Schlagwort-Archive: Soul

Jack Jäckle: Soulrockbluespop

Wir können’s angesichts der Tatsache, dass es schön (und schön voll…) wie immer war, kurz machen: Vor exakt einem Jahr gab’s im Tübinger »Hauptbahnhof« die letzte überaus zugkräftige Soul- und Bluesnight mit Jack Jäckle und seinen Mannen, jetzt langte die Bande um den Tübinger Lokalmatador gleich zweimal zu.

Die Mischung aus nicht zu kantigem Rock, viel Blues und ein wenig Soul kommt beim Publikum nach wie vor bestens an, den Leuten hat’s mindestens soviel Spaß gemacht wie bei den letzten Ausgaben von Jäckle’s Bluesnacht – und die Musiker schienen auch ganz zufrieden: Bis nächstes Jahr also.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Youngblood Brass Band: Dicke Backen, fetter Sound

Hinreißend grooviges Blech: Auch wenn man mit Superlativen vorsichtig sein sollte – das Konzert der achtköpfigen Youngblood Brassband am Donnerstag im gut besuchten Tübinger »Depot« war ein Ausnahme-Event.

Wer dabei war, wird sich an diese stets locker und präzise groovende Blechbläser-Bande noch lange erinnern. Die Musiker sind tastsächlich jung, gerade Mitte zwanzig. Und doch bringen sie, ausgehend von der Mardi-Gras-Tradition, »Swamp Music«, Soul, Funk und Hip-Hop, dermaßen intelligente Sounds, dass im Vergleich dazu eherne Kollegen – etwa Lester Bowie – glatt im Regen stehen.

Die traumwandlerische Geschlossenheit der Gruppe beeindruckte, die Posaunen- und Trompetensätze waren messerscharf und klanglich vielseitig. Spielerisch warfen sich die Bläser Solo-Fragmente zu.

Die jazzigen Melodieabläufe wurden von überzeugender Rhythmus-Arbeit unterstützt: Im Depot konnte am Donnerstag kaum einer still stehen – zumal die Youngblood Brassband über weite Strecken zwingenden Funk mit vollem Einsatz zelebrierte. Ebenso erstaunlich klang das, was Tom Reschke (Stand-Basstrommel), SnareDrum-Spieler Dave Skogen und Band-Gründer Nat McIntosh am Sousaphon vollbrachten: Speziell McIntosh ließ mit seinen behenden Bass-Läufen auf seinem sperrigen Tute-Teil die Besucher
des Depot staunen.
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Marla Glen: Lauwarmes Comeback

Vor vier, fünf Jahren noch wurde Bluesshouterin Maria Glen als Star gehandelt; in halb Europa jubelten die Gazetten die Sängerin zur grossen Blueshoffnung hoch. Auch auf dem Reutlinger Marktplatz, wo Maria auf Einladung der »Färberei 4« vor Jahren gastierte, jubelten Tausende.

Mehr als zwei Jahre lang hat man gar nichts mehr von Glen gehört – jedenfalls nichts Gutes: Die als »schwierig« geltende Künstlerin sei schwerst von harten Drogen abhängig – Sendepause.

Am Dienstag absolvierte Marla Glen das zweite Konzert ihres aktuellen Comeback-Versuchs in der Tübinger Mensa Morgenstelle. Rund 700 waren gekommen, feierten »ihre« Maria so gut es eben ging.

Ihr grösstes Kapital, die charakeristische Reibeisenstimme, ist der Sängerin, die jetzt in Heilbronn lebt, nicht abhanden gekommen. Allerdings klang Glens Stimme in Tübingen vergleichsweise kraftlos.

Was in dem lauwarmen Konzert fehlte, waren gute neue Songs. Das aktuelle Material klingt im Vergleich zu den alten Hits, die Maria auch brachte, recht dünn. Auch hätte man sich eine professionellere Band gewünscht – die elf Musikerinnen und Musiker waren nicht gerade ein Musterbeispiel an Präzision.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Randy Crawford: Soul-Jazz

Das »Street Life« hat sie gut überstanden: Soulsängerin Randy Crawford, einst von Keyboarder Joe Sample und seinen Crusadern bekannt und berühmt gemacht, gab bei den Stuttgarter Jazzopen ein dezent nostalgisch eingefärbtes, von den Zuhörern im Hegelsaal mit freundlich-begeistertem Beifall quittiertes Konzert.

Pralle Emotionsausbrüche waren nie die Sache von Crawford: Ihr Pop-Soul kam schon immer auf Samtpfötchen daher, schon vor zwanzig Jahren, als die Sängerin eben mit besagtem Straßenleben schlagartig berühmt wurde, machte sie leicht goutierbare Musik.

Und heute?

Crawford und ihre Musiker scheinen viel Distanz zu dem zu haben, was sie da auf der Bühne machen. Das Stuttgarter Konzert wirkt über weite Strecken aseptisch, bei »Knockin‘ On Heaven’s Door« hat nicht nur die »dreckige« Mundharmonika des Komponisten (und Original-Interpreten) Bob Dylan gefehlt.

Der sanft angejazzte Popfunk, der da freundlich swingend von der Bühne blubbert, könnte eigentlich kaum beliebiger sein; die »Stargäste« des Abends – Bassist Slim Man und Saxofonist Michael Lipton – tun mit »obercooler« und technisch gekonnter Studioroutine wenig dazu, die Sache ein wenig verbindlicher zu machen: Wie aus dem Baukasten klingen die Versatzstücke US-amerikanischer Pop-Geschichte zusammengesetzt – da passt es auch, dass Crawford sich auf Lennons »Imagine« (na ja), den Popsoul-Klassiker »Rainy Nights In Georgia« (gut!) oder »Captain Of The Heart« verlässt: Sichere Nummern.

Vom Hocker reißt das Konzert wahrscheinlich keinen, die Takte plätschern dahin, die stellenweise verwirrt wirkende Moderation der unbefangenen und bestens aufgelegten-
Sängerin stört eher. Ganz am Schluss bekommen die Stuttgarter den Superhit von Randy Crawford – eben »Street Life« – zu hören, da legt die Band dann etwas von ihrer gelackten Professionalität ab.

Ein bisschen spät halt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Ruby Turner: Sternstunde in Sachen Soul

Einer Meinung waren die restlos begeisterten Soulsisters und -brothers und der Berichterstatter im Urteil über die musikalisch perfekte, herzliche, an- und berührende Vorstellungvon Ruby Turner im „Sudhaus“ Tübingen.

Die aus Jamaika stammende, in England lebende Sängerin zog alle Register ihres stimmlich überragenden Könnens, gab zweieinhalb Stunden lang vom stampfenden Soulfunk-Fetzer bis hin zur Pianissimo-Ballade (während der man die berühmte Stecknadel im »Sudhaus« hätte fallen hören können) ein beispielhaftes Konzert.

Die vier Begleiter von Turner erwiesen sich als versierte, abwechslungsreiche Profis, die durchweg punktgenau groovten.

Am Ende dieser überzeugenden »Black Music«-Leerstunden gab’s von fast allen im Derendinger Kulturzentrum »standing ovations« für Ruby und Co; die sichtlich erfreute Soulerin musste mehrmals für Zugaben wieder auf die Bühne kommen.

Schlußpunkt war der Ober-Klassiker »Signed, Sealed, Delivered, I’m Yours«: Well done, Miss Turner! (mpg)

Maceo Parker: Funk-Party fast ohne Ende

Nassgeschwitzte Leiber, glückliche Gesichter, Tanzbegeisterung pur: Das Eröffnungskonzert des neuen Tübinger Konzert-Tempels »B27 – die Halle« am Freitagabend geriet zur rauschenden Funk-Party. Rund 900 Besucher hörten Black Music-Altmeister Maceo Parker und seiner Band zu. Und nicht nur direkt vor der Bühne setzten die Fans das Motto Maceos- »Shake what you’ve got – Schütter , was Du hast« – ohne grosse Umschweife direkt in die Tat um und tanzten sich teilweise bis zum Rand der Erschöpfung.

»Bei den Konzerten in der Vergangenheit hab‘ ich gesagt: Unsere Musik besteht aus zwei Prozent Jazz und 98 Prozent Funk – heute lassen wir den Jazz mal aussen vor«, meinte die quicklebendige Black-Music-Legende schelmisch grinsend ganz zu Beginn des Konzerts – und heimst da schon den Jubel seiner Fans ein.

Und wie sich das für »ordentliche« Funk-Events gehört, war’s ein ausufernd langes Konzert: Gut und gerne dreieinhalb Stunden lang spielten Parker und seine (in der Besetzung mit der des letzten Tübinger Konzerts im Juni ’98 identische) Band – so als ob sie beweisen wollten, dass George Clinton und Co. nicht die einzigen sind, die ihre Fans müde spielen können.

Stichwort P-Funk: Maceo und seine Mitmusiker sind Clinton, Bootsy Collins und Konsorten seit Jahrzehnten verbunden. Kein Wunder – wie die genannten Kollegen sammelte auch Parker seine ersten Erfahrungen in Rhythm-’n‘-BluesCombos und in der Band von James BroWn. Und diese Wurzeln standen beim Konzert in der B27-Halle ganz eindeutig im Vordergrund: Da gab’s – sehr zur Freude der gereifteren Zuhörer – so manches »Parliament«-, »Funkadelic«- oder »Rubber Band«-Riff zu hören.

Das Gastspiel bewies (wieder einmal), dass auch in der Musik nicht so wichtig ist, was jemand macht; das Wie ist viel entscheidender. Auf Papier notiert macht der »Pure Funk« Maceos nämlich nicht sonderlich viel her – da gibt es ganze Heerscharen von Saxofonisten, die wesentlich virtuoser »kompliziertes Zeug« spielen. Aber damit längst nicht den durchschlagenden Erfolg beim Publikum wie Maceo verbuchen.

Parker und seine Begleiter setzen dagegen seit mehr als 40 Jahren auf ein erprobtes Rezept, das Publikum anzuheizen: Da sind die bedingungslos exakt gespielten Schlagzeuggrooves wichtig, ein pumpender, alles andere als weicher Elektro-Bass und endlos wiederholte, »funkige« Sechzehntelgitarrenriffs auf einem Hammondorgel-Akkordgerüst. Maceo selbst spielt auch beim »B27«-Konzert nach der Devise »Weniger ist mehr«; seine souligen Sax-Töne wie auch das gelegentliche, elegant-leichte Querflöten-Spiel sind eigentlich »nur« das Tüpfelchen auf dem »i«.

Nach gut zwei Stunden und einem fulminanten Schlagzeug-Solo scheint Schluss zu sein – Pustekuchen. Die Zugaben-Runde danach ist nämlich fast so lang wie das eigentliche Konzert – und wieder lassen Maceo und seine Funk-Kumpels die Grooves teilweise über 30 Minuten lang unverändert »stehen«, ohne dass auch nur ein Moment Leerlauf aufkommt.

Parker flirtet via Saxofon – dafür ist er bekannt und beliebt – schelmisch-locker mit seinen Zuhörerinnen und bleibt äusserlich der smarte »Coole«: Ausser ein paar Schweissperlen auf der Stirn gibt’s kurz vor Mitternacht keine Hinweise, dass der Mittfünfziger den ganzen Abend lang hart gearbeitet und eine wahre Tour de Force in Sachen Funk absolviert hat.

Da zeigten die Hannoveraner Neo-Hippies von »Fury In The Slaughterhouse« tags darauf ein anderes Arbeitsethos. Die erfolgreichen Rocker spielten – ohne grosse vorherige Ankündigung – aufgrund persönlicher Verbindungen zur »B27«-Chefetage am Samstag. Da war der neue Tübinger Pop-Schuppen nur rund ein Drittel so voll wie tags zuvor. Wer bei dem halbstündigen Kurzauftritt zuhören wollte, musste lange warten: Erst nach halb elf enterten die »Furien« -nicht eben übermässig motiviert scheinend – die Bühne. Vorher und nachher gab’s Rock-Oldies von der »B27«-Hausband, die aber keinen grossen Enthusiasmus seitens der Gäste erntete. (-mpg)

Chicago Gospel Spirit: Schwarze Stimmen pur

Tübingen ist Gospel-Town: Schon in der Vergangenheit strömten die Zuhörer in Scharen zu (nicht immer hörenswerten) Konzerten mit afroamerikanischer Sakralmusik – und jetzt, beim Konzert des Chores »The Chicago Gospel Spirit«, gab’s in der Stiftskirche wirklich keinen einzigen freien Sitzplatz mehr. Viele begehrten noch um Einlass, als das Konzert der 16 Sängerinnen und Sänger um Chorleiter – und Showman – Ricky Dilliard schon begonnen hatte.

Das, wofür sich Dilliard vor der Pause erklärend schon fast entschuldigte, war eigentlich der Hauptgrund dafür, dass der Gospel-Abend im ehrwürdigen Gemäuder zum Erlebnis wurde. »Wir wollten nicht wie in der Vergangenheit die Stimmen in dieser grossen Kirche durch viele Instrumente, Schlagzeug und viele Synthesizer zudecken. Deshalb haben wir diesmal nur eine Pianobegleitung.« ,

So gab’s diesmal schwarze Stimmen weitgehend pur zu hören, mit einer recht traditionalistischen Songauswahl und spartanischen, aber raffinierten Arrangements – und das klang, wie gesagt, sehr gut. Statt Basstrommelgedröhn und Beckengezischel konnte man ziemlich transparent 16 Sängerinnen und Sänger hören, von denen wohl jede und jeder einzelne solistisch für eine Soul-Performance gut genug wäre.

Nicht nur der individuelle Ausdruck der einzelnen Chormitglieder war immer wieder gut für den »Gänsehaut-Effekt« – auch der enorme Dynamikumfang des Ensembles liess einen immer wieder staunen. Gekonnt und oft kontrastierend nutzte ihn der »Gospel Spirit« und schuf so stellenweise enorme musikalische Dramatik. Und weil dazu noch alle rhythmisch absolut präzise und – im Soul-Sinn – »groovig« sangen, war’s ein rundum gelungenes Gastspiel. Diesen Stimmen mag der Gospel-Vielhörer sebst solch »olle Kamellen« wie »Amazing Grace« in der x-ten Version verzeihen. (-mpg)