Schlagwort-Archive: singer

Jackie Leven: Pralle Geschichten, griffige Songs

Wär’s das erste Gastspiel des Singer/Songwriters Jackie Leven im Tübinger »Sudhaus« gewesen, müssten wir hier in ellenlange Oden ausbrechen: Der Mann hat eine poetische Sprachgewalt, die ihresgleichen sucht, er komponiert kleine, aber musikalisch enorm feine Liedchen auf der Gitarre — und die Anmoderationen Levens sind derart literarisch gedehnt (und, nebenbei, oft auch enorm witzig), dass man ein Konzert mit ihm gerne auch als Erzählabend bezeichnen darf.

Weil der Künstler, der aus Prinzip keine Zugaben gibt, aber schon -zigmal in Tübingen war und wir seine Konzerte stets begleitet haben, machen wir’s kurz: Die Songs vom neuen Leven-Album »Shining Brother Shining Sister« erzählen pralle Geschichten, die Musik selbst ist noch griffiger geworden.

Und die Besucher im gut gefüllten »Sudhaus«-Saal hängen förmlich an den Lippen des Liedermachers: Ein gelungenes »Familientreffen«.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Tom Liwa: Professioneller Weltschmerz

Wie man gekonnt Gefühle verkauft, hat Tom Liwa schon vor Jahren mit der Band Flowerpornoes gelernt. Seinen professionell vertexteten Weltschmerz nahm ihm auch jetzt, im bestens gefüllten Jazzkeller, seine Tübinger Gefolgschaft nur zu gerne ab.

Tom Liwas gedrechselte Liedtexte werden von seinen Fans als Poesie verstanden, weniger freundliche Zeitgenossen mögen das, was der Duisburger Liedermacher in Tübingen von sich gab, aber auch als eloquentes Gejammer bezeichnen.

Feuilletontauglich sind Titel wie »Das Tal der nackten Männer« oder »Die traurigen Flugzeuge« allemal.

Die Liwa-Anhänger mögen das ganz anders sehen, aber über eine lange Tübinger Konzert-Distanz wirkt die Mischung aus einer artifiziellen Traurigkeits-Attitüde und sorgsam gepflegten Depressiönchen doch auch diesmal langatmig und einförmig: Die Themen, Texte und sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten gleichen sich.

»Eben typisch Liwa«, sagen die Fans —und andere wünschen sich mehr Abwechslung.

Zumal Liwa als Musiker und Komponist über einen eher begrenzten Sprachschatz verfügt.
Zum Wetter hat die gekonnte Tristesse auf jeden Fall gepasst. Und weil die eingefleischten Liwa-Fans im »Jazzkeller« fast unter sich waren, war auch des Künstlers Stimmung vergleichsweise gut: Bis um halb zwölf hat Liwa gespielt.
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Manfred Maurenbrecher: Schräge kleine Lieder

Nein, das ist kein Mann für die Massen: Manfred Maurenbrecher aus Berlin scheint der ewige Insidertip zu sein, von Kritikern und Musikerkollegen hochgeschätzt. Bei seinem Konzert mit »Liedern und Gemeinheiten« im »Sudhaus« -Theatersaal hörten rund 50 Gäste zu.

Wer »Spliff« kennt, Hermann van Veen oder Ulla Meinecke, der kennt auch – wenigstens stückweise – die Musik des Manfred Maurenbrecher: Für die Genannten (und für viele andere mehr) hat der 49jährige Lieder und Texte geschrieben. Er selber ist aber trotz deutschem Kleinkunstpreis, trotz acht erschienenen Platten, nie im vordersten Rampenlicht der deutschen Szene erschienen.

Das mag daran liegen, dass er sich vor allem um die ganz kleinen, unscheinbaren Dinge kümmert, sie sprachgewaltig und mit viel Gefühl für den Wortklang in Prosa und Songtexte verarbeitet.

In Tübingen erzählte er beispielsweise von einem Inselwirt, der sein Fotoalbum mit mehr oder minder verblichenen Show-Grössen vorzeigt, die alle schon bei ihm waren. Er meint, »dass das noch alles ganz wertvoll wird, weil die ja schon tot sind«.

Mit einer Stimme, die an das Reibeisenorgan von Tom Waits erinnert, und schrägem, aber gekonnt-lässigem Barpiano-Spiel lässt er ab und zu auch »seiner geknechteten Schlagerseele freien Lauf«. Dann singt er: »Ja, die Liebe lässt sich gehen, aber nicht für die, die sie ersehnen«, um sich kurz darauf wieder hochironisch und recht scharf über neudeutsche Verhältnisse lustig zu machen: »Oh Wessi, du hast bessere Zeiten gesehen«.
Von den Zuhörern – offensichtlich waren viele erklärte Maurenbrecher-Liebhaber darunter – gab es für die intime Vorstellung viel Applaus. (-mpg)

Russ Tolman: Ohne Langeweile

Jetzt hat es auch mal das — bisher vom Besucherschwund eigentlich verschont gebliebene — Tübinger »Sudhaus« erwischt. Ganze 17 (!) Zuhörer, Presse und Veranstalter inklusive, hörten bei dem ausgezeichneten Konzert des amerikanischen    Singer/Songwriters
Russ Tolman und seiner nicht minder erstklasigen Band zu.

Und die versammelten »Szene-Experten« rätselten ohne Ergebnis über den miesen Besuch — Vorschusslorbeeren zur aktuellen Tour hat Tolman nämlich auch von den großen Blättern hierzulande genug bekommen, und seine aktuelle Platte »City Lights« zählt zum Besten, was in letzter Zeit im »American Rock«-Genre produziert worden ist.

Die vier Musiker scheinen über die magere Tübinger Resonanz kein bisschen enttäuscht zu sein — im Gegenteil. Tolman — (der eine grosse innere Gelassenheit ausstrahlt) scherzt locker mit den paar Hörern und gibt ein satt-langes Konzert.

In dem er nicht nur seine Songwriter-Fähigkeiten live zeigt, sondern auch noch viel selbstverständliche Improvisationsgabe beweist: Im vorletzten Stück lassen Russ und sein Begleitgitarrist gut eine Viertelstunde lang den »Groove stehen«, ohne daß harmonische Langeweile aufkommt. Das gefiel den Zuhörern (die längst schon zu Fans des ausdrucksstarken Musikers geworden waren) dann ganz besonders — und alle strengten sich an, beim Applaus die mangelnde Masse mit Lautstärke wettzumachen. (-mpg)

Pippo Pollina: Sanfter Rebell aus Sizilien

Auch zur Abschlußveranstaltung des »forum 22«-Programms zum zehnjährigen Bestehen des Programmkinos kamen nur sehr wenige Besucher ins Zirkuszelt auf dem Sportplatz. Knapp 40 wollten dem sizilianischen Liedermacher Pippo Pollina zuhören. Kommerziell betrachtet floppten alle Konzerte des Kulturfestivals — am besten besucht war da noch der Hip-Hop-Start mit den »Massiven Tönen« im zu drei Vierteln leeren Zelt.

Angesichts der Witterung und der leeren Ränge mag man Pollina verzeihen, daß er und seine dreiköpfige Band — im Vergleich zu anderen Auftritten — in Bad Urach nur mit stark gebremstem Schaum spielten. Aber nicht, was die Lautstärke anbetrifft: Der Pegel hätte ausgereicht, eine 2 000er-Halle zu beschallen — und die Chance, den vier Handvoll Besuchern einen Lieder-Abend in intimer Atmosphäre zu liefern, war vertan.

Der Mittdreißiger aus Palermo, der aus Frust über Mafia, Politik und kulturelle Ignoranz zehn Jahre lang von Luzern aus seine Heimatstadt nur als Tourist betrat, und seine drei Mitstreiter an Baß, Gitarre und Drums bretterten sich von einem 70er-Jahre-Rock-Klischee zum nächsten.

Die »engagierten« Texte des schlaksigen Sängers mit den großen braunen Kulleraugen mögen ja noch so poetisch und feinfühlig angelegt sein — musikalisch Entsprechendes gab’s, bis auf die wenigen Momente, in denen sich Pollina lässig auf dem E-Piano selbst begleitete, nicht.

Statt dessen — allgemein freundlich und von einem Dutzend »Hinterbänklern« ganz frenetisch beklatscht — durchschnittlichen, harmonisch watteweichen Rock-Pop in der Machart, wie man sie generell mit Popmusik italienischer Produktion verbindet.

Spannend klang das nicht gerade und die deutschen Zeilen, die Pollina sporadisch singt, waren — auch wegen der Lautstärke — nur sehr schlecht zu verstehen. Einen Höhepunkt gab’s, als Pollina zunächst hinreißende Rhythmen auf einem Schellen-Tamburin klopfte und danach die ganze Band ein stimmiges Perkussionsgewitter entfachte. Trotzdem war’s letztendlich ein Abend nur für Fans des Sizilianers — und die scheinen in Bad Urach, siehe oben, nicht stark vertreten zu sein. (-mpg)

Tori Amos: Das höchste der Gefühle

Man wirft sie gerne mit den »Neuen Wilden Frauen« des US-Popbusiness in einen Topf. Dabei ist Tori Amos trotz gewisser Parallelen zu Alannis Morisette oder Sheryl Crow ganz und gar eigenständig vor allem, was die selbstbewußte Haltung innerhalb der immer noch von Männern dominierten Pop-Welt angeht: Sie macht ziemlich unverwechselbare Musik; und ihre oft sehr offenen Texte gehen bei den Fans als reinste Lyrik durch.

Das war nicht immer so: Nach einer wohlbehüteten Kindheit (inklusive Klavierunterricht, natürlich) als Pfarrerstochter unterschreibt sie mit 21 einen Vertrag bei »Atlantic Records« — und wird von dem Plattenkonzern prompt mit einem falschen Konzept nicht aufgebaut, sondern eher ausgeknockt: Irgendwo zwischen Pat Benatar und Joan Jett angesiedelt, quälte sich Amos auf ihrem 88er-Debüt »Y Kant Tori Read« durch ein Hardrock-Repertoire, das hörbar nicht ihr eigenes war. Das Publikum reagierte auf die Scheibe — Covergestaltung Marke lasziv-verruchte Rocklady — mit konsequentem Konsumverzicht. Aus der Traum?

Keineswegs: Tori (»Ich landete letztlich auf den Knien und erkannte mich dabei selbst«) und ihr Management denken um — fortan soll die Sängerin und Songwriterin ihr eigenes Ding durchziehen dürfen. Und siehe da: Eine Tour im Vorprogramm von Marc Cohn bringt erste Erfolge, die Zuhörer mögen die Intensität von Amos‘ Gesang und ihrem Klavierspiel.

Als dann vier Jahre nach dem vergurkten Debüt Toris »eigentlich echte erste« Platte »Little Earthquakes« erscheint, sind alle hin und weg. Fans und Presse bejubeln in seltener Einmütigkeit die in höchst emotionalen Gesang verpackten Seelen-Erschütterungen.

Ein schwer verdaulicher Hit: Die Texte dieser »Kate Bush mit dem Messer« (Frankfurter Rundschau) sind nämlich alles andere als leichtfüßig. Sie handeln von Sex, Gewalt, problematischen Beziehungen — und gipfeln bei »Me And A Gun« in einem a-capella-Song über das Trauma der Vergewaltigung.

»Meine Songs kommen eher aus dem Bauch als aus dem Kopf«, sagt Tori, »heute ist die Erfahrung, daß man seine Gefühle nicht in sich verschließen darf, sondern sich bewußt mit ihnen auseinandersetzen muß, der wichtigste Katalysator für meine Arbeit. Jeder ist doch die Summe seiner Erfahrungen, für unser Dasein ist entscheidend, was wir aus diesen Erfahrungen machen. Und bei mir münden sie halt in Musik«.

Die ist — von Nat King Cole über John Lennon und Jimi Hendrix bis hin zu Gershwin – von einer breiten Palette an Vorbildern und Vorlieben beeinflußt. Und wurde auf den bisher drei Alben (neben dem Debüt noch »Under The Pink« und »Boys For Pele«, das sich in 18 Songs mit Toris Verhältnis zu Männern beschäftigt) meistens sparsam und elegisch klingend umgesetzt. Das letzte Studiowerk von Amos war dann auch für die einen »eine Platte von kaum zu überbietender Intensität« (Musikexpress/Sounds) — für andere litt sie an »quälender Quantität« (Rolling Stone).

Auf der aktuellen Deutschlandtour gibt es jetzt wieder eine ganz neue Tori Amos zu erleben, jedenfalls musikalisch: Zum erstenmal seit zehn Jahren nämlich läßt sich die Dame mit den sperrigen Texten wieder von einer Band begleiten. (mpg)

Tommy Mammel: In der Ferne daheim

Vor etwas mehr als einem Jahr lieferte Tommy Mammel, der ehemalige Keyboarder der »Thommie Bayer Band«, sein Solo-Debüt ab — und das wurde nicht nur an dieser Stelle ziemlich begeistert besprochen.

Jetzt ist die zweite Platte mit »Songs für ein Leben in Color« erschienen, und wieder liegt eine in jeder Hinsicht starke Produktion im Player. »In der Ferne daheim« ist der Stuttgarter Singer/Songwriter diesmal, und bringt uns 14 hervorragend getextete, abwechslungsreich komponierte Lieder, zu denen es — in deutschen Landen jedenfalls kaum Konkurrenz gibt.

Schon fast vergessen, wie das ist abzuhaun / und nicht nur den Lichtern der Waggons hinterherzuschaun / Schon fast vergessen, der Geruch im Abteil / der hat doch schon manche meiner Krankheiten geheilt heißt es im Titelsong — und genauso bilderreich, assoziationsfördernd und sprachlich gekonnt sind die Zeilen der anderen Lieder.

Mammel spielt virtuos mit Worten und Bildern, macht Alltagsbegebenheiten nur mit Andeutungen ganz deutlich, verewigt kleine Momentaufnahmen in Zeilen, die nicht nur mit begleitetender Musik bestehen können. Neben Liedern über Liebelei, Liebe und Liebesleid (»Komm wieder, wenn Du magst« oder »Das Leben der Boheme«) gibt’s einen lebensprallen Kneipensong (»Bier, Wein, Schnaps«), bei dem Tom Waits Pate gestanden haben könnte, einen hinreissenden instrumentalen »Flirt« — und mit »Hallo Süße« ein zwischengeschlechtliches Mini-Drama, in dem Mammel jene Sprüche, die »Sie« und »Er« so zu reissen pflegen, bevor sie’s dann doch »im Duett probieren«, geschickt und witzig zu einem Song verarbeitet hat.

Die Musik auf »In der Ferne daheim« entspricht der Qualität der Texte; Mammels Band »Nachtausgabe« agiert professionell und bestens eingespielt, Karin Millers Akkordeonspiel dominiert neben Tommys Piano den Sound, ohne die anderen Instrumente unterzubuttern. Die Platte gibt’s im einschlägigen Handel und Tommy Mammel samt »Nachtausgabe« nächsten Sonntag live ab 21 Uhr im Tübinger »Sudhaus«. (-mpg)