Schlagwort-Archive: Sudhaus

Yggdrasil: Stil-umfassend

»Yggdrasil« steht in der nordisch-skandinavischen Mythologie für einen Baum, der Himmel und Hölle verbindet.

Ganz so extreme Gegensätze brachte die Band Yggdrasil, die jetzt vor gut 180 Besuchern im Biergarten des Tübinger Sudhauses spielte, nicht zusammen. Aber die Musiker von den Färöer-Inseln, die seit mehr als 20 Jahren zusammen musizieren und in Tübingen ihr allererstes Konzert in ganz Süddeutschland absolvierten, kombinierten mit viel Gespür für Stil und musikalische Klein-Dramen Folklore des skandinavischen Raums mit »typisch nordisch« klingendem, harmonisch moll-lastigen Pop. Dazu gab’s eine gehörige Portion Jazz-Feeling.

Für die afroamerikanisch geprägte Sound-Abteilung war hauptsächlich der Amerikaner John Tchichai zuständig, der auch schon mal neben dem berühmten John Coltrane ins Sax geblasen hat: Er spielte gut und bodenständig, Bassmann Mikael Blak swingte richtig fein.

Mit dem ebenso elektrischen wie eklektizistischen Jazz-Pop des derzeitig zugkräftigsten Skandinaviers, Nils Petter Molväer, haben die sechs von Yggdrasil ohrenfällig wenig gemeinsam. Ihre stets kammermusikalisch angehauchten Stücke kommen längst nicht so plakativ daher und auf leiseren Sohlen sowieso.

Geht man von den Sudhaus-Besuchern aus, passte der seltsame Stilmischmasch von Yggdrasil wohl hervorragend zum Open-Air an einem lauschigen Sommerabend.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Fried Dähn feat. Barbara Padron Hernandez: Soundwunder im „Sudhaus“

Der Mann hat den Ruf, musikalischer Grenzgänger und expressiver Geschichtenerzähler auf dem E-Cello zu sein – der Theatersaal des Tübinger Sudhauses war am späten Freitagabend bis auf den letzten Platz gefüllt, als Fried Dähn mit Sängerin Barbara Padron Hernandez dort gastierte.

Dähn hatte natürlich wieder seine Elektronik-Kisten mit dabei: Die und ein Laptop ermöglichten ihm, aus dem Cello ein Sound-Wunderland zu machen und mit sich selbst zu spielen – und zusätzlich eine One-Man-Band mit oft sphärisch-meditativen Klängen für die Gast-Vokalistin abzugeben.

Zum mal »spacig« flirrenden, dann wieder in bester Hendrix-Manier verzerrt daherbretternden Spiel von Dähn kam die Stimme seiner hierzulande fast völlig unbekannten Partnerin: Barbara Padron Hernandez kommt aus Kuba, hat gerade einen Dancefloor-Plattenhit – und gefiel im Sudhaus nicht nur wegen ihrer lockeren Art, mit der sie allzu andächtige Stimmung im Publikum zunichte machte.

Zwischen Sprech- und »richtigem« Gesang wechselnd gab sie mit ihrem dunklen Alt dieser Nachtmusik in Tübingen eine besondere Note: In manchen Passagen hatte sie was von der frühen Laurie Anderson. Keine Frage: Den Besuchern hat’s mächtig gefallen!

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Jackie Leven: Pralle Geschichten, griffige Songs

Wär’s das erste Gastspiel des Singer/Songwriters Jackie Leven im Tübinger »Sudhaus« gewesen, müssten wir hier in ellenlange Oden ausbrechen: Der Mann hat eine poetische Sprachgewalt, die ihresgleichen sucht, er komponiert kleine, aber musikalisch enorm feine Liedchen auf der Gitarre — und die Anmoderationen Levens sind derart literarisch gedehnt (und, nebenbei, oft auch enorm witzig), dass man ein Konzert mit ihm gerne auch als Erzählabend bezeichnen darf.

Weil der Künstler, der aus Prinzip keine Zugaben gibt, aber schon -zigmal in Tübingen war und wir seine Konzerte stets begleitet haben, machen wir’s kurz: Die Songs vom neuen Leven-Album »Shining Brother Shining Sister« erzählen pralle Geschichten, die Musik selbst ist noch griffiger geworden.

Und die Besucher im gut gefüllten »Sudhaus«-Saal hängen förmlich an den Lippen des Liedermachers: Ein gelungenes »Familientreffen«.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Rova Quartet: Freiheitskämpfer des Jazz

Musikalische Freiheit in Splittern: Nein, für popjazzige Saxophon-Spielereien ist das Rova Quartet aus San Francisco nun wirklich nicht bekannt – seit 25 Jahren kommt von Jon Raskin, Larry Ochs, Steve Adams (der 1988 Gründungsmitglied Andrew Voigt ersetzte) und Bruce Ackley nun musikalisch Querköpfiges der alles andere als leichten Art.

Insofern war das Tübinger »Sudhaus«, wo die vier am Sonntagabend gastierten, mit knapp 80 Besuchern vergleichsweise gar nicht mal so schlecht besucht.

»Freedom in Fragments« heißt das aktuelle Programm des Rova Quartets »Freiheit in Splittern« gab’s von den Amerikanern auch in Tübingen zu hören. Stellenweise stark seriell angelegt, dann wieder in nur anscheinend chaotischer Free-Manier »unterhalten« sich die vier auf ihren Instrumenten höchst virtuos.

Die musikalischen Gespräche des Rova Quartets gerieten fast immer komplex und schwer zu dechiffrieren.   Manchmal hörte sich das, was so gerne als letzter Schrei bezeichnet wird, aber auch hoffnungslos veraltet an: Wer will denn heute noch musikalische Barrieren stürmen – und, wenn ja, welche?

Immerhin: Dem veranstaltenden »Jazz im Prinz Karl« gebührt das Verdienst, echte Speerspitzen der Sax-«Avantgarde« an den Neckar geholt zu haben.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Dancing Queens: Riesen-Fete im „Sudhaus“

Die vom »Sudhaus« angekündigte Premiere des neuen Programms der Dancing Queens fiel aus unbekannten Gründen aus — das hielt die vielen jugendlichen Fans im nahezu überfüllten Derendinger Kulturzentrum aber nicht davon ab, mit den Abba-Revival-Girls eine stimmungsvolle, ausgelassene Party zu feiern.

Eins ist klar: Hätten sich Beate Sauter, Judith Schnell und Co. mit der musikalischen Leistung, die sie auch jetzt im »Sudhaus« zeigten, bei »Deutschland sucht den Superstar« beworben, wären sie nie und nimmer in die Endrunden gekommen: Im »Sudhaus« saß kaum ein Individual-Ton und die Vokal-Harmonie der Dancing Queens ist meilenweit von der der originalen »Abba« entfernt.

Die Band der Dancing Queens hämmert die grundlegenden Harmonien der Superhits solide, aber auch nicht eben abwechslungsreich herunter.

Es sind also ein wohl nur zu erahnender »Kultfaktor« und die gar nicht mal so schlechte Bühnenshow, die die fünfhundert im Sudhaus zum begeisterterten Mitmachen und zu lautem Jubel treiben: Die Fete ist groß, die Stimmung könnte besser nicht gewesen sein.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Wishbone Ash: Frische Rock-Oldies

Das Tübinger »Sudhaus« hat sich längst auch zu einer Anlaufstelle für »gute alte« Rockmusik entwickelt – jedenfalls laufen Konzerte mit sogenannten Rock-Opas im Derendinger Kulturzentrum überdurchschnittlich gut.

Auch das mit Wishbone Ash – in den frühen 70ern eine Supergruppe und aus heutiger Sicht nicht ganz unwichtig für die Entwicklung der Rockmusik – am Donnerstagabend war fast schon überfüllt.

Und die Rock-Recken im Mittelalter lieferten – wie schon letztes Jahr – eine ziemlich gute Vorstellung. Von der ursprünglichen Gründungsbesetzung ist heute nur noch Andy Powell mit dabei – aber Wishbone Ash hatten über die Jahre sowieso fast 20 verschiedene Mitglieder. Gerade der glatzköpfige Gitarrist, der einst mit Ted Turner zusammen von England aus zwei gleichberechtigte Sologitarristen in der Rockszene salonfähig ge-
macht hatte, wirkt besonders frisch und spielfreudig.

Sowohl altes Material wie auch die teils schön folk-lastigen Songs vom aktuellen Wishbone-Ash-Album »Bona Fide« bringt das Quartett – um und mit Powell spielen Bassmann Bob Skeat, Ray Weston am Schlagzeug sowie Ben Granfelt (Gitarre) – ohne nostalgische Mätzchen, aber immer im typischen Wishbone-AshSound, geprägt von ausufernden Gitarrenlinien im Doppelpack.

Auch diesmal kamen all die im »Sudhaus«, die überlange Soli und regelrechte »Battles« zwischen den einzelnen Musikern mögen, ganz besonders auf ihre Kosten. Das Publikum bestand offenbar nur aus Härtefans: Die Stimmung war von Anfang bis Ende vor und auf der Bühne hervorragend. Minutenlange »Zugabe« Rufe gab’s, bevor die jung gebliebenen Rock-Oldies noch einmal die Verstärker-Membranen wackeln ließen.

Alex Köberlein & Black Cat Bone: Jede Menge Blues und „dr‘ Arsch“

Ein bisschen brauner scheint Hansi Müller in Florida schon geworden zu sein, aber sonst ist er noch ganz der Alte. Vor zwei Jahren hat sich die namhafteste Bluesrockband der Region aufgelöst, weil es Herrn Müller (kann man ja verstehen) in den Süden der USA zog, um die Weihnachtszeit ist er jetzt wieder mit seinen alten Black-Cat-Bone-Kumpanen in der Gegend zu hören.

Und am Wochenende gab’s im Tübinger »Sudhaus« sogar ein Zusammentreffen der schwarzen Katze mit einem anderen Urgestein der Schwobarock-Szene, Alex Köberlein.

Bevor der Alex zu Müller und Co. in der zweiten Halbzeit im alles andere als brechend vollen Tübinger Kulturzentrum auf die Bühne stiess, gab’s erst einmal einen krachend lauten, fetzigen Querschnitt durch das alte Repertoire von Black Cat Bone zu hören.

Bluesrock nach wie vor von der energetisch besten Sorte, vielleicht mit ein paar mehr Abstimmungsschwierigkeiten als in den gemeinsamen Jahren, aber immer noch mit Müller als Gitarrist der Extraklasse und absolut routiniertem Frontmann.

Nach der Pause liessen es Black Cat Bone ruhiger angehen, es gab unter anderem ein atmosphärisches »Fire and Rain« zu hören.

Dann kam, vergleichsweise laut, aber längst nicht so frenetisch bejubelt, Alex Köberlein mit Altsax und Flöte auf die Bühne,, humorig moderierend wie eh und je, körperlich offensichtlich um etliche Pfunde erleichtert.

Unter anderem den Uralt-WG-Schwobarock-Klassiker »Egon« brachten Alex und Black Cat Bone — und natürlich den Schwoissfuass-Hit überhaupt, »Oinr isch emmr dr Arsch«.

Allerdings: Hier zeigte sich, dass Hansi Müller nicht Didi Holzner ist und die nicht gerade leichten Rhythmuswechsel des Stücks, das einst Sulla Bratke komponiert hatte, offensichtlich schlecht geübt hatte.

Eine auf gut schwäbisch und im negativen Sinn »versautere« Live-Version haben wir noch nicht gehört. Köberlein nahm’s mit einem etwas verzwungenen Grinsen dennoch locker und Müller schaute drein, als ob er genau gewusst hat, wer da auf der Bühne »dr Arsch« war…

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger