Schlagwort-Archive: Reutlinger Mundart-Wochen

Manfred Hepperle: Schwäbische Bruddeleien

Manfred Hepperle »zieht«: Die beiden Gastspiele des oberschwäbischen Kabarettisten bei den 24. Reutlinger Mundart-Wochen im Spitalhof waren ausverkauft – am Samstag hätte Organisator Wilhelm König sogar ein paar Gäste abweisen müssen: »Aber des sind Hessa gwä – die kosch doch et hoimschicka!«

Hepperle, der sich schon in der Vergangenheit immer als »Dauerbrenner« erwiesen hatte, zeigte sich rund zwei Stunden lang als virtuoser Meister gereimter schwäbischer Satiren; die Zuschauer dankten es ihm mit permanentem Gekicher, viel Szenen- und sattem Schlussapplaus. »Wohin man auch schaut, der Umsatz stagniert, s’wird nur noch geklaut«, meinte der »Bruddler« – und hatte mit dem nächsten Satz gleich ein paar Fans mehr: »Sie sind trotzdem gekommen, das Haus ist voll, Sie sparen woanders, das finde ich toll.«

Nicht so toll findet er offensichtlich die europäische Union: ». . . wie die unser Geld verplempern in Brüssel – die haben doch einen Sprung in der Schüssel«. Und nicht nur dort sitzen laut Hepperle lauter Nichtstuer – auch über die Rechtschreibreform zog er in deutlichen, vom Publikum heftig belachten Reimen her: »Der deutsche Bürger soll es wissen, wir haben wieder klug geschissen«, liess Hepperle einen Beamten sagen. Aber mit Funktionären und Funktionierern sei’s wie »mit der Gabler-Orgel in Weingarten – die grössten Pfeifen tönen am lautesten«.

Der Kabarettist berichtete von einem »Nachwuchsseminar in Bad Boll«, wo er und Jürgen von der Lippe die jüngsten Teilnehmer gewesen seien – und zeigte hier auch in raffinierten Limericks sein Reim-Talent.

Einer der Höhepunkte war der »Besuch im China-Restaurant« – ein »Drama in vier Gängen«. Der »Erstversuch mit jenen Stäben/ging essentechnisch voll daneben« – und als immer mehr Glasnudeln auf der Krawatte des Nachbars landeten, musste der Schwabe bestürzt feststellen: »Noch schmaler ward‘ sein Augenpaar, obwohl er schon Chinese war«.

Witzig geriet Hepperle auch ein Gedicht übers saunieren (». . . und es fliesst der Schweiss in Strömen wie die Wolga durch Böhmen«) oder die Betrachtungen über Opern im Allgemeinen und die bei den Bregenzer Seefestspielen im Speziellen: »15 Mal hot der >ich liebe Dich< gsunga, i han mitzählt, do wor i jo no wach«. Und: »Neban dän Zuschauern kommen do au hunderttausend Stechmücken – manche schon zum vierten Mal«.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Christoph Sonntag: Leicht angegraute Witze

Christoph Sonntag ist glattrasiert, seine Witze dagegen haben einen Bart: Die Inhalte seines Programm »Kein Volk, ein Teig, ein Rührer« sind alles andere als taufrisch. Trotzdem kam der Waiblinger Possenreisser jetzt bei seiner ersten Vorstellung im Rahmen der Mundart-Wochen vor 170 Besuchern recht gut an; der Wiederholungsabend im »Foyer U3« am Freitag war sogar ausverkauft.

Wie der Mann zu dem Attribut »Schwertgosch« gekommen ist, war in den beiden Gastspielen nicht so recht nachvollziehbar; im Foyer hangelt er sich, allzu routiniert, von einem müden Scherzchen zum nächsten. »Ja, wie sind Sie denn nach Reutlingen gekommen, haben Sie die Ausfahrt verpasst?«, »baggert« er Zuschauerinnen in der ersten Reihe an — und andere fragt er, als er einen Knöpfchen-Drücker fürs sozusagen interaktive Bühnenlicht sucht: »Wären Sie bereit, morgen 15 Mark an eine karitative Einrichtung zu überweisen, wenn sie’s jetzt nicht erwischt?«.

Später mimt er einen »hochentwickelten Sprachkatalysator mit innenliegender Westerwelle«, der weiß, daß ein Papierkorb eigentlich ein »Wertsstoffsafe« ist. Hihi, was haben wir gelacht!

»Tut das weh? Nein? Soll aber!«, fragt und bekennt er als »Zahnarzt Dr. Sonntag«.
Die Mitglieder einer deutsch-französischen »Forz de frappe« gehen nach der Parole »Brutalite, Massacre, Malventee« vor, und auf dem »Fundamt für peinliche Verluste« nimmt der Regalverwalter ein himmlisches Gespräch mit dem gerade verstorbenen Franz-Josef Strauß entgegen. Wie gesagt, das Programm ist nicht neu.

Völlig in den Klamauk driftet Sonntag in einer schlecht überzogen dargestellten Gruppentherapie-Veralberung ab, wo irgendeiner ein schweres Problem mit dem »Hinter-Du« und »Seiten-Ich« hat. Kaum besser das »Experiment der grossen Koalition«, für das Sonntag wenig gekonnt einen Chemielehrer mimt, der große Gläser mit rot-grün-gelb-schwarzen Substanzen zusammenmischt. Zusammengemischt gibt’s dann auf der Bühne den grossen Knall – wenn’s doch nur in Wirklichkeit so einfach wäre..

Aber, wie gesagt, die Leute lachen über derlei humoristische Untiefen, wenn auch öfters mit hörbaren Anlaufschwierigkeiten. »Never change a winning team«, ist eine goldene Geschäftsregel der Amerikaner. Herr Sonntag wäre ja schön blöd, ein neues Programm zu schreiben, solange noch irgendjemand über die alten Witze lacht. Oder?

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Erotic Explousch’n: Schwäbisch isch beautiful

Viel zu lachen hatten die Besucher der Reutlinger Mundart-Wochen am Samstag im völlig ausverkauften Spitalhof: Die wie immer heftig, aber virtuos blödelnden Musik-Kabarettisten »Erotic Explousch’n« gastierten mal wieder in Reutlingen und bei Wilhelm Königs Veranstaltungsreihe. Und wie (fast) immer, wenn Dieter Waldmann — der hintergründig stille — und sein sich weitaus extrovertierter gebender Kumpel Lothar Hasl auftreten, wurden die Zuhörer blitzschnell zu Fans.

Die beiden klimpern auch im 24. Jahr gekonnt auf der Humor-Klaviatur — das Erstaunliche dabei ist, dass die Routine, die die beiden haben müssen, kaum negativ auffällt: Das naiv-überraschte Lachen von Hasl, als sein Kumpel ihm ein Ständchen zum 40. Geburtstag (der auch schon wieder ein Weilchen her ist . . .) vorsingt, scheint völlig echt — und überhaupt können die Schwaben-Blödler augenscheinlich mindestens so sehr über ihre nicht immer taufrischen Gags lachen wie das restlos begeisterte Mundartwochen-Publikum. Aber wahrscheinlich haben die beiden inzwischen ein so grosses Repertoire, dass selbst ihnen die alten Witze beim Humor-Recycling völlig neu vorkommen…

Den Eingangs-Gag über ihre Heimat Althengstett zum Beispiel bringen Hasl und Waldmann (sie sprechen »nicht schwäbisch, weil sie das bewusst so machen wellten«…) zum Beispiel so, als spielten sie ihn zum ersten Mal: Ein Nachteil der provinziellen Herkunft, so Hasl, sei, dass er »bis heute noch nicht die Fahrkartenautomaten in Stuttgart verstehe«.

Aber »Schwäbisch isch beautiful, schwäbisch isch schee« — da stimmen die Gäste im Spitalhof zu und klatschen zum ersten von vielen Mitgeh-Songs mit. Einverstanden sind wohl auch die meisten mit Hasls Erkenntnis, dass »das Läben ein oinziger Zerbreselungsbrotzäss isch«, und das Alter, »wo mr‘ sich bewusst fünf, sechs Abende im Jahr ‚raussucht, wo man wachbleibt«, haben die meisten auch schon erreicht.

Schwerpunktmässig kokettieren die beiden junggebliebenen Musik-Komiker mit ihrem (fortgeschrittenen) Mittelalter, egal, ob’s vordergründig ums Thema Telefonsex — »Da hoisst’s >Du kannst mit mir über alles reden<, und wenn d‘ se no bittescht, dir den Satz des Phytagoras zu erklären, no schtehnt die – do koscht au a Luftmatratz uffpombe« — oder um die nachlassende Lockenpracht des Herrn Hasl geht.

Ansonsten beleuchten die beiden Schwaben — wie immer — die kleine schwäbische Welt. Da ist’s ein grosses Drama, wenn auf der Skihütte nachts um halb elf das Bier ausgeht — und ein noch grösseres, wenn »Frau Nägele« — »in Esslinga, do, wo’s Läbe so richtig bulsiert« — wieder mal mit der Kehrwoche nicht zufrieden ist. Dabei hat
Lothar doch so schön die Schachtdeckel poliert, das Scharnier der Briefkastenklappe mit Nähmaschinen-Öl geschmiert und den Gartenzaun mit Möbelpolitur auf Hochglanz gebracht…

Neben einfachen Blödel-Künsten bringen die beiden — etwa in den »Bewegungsgedichten«, oder, fast schon dada-mässig angelegt, in der überaus witzigen Geschichte vom armen, frierenden »Hustenbäumlein«, das sich den beiden nach einer Kneipentour in den Weg gestellt hat — auch komplizierteren Humor, bei dem die Lacher dann nicht ganz so schnell, aber trotzdem sehr laut kommen.

Und ab und zu (aber das bleibt die Ausnahme) gibt’s auch »richtig ernsthaft« gemeinte Sozialkritik. Etwa, wenn sich Hasl über das »ewige Gejammere« beschwert (»No gugschd amol, wie die Masse am Samschtich d‘ Fernseher aus ‚m Elektromarkt raustraga«), oder beim Thema »Kabelfernsehen«: »Do gibt’s ja mehr Sendungen als Meldungen«, erkennt er ganz richtig. Und auch mit der Erkenntnis, dass von so mancher vielteiligen Seifenoper zwei Wochen später nur noch die Lasagne-Werbung im Gedächtnis geblieben ist, steht er sicher nicht allein da. So schallend wie an diesem Abend bei »Erotic Explousch’n« hätten die Reutlinger beim samstagabendlichen Humor-Angebot vor der Glotze mit Sicherheit nicht gelacht.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Hepperle: Das Lametta halbiert

Das Reutlinger Alber-Haus war voll wie schon lange nicht mehr — und ebenfalls wie früher durften die Fans schwäbischer Mundart bei Wein und Hefezopf an Tischen sitzen. »Wenn’s hoißt, die Mundartwocha send nemmr des, no schdelld dr‘ Kenig Tisch ond Wein na und s’isch wia früher«, meinte der Organisator der Mundartwochen. Wilhelm König dachte am Mikrofon auch laut über einen eigenen Raum für Mundartliches nach: »A oigens Theahtr — dees wär’s doch!?

Im Alber-Haus ernteten Manfred Hepperle und seine Mitspieler Gabi Walser, Wolfgang Engelberger und Franz Kesenheimer lauten Beifall und noch  mehr leises Gekicher und Schmunzeln für ihre Mischung aus gespielten Sketchen und Gereimtem…

»Wohin man auch schaut/der Umsatz stagniert/s‘ wird nur noch geklaut«, reimte Hepperle — und bedankte sich knitz bei seinen Zuhörern: »Sie sind trotzdem gekommen/das Haus ist voll/Sie sparen woanders/das finde ich toll«.

Im »Treibhausgedicht« nahm sich Hepperle der Pflanzenchemie an, später stritt er sich in einem Sketch mit einem pflichtbewußten Bahnbeamten darüber, »ob denn zwoimal oifach dasselbe fischt wie oimal zwoifach ond hi ond zurück«. Nachdem solcherlei existentielle Fragen geklärt sind, ist »der Zug sowieso grad‘ naus«…

Viel Gelächter bekamen die oberschwäbischen Mundart-Kabarettisten — aus der Gegend kommen überraschend viele Witzbolde — auch für jene Szene, in der ein Mann mit Hund zur Party geht und seinem Gegenüber die allerfeinsten Speisen aufzählt. Irgendwann ist klar, daß die Leckereien nur für die Vierbeiner sind — »fir uns Besitzer geiht es Leberkäs«.

Hepperle erzählte auch von einem mißlungenen Vatertagsausflug: »Dr Hugo hot neie Läbensgefährtin drbei ghet, a Tiblohmbsichologin. Die hot a Thermosflasch Pfefferminztee mitbrocht. Also, mit Ewald kamm’r älles kaputtmacha«.

Den »Ehrentag«, an dem der Opa die verkniffene Rede seines erbsüchtigen Sohnes mit stoischer Ruhe erträgt, beklatschten viele mit Kennermiene. Witzig auch Hepperles festliche Sparvorschläge. Das mit dem »Basis-Set« aus England war wohl nichts: »Dies‘ Johr hemmr Maria und Josef kriagt, nächschts kommd’s Christkind«. Aber die Lieferbedingungen sind in fremder Sprache »ond was, bitte, send denn »se sri holli gouschts??«

Weil die britische Krippe doch zu teuer war, »hemmr’s Lametta halbiert — dr‘ Länge noch«. Das war auch keine gute Idee, meinte Hepperle, denn: »Broidere Lametta schmeißen schon mähr Licht in dia Finschternis, nicht wahr?«

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 14. März 1994