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Wiglaf Droste: Bissiger Sänger

Wer Wiglaf Droste ein bisschen von seinen zahlreichen Lesungen hier in der Region kennt, weiss, dass der Satiriker schon immer nicht nur ein weit offenes Ohr für alles Popkulturelle hatte, sondern auch ein Faible fürs Singen: Schon vor mehr als einer Dekade pflegte der scharfzüngige Literat zwischen den Manuskripten ein, zwei Liedchen einzustreuen. Mehr noch zu seiner eigenen Freude als zu des Publikums Pläsier, manchmal…

Jetzt, beim neuerlichen Gastspiel des kultigen Schriftstellers, diesmal im Sudhaus, war alles anders: Die Aldi-Tüte, aus der Droste früher ab und an seine Werke zu fummeln pflegte, hat Samt-Fräckchen und Rüschen-Hemdchen Platz gemacht: Das ist schon (mit Prince als Vorbild) der erste augenzwinkernde Pop-geschichtsträchtige Verweis des Mannes »formerly called Wiglaf«.

Zusammen mit seinem hinreissend minimalistisch swingenden »Spardosen-Terzett« (Bass, Klavier, Standschlagzeug) bringt Wiglaf Droste eine stimmige Auswahl aus ollen 70er-Kamellen und eigenen Songs, darunter auch sein Szene-Hit »Wieso heissen plötzlich alle Oliver?«.

Dazwischen gibt’s literarische Seitenhiebe satt, wie gewohnt in kunstvoll gedrechselte Sätze verpackt, scharfsinnig und scharf, böse und treffend. »Leben heisst Leiden, sagt Buddha«, heisst es in Drostes Text »Im Herzen des Pietcong«, »wer einmal in Stuttgart im Sonntagmorgen-Konzert sass, kann’s nachvollziehen«..
Die Zuschauer lachten auch sehr über Drostes Vorstellung vom »Leben wie Gott in Frankreich«: Das Problem in dieser Geschichte ist nämlich, dass Gott zwar in Frankreich lebt, aber Deutscher ist..
Keine Frage: Wiglaf, der literarisch begabte Sänger, kommt noch mehr an als der alte Droste, der ab und zu zwischen dem Blättergeraschel auch mal singt. Mal sehen, was der Spötter und sein »Spardosen-Terzett« als nächstes bringen. (-mpg)

Wiglaf Droste: Bissiger Charme

Einkaufen im Bioladen ist wie Konfirmationsunterricht: Man fühlt sich ständig ertappt. Ein Sünder ist man, und das kriegt man auch immer schön reingereicht. Der Alternative Protestantismus müffelt nach Geiz und Getreide; seine Protagonisten sind mürrisch, übellaunig, rechthaberisch und geschlechtsneutral aussehende Figuren, die eine Aura derart kieperiger Zugekniffenheit umgibt, gegen die selbst ein Zeuge Jehovas noch Hedonismus und Daseinsfreude verströmt.

Wiglaf Droste, Autor dieser und vieler anderer (zum Beispiel in »taz« und »Titanic«) ebenso spöttisch wie elegant formulierter Zeilen, machte jetzt mal wieder auf Lese-Tour in Reutlingen Station. Eingeladen ins Foyer U 3 hat — wieder — der »JuZeLi«-Verein, diesmal in Kooperation mit der »Musikoffensive«.

Rund 80 Besucher kamen zur erneuten Lesung Drostes. Und mussten im klammen Foyer lange warten, bis der Wahl-Berliner seine Jutetasche auspackte: »Ihr müsst schon entschuldigen, aber ich hab‘ noch ein trübes Weissbier zu mir nehmen müssen«.

Sein neues Buch »Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses« promotete der 36jährige Autor natürlich auch — aber wie fast immer, wenn Wiglaf mit Schlabberjeans und Sweatshirt auftritt, war der Abend keine »gewöhnliche« Lesung, sondern hätte problemlos in der Sparte »Kabarett« einen vorderen Platz verdient.

Das liegt an der Mehrfachbegabung des Autors. Zum einen erweist er sich immer wieder als sehr genauer Beobachter, zum anderen besitzt er offenbar reichlich skurrilen Humor, der ihn dann zu ebenso ungewöhnlichen Assoziationen treibt. Und er kann mit großer Coolness sehr pointiert überhöhen: Das vernichtende Urteil in einem feuilletonistischen Text über den Motor der Berliner »Love Parade« kommt fast beiläufig. »Jugend trainiert für Karneval  – das interessiert mich nicht so«, meinte Droste — und schreckt nicht zurück vor bösen Einlassungen wie dieser: »Schade, daß man nicht in China ist, dann könnte man die Leute erschießen. Eine Million Arschgeigen weniger — das ist cool!«.

Wiglaf macht sich höchst elegant Gedanken über »das Leben in der Viva-Demokratie« — und kriegt in »Wo ißt Gott« sehr geschickt die Kurve von Bioleks angesnobter Küche zu einer romantischen Lovestory.

Am besten gefallen an dem zweigeteilen Abend haben dem Rezensenten die »Ode an rauchende Frau« — »die nichtrauchende deutsche Frau riecht nach Turnhalle und Medizinball« —, sowie eine Konzertbetrachtung der besonderen Art.

»Missbrauch des Sommers« hat Wiglaf Droste seine Kritik eines Waldbühnenauftritts von Rock-Legende Neil Young genannt. Seine bitteren Notizen von den knielang behosten Fans, die die Protestsongs von anno dazumals »in die Leichenstarre klatschen«, treffen — so oder so — auf viele Großkonzerte zu. Und auch, daß der Autor jene Labertaschen, »die den Musiker hinter dem gesellschaftlichen Ereignis verblassen lassen, genau dafür haßt«, kann der Schreiber dieser Zeilen sehr gut verstehen.

Jeder wird die zu Beginn des Berichts zitierten gruseligen Schwingungen im Bioladen nachvollziehen können — diese Beobachtungen hat Droste womöglich gar in unserer pietistisch geprägten Ecke gemacht, ganz bestimmt . . . (-mpg)

Wiglaf Droste: Ätzend bissig

Heftiges Gelächter und viel Beifall im Haus der Jugend: Wiglaf Droste, oft ätzend bissiger Autor auch in »taz« und »Titanic«, unterhielt 50 Fans seiner Schreibe mit einer Lesung, die problemlos auch unterm Stichwort »literarisches Kabarett« hätte durchgehen können.

Voll Lust am witzigen Irrsinn erzählte Droste beispielsweise in »Esoterik« vom Aufstand der Fruchtsäfte gegen Alkoholika. Für deutsche und andere Kämpfer hatte der Autor penibel formulierte, beißende Worte übrig: »Mitleid ist nicht angebracht, wenn die Töterichs auf große Fahrt gehen… Jeder deutsche Soldat, der sich in Somalia eine Kugel einfängt, hat sie sich redlich verdient«.#

Der Satiriker erzählte »die Wahrheit über Rühes heldenhaften Somalia-Einsatz« ebenso wie die über Bad Kleinen. In Drostes Version stirbt der RAF-Mann, weil einer von der GSG 9 ein trainiertes Gehör hat und der Terrorist »selbstkomponierte Blueslieder« zu Gehör bringt…

»Wir trampeln im Kreis und singen Lieder, Jesus macht auch mit bei uns«, lässt Droste einen Ausländerfreund sagen und regt sich über »Menschenketten aus Nervensägen« auf.

Die lange und doch so kurzweilige Lesung würzte Droste singend mit einer guten Stimme. Besonders vom begeisterten Publikum belacht: »Müsse feiffa in de Wind«, eine »lichterkettenkompatible« Version von Dylans »Blowin in the Wind«, formuliert in astreinem Pidgin-Deutsch.

Die Veranstalter dieser erfolgreichen Lesung, der »Juzeli«-Trägerverein, kündigte für die kommenden Monate weitere Autorenabende im »Haus der Jugend« an.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 16. Oktober 1993