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Wassily Kandinsky: Kleine Freuden

Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt 190 Arbeiten Wassily Kandinskys

„Mein Ziel war ja — sich gehen zu lassen und eine Menge Meiner Freuden auf die Leinwand zu schütten. Ohne an das Endresultat zu denken, machte ich einen hellblauen Fleck, umgab ihn mit mattgelb, zog zackige oder geschweifte Linien, warf eine Menge weißer Explosionen hin und suchte jede dieser Explosionen anders zu färben.Nur wenige Momente fühlte ich die Last der Aufgabe…im ganzen ging es leicht, lustig, und ich setzte immer neue Einzelheiten hinein.“

So beschrieb der Maler Wassily Kandinsky sein 1913 entstandenes Ölbild »Kleine Freuden«, das der Ausstellung rund 190 seiner Aquarelle und Zeichnungen in der Neuen Stuttgarter Staatsgalerie ihren Titel gab.

Der Essay des Künstlers ist im sorgfältig erstellten, reich bebilderten Katalog (Großformat, 220 Seiten, Prestel-Verlag München) erstmals vollständig veröffentlicht.

Zum ersten Mal sind die Arbeiten in dieser Schau — die im Frühjahr auch schon in der nordrhein-westfälischen Kunstsammlung in Düsseldorf zu sehen war — im Zusammenhang zu betrachten. Bisher konnte die Öffentlichkeit nur einzelne Aquarelle und Zeichnungen in sammlungsbedingten Ausschnitten sehen.
Der chronologische gehängte Farben- und Formenrausch beginnt mit dem »Aquarell für Kojöve« (um 1910-12) und endet mit einer namenlosen Komposition aus Kandinskys Todesjahr 1944. Das eine Bild, ein Geschenk an den Neffen des Künstlers, zeigt neben den »Markenzeichen« der frühen Arbeiten – Pferd und Reiter — eine Hexe, einen Mönch und ein Wikingerschiff mit feuernden Kanonen — ein gemaltes Märchen vorwiegend in bläu, gelb und rot. Die andere Arbeit vermittelt trotz scharf abgegrenzter Konturen eine schwebende Leichtigkeit: An Pilze erinnernde Formen purzeln nach unten, jede anders als die andere, und mit vielen unterschiedlichen Elementen innerhalb der äußeren Linien.

Während die Aquarelle und Zeichnungen Kandinskys vor 1914 mit abstrakten Bildelementen lediglich liebäugeln, nimmt das Ungegenständliche in seinem Werk nach der Rückkehr in die russische Heimat bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs ständig zu. »Noch 1917 entstanden überraschend realistische Zeichnungen und Landschaften«, schreibt Vivian Endicott Barnett, eine lange Jahre im New Yorker Guggenheim-Museum tätige Kandinsky-Expertin, die auch für die Konzeption der Stuttgarter Schau verantwortlich zeichnet, »in einigen Aquarellen und Hinterglasbildem stellte Kandinsky bis 1919 weiterhin Märchen und Biedermeier-Sujets dar; zu gleicher Zeit aber malte und zeichnete er in ganz und gar abstrakter Manier. Viele Arbeiten wirken düster und scheinen von Vorahnungen erfüllt. Eine verwirrende Ambivalenz und Unentschiedenheit kennzeichnet sein Schaffen aus der russischen Periode.«
In der folgenden Zeit, gut an den Exponaten zu sehen, nehmen Kreisformen ständig zu, die Konturen werden härter und schärfer: Seit seiner Mitarbeit am Weimarer Bauhaus — 1922 erhielt er dort eine Professur — benutzte der Künstler Zirkel und Lineal für Kreise und Linien. In Paris, wohin Kandinsky nach der Schließung des inzwischen nach Dessau verlegten Bauhauses 1934 durch die Nazis übersiedelte, tauchen zunehmend Formen auf, die organisch gewachsen zu sein scheinen und stellenweise an Kleinstlebewesen erinnern.

Mitte 1942 war Kandinskys letztes großes Ölgemälde fertig. Zuerst durch die Kriegsnot bedingt, dann auch wegen seines zunehmend schlechteren Gesundheitszustandes, zeichnete Kandinsky sehr viel und malte auf kleineren Kartons. Die letzte in der Stuttgarter Ausstellung zu sehende Arbeit basiert auf einer Zeichnung, die schon 1941 entstanden war.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 20. Juni 1992