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Trochtelfinger Festival am See ’98: Deutsch-Pop und Jamaica-Riddims

Am Anfang war der Regen — und am Samstag auf der Alb dann eine ziemlich ungemütliche Kälte. Und die war wohl auch einer der Hauptgründe, warum’s im Zelt und davor abends ziemlich trist aussah. Festival-Dauerbesucher suchten die bevölkerte Budenstadt, die in der sonnigeren Vergangenheit einen Gutteil des früher unvergleichlichen Flairs des Seefests ausmachte, vergebens. Ein paar verfroren aussehende Gestalten versuchten stattdessen, dem allgegenwärtigen Schlamm einigermassen auszuweichen — und Wärmequellen jeglicher Art, ob menschlich oder gasbetrieben, waren schwer angesagt. Kaum zu glauben: Nicht mal zwei Dutzend Zuhörer verloren sich beim ersten Konzert des Abends im so sehr trist wirkenden Grosszelt, das locker 3 000 Besucher verträgt.

Dabei hätten »Pornomat« mit ihrer spritzig-frechen Deutschpop-Show durchaus mehr Zuhörer verdient gehabt. Stephan Stoppok und seine Begleiter machten anschliessend aus der Not eine Tugend und schafften es, wenigstens einen Hauch von intimer, aber ausgelassener Clubstimmung nach Trochtelfingen zu bringen. Der Musiker und Liedermacher aus dem Kohlenpott katte sich kurzfristig entschieden, ohne
Schlagzeuger und »unplugged« aufzutreten. Das war gut so: Als Stoppok und seine beiden exzellent miteinander harmonierenden Mitmusiker Danny Dziuik (Akustikgitarre, E-Piano) und Reggie Worthy (Edelklasse an der Akustik-Bassgitarre!) sich in bester Session-Manier vor Lachen bogen, weil sie die Tonart eines lange nicht mehr gespielten Stücks partout nicht mehr finden konnten, schmunzelten auch die Fans.

Da gab’s von diesem hinreissend lockeren Trio natürlich »Liebeslieder, weil ihr hier alle so nett ausseht, irgendwie« satt — und die Zuhörer dankten es mit großer Begeisterung. »Du machst mich mein Herz am Klopfen«, singt »Stoppok« am Mägerkinger See, bringt »Tage wie dieser«, die bekannte Geschichte von der »Dumpfbacke« oder »Feine Idee« mit ungeheuer viel natürlich wirkendem Charme und sympathischer Direktheit. Bei den genannten Titeln singen viele im Publikum von A bis Z mit — und als die Show nach 80 Minuten vorbei ist, haben alle von der Lagerfeuer-Romantik, die Stoppok und Co. verbreiteten, noch nicht genug: Zugaben obligatorisch.

Auch beim nachfolgenden satten Programm mit Musik jamaikanischen Ursprungs bringen die »nur« rund 800 im Zelt wesentlich mehr Begeisterungsfähigkeit auf und gute Laune mit als das Publikum tags zuvor. Jamaica Papa Curvin, der ergraute Reggae-Sänger, und seine im Vergleich nur routiniert und glanzlos auftretende Band haben leichtes Spiel: Die meisten Zuhörer lassen sich vom soliden Roots-Reggae schnell auftauen und scheinen tanzend die Kälte vergessen zu haben.

Das Fest ist klein, aber fein. Und die Fans harren aus. Der Umbau für die zehn Mann starken »Busters« aus Wiesloch bei Heidelberg dauert trotz emsiger und professioneller Arbeit der Bühnencrew — und als die Show der auch international recht bekannten Ska-Spezialisten mit einem humorvollen Filmton-Intro beginnt, ist die Geisterstunde schon vorbei.

Mit ihrer temporeichen, spritzigen und höchst ansprechenden Two-Tone-Musik und der nicht minder dynamischen Bühnenshow schaffen die Musiker es aber noch bis nachts um halb drei, gute Laune im Zelt zu verbreiten. Und viele ihrer Zuhörer – nicht wenige davon sind nur wegen der »Busters« überhaupt nach Trochtelfingen gekommen – tanzen sich schweißnaß. (-mpg)

Trochtelfinger Festival am See ’98: Variationen in Brachial-Rock

Eiskalt erwischt hat’s diesmal die ehrenamtlichen Macher des traditionsreichen Trochtelfinger Festivals — im direkten wie übertragenen Wortsinn: Besonders am zweiten und dritten Festival-Tag mußten die Musikbegeisterten vor und hinter der Bühne frieren; die Heizung im Zelt kam gegen die feucht-klamme Stimmung auf der Alb nicht an.

Das diesjährige Musikfest am an sich idyllischen Lauchertsee-Gelände bei Mägerkingen hatte zwar zu vergleichsweise moderaten Eintrittspreisen recht attraktive Einzelkonzerte zu bieten — trotzdem werden die Veranstalter vom »Verein für kulturelle Arbeit« wohl mit einem dicken Minus in der Kasse abschliessen müssen. Das stand angesichts der Besucherflaute an den ersten beiden Tagen schon vor den Konzerten gestern abend fest.
Zum deftigen Auftakt am Freitag kamen nur (und zudem recht zögerlich) knapp 1 600 Fans: Tausend mehr hätte es für eine ausgeglichene Bilanz gebraucht. Am zweiten Festivaltag kam’s noch herber: Nur rund 800 zog es ins Zelt. Damit fügt die 1998er Ausgabe des Trochtelfinger Rockfests nur eine weitere Perle zur Kette der Festival-Misserfolge in diesem Jahr hinzu.

In Balingen, Trossingen, Tübingen, Stuttgart und eben jetzt auch auf der Alb mit ihrem an sich »treuen« und bekannt begeisterungsfähigen Rock-Fanstamm mussten die Veranstalter in diesem Jahr Flops hinnehmen. »Die grosse Zeit der Open-air-Festivals ist im Moment vorbei« — das war der allgemeine Tenor unter Musikern und Technikern hinter der Bühne.

Ein Blick an Freitagnacht ins Zelt schien diese Vermutung zu bestätigen. Statt vielen begeisterten Gesichtern und einer kollektiven Party, die Fans und Bands fast immer während der ersten zwölf Festivals feierten, zeigte sich die »neue« Generation von Festivalgängern wesentlich verhaltener: Der Großteil des Publikums am Auftaktabend war deutlich unter 25 und verhielt sich vorsichtig gesagt — abwartend. Die im Zeitplan eigentlich vorgesehenen Zugabe-Runden fielen mangels Nachfrage am Freitag fast ganz aus — und hätten die »Guano Apes« nicht im Stau gesteckt, wären Festival-Macher und -Fans wohl eine Stunde früher als geplant ins Bett gekommen.

Daß die allererste Band des dreitägigen Musikmarathons kaum Publikum hat, kennt man. Diesmal fiel den »Toys« die undankbare Aufgabe des Openers zu. Mit einem Sound zwischen Ethno, harten Funk-Riffs und deftigen Sägegitarren zeigte die
Band zumindest Eigenständigkeit — und zudem noch eine lebendige Bühnenshow.

Relativ kräftigen Applaus gab’s danach für das Hamburger Trio »Reuzen«, das die auch in der Musik geltende Regel »Weniger ist mehr« auf eindrucksvolle Weise bestätigte. Stark unterschiedliche Meinungen hörte man nach dem Auftritt der Berlinerin »Dan« samt gleichnamiger Band:  Während viele im Festivalteam restlos begeistert von der Ausstrahlung der Frontfrau und den nicht minder wuchtigen Rock-Orgien ihrer Begleiter waren, bemängelten andere aufgesetzte, gekünstelte Aktionen der Sängerin oder die doch arg einförmigen Arrangements.

Geplantes und tatsächliches Highlight zum Festivalauftakt: Die Crossover-Band »Guano Apes«. Hier beeindruckte vor allem Frontfrau Sandra Nasic. Die zierliche Sängerin zeigte sich ungemein präsent, suchte den hautnahen Kontakt mit der Hundertschaft Härtefans in den ersten Reihen und strotzte nur so vor hitziger Energie. Aber auch der Rest der »Guano Apes« — sie sprangen nach Mitternacht sozusagen direkt aus dem Bandbus auf die Bühne schaltete von »Null auf Hundert«. Party bis nachts um zwei war dann angesagt. (-mpg)

Trochtelfinger Festival am See ’96: Five Live und Midge Ure überzeugten

So eindimensional der erste, so vielseitig der zweite Trochtelfinger Tag. Los ging’s mit dem schrägen, trotzdem aber stellenweise ganz schön ohrwurm-verdächtigen Pop der Tübinger »Dead Poets«. Rainer Steinmann (Gesang, Gitarre), Thomas Maos (Gitarre), Bassist Jörg Honecker und Schlagzeuger Ralf Wettemann hatten das Pech aller Opener: Kaum jemand hörte zu.

Viel zu viele verpaßten auch den Auftritt von Midge Ure, dem ehemaligen »Ultravox«-Frontmann. Am Anfang wirkte sein Set, das mit »echter« akustischer Baß-Gitarre, Mandoline, Ziehharmonika und »Steel Guitar« fast »unplugged« aus den Boxen kam, ein wenig weinerlich. Dann aber fiel einem das hervorragende Zusammenspiel der Band um den schottischen Musik-Einzelgänger auf — und Midge Ures hervorragende Stimme. Dazu kamen eine intensive Ausstrahlung und wohl gute Laune. Die, die zuhörten, waren von der gänzlich veränderten Stimmung der neuen Arrangements von »Ultravox«-Superhits wie »Vienna« begeistert.

Am vielseitigsten am Freitag zeigten sich am Mägerkinger See die Hamburger Pop-Vokalartisten von »Five Live«. Die Festivalmacher hatten das Quintett — das eigentlich nach den »Dead Poets« hätte spielen sollen — extra nach hinten verlegt.
Zu Recht: Mit ihrer musikalisch trotz einiger Intonationsprobleme überaus überzeugenden, witzigen und kunterbunten Show zeigten die Nachwuchskünstler, daß man auch ohne viel Ausrüstung gut unterhalten kann. Die ausschließlich gesungenen Neu-Versionen von »Smile« und »Barbara Ann«, von Blues und klassischem Soul, kamen ebenso an wie das eigene, meist soulig gehaltene Material der Formation. Als rechte Witzbolde erwiesen sich die Stimmkünstler von der Waterkant obendrein. Ihre Techno-Parodien (»umpf umpf, umpf«) ohne Technik reizten ebenso zum Lachen wie die Darstellung eines durchgezappten TV-Abends samt akustischer »Samples« von Tina Turner bis »Queen«.

Und als »Five Live« ihren kollektiv begeistert mitrappenden Fans zeigten, daß deutscher Sprechgesang gar nicht so schwer ist, war’s wieder da, jenes besondere, familiär-intime Flair, das die Feste am idyllischen Alb-See berühmt gemacht hat.

Gestört hat bei dem »Five Live«-Konzert eigentlich nur der hartnäckig buhende »Runrig«-Fanpulk, dessen Begeisterung für die schottischen Folkrocker mit Intoleranz und Ignoranz einherging. Nach gebührender Wartepause — der Umbau war längst fertig — und dem teilweise ziemlich dämlichen Ausleben von Star-Macht »backstage« kamen Donnie Munro und Co. auf die effektvoll von acht Computer-Bewegungsscheinwerfern ausgeleuchtete Bühne.

Vorausgeeilt war den Stars (ihr Hit »Things That Are« zählte mehr als 18 Monate zu den meistverkauftesten Deutschlands) der Ruf, eine exzellente Live-Band zu sein. Und die Trochtelfinger hofften, daß die Schotten »in der Festival-Atmosphäre am Mägerkinger See die Luft zum Brodeln« (Ankündigung) bringen würden.

Nix da: Die Stars zeigten sich von ihrer unnahbaren Seite, spulten ziemlich lustlos und gleichförmig ihr Programm herunter: »In The City Of Lights«, »Rocket To The Moon« und andere Songs. In diesem Konzert war kaum nachzuvollziehen, was »Runrig« so viele Fans beschert hat. Die zwischen Folk und Rock pendelnde Musik basierte auf 70er-Klischees, die Musiker selber waren ohne Ausstrahlung. Schade. (mpg)

Trochtelfinger Festival am See ’96: Schwoißfuaß räumten ab

Erklärte Publikumslieblinge waren beim »13. Trochtelfinger Festival am Mägerkinger See« nicht die kanadische Rock-Röhre Alannah Myles, »New Model Army« oder die Schotten von »Runrig«. Die großen Überflieger des Musikfestivals am Mägerkinger Lauchert-See waren diesmal nicht internationale Größen, sondern sozusagen die »Paule Popschtars« von nebenan: Erst »Schwoißfuass« zogen die Massen in gewohnter Stärke auf die Alb. 3 300 Fans feierten mit Alex Köberlein, Didi Holzner, Riedel Digel, Andre Schnisa, Michel Stoll, Andreas »Gottlob« Schmid und Bodo Schopf eine zweieinhalbstündige Party.

Aber auch der Abschlusstag ließ sich gemessen an den bunten, rauschenden Musiknächten vergangener Festivalausgaben — nur sehr zäh an. Bei Beginn waren wieder kaum 300 im Zelt. Und davor und auf der Zelt-Wiese beim Lauchertsee war wenig von dem lässigen Trubel von anno dazumal zu spüren.

Immerhin wurden die wenigen, die früh gekommen waren, mit ausgezeichnetem Bluesrock der Riedlinger Band »Norma’s Country Store« belohnt. Und zeigten sich nach anfänglichem Zögern vergleichsweise ausgelassen. Hinter der Bühne bekam »Norma’s Country Store« von einigen aus dem Festival-Team den Titel der »am meisten bejubelten ersten Band aller Trochtelfinger Musik-Abende« verliehen.

Wer sich beim Balinger Open-air über die lasche Vorstellung der drei texanischen Rauschebärte von »ZZ Top« geärgert hatte, für den wäre die Trochtelfinger Vorstellung des Riedlinger Trios genau das Richtige gewesen. Die drei zelebrierten geradezu US-Südstaaten-Rock und Blues — und das auf eine gekonnte, absolut ansprechende Weise. Sehr sparsam, aber ungemein effizient und technisch versiert spielten die drei von »Norma’s Country Store« — und hatten spätestens bei »Crossroads« die Bluesrock-Fans auf ihrer Seite. Und als der bekannte Kirchheimer Bluesgitarrero Werner Dannemann — im letzten Jahr gab er beim Seefestival mit seinen »Friends« ein mitreißendes Konzert — beim »Mojo Boogie« und einem anschließenden Hendrix-Cover mit einstieg, waren gar Begeisterungsrufe zu hören.

Gerd Köster, der Kölner Musikbarde, ließ es danach ruhiger angehen. Der ehemalige Frontmann der »Schröder Roadshow« und von »The Piano Has Been Drinking« kam mit einer luftigen, weitgehend »akustisch« klingenden Trio-Besetzung auf die Bühne. Und riß zumindest die Deutschrock-Fans der ersten Stunde mit seinen manchmal prall lebensfrohen, oft schwer nachdenklich machenden »Liedern und Geschichten in Tiefkölsch und Hochdeutsch« mit.

Was man von Alannah Myles nicht sagen kann. Nur bei ihrem (einzigen) Hit »Black Velvet« kam so richtig Bewegung ins Publikum. Ansonsten verbreiteten die Kanadierin und ihre Band klassischen Mainstream-Rock der gesichtslosen und damit letztendlich stocklangweiligen Art. Wenn die Klasse fehlt, nützt auch Masse nichts: Myles, die wohl mitbekommen hatte, daß nicht sie, sondern eine regionale Band der Headliner war und deswegen ungefragt eine Viertelstunde überzog — hatte den Status einer Vorgruppe. Abgehakt.

In der Pause kam nochmal ein kräftiger Schwung ins Zelt, die Spannung vor der Bühne steigerte sich spürbar. Und dann ging’s Schlag auf Schlag: Von »Paule Popstar« über den »täglichen Wahn«, vom neuen »Dr Sulla leabt no« bis zu den »Fremden Zigaretten« und dem »Juze Donauriad« spielten »Schwoißfuaß« ein gefeiertes, zweieinhalbstündiges Hitprogramm. Besonders bei »Oinr isch emmr dr Arsch« und dem begeisternden Solo Riedels in »Room To Move« kannte der Jubel kaum Grenzen. Wie gesagt: Die großen Stars des »13. Trochtelfinger Festivals waren die Schwobarocker auf ihrer »ReTour«. (mpg)

Trochtelfinger Festival am See ’94: Kunstvolle Tristesse

Geahnt hatten es die Festivalmacher vom »Verein für kulturelle Arbeit in Trochtelfingen« schon lange vorher, am Sonntag war’s mit einem Blick ins Zelt klar: Die Luft war beim Publikum raus. Nur knapp 300 wollten den schwäbischen Songwriter »Blindboy« hören, das Duo »Locust Fudge« spielte gar vor höchstens 100 Hörern — und selbst zu den gerechtfertigt hoch gelobten »Element Of Crime« kamen zum Festivalabschluß lediglich rund 700 Fans an den Mägerkinger See.

Die erlebten ein Konzert, das anders war als alle anderen des dreitägigen Musikspektakels. Sänger Sven Regener, Richard Pappik, Paul Lukas und Jakob Ilja traten ganz und gar nicht laut auf, sondern schickten die Gäste beim »12. Trochtelfinger Festival« mit chansonhaften, fein ziselierten Songs nach Hause.

Die Texte der aktuellen Platte (»An einem Sonntag im April«) sind noch poetischer, noch hintergründiger als das, was man von den Berlinern bisher kannte. In Verbindung mit den luftigen Arrangements entstehen Hör-Bilder einer zutiefst melancholischen Grossstadt-Tristesse; die rauchige Stimme Sven Regeners passt ideal dazu. Für den Auftritt ernteten »Element Of Crime« — in der Vergangenheit regelmäßige Gäste der Reutlinger »zelle« — viel verdienten Applaus.

Der fiel für das Bielefelder Duo »Locust Fudge«, viel geringer aus: »Schneider« und »Uhe« nölten wie zwei Dylans zusammen, auch ihr Spiel auf akustischen wie elektrischen Klampfen war entsprechend. Nur: Wo der große Meister geniales Songmaterial interpretiert, ist bei den beiden nur langweilige musikalische Inhaltslosigkeit angesagt.

Ganz anders »Blindboy«. Auch hier war eine gewisse Ähnlichkeit mit Dylan festzumachen — aber im Gegensatz zu »Locust Fudge« stilisierten er, eine exzellente Geigerin und drei Herren an Schlagzeug, Baß und Saxophon, nicht musikalisches Versagen zur Kunst, sondern hatten im Folkrock-Idiom tatsächlich viel zu sagen. Diese Band wird mit Sicherheit den großen Durchbruch demnächst schaffen. (mpg)

Trochtelfinger Festival am See ’94: BAP bestens aufgelegt

»Wer zum Teufel ist Axl Rose?« flachste ein bestens aufgelegter Wolfgang Niedecken, »wir haben Axel Büchel.« Widerspruch kam unter den rund 3 300 Fans nach dem Pianospiel von BAP-Keyboarder »Effendi« zu »Jraduss« kaum auf. Die Kölner Dialektrocker feierten mit ihren restlos begeisterten Zuhörern beim »12. Trochtelfinger Festival am Lauchertsee« eine drei Stunden lange Party — und zeigten sich musikalisch von ihrer besten Seite.

Da waren Niedecken und Co. nicht die einzigen: Schon ganz zu Anfang brachte der Reutlinger Rock-Fünfer »Suabian Kick« das Kunststück fertig, die 400 früh Gekommenen mit zündenden Songs auf Touren zu bringen. Frank Höwner, Alex Hess, Markus Vatter, Kalle Knapp und Ingo Noe fühlten sich prima und spielten dementsprechend — mit viel Kraft nach vorne, kompakt und ansprechend. »Alte Liebe« und eine geschickt ausbalancierte Cover-Version von John Lennons »Imagine« seien hier nur stellvertretend für viele Songs genannt, die zusammen ein rundes Programm bildeten.
»Suabian Kick«-Keyboarder Ingo Noe brachte das Bandgefühl im Gespräch nach dem Konzert auf den Punkt: »Uns kam’s vor, als hätten wir das große Los gezogen.
Als wir mittags ins Zelt kamen und diese riesige Bühne sahen, blieb uns die Spucke weg. Und dann dieser Auftritt.« Noe und seine Bandkumpels genossen nicht nur ihr eigenes Konzert sichtlich, sondern waren den ganzen Abend lang aufmerksame Zuhörer.

»Der ist einfach klasse«, lautete das Fazit der »Suabian Kick«-Musiker, als der Kirchheimer Gitarrist Werner Dannemann und seine »Friends« als erste Zugabe ihres mitreissenden Bluesrock-Sets Bob Dylans »All Along The Watchtower« interpretierten. Das sahen auch die Festivalgäste so: Die Musiker der Extraklasse lieferten ein ungemein kraftvolles, schnelles und sehr kompaktes Konzert voller Blues-Emotionen ab — und das Publikum reagierte mit dementsprechend viel Applaus.

Neben Dannemann standen Basser Achim Bosch, Ausnahme-Drummer Bodo Schopf und Andre Schnisa an der (fast museumsreifen) Original-Hammondorgel auf der Bühne, trieben sich gegenseitig zu Höchstleistungen an und berauschten sich am eigenen Spiel.
»War okay«, meinte Dannemann nach dem Auftritt, »wir haben vom Publikum viel Gefühl zurückbekommen.«

Auch das BAP-Personal lobte die Rockfans am Lauchertsee: »Ihr könnt ja wirklich Kölsch, das klingt auch nicht anders wie bei uns zu Hause«, rief Niedecken — sichtlich verdutzt — nach dem x-ten Publikumschor in die jubelnde Menge.

Dass BAP locker und trotzdem perfekt ein »Best of«-Programm (von »Schöne Jroos« über »Wenn et Bedde sich lohne däät«, »Anna« und »Frau ich freu‘ mich« bis hin zum »Waschsalon«) samt nicht ganz so frenetisch von den Fans aufgenommenem »Pik Sibbe«-Material spielte, lag mit daran, daß das Konzert das vorletzte der aktuellen, langen Tour war.

Aber mit Sicherheit auch an der besonderen, offenen Atmosphäre dieses Musikfests am Mägerkinger See und dem freundlichen, begeisterungsfähigen Publikum: Die Musiker strahlten des öfteren wie Honigkuchenpferde, wuchsen — auch im Vergleich zum Balinger Konzert vor wenigen Wochen — über sich hinaus. Und in einem »Unplugged«-Zwischenspiel (unter anderem »Anna«) – brachten die Kölner ein ganz besonderes Gefühl über die Bühne. »Das nächste Mal spielen wir so in der Trochtelfinger Fussgängerzone«, versprach Niedevken lachend.   (mpg)

Trochtelfinger Festival am See ’90: Tanzshow, Beat und Poetisches zum Finale

Mit zwei Konzerten und einer Tanzperformance ging am Sonntagahend das zehnte Trochtelfinger Festival am Mägerkinger See zu Ende. Die Veranstalter freuten sich über die 1 500 zahlenden Besucher, die Anne Clark und die Reutlinger Band »Man of straw« hören und sehen wollten. Erfrischend war die Vorstellung der Tanzgruppe »Flek Chrudim«, die aus der Tschechoslowakei auf die Alb gereist waren.

»Jetzt gibt’s am See sogar Go-Go Girls«, kommentierte etwas respektlos ein Festivalhesucher den temporeichen Auftritt der 20 Tänzerinnen und Tänzer aus der tschechischen Stadt Chrudim.

Mit leichtgewichtigem Disco-Gehüpfe hatten die 14- bis 20jährigen Mitglieder von »Flek Chrudim« wenig im Sinn: Choreographisch äußerst ansprechend und schön anzuschauen setzte die kurzfristig fürs Mägerkinger Festival engagierte Truppe die Musik vom Tonhand erstaunlich präzise und diszipliniert um. Im ersten Teil der »Flek Chrudim«Show zeigten die anfangs sehr aufgeregten Tänzer rhythmische Interpretationen verschiedener Musikstücke — hier reichte die Palette von Weichspül-Klängen his hin zu zynischen Zappa-Titeln. Danach gab es eine tänzerische Darstellung des Themas »Beziehungen zwischen Menschen«. Den Zuschauern gefiel die Vorstellung der »Flek Chrudim«-Truppe sehr gut; sie forderten mehr Zugaben, als die Tschechen im Programm hatten.

Nicht nur die zahreichen Festival-Macher hatten am Sonntagabend Ringe unter den Augen — man sah auch vielen Zuhörern an, daß drei Tage Party stressen. Der übers Festival im Blut angesammelte Alkohol ließ manchen Gast selig im größten Truhel auf dem Bretterboden schlafen. So tief, daß die Sanitäter bei einem Festivalbesucher Schlimmeres als den satten Vollrausch vermuteten, wegen dem sich der Schläfer vom Musikprogramm verabschiedet hatte.

Die Klänge der Reutlinger Band »Man of straw« hielten wach: Über 75 Minuten lang ließ das Quartett in klassischer Rockbesetzung ihren »hart emotionalen Gitarrenbeat« (Originalton der Gruppe) aus den Lautsprechertürmen schallen. Sänger Mario Bahlo kam mit Krücken auf die Bühne und mußte während des Auftritts auch sitzen — musikalisch hat sich sein schwerer Unfall allerdings nicht nachteilig ausgewirkt. Die früheren »Depro Beat« kamen bei den 800 Zuhörern im Musikzelt sehr gut an. Auch hier wollten die Besucher mehr als das reguläre Programm hören.

Fast euphorisch begrüßten die Rockfans dann um kurz vor 22 Uhr die britische Musikerin und Poetin Anne Clark, die mit ihrem Auftritt das zehnte Trochtelfinger Festival beendete. Ohwohl es um die Künstlerin, die vor sechs Jahren mit ihrer Platte »Joined up Writing« beim breiten Publikum großen Erfolg hatte, in letzter Zeit stiller geworden ist, ließen sich die Zuhörer schnell von der eigenartigen Atmosphäre des Auftritts gefangen nehmen.

Anne Clark spielte neben Titeln aus ihrer neuesten Platte »Ahuse« auch älteres Hitmaterial. Stücke wie »Nothing at all«, »Killing time«, »Sitting Room« oder »Sleeper in Metropolis« fanden heftigen Beifall, die mittlerweile 1 500 Fans waren aus dem Häuschen.

Nach dem Konzert war am See das fast schon ohligatorische Abschluß-Feuerwerk zu bewundern. Bis in den frühen Morgen räumten die Festival-Macher dann noch das Gelände rund um den Mägerkinger See auf — eine Arbeit, die keinem Spaß macht und trotzdem gemacht werden muß. Ob’s eine Neuauflage des Festivals im nächsten Jahr gibt, steht noch in den Sternen. Schon manches Mal wollten die Macher vom Kulturverein das Handtuch werfen, aber die Freude an der Musik ließ sie immer wieder weitermachen. (mpg)