Schlagwort-Archive: Schweiz

Gotthard: Hardrock-Seligkeit

Der Rock-Fan hat’s inzwischen gemerkt: Das kleine Hirschau bei Tübingen ist nicht die schlechteste Adresse, wenn’s um deftige Spielarten der nostalgischen Sorte geht. Das »Bang Your Head«-Festival scheint – nach nur zwei, allerdings hervorragend besuchten Ausgaben – etabliert.

Und auch sonst pilgern Kuttenträger und Rockladies (besonders die mit Vorliebe für Stretchjeans und Fransen-Stiefelchen) gerne und in satter Zahl in die – bei Tageslicht betrachtet – eigentlich ziemlich »abtörnende« Stefan-Hartmann-Halle.

Auch am Samstag waren’s wieder gut 700, die sich die »harten« Jungs mit dem Matterhorn im Bandlogo anhören wollten. Warum die Schweizer sich vor Jahren, als klassischer Hardrock noch mehr out war als heute, dann ausgerechnet »Gotthard« genannt haben, bleibt wahrscheinlich offen.Wollen wir mal zugunsten der Musiker hoffen, daß das Ganze ironisch gemeint ist — glauben möchten wir’s nicht so recht…

Egal — die Jungs um Frontmann Steve Lee (ein echter Pfau, der sich aber auf der Bühne zu bewegen weiß) lieferten, jedenfalls aus Sicht der Fans, viel Qualität fürs Eintrittsgeld — und ein rein äußerlich betrachtet überdurchschnittlich langes Konzert noch dazu.

»Unplugged« und mit vier »friends« an Percussion, E-Piano und (noch zwei!) Gitarren spielten »Gotthard« in Hirschau – wobei die »akustischen« Instrumente elektrisch dermaßen verstärkt wurden, daß es doch wieder ein Heidenlärm gab.

Aber das war durchaus im Sinn der Erfinder, die harmonisch zuckersüße Balladen (»Angel«) und klassischen Boogie-Rock’n’Roll stilgerecht im Bombast-Sound aufbereiteten. Viel Beifall und Publikumsbeteiligung gab’s für die Schweizer — die sich vor dem Zugabe-Block mit einer energiegeladenen Cover-Version des Rockklassikers »Hush« bedankten. (-mpg)

Friedrich Glauser: Lange Zeit schon fast vergessen

Zur letzten Lesungs-Veranstaltung dieses Jahres im Reutlinger Fetzet-Buchladen kamen etwa 30 Zuhörer:Ales Urbanczik vom Theater „sirius“ las aus Texten des schweizerischen Schriftstellers Friedrich Glauser; der Glauser-Biograph und -Herausgeber Frank Göhre beleuchtete stark gerafft, aber anschaulich die Tragik im Leben und Schaffen des lange Zeit fast vergessenen Autors.

Der Autor der Kriminal-Klassiker »Wachtmeister Studer« und »Matto regiert« hatte ein unruhiges Leben, war ständig auf der Flucht, schluckte, rauchte und spritzte sich die ganze Palette an Drogen: »Es lag ihm mehr daran zu leben, als zu schreiben.«

Der Glauser-Abend hatte natürlich einen Anlaß: Frank Göhre, der selber Kriminalromane. Kinder- und Drehbücher schreibt (»Tatort«, »Abwärts«), hat nicht nur eine neue Auswahl der Werke Glausers beim Züricher »Arche«-Verlag herausgegeben, sondern auch eine Biographie (»Zeitgenosse Glauser«) verfaßt, die »nicht auf Vollständigkeit zielt«.

Göhre hat eine Collage aus Textausschnitten von Glauser, Bildern und Dokumenten auf 160 Seiten gemacht, die beim Leser ein lebendiges Bild des Friedrich Glauser entstehen läßt, eine Vorstellung davon, warum der Schriftsteller so war, wie er war.

Die einzelnen Kapitel werden lakonisch eingeleitet: »1917 Magadino-Alp Brusada im Maggiatal-Genf-Zürich, Kurhaus Nidelbad, Rüschlikon bei Zürich — 1918 Genf, Anstalt Bel-Air-Anstalt Münsingen 1919 Ascona — 1920 Alte Mühle bei Ronco, Verhaftung in Bellinzona, Inselspital Bern-Irrenanstalt Holligen, Bern, Flucht nach Baden, Psychiatrische Anstalt Burghölzli, Zürich.«

In der guten Stunde im Fetzer-Laden gelang es Göhre und Urbanczik nicht, tiefer in Glausers Leben oder gar sein schriftstellerisches Vermächtnis zu dringen. Allerdings: Der Abend, und mehr noch Göhres Biographie, schaffen Lust zum Lesen der Bücher Glausers.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 11. Dezember 1989