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Santana: Viva Santana!

»Viva Santana« heißt ein auch schon wieder kräftig angestaubtes Plattenset, mit dem sich Carlos Santana vor Jahren vom aktiven Pop-Geschäft verabschieden wollte. Der heute 54-jährige amerikanische Gitarrist und Komponist mexikanischer Abstammung hat sich jedoch vor drei Jahren mit dem Platin-veredelten und mit Grammies überhäuften Album »Supernatural« eindrucksvoll zurück gemeldet.

Beeindruckend perfekt und musikalisch außerordentlich gelungen jetzt auch das Konzert Santanas in der seltsamerweise gerade mal zur Hälfte gefüllten Stuttgarter Schleyerhalle. Fast zweieinhalb Stunden lang zog der Musiker, der schon vor langer Zeit das Kunststück geschafft hat, gleichermaßen Popstar zu sein wie Liebling »ernsthafter« Rock- wie Jazzkritiker, routiniert (und wie stets hochfrequent Kaugummi kauend) alle Register seines Könnens.

Der knapp dreiviertelstündige Auftritt der US-Rocker Counting Crows vor Santana hat gepasst wie die Faust aufs Auge – in seiner dröhnenden 70er-Rock-Monotonie gar nicht.

Die hochpräzise und durchweg mit Stars besetzte Santana-Band bot nämlich den altersmäßig von 16 bis über 60 bunt gemischten Fans nicht nur das sprichwörtliche Hit-Feuerwerk in ebenso sprichwörtlicher CD-Qualität samt den 30 Jahre alten Klassikern »Jingo« und »Oye Como Va« vor seliger Zuhörerkulisse als Zugabe, sondern differenzierte, abwechslungsreiche und hochdynamische Lehrstückchen in Sachen Popularmusik reihenweise.

Mag sein, dass der Geist von Miles Davis, der Santana nach dessen eigener Aussage kürzlich begegnet sein soll, den Saiten-Meister und seine Mitmusiker zusätzlich beflügelt hat.

Als der Jazzer noch lebte, haben sie wirklich ein paar Mal zusammen gearbeitet, bei Santana sind seitdem immer wieder typische Miles-Ideen zu finden. Als Intro gab’s die berühmte gehauchte »Martin«-Trompete jedenfalls zum leuchtend lila Licht vor überdimensionierten Batik-Tüchern – und Miles‘ langjähriger Bass-Mucker Benjamin Rietveld lehrte in Stuttgart bei einem fulminanten Bass-Solo die weltweite Konkurrenz das Fürchten.

Besonders herauszuheben ist auch (wieder einmal) Edel-Drummer Dennis Chambers, der bei diesem Santana-Konzert nicht nur als Solist brillierte, sondern stets groovend und mit der Präzision eines Metronoms als festes Rückgrat des komplexen Musik-Gebildes einen wirklich außerordentlich guten Job machte.

Die Band alleine wäre also für viele Lobeshymnen gut gewesen – Carlos Santana selbst dominierte aber alle mit seiner in Stuttgart wieder einmal enormen Bühnenpräsenz. Der Musiker wirkte gleichzeitig völlig entspannt und sehr bestimmt, sein Alter konnte man ihm selbst in Detail-Großaufnahmen auf den drei Video-Leinwänden nicht ansehen – und sein mittlerweile in die Pop-Geschichtsbücher eingegangener Gitarren-Ton ist legendär:

Warm, voll und rund. Dass ein Gitarrist an ein, zwei Tönen zu erkennen ist, hat außer Santana im Pop-Bereich eigentlich nur B.B. King geschafft. Die Stuttgarter bekamen den orgiastischen, »singenden« typischen Santana-Sound satt. Und – das fand der Rezensent besonders erquicklich – neben den alten Superhits perfekt umgesetzte Songs aus der Gegenwart von »Supernatural«. »Put Your Lights On« oder »Maria, Maria« kamen besonders gut.

So richtig hoch schlugen die Wellen der Begeisterung bei diesem rundum gelungenen Latinpop-Familienfest aber bei den Klassikern. Schon klar.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Roxy Music: Comeback mit Kalkül

Die Dinos des British Art Pop sind wieder da – oder besser, in Stuttgart haben »Roxy Music« gezeigt, dass sie noch nicht (ganz) weg vom Fenster sind.

Rund 5 000 hörten in der bestuhlten Schleyerhalle ein durch und durch nostalgisches Konzert, wie eh und je sehr »stylish« durchgeplant – so wie auch der ehemalige Pop-Stilguru Ferry seinen dandyhaften Look ins reifere Alter hinübergerettet hat.

Aber auch beim Comeback zumindest des Kerns jener Gruppe, die in den 70ern Pioniere kunstvoll produzierten Pops und auch des Synthesizer-Einsatzes vereinte, scheint viel Kalkül mit im Spiel zu sein: Eizakt zur Welttournee erscheint eine erneute (überflüssige) »Best-Of«-CD – und angesichts der gelangweilten Zurückhaltung, mit der sich Bryan Ferry (56), Gitarrist Phil Manzanera (50) und Saxophonist Andy Mackay (54) in Stuttgart zeigen, drängt sich der Eindruck auf, dass das Vergnügen auf ihrer Seite begrenzt ist.

18 Jahre liegen zwischen dem Ende von »Roxy Music« und dem aktuellen Comeback. Den lange Zeit wohl wichtigsten Motor der Band, Brian Eno, hat Ferry nicht zur Wiedervereinigung überreden können: Eno, damals wie heute Elektronik-Pionier und Musik-Avantgardist aus Passion, ist mit aktuellen Projekten beschäftigt und hat wahrscheinlich keine Zeit, sich mit dem „alten Kram“ abzugeben.

Dieser alte‘ »Roxy Music«-Kram tönt in der Schleyerhalle schwer topfig und wie hinter einem dicken Vorhang. Die Video- und Lichtregie arbeitete wesentlich besser – auch da ist alles durchgestylt und ziemlich perfektionistisch.

Und die Band spult die Songs, von denen viele vor 20 Jahren glaubten, sie würden zukünftig Kult sein, zwar perfekt, aber völlig undynamisch und vor allem auch unbeteiligt erscheinend herunter: »Ladytron«, »Re-Make« oder auch »Tara« lassen einen, so kunstvoll gedrechselt die Soli auch sein mögen, kalt.

Der »Song For Europe« und »Virginia Plain« und der »Jealous Guy« bereiten schon mehr Vergnügen – wohl auch, weil das Trio hier selbst sichtlich Spaß hat.

Nicht so lustig wirkten die übermäßigen, aber nicht sonderlich inspiriert wirkenden Soli: Sowohl Manzanera wie auch Mackay taten hier definitiv zu viel des Guten – und erstickten egoistisch jeden Ansatz von Musik-Dramaturgie im Keim.

Ein strahlendes Comeback? Mitnichten. Dazu gehören wohl auch neue Songs, die »Roxy Music« nicht zu bieten hat. Ein gelungener Nostalgie-Abend? Vielleicht aber ein bisschen musikalisch glanzvoller hätte der schon ausfallen dürfen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Prince: Ein bißchen Kitsch und viele Hits

»Nachmacher!« schimpften die Kritiker früher, als »The Artist« sich noch vergleichsweise bescheiden »Prince« nannte und sich anschickte, an die Spitzen der Hitparaden zu stürmen und ein Weltstar zu werden. Der Kleine aus Minneapolis würde ja schon richtig gute Popsongs schreiben, aber statt »eigener« Musik doch eigentlich nur Versatzstücke der »Black Music« vom Blues auf den Baumwollfeldern bis hin zu James Brown und Sly Stone präsentieren, hiess es damals.

Das war Anfang, Mitte der 80er, und Prince landete dann mit dem Soundtrack zu seinem gleichnamigen Film-Hit »Purple Rain« – mit zeitlos schönen Alben wie »Parade«, »Sign 0 The Times«, »Lovesexy« und anderen Titeln einen musikalischen Knüller nach dem anderen. Keiner plünderte so geschickt wie der Winzling mit den Liza-Minelli-Augen das gesamte Pop-Archiv, keiner kombinierte so schön pilzköpfige Psychedelica mit den schweisstreibenden Grooves der »Soulbrothers«.

Und plötzlich war »Prince« nur noch als der »Mann, den man mal als Prince kannte« unterwegs. Und »The Artist Formerly Known As Prince«, wie er bis vor kurzem hiess, war auch musikalisch nur noch ein Schatten seiner selbst. Prince ging immer mehr ins Hollywood-Breitwandf ormat, sprich: Immer mehr Kitsch und glänzender Pop-Lack »verzierten« die Songs ausgerechnet des Musikers, der seine ersten drei Platten ziemlich minimalistisch, aber höchst gekonnt einspielte. Tiefpunkt war das 96er-Dreifachalbum »Emancipation«, bei dem höchstens ein Viertel der Stücke trägt, der Rest nur schal, lieblos gemacht und langweilig klingt.

In diesen Tagen besuchte »The Artist«, wie Prince Roger Nelson sich jetzt nennt, mal wieder Stuttgart – lud bestens gelaunt zur »Jam Of The Year« ein. Die fiel zwar ein wenig schlechter aus als die rauschenden Feste vergangener Konzerttourneen- aber weil »The Artist« sich entschlossen hatte, recht wenig neuen Schnickschnack zu bringen und statt dessen einen Oldie-Abend mit alten Prince-Hits zu veranstalten, musste einen auch nicht das kalte Grausen packen.

Schon beim langatmig langen Vor-Konzert von Funk-Bassist Larry Graham hüpfte Prince plötzlich auf die Bühne und schrubbte bei zwei Stücken mit lässiger Session-Attitüde auf einer halbakustischen Gibsongitarre mit.

Und nach der Pause erschien der Star des Abends kurz beim Mischpult in der knapp halbvollen Schleyerhalle seinen Fans, um dann auf der lichttechnisch mit hunderten Scheinwerfern, Special Effects und Lasershow total überfrachteten Bühne in bekannter Manier von einer Ecke in die andere zu sprinten und auf der Gitarre den wilden Mann, den »rude boy« zu markieren.

Mit sechs Begleitmusikern – darunter auch die hierzulande bestens bekannte holländische Saxerin Candy Dulfer bringt Prince nichts mehr und nichts weniger als ein etwas angestaubtes Hit-Programm.

Aber Titel wie »Let’s work«, »Delirious«, ein mit Lichterwand-Sternenhimmel schön verkitschtes »Purple Rain« (als viertes Stück!) oder die Geschichte von der »Little Red Corvette« hört das Publikum – die meisten über 30 – anscheinend immer wieder gerne.

Zumal diese Dauerbrenner in Stuttgart ziemlich ähnlich wie auf den alten Platten klingen. »I Would Die For You« oder »I Could Never Take The Place,Of Your Man« sind im Vergleich zu den Originalen fast identisch arrangiert, »The Cross«, das jetzt »The Christ« heisst, klingt in seiner dynamischen Steigerung genauso packend wie auf »Sign 0 The Times«.

Zu solchen Bonbons gibt’s noch jede Menge kollektive Groove-Marathons. Bei einem lässt Prince drei Dutzend Fans auf die Bühne kommen und veranstaltet einen »Tanzwettbewerb«. Die inzwischen recht matschig abgemischte Musik mit einem heruntergenudelten »Maze«-Cover und viel Theatralik klingt mehr als seltsam, scheint Techno und Konsorten stellenweise parodieren zu wollen, aber darin auf halber Strecke stecken zu bleiben. Aber das sind im Vergleich zu den Hits Momente, über die man weghört. (-mpg)

Fugees: Entdecker der Lahmarschigkeit

Lassen wir mal das hessische Gebabbel von Schwester Sabrina Setlur in Stuttgarts Schleyerhalle aussen vor, und auch das wüste, dafür angenehm kurze Set der zweiten Vorgruppe. Deutschlands derzeitige Nummer eins der Pop-Charts spielte an diesem Abend nur eine Nebenrolle — und nicht nur, weil die Appelwoi-Rapperin wegen ihres kurzfristig vorverlegten Auftritts vor magerer Kulisse spielte.

Interessiert haben sich die meisten unter den rund 5 000 grösstenteils sehr jungen Konzertbesuchern wohl nur für die »Fugees« — die laschen Reaktionen auf die »Support Acts« wie auch das hysterische Geschrei, als die Pop-Rap-Supergruppe endlich auf die Bühne kam, sprachen Bände.

Zuerst durften die Fans aber einem schlechtgemixten DJ-Set zuhören, mit dem die »Fugees« wohl ihren Vorbildern und Vorlieben Respekt zollen wollen. Dann kamen Sänger und Gitarrist Wyclef Jean, die gerade hochschwangere Rapperin Lauryn Hill und Prakazrel Michel zusammen mit drei Begleitern in Blitz und Donner auf die Bühne — und ramponierten in den folgenden 90 Minuten kräftig ihren Star-Ruf.

Dass die »Fugees« live kaum einen Song richtig zu Ende spielen, dauernd abbrechen und zu etwas anderem wechseln, haben zumindest die beinharten Fans der HipHopper aus Haiti und USA schon auf vergangenen Konzerten mitbekommen.

In Stuttgart haben’s die Entdecker der neuen Lahmarschigkeit auf dem Tanzboden mit der Vermeidung jeglicher dramatischer Entwicklung aber eindeutig übertrieben. 40 Sekunden selbstvergessene Solo-Gitarren-Läufe wie zu besten Krautrockzeiten von Wyclef, danach ein 1:1 nachgespieltes »No Woman, No Cry«-Cover: (Fast) jede x-beliebige Nachspiel-Truppe, die wir in den letzten Jahren gehört haben, schlägt die gelangweilten »Fugees« da um Längen.

Nach dieser Peinlichkeit gleich die nächste: Ein (technisch erbärmliches) Bass-Solo, die Melodie des Queenschen »Another One Bites The Dust« nachgespielt — gefolgt von zwei Dutzend Takten »Jackson Five« und (gestoppten!) vier Sekunden des Hippie-Klassikers »Leaving On A Jet Plane«.

Danach dann wieder klassisches Dub-Reggae-Geblubbere, ein unmotiviertes (und auch wieder abrupt abgebrochenes) Schlagzeug-solo — und dann endlich eine »brandneue Komposition«. Kündigt Wyclef jedenfalls an — und intoniert, ausgerechnet, den Folk-Oldie »Guantanamera«. Frecher geht’s eigentlich nimmer!

Im kurzatmigen Telegramm-Stil verwurschteln die »Fugees« Lou Reeds. »Walk On The Wild Side«, »Knocking On Heavens Door« (als Reggae) und anderes längst Komponiertes, beweisen dabei weder Respekt vor den Originalen, noch irgendeinen Funken Originalität.

»Auf unseren Konzerten gibt’s die nächste Stufe des HipHop zu hören«, verkündeten die »Fugees« im SDR-Interview. Nach dem Schleyerhallenauftritt klingt das nur noch grossmäulig.

Besonders enttäuscht vom Konzert mussten diejenigen sein, die die Hits der beiden Platten »Blunted On Reality« und »The Score« hören wollten: Ausser einem im Vergleich zur CD noch langsamer gesungenen »Killing Me Softly« und, ganz am Ende, »Ready Or Not« gab’s nur Soundschnipsel und, wie gesagt, schlecht Nachgespieltes zu hören. Und einen Abend mit »The Best Of The Seventies« gibt’s in lokalen Clubs doch wesentlich billiger, oder?   (-mpg)

East 17: Solider Teenie-Pop

Von wegen Hysterie, von wegen Massenandrang: Beim Gastspiel des britischen Pop-Gesangsquartetts »East 17« in Stuttgart kreischten die Teenies im Vergleich zum 95er-Abstecher vergleichsweise verhalten — und die Schleyerhalle war nicht mal zu einem Drittel gefüllt.

Anscheinend genießen Tony, Terry, Brian und John doch nicht dieselbe Zuneigung der Nachwuchs-Fans im »wilden Süden« wie die dahingeschiedenen »Take That«. Eher vereinzelt flogen zu Beginn des 95minütigen Konzerts Plüschtiere, und die Zahl der Kreislaufzusammenhrüche lag im üblichen Rahmen. Daß die Sanitäter trotzdem was zu tun hatten, ist jedem klar, der das Verhalten der jüngsten Pophörer bei Konzerten ihrer »Lieblinge« kennt.

Bevor die vier mit Unterstützung eines Tänzer-Quartetts loslegten, gab’s ein Vorprogramm, das zumindest erwachsene Popkonsumenten noch mehr langweilen mußte als der Hauptact: »Two Good« und eine weitere Band lieferten streichelweichen, sehnsuchtsvoll geschmetterten Soulpop klebrigster Sorte.

»Bei AC/DC war aber bedeutend mehr los«, meinte eine Mittvierzigerin, »die sind echt schlaff heute«. Na ja: Ganz zu Anfang (hei »Stay«), oder später bei »Do You Really Want Me«, »Set Me Free« oder »Let It Rain« schlugen die Wellen der Begeisterung schon hoch — aher nur kurz.

Dem unheteiligten Konzertheohachter schien’s fast, als wüssten viele im extrem jungen Publikum noch nichts vom rechten Party-Timing: Wer sich zu früh die Seele aus dem Leib hrüllt, den bestraft der Kreislauf . . .

Das Quartett aus London wußte mit den Kräften besser umzugehen: Die meiste Zeit sangen nur zwei oder drei von vieren das Hitprogramm. Das Engagement, ihre Fans mitzuziehen, hielt sich hei »East 17« in deutlichen Grenzen. Da strengen sich andere mehr an — das Paradeheispiel »Take That« braucht gar nicht bemüht werden.

Musikalisch hrachte die Gruppe den bekannten, mit Soulklischees versetzten Mainstream-Pop — und lange Passagen mit (sowieso) unverständlichem Gerappe noch dazu. Die Sprechgesangs-Passagen klangen rhythmisch oft bemüht und — im Vergleich zu dem lockeren Reimfluss afroamerikanischer »Kollegen« — aufgesetzt.

Insgesamt arbeiteten die Jungs und ihre profihaft routinierten Begleiter — drei Backgroundsänger, drei dröhnende Keyboarder, Perkussionist, Schlagzeuger und Gitarrist — solide. Und halt auch ein bißchen unspektakulär und einfallslos.

Der mittelmäßige Eindruck wurde durch die schlechte Beschallung und das mengenmäßig opulente, aber ansonsten nicht besonders geschmackvolle Licht verstärkt. Mag sein, dass manch ein Teen-Fan noch eine Weile beim Blick auf den »East 17«-Starschnitt feuchte Augen kriegt, wenn er sich an das Konzert erinnert. Alle anderen haben den Abend wahrscheinlich schnell wieder vergessen. (mpg)

Beach Boys: Die ewige Strandparty

Die »amerikanischen Beatles« können’s noch: Mehr als zwei Stunden lang sangen die kalifornischen »Beach Boys« in der Stuttgarter Schleyerhalle Hit auf Hit — und viele unter den 7 200 Besuchern sangen begeistert mit.

In Originalbesetzung mit Al Jardine, Bruce Johnston, Carl Wilson und Mike Love sowie sechs Begleitmusikern feierte das Quartett mit den Fans eine ausgelassene Party.

Romantik zwischen Surfbrett, Strand und Auto haben die »Beach Boys« in perfekte Radiosongs verpackt und damit in den 60ern einer ganzen Teenagergeneration die passende Musik zum Lebensstil verpaßt. Mehr als 20 ihrer Lieder kamen in die amerikanische »Top 20«-Hitparade.

Die Althippies — in Stuttgart zahlreich vertreten — schrien hei »Good Vibrations«, »I get around«, »Fun, Fun, Fun«, »Barbara Ann« und den vielen anderen, längst zu Pop-Klassikern gewordenen Titeln gar nicht mal am lautesten: Die »Beach Boys« zogen auch ganz junge Konzertbesucher an. Die 3-Minuten-Kunstwerke mit dem charakteristischen Harmoniegesang haben auch nach 30 Jahren nichts von ihrer Anziehungskraft verloren.

Das weiß natürlich auch Mike Love. Mit gespielter Ernsthaftigkeit kündigt er im Konzert einmal an, die alten »Car Songs« nicht mehr spielen zu wollen. Das Stuttgarter Publikum sei doch »too sophisticated«, um die ollen Kamellen 1993 noch hören zu wollen . . . Die letzten Worte des Sängers gehen im Protestgeschrei der Fans unter.

Ihren Fans liefern die auch äußerlich vergleichsweise wenig gealterten Strandjungs (ihr ehemaliger kreativer Kopf Brian Wilson nahm schon 1965 seinen Ahschied von der Bühne) die Hits dann doch — und anderes, beispielsweise »California Dreamin« der »Mamas & Papas«, noch satt dazu.

Sechs Tänzerinnen, mal als »Cheerleaders«, mal als Strandnixen bekleidet, sorgen mit schnell choreographierten Auftritten zusätzlich für Partystimmung und dezent eingesetztes Laser-Licht für »Oho’s« im Publikum.

Die ließen sich die begeistert jubelnden Fans nicht mal von der miserablen und gesundheitsgefährdenden Beschallung vermiesen. Das war ein einziger Klangbrei, der da in Telefonqualität aus den Boxen dröhnte. Vom Baß war ebensowenig Differenziertes zu vernehmen wie vom Schlagzeug oder der Original-Hammondorgel, die einer der drei Keyhoarder drückte. Lediglich die Höhenanteile des Gesangs- und Gitarrensounds kamen durch – so sehr, daß es körperlich schmerzte. Dennoch: Die guten Vibrationen siegten am Ende bei allen. (mpg)

James Brown: Immer noch „Mister Dynamite“

Gebeugt und ausgelaugt sah die Soul-Legende aus, als sie sich in einen hlauen Glitzermantel gehüllt vom Ansager von der Bühne führen ließ. Das war nur Schau: Kaum war James Brown hinter den Boxentürmen verschwunden, raste er wie ein Teenie wieder auf die Mitte der Bühne und rührte kraftvoll »Please Please nie«.

Der »Gottvater des Soul« meldete sich nach längerem Gefängnisaufenthalt 63jährig in Stuttgarts Schleyerhalle zurück — und rund 3 500 Besucher applaudierten dem Funk-Musiker, der seit mindestens 20 Jahren Legende ist.

Da war nichts von Müdigkeit oder Ausgebranntsein zu spüren. Wie eh und je dirigierte Brown mehr als zwei Stunden lang mit knappen Handbewegungen seine bestechend professionelle Band, kreischte, schluchzte und schrie seine Lieder inmitten von sieben Tänzerinnen heraus und führte die Zuhörer durch ein »Best of«-Programm.

»Living in America« und »I’m bad« ganz zu Anfang der aufwendigen, aber nie protzigen Show waren die neuesten Songs; ansonst griff James Brown (und das war gut so) ganz tief in den musikalischen Fundus seiner 38jährigen, wechselhaften Karriere.
»Funky good time«, ,»It’s a man’s, man’s world«, „Try  me«, » „Prisoner of Love“, »Cold Sweat«, »Papa’s got a brand new bag«, »Please, Please me« und, natürlich, »Sex Machine« — Brown ließ keinen seiner Hits aus und sang die zum Teil 40 Jahre alten Lieder so, als ob sie ihm gestern eingefallen wären.

Die Band spielte klassischen Rhythm ’n‘ Blues, Funk und Soul schnörkellos und ohne technische Mätzchen. Der Meister ließ es sich nicht nehmen, selbst in die Tasten der betagten Hammond-Orgel zu greifen und würdigte in einem Medley große Kollegen von B. B. King über Sam Cooke bis hin zu Jimi Hendrix.

Nicht, daß James Brown irgendetwas Neues zu Gehör gebracht hätte. Das Konzept und die Inhalte seiner Schleyerhallen-Show sind seit Jahrzehnten bekannt und oft kopiert worden. Prince und Michael Jackson sind die bekanntesten der unzähligen Künstler, die von »J. B.« gelernt hahen. Aher, und das zählt viel, die Kämpfernatur Brown war auch nicht viel schlechter als zu seinen allerbesten Zeiten Mitte der 60er.

Und viel, viel besser als seine beiden Vorgruppen — die von der Berühmtheit her eigentlich beide für ein eigenes Konzert gut genug gewesen wären. Die britischen Jazzfunker von »Incognito« und das Disco-Projekt »Soul II Soul« um den Studiotüftler Jazzie B. verblaßten angesichts der Energie und Perfektion, mit der James Brown und seine Truppe auftraten.

»Incognito« überzeugten mit 70er-Jahre- Musik (»Pick up the pieces«), die für die Disco-Tanzfläche gemachte Synthetik von »Soul II Soul« klang dagegen in der Schleyerhalle extrem schludrig und ließ keinerlei Stimmung aufkommen. Gegenüber der musikalisch wie optisch ausgereiften Show James Browns wirkten die »Soul II Soul«-Rhythmen aus dem Sampler geradezu lächerlich. (mpg)