (er spielte mit doppelter Baßtrommel und gleich einem ganzen Arsenal von Becken) gab es da fast alle bekannten Perkussionsinstrumente zu hören und zu sehen; dazu kamen Instrumente und Sounds, die man in dieser Kombination sonst selten oder gar nicht hören kann.

Die Trommelfraktion setzte sich — neben Giger — aus Tom Nichlas (was für ein Conga-Spieler!) dem für Trilok Gurtu (warum er nicht spielte, blieb sein Geheimnis) gekommenen Tabla-Spieler Peter Szalai und dem Perkussionisten Michael Küttner zusammen. Diese Musiker beherrschten virtuos atemberaubend polyrhythmische Muster und entwickelten eine Dynamik, daß einem manchmal die Kinnlade (staunenderweise, natürlich!) nach unten klappte.

Das Konzertprogramm deckte sich — bis auf ein Stück — mit den Titeln von der Platte. Allerdings ist — die zeitliche Beschränkung fällt weg und das »Feedback« ist auch anders — bei der Live-Präsentation wesentlich mehr Raum für Improvisationen und perkussionistische Kollektiv-Soli Platz. Und das ist in diesem Fall gut so: Dauner und Mangelsdorf waren in Tübingen nämlich gut aufgelegt; man spürte ihre Lust am Spiel deutlich.

Der Stuttgarter Keyboarder ließ diesmal den Synthesizer zu Hause und beschränkte sich aufs E-Piano, dessen Klänge ab und zu mit Effektgeräten geringfügig verändert wurden. Mangelsdorff spielte — was sonst — Posaune; sein einzigartiges mehrstimmiges Spiel (er singt durch die und mit der Posaune; dadurch entstehen die ungewöhnlichsten Obertonkomhinationen) bekam das überwiegend studentische Publikum allerdings nur wenig zu hören. Was die beiden auf ihren Instrumenten machen, gehört zum Besten, was der Jazz heute zu bieten hat.

Die »Roots«, die musikalischen Wurzeln also, kamen — jedenfalls, was die Rhythmik angeht — aus der afrikanischen Ecke. Zusammen mit dem enorm swingenden und gleichzeitig trotzdem sehr erdigen, »groovenden« Spiel ergab sich eine faszinierende Grundlage für die beiden Melodieinstrumente. Was man alles mit Schlaginstrumenten machen kann, wurde nach der Pause deutlich, als »Perkussion pur« angesagt war: Zwei Stücke und 35 Minuten lang wurde ein blubbernde, zirpende, quakende, manchmal beängstigende Klanglandschaft unter Mithilfe von zwei Dutzend Gongs, Schlaghölzern und anderen selten eingesetzten »Selbstklingern« entwickelt. Nach knapp zwei Stunden und einer Zugabe verabschiedeten sich die Musiker. Wenn man von den gelegentlichen stilistischen Ausrutschern des verkrampft wirkenden Küttner absieht, war’s ein rundum tolles Konzert. (mpg)