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Djamel Laroussi: Rai-Weltmusik der Sonderklasse

Wer am Samstagabend im Reutlinger »Nepomuk« mit dabei war, wird zustimmen: Das Konzert mit dem algerischen Multiinstrumentalisten Djamel Laroussi und Band war ein außergewöhnlich gutes – konzert-technisch weniger abgebrühte Zuhörer als der Szene-Tonspion düften glatt die berühmte »Sternstunde« bemühen, ohne rot zu werden.

Der Mann, der nach zwei exzellenten Platten in Frankreich schon in der entsprechenden Szene eine Berühmtheit ist, schickt sich jetzt an, auch den deutschen Markt zu erobern.

Das dürfte für den Musiker, der in Köln studiert hat, auch problemlos klappen. Im »Nepomuk«, wo die kleine aktuelle Deutschland-Tour startete, waren die Zuhörer jedenfalls restlos hin und weg – und machten bei dem auch dramaturgisch ausgezeichnet getimten Konzert von Anfang bis Ende begeistert mit.

Laroussi – selber auf verschiedenen Saiten- und Schlaginstrumenten zu hören – und seine durchweg auf internationalem Spitzen-Niveau musizierenden Bandmitglieder brachten mehr als zwei Stunden einen in jeder Hinsicht höchst spannenden, ,originär und deswegen auch entsprechend frisch klingenden Mix aus Rai, enorm viel Funk, Latin-Elementen, Reggae, Soul und Pop.

Dabei verliert sich Laroussi sowohl als Komponist wie auch Interpret nicht in Wischiwaschi-Beliebigkeit; im Gegensatz zu – beispielsweise – Youssou N’Dour vermeidet er auch zuckrigen Pop vollständig.

Stattdessen gibt’s so eine Art algerischen Power-Funk-Jazz zu hören und dermaßen komplexe Rhythmen und Rhythmuswechsel, dass Frank Zappa nichts als die reine Freude daran gehabt hätte.

Laroussis Band ist unbedingt präzise, sein Bassist und der exzellente Sopransax- Spieler wären im »Nepomuk« schon für sich alleine das Eintrittsgeld wert gewesen. Dazu kam eine Rhythmusgruppe, die es in sich hatte – und eben der charismatische, gut aufgelegte und vor allem stets mit und im Publikum kommunizierende Chef: Das war ein Szene-Ereignis, das haften bleibt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Khaled: Pop-Verführer

Daß es kein ganz normaler Tübinger Pop-Termin war, merkten die Besucher schon an der Schlange vor der Mensa Wilhelmstraße: So voll wie beim Konzert mit Khaled aus Algerien war die nämlich schon lange nicht mehr — und im Programmreigen des diesjährigen »Tübinger Festivals« vom »Zentrum Zoo« stieß bisher kein anderer Künstler auf größere Resonanz.

Ebenfalls nicht an der Tagesordnung sind in der Unistadt die vergleichsweise scharfen Eingangskontrollen durch Sicherheitspersonal — und massive Absperrgitter wie bei einem großen Openair-Event sieht man dort auch nur selten.

Aber Khaled ist halt nicht nur ein freundlich lächelnder Popsänger und Musiker, sondern auch Idol einer großen Menge freiheitsliebender Algerier; musikalisch wie auch in seiner Person symbolisiert er für viele ein anderes Algerien jenseits der totalitären Staatsmacht und dem Fanatismus religiöser Fundamentalisten. Seit gut 15 Jahren darf er in seiner Heimat überhaupt nicht mehr auftreten — und selbst Auslandskonzerte sagt er aus Angst vor Anschlägen immer mal wieder ab. Zum Beispiel letztes Jahr auch einen Auftritt bei den Stuttgarter »Jazz Open«.

Da kann man die erhöhte Anspannung der »Security«-Leute schon verstehen. Nicht nachvollziehbar (und selbst bei als »zickig« bekannten Mega-Stars unüblich) ist dagegen, daß Bildjournalisten an ihrer Arbeit gehindert werden. Und einen Gast, der wie viele mit einer Amateurkamera einen Schnappschuß machen will, behandelt das Sicherheits-Personal ziemlich rüde und zieht den Film ein . . .

Diese Szenen paßten gar nicht zu der schmuseweichen Stimmung, die Khaled und seine bis zu neun Mitstreiter musikalisch auf der Bühne verbreiteten. Mit Politik haben seine Songs direkt nichts zu tun, sagt er selbst: »Der Rai handelt von der Liebe und den schönen Dingen.« Und so kommen denn auch keine anderen als harmonische Tonkombinationen vor — der Arab-Pop, den Khaled und seine vollprofessionell, aber emotional etwas unengagiert auftretenden Begleiter spielen, ist selbst für Ohren, die diese Skalen eigentlich gar nicht gewohnt sind, leicht geniessbar.

Zumal Khaled — wie auch bei seinem »Theaterhaus«-Auftritt vor zwei Monaten — die weltweite »Massentauglichkeit« seiner Musik anscheinend noch betonen will. Nicht etwa musikethnologisch Markantes gibt’s zu hören, sondern gutgemachte »World Music« im kommerziellsten Sinn. Mal blubbert die Band zu den Viertelton-Eskapaden des Chefs in sanften Pop-Reggae-Rhythmen, mal zitiert sie Rock-Allgemeinplätze – oder beweist mit knackiger »echter« Bläser-Section, daß sie auch in Sachen Pop-Funk mit den von Quincy Jones und Co. gesetzten US-Standards mithalten kann und will.

Und zumindest die vielen Landsleute des Rai-Stars im größtenteils weiblichen Publikum sind hin und weg vor Begeisterung — in den ersten Reihen direkt vor der Bühne herrschen Gedrängel und Euphorie wie sonst eigentlich nur bei Teeniepop-Ereignissen: Khaled hat auch in Tübingen gezeigt, daß er der Superstar Algeriens ist. (-mpg)