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Jeff Mezzrow: Rock-Power pur

Der US-amerikanische Gitarrist Jeff Mezzrow müsste hier in der Gegend eigentlich fast schon so bekannt sein wie der sprichwörtliche bunte Hund – schließlich haben Jeff und seine »Mezz Band« seit Jahren so etwas wie ein Auftritts-Abo im Meidelstettener »Adler«.

Und weil der Rocker zumindest dort und in anderen Clubs der Region noch nie ein auch nur ansatzweise langweiliges Konzert abgeliefert hat, wundert es schon ein bisschen, dass der Publikumszuspruch jetzt im Reutlinger »Rappen« eher schlecht als recht war.

Jeff lieferte — in sparsam-effizienter Triobesetzung — das, was man von ihm kennt: Klassisch arrangierte, abwechslungsreiche Rock-Stücke mit viel Power.

Dabei stand natürlich auch diesmal die gekonnte Saitenarbeit des Chefs im Vordergrund, der Tieftöner der Dreierbande fügte aber mit seinem dezent punkigen Spiel (mit Plektrum) eine deftige, ebenfalls im schönsten Sinn rotzige Note hinzu: Das Ganze geriet vielleicht stellenweise etwas zu laut und dröhnend — aber ein gutes Clubkonzert war’s trotzdem. (-mpg)

Steve Schuffert: Bluesrock, mitreißend

Ein wirklich mit- und hinreißendes Blueskonzert gab’s am Dienstagabend im Reutlinger »Rappen« zu erleben.

Zu Gast war wieder US-Gitarrist Steve Schuffert mit seinem Trio. Die, die beim letzten Konzert schon mit dabei waren, wußten schon vorher, was kommt: Steve und seine exzellent arbeitenden Begleiter Matt Carmichael (Schlagzeug) und Bassist Pete Tomarakos brachten die verschiedensten Blues- und Bluesrockspielarten kompakt, mit viel Biss und Drive — und auf allerhöchstem Niveau.

Egal, ob bei eigenem Material (mal klassisch Chicago-mässig, mal schwer Boogielastig oder auch in bester Rock-’n‘-RollTradition) oder bei den vier Covertiteln (einer von Elmore , James plus »Blackbird« und »Day Tripper« von den »Beatles«): Steve und sein Trio können nicht nur zuhause, sondern wohl überall auf der Welt mithalten.

Nicht nur der anwesende Blues-Mann Jeff Mezzrow war begeistert — auch das Publikum im diesmal bestens gefüllten Keller erklatschte sich  drei Zugaben. Nach einem Hendrix-Cover verabschiedete sich die »Steve Schuffert Band«. Für’s Erste. Nächstes Jahr wollen die drei wiederkommen. (-)mpg

Podewitz: Chaos-Komiker

Heftiges Geschiebe im Reutlinger Rappenkeller, diesmal aber nicht wegen Überfüllung bei den Reutlinger Kleinkunsttagen: Der Abschlußabend mit dem Duo »Podewitz« war nicht ganz ausverkauft — aber mit denen, die da waren, spielten die Komiker-Brüder aus dem Ruhrpott kurzerhand Groß-Schach.

Dieses Chaos fanden die Besucher sehr lustig — und auch die Idee von Peter, die Gäste »ihre Pause mit Applaus verdienen« zu lassen, kam an. Sein Bruder Willi, nicht nur »gelernter Langzeitarbeitsloser«, sondern auch noch »Teilzeit-Lyriker«, wollte nämlich Gereimtes vortragen: »Wenn ihr nicht klatscht, gibt’s Strafgedichte«, drohte Peter, »tut es nicht für Euch, tut es für mich — ich muß mir das dauernd anhören . . .«

Als Nato-Truppenführer schnauzen »Podewitz« ihr Publikum gleich zu Beginn an, inszenierten später ein »Frühstücksradio« auf »Welle Methusalem«: »Einen schönen guten Morgen«, flötet der Moderator, »alle, die uns heute zuhören, haben wieder eine Nacht überstanden«. Bevor’s dann »Schnitzel aus der Schnabeltasse« gibt, darf im Workshop gebastelt werden. Der Kurs, den »Podewitz« vorschlagen, heißt »Vom Joghurt bis zur Selfmade-Urne«.

Zwischen all den harmlosen Flachwitzchen blitzt auch bei »Podewitz« immer wieder ein Quentchen Tiefsinn auf. Etwa, als Willi einen Boxer mimt, der »in Wirklichkeit« der Papst ist. Da »geht’s dann immer voller Kanne auf den Glauben«; Bruder Peter dämpft mit Ironie eventuellen Übermut im Ring: »Vergiß‘ nicht, Du bist nur der Stellvertreter!« (-mpg)

Nestbeschmutzer: Ungleiches Duo

Ob Pat und Patachon, Dick und Doof oder Don Camillo und Peppone — wenn zwei ungleiche Figuren aufeinandertreffen, entsteht oft Spannung und Komik. Auch die Freiburger »Nestbeschmutzer«, die jetzt bei den »Reutlinger Kleinkunsttagen ’97« im Keller der Rappen-Gaststätte auftraten, spielen erfolgreich mit Gegensätzen. So gekonnt, dass eine Lachsalve nach der anderen das ausverkaufte Gemäuer erschütterte.

Dem einen (Gerd Weismann mimt ihn) ist sterbensübel, er bittet die Zusachauer, »ja nicht zu lachen« — weil sein »Körper einfach Stress macht«. Nach spätestens zehn Minuten ist jedem klar, dass da ein waschechter Hypochonder herumjammert.

»Gerd, nicht dein Arsch ist die Welt, sondern die Welt ist im Arsch«, formuliert sein Partner Frank Sauer. Der weiß erstens, dass Jammern nichts nützt und zwotens (fast) alles besser: Die Menschen sind an allem Übel der Welt schuld, weil sie nicht an einem »Ort bleiben und sich alleine unterhalten« können.

Und vielleicht wäre ja — das legt Sauer später mit witzig verfälschten Bibelzitaten nahe —, »ein Gottesstaat auf der gesetzlichen Grundlage des Alten Testaments« die Lösung aller Probleme? Jedenfalls haben »sich die Bayern bereiterklärt, in den Schulen die Kreuze abzuhängen, wenn sie dafür Verfassungsrichter aufhängen dürfen…«

Gerd geht diese ganze Politisiererei gewaltig auf den Wecker, pardon: auf Milz, Leber, Magen, Lunge… »Komm, jetzt verzähl‘ noch a paar Witz‘ und dann tschüss«, muffelt er im breitesten Badisch. Weil’s ihm reicht, muss sein Partner nach der Pause erstmal alleine weitermachen.

Aber als Weismann dann wieder — seltsam gestärkt — auf der Bühne steht, wird Frank Sauer plötzlich schlecht. In der Sprudelflasche, aus der er vorher trank, war nämlich gar kein Apfelsaft, sondern… »Eigenurin — ist eigentlich ’ne prima Sache». Der sieche Weismann ist von den Halbtoten wiederauferstanden, freut sich (unter heftigstem Gewieher des Publikums) diebisch, dass jetzt »die Sache in aller Munde ist«.
Die beiden Kleinkünstler spielen sich auch mit viel darstellerischem Witz routiniert die Pointen zu — und überzeugen das lachfreudige Publikum mit ihrer oft clownesken Komik.   (-mpg)

Lioba Albus: Spitze Pfleile, platte Lacher

Mag sein, dass die klassischen Brettl-Künste in unserer unterhaltungssüchtigen Epoche von zeitgeistigen Turbulenzen arg durchgeschüttelt werden und Veranstalter wie Künstler im Comedy-Hoch ein geistiges Tief feststellen.

Die Kleinkunstbühne im Rappen ist mit ihren –  ganz schön traditionsreichen – »Reutlinger Kleinkunsttagen« vom daraus resultierenden allgemeinen Zuschauerschwund indes kein bißchen betroffen. Alle Veranstaltungen — bis auf die mit Peter Vollmer (heute) und Podewitz am Samstag — sind schon ausverkauft.

Am Sonntagabend gastierte die Schauspielerin und Kabarettistin Lioba Albus im Rappenkeller. In ihrem Typen-Kabarett »Ich bin die Perle — ihr die Sau« verband die Künstlerin mit sehr großer Wandlungsfähigkeit literarisch-satirischen Anspruch mit vordergründiger Schenkelklatsch-Komik.

Dass Albus als dauerquasselnde Sauerländerin »Mia Mittelkötter« Golfsport langweilig findet »weil es nichts Schlimmeres gibt, als stundenlang fremden Männern beim Einlochen zuzusehen«, ist so recht nach dem Geschmack einiger gnadenlos amüsierwilliger Gäste männlichen Geschlechts.

Aber dieser und eine Handvoll ähnlicher Flachscherze sind glücklicherweise nicht repräsentativ für das sechste Soloprogramm der Künstlerin. Und den einen Gast, der immer wieder nachhaltig ziemlich dummdreist dazwischenquatscht und sie einmal damit sogar völlig aus dem Text wirft, stellt sie mit spitzen Spontan-Pfeilen schnell kalt: »Ist das Ihrer? Mein Gott — schon erstaunlich, was sich Frauen heute alles antun!«.

Lioba Albus macht sich Gedanken über die staatstragende Funktion der Ehefrauen der Fußball-Nationalspieler, wenn die am Abend vor dem Spiel »in gesamtdeutscher Verantwortung den Mann entsorgen«. Zum Thema »Wehrpflicht« schlägt sie vor, die Männer nicht »in jungen Jahren den ganzen Tag zusammen unter der Dusche stehen zu lassen«, sondern »sie erst mit 45 einzuziehen. Da werden sie nämlich wirklich lästig und unausstehlich. Außerdem — überlegen Sie mal, wieviel Pflegegelder da eingespart werden könnten . . .«

Im übrigen hat Lioba Albus den »Busen als Waffe« längst erkannt und formuliert »Die Bombe ruht friedlich im Wonderbra, wunderbar«. Später spielt sie — mit schwarz-rot-güld’nem Strumpfband, bittesehr — eine knallharte Domina, die das heruntergekommene Ego irgendeines vom Sponti zum »Ministerchen« avancierten imaginierten männlichen Volltrottels wieder aufpoliert.

Bitterböse gerät eine Nummer, in der sie sie als Schwangere für das Austragen des Kindes »drei Jahre Vollzeit-Vaterschaft« fordert und bereit ist, »dauerhaft auf Mann und Kind zu verzichten, wenn die im Gegenzug keine Alimente fordern«. — Wie beim ähnlich gelagerten Kollege Ingo Appelt scheint auch bei Albus »Provokation heute eher ein Mittel der Erziehung zu sein als das Aufklärerische«. Im »Rappen« kamen ihre Unver-
schämtheiten jedenfalls prima an. (-mpg)

Johann Christof Stolle: Literarisch ausgefeilt und bitterböse

Um zehn Uhr öffnet der Bürgermeister das Fest, um fünf wird der Ministerpräsident erschossen — es war die Idee der Vereinsjugend, zum Jubiläumswochenende einen Bürgerkrieg anzubieten. Sonst ist ja nix los — »und schließlich ist Krieg ja auch ein Forum von Kommunikation«.

Johann Christof Stolle hatte für sein viertes Kabarettprogramm die glänzende Idee, alltäglich wiederkehrende Kriegs-und andere Zynismen im Rahmen eines vertrauten »Festwochenendes« zu spiegeln. Der Kabarettist aus München spielte sein viertes Programm in Reutlingen zum allerletzten Mal — vor einem gefesselten und wohl auch betroffenen Publikum…

Sein Gastspiel zum Abschluss der diesjährigen Kleinkunsttage war ein Höhepunkt nicht nur der Kabarettabende des »Rappen«: Satire pur, überaus vielschichtig erdacht, bitterböse und fein formuliert immer treffend.

»Bei dem weiß ich gar nicht, ob ich wirklich lachen darf«, meinte eine Zuhörerin in der Pause — großes Kompliment für Stolle, der mit großem schauspielerischem Können nicht auf platte Lacher setzt, sondern auf die manchmal verzögert einsetzende Wirkung seiner Worte.

Die ist heftig, wenn der Kabarettist über Pauschal-Abenteuerurlaube zum Uno-Hilfskonvoi nachdenkt oder als Kriegsberichter erkennt: »Stell dir vor, es ist Krieg und keiner schreibt mit…«

An der Schreibmaschine — der Leitartikel »Wie hat es soweit kommen können?« wartet darauf, geschrieben zu werden — , kommt der Mann ins Fantasieren: »Letztendlich ist so ein Bürgerkrieg ja gar nicht so schlecht, ein Selbstreinigungsprozess gewissermaßen, die Schlacke wird verheizt …«
»Schreib‘ mal wieder ’nen Bekennerbrief« — zwischendurch singt Stolle zur Gitarre tiefschwarz-witzige Moritaten. Aber aus einem umfassenden Bürgerkrieg kann nichts werden: »Wir Deutsche sind nicht für Revolutionen zu haben, wir machen hier Pogrome.«

Vom »sehr guten Dernierenpublikume im fast schon überfüllten Rappenkeller bekam Stolle nach einer deutlichen Atempause viel Beifall für seinen künstlerisch so überzeugenden Rundumschlag. Die Bitte nach einer Zugabe musste er abschlagen: »Da bin nicht ich schuld, das steht so im
Text, der Autor, wissen Sie…«

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 02. November 1993

Martin Schneider: Mit Handkäs‘ zur Erotik

»Die geheimen Top-Tips der Erotik« waren im Reutlinger Rappenkeller bei den Kleinkunsttagen angesagt. Martin Schneider, gern gesehener Brettl-Gast in der Region, zeigte im rappelvollen Gewölbekeller die Zusammenhänge zwischen Handkäse und dem »Ätherleib«. Der wird bei dem hessischen Satiriker zum »Eddaleib« und schon über den überzogen phrasierten Dialekt lachten die Zuschauer kräftig.

Noch mehr lachten sie über die unglaublich dummen Gesichter, die Schneider als ehemaliger Discjockey für Weichspülmusik im Supermarkt und jetziger Sex-Workshopleiter hinbekam. Dass er samt seinem »Walter« — so nannte Schneider den »Ätherleib« — mehr schwer erheiternd denn leicht erotisierend auf die Reutlingerinnen gewirkt hat, kann nur an der Enge des Raums — »das ist nicht so gut, da wird der Ätherleib eingeklemmt« — gelegen haben.

Schneiders Top-Tip zur Unwiderstehlichkeit: Das Gegenüber einfach mit weit vorgeschobenem Unterkiefer (»zur Öffnung des Wurzelchakras«) anmachen. Sieht ja auch dermaßen intelligent aus…

Schneider setzt auf sein komisches Talent, ätzende, gar nach althergebrachter Kabarett-Art politisierende Worte kommen ihm selten über die Lippen. Seine Mimik ist herrlich doof — und seine Nummern sind solche von Trotteln, von konsequent zu Ende gedachter Blödheit.

Und über Trottel lacht ja jeder gerne. Tränen gelacht haben manche, als Schneider babbelnd erzählte, dass er weiß, »wenn eine Frau mit Netzstrümpfen an der Bar was von mir will, fragt sie nach Feuer«. Als endlich mal eine was von dem Handkäs‘-Gestärkten will, muss der passen: »Es hat alles gestimmt, nur Netzstrümpfe hat sie keine angehabt. Ich bin dann nach Hause gegangen.«

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 28. Oktober 1993