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Wolf Biermann: Wahnsinnlich

Wolf Biermann macht’s nicht im kleinen Format. Der Liedermacher, Schriftsteller und Dichter fing in der Listhalle da, wo andere zum Ende kommen, erst richtig an. Sein »Berliner Bilderbogen«, den er auf Einladung der Stadtbibliothek im zu drei Vierteln gefüllten Reutlinger Musentempel präsentierte, geriet zu einer Wundertüte mit Geschichten voll praller Sinnlichkeit.

Und vom »Paradies uff Erden« – schon im Programmtitel klingt bei dem »Fischkopf« (Biermann über Biermann) mit starken Berliner »roots« Ironie an – ist eben nicht in 20 Minuten alles erzählt.

»Tut mir leid, unter drei Stunden spiel‘ ich nicht«, meint der humanistischste aller wortgewaltigen Querdenker der Republik, bevor er sich in die Pause verabschiedet. Episch breit und voll amüsanter, kritischer, spannender kleiner Geschichten ist sein Vortrag; der »Rausch ohne Drogen«, in dem Biermann innerhalb eines halben Jahres rund 60 Gedichte und Lieder neu schrieb, scheint auch auf der Tournee mit gut fast zwei Jahren noch Nachwirkungen zu haben.
Biermann hat der einjährige Aufenthalt 98/99 in seiner »hassgeliebtesten Stadt« halt »wahnsinnlich« aufgeregt – ist ja klar, dass einer wie er, der das Herz auf der Zunge trägt, nicht ohne Regung an der alten Wohnung in der Chauseestrasse 131 vorbeigehen kann.

Schon gar nicht, wenn da jetzt ein ehemaliger Stasi- Spitzel wohnt, der auch noch mit der Vergangenheit prahlt. »Det jefällt mir nich«, sagt der Hamburger leise – und brüllt dann, dass es in der schmalbrüstigen Verstärkeranlage der Listhalle scheppert, »Meine Wohnung!!«. Ironischer Nachsatz: »Die beiden Worte müsste man untereinander schreiben, damit klar wird, dass es sich dabei um Dichtung handelt«.

Am Anfang stehen zwei alte Sachen: Die »Ballade vom preussischen Ikarus« später erläutert der Liedermacher, wie’s im Wettstreit zwischen ihm und dem New Yorker Beatnik-Poet Allan Ginsberg dazu kam – und Biermanns Wintermärchen »Im deutschen Dezember floss die Spree«.

Und dann lässt Biermann ein Kaleidoskop voller schräger Typen, Anekdoten und Geschichten aufblühen, wie es wohl nur entstehen kann, wenn einer direkt betroffen ist.

»Zu Hause, im wunderschönen Altona an der Elbe, hatte ich den alten Tort fast vergessen. Aber nun, in Berlin, tat mir die längst verheilte Wunde doch wieder weh. Und genau das war womöglich der Stachel in meinem Herzen, den ich brauchte«, schreibt er.

Und erzählt auch in Reutlingen souverän deutsche Hoch-Dichtung persiflierend, wie ihn bei der Bootstour auf dem Wannsee die DDR- und noch weiter zurückliegende Vergangenheit einholt.

Die Biermann-Fans erleben den alten Ostteil Berlins (»Am Alex an der Weltzeituhr« und »Das Herz vom Prenzlberg«) und hören durch die Zunge des Liedermachers einen Exil- Berliner, der vor einem halben Jahrhundert vor den Nazis geflüchtet war – und der mitten in Israel im schönsten »Balinerisch« schwadroniert.

Die Reutlinger geniessen das gleichermassen höchst unterhaltsame wie anspruchsvolle Konzert, applaudieren dem Mann mit Gitarre und Buch auf der Bühne frenetisch.

Biermann – der in »Adieu, Berlin« die neue alte Hauptstadt als »sein Riesendorf« bezeichnet – erwidert die Zuneigung auf seine Art: »Also . . . ich find euer Kaff schön. Seid bloss nicht beleidigt: Provinzialismus ist nie eine Frage des Orts, aber immer des Kopfs«. (-mpg)

 

 

 

 

Wolf Biermann: Ein weiser kleiner Junge schreibt Gedichte

»Ich bin immer noch ein kleiner Junge, sechseinhalb Jahre alt«, erklärt der 60jährige verschmitzt unter seinem Walross-Schnauzer, »nee, nee — man schreibt keine Gedichte, wenn man sich nicht mehr wundert. Wenn man das nicht mehr will, muss man lange Romane schreiben wie Günter Grass oder kurze Stücke wie Heiner Müller«.

Wolf Biermann schreibt und singt immer noch und wieder wortgewaltige Lyrik. Und fesselt die Besucher bei seinem opulent langen Konzert am Mittwoch im grossen Saal des LTT nicht nur damit. Die Mischung aus routinierter Abgeklärtheit, verspielter, sehr warmherziger und humorvoller Kindlichkeit und gleichzeitig scharfer Beobachtungsgabe ist zwingend charmant. Die 95 (!) Minuten, die Wolf Biermann bis zur Pause braucht, vergehen wie im Flug.

Ewig machen, ewig scheitern
Macht nix, Alter! mach so weiter
werde älter, klüger, besser
Vorwärts! hoppe-hoppe-Reiter
Mach, mach, mach, mach und scheiter aber scheiter immer besser!

Der Refrain aus seinem neuen Lied »Süsses Leben, Saures Leben« (gleichzeitig Titel seiner neuen 2001-Platte), das er ganz am Ende singt, ist für Biermann wohl genauso Programm wie das allererste Stück: »Nur wer sich ändert bleibt sich treu« spielt der musikalisch bestechend abwechslungsreiche Liedermacher kurz an.

Und bringt dann ein Potpourri der Lieder, die ihn »früher mal sehr geprägt haben« — unter anderem mit (typisch) ironisierend abbrechender Stimme das FDJ-Lied. Aber auch, fast ausgelasssen swingend, den 51er Schlager »Ach, ich nuckel ja so gern am Kaugummi«.

Und er erzählt heitere Anekdoten mit bitterernstem Hintergrund: Als er als kleiner Bub mit seiner Mutter den von den Nazis inhaftierten (und später ermordeten) Vater besucht und der ihn bittet, was zu singen, fällt des »kleinen Sängers« Wahl ausgerechnet auf das Propagandalied »Bomben auf Engeland«. »Später hab‘ ich mir deswegen immer wieder Vorwürfe gemacht«, gluckst Biermann, »Mama hat immer barsch gemeint: Quatsch, der hat sich gefreut!«

»Und als wir ans Ufer kamen«, »Tod in Altona«, »Die Elbe bei Brokdorf« — Biermann beschäftigt sich lange, aber kurzweilig mit seinen Wurzeln, bringt in der neuen »Ballade von der Elbe bei Hamburg« höchst poesievolle Bilder seiner Heimat mit der erinnernden Mahnung an üble Zeiten zusammen: »Seltsam, dass genau die Hamburger Moorweide, auf der ’41 Juden in Handarbeit umgebracht wurden, den Menschen zwei Jahre später beim Feuersturm als rettende Zuflucht diente«.

Biermann wundert sich, und »ist so froh, dass Deutschland jetzt auf so eine ganz andere Art zerissen ist«. Seine Stasi-Akten hat er mittlerweile gesehen — und erntet mit einem wortwörtlichen Zitat daraus breite Heiterkeit: »Biermann macht Geschlechtsverkehr mit einer Dame. Es ist Eva-Maria Hagen. Danach fragt er sie, ob sie etwas trinken möchte. Aber die Dame hat Hunger. Danach ist Ruhe im Objekt.« »Wenn das keine große deutsche Dichtung ist«, lacht Biermann, und sinniert schmunzelnd über die »verschiedenen Bedeutungen von Objekt« nach.

Vor der Pause preist der Liedermacher »noch wie ein Hamburger Fischverkäufer« seine CDs an (»Ich möchte, dass das Ding gekauft wird, damit’s da keine Missverständnisse gibt«), gibt dann den vielen schlangestehenden Fans Autogramme, wie üblich in Spiegelschrift.

Biermann scheint ein bisschen weniger hitzig geworden zu sein und noch humanistischer als in der Vergangenheit eingestellt. »In der Legende vom Selbstmord der Inge Müller« erinnert er liebevoll an die »im Schatten ihres berühmten Theater-Manns unterdrückt lebende Lyrikerin«, fordert immer wieder »gelebtes Leben mit Menschen, die man liebt — alles andere ist elend«, und zeigt sich besonders gegen Ende von einer prall sinnlichen, gleichzeitig zart und behutsam formulierenden Seite, so in »Er kam mit dem Wind«:
Sie fragte ihn nicht
Im Dämmerlicht
sie gab sich den Düften hin
Und ließ sich von seinen Händen kirrn
Und fühlte die Narbe auf seiner Stirn
sein Stachelkinn.

(mpg)