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Alan Bangs: Ein Mann für lange Nächte

Martin Gerner unterhielt sich mit Radiomoderator Alan Bangs.

Die legendären »Rockpalast«-Nächte sind schon lange vorbei, kein »Hi« mehr im »Nachtrock«-Radio Dienstagabends. . . Was machst Du?

Alan Bangs: Jemand hat mir geschrieben, er hat ein Band zusammengeschnitten, wo ich nur »Hi« sage. . . (lacht ungläuhig und ein bißchen skeptisch) . . . jedes »Hi« hat er neu zusammengeschnitten . . . ich hab‘ das nicht gehört, ich will es auch nicht anhören.
Im Moment mache ich nur eine regionale Hörfunksendung, die heißt »The Alan Bangs Connection« und läuft immer Samstag abends auf WDR 1, von 22.05 Uhr his Mitternacht. Da kann ich machen, was ich will.. .

Sehr schön!

. . . deswegen habe ich letzte Woche unendlich viel erzählt über meinen Urlaub auf Mallorca und dazu Musik gespielt. Also ein klein wenig anders als diese »Nachtrock«-Sendung, die immer eine Art Kompromiß war. Was ich sonst mache? Nichts! (lacht) Nein — ab und zu mach‘ ich was. Seit ich seit zwei Jahren für SAT 1 nicht mehr arbeite, hab‘ ich nicht so viel getan. Schülerfilmfestivals moderiert, eine Bildplatte zum Thema »Wie spiele ich Rockgitarre?« besprochen . . . Ich lese viel, hab‘ die Zeit im Grunde genossen.

Wirst Du in nächster Zeit irgendwo im Fernsehen zu sehen sein?

Momentan hab‘ ich ein paar Angebote. Bei »Vox« gibt’s vielleicht eine Sendereihe über die Sixties, wo ich Archivbilder aus Kultur, Wirtschaft und Politik moderiere. Für »Premiere« soll ich eine Kinosendung machen — das interessiert mich persönlich, ich fand Kino immer interessant. Aber da ist noch nichts entschieden. Es gibt auch dort Leute, die meinen: »Na ja, der hat bisher nur Musik präsentiert — hat der die Glaubwürdigkeit für eine Kinosendung ?«

Das ist immer eine Frage der Glaubwürdigkeit. Diese Frage wurde auch von mir selbst gestellt, als ich das Angebot bekam, den »Jazzgipfel« zu moderieren. Leute, die mich kennen, wissen, daß ich über Rockmusik Bescheid weiß — das heißt aber nicht, daß ich von Jazz eine Ahnung habe. Ich habe Ulli Pfau (SRD-Projektleiter) oft versucht zu überreden, jemanden anders moderieren zu lassen. Ulli wollte mich aber, wie er sagt, weil ich anscheinend live mit Musikern auf einer menschlichen Ebene rede. Es geht nicht nur darum, diese trockenen Jazz-Fakten auszutauschen. Der »Jazzgipfel« sollte einen anderen Charakter haben.

Wie kann man sich deine Arbeit vorstellen?

Bei BFBS bin ich wirklich unvorbereitet mit 40 Platten ins Studio und hab‘ losgelegt. Die Sendung jetzt — und teilweise war es auch der »Nachtrock« – ist anders. Da überleg‘ ich mir vorher die Reihenfolge der Titel. Das hat dann so eine Art »roten Faden«.

Warum bringen so wenige Moderatoren ihre eigene Persönlichkeit übers Radio?

Es gibt viele Sender, die das überhaupt nicht haben wollen. SWF 3 ist ein Beispiel, da wird immer gesagt: »Wir wollen austauschbare Leute, die nicht so viel erzählen«. Ich denke, der Punkt ist, ob ich wirklich nur über mich rede oder Sachen von mir erzähle, die auch andere interessieren könnten. Ich selber will, daß jede Sendung von mir anders ist. Klar sind da dann auch richtig schlechte dabei — aber nur so hahe ich Vergleichsmöglichkeiten. Wenn das alles dasselbe Niveau hat, ist es irgendwann nur noch fad.

Wie fühlt sich ein Engländer, wenn er im rassistischen Deutschland 1993 moderiert?

Die Frage ist nur unabhängig von Nationalität und Beruf zu beantworten. Ich lebe seit 20 Jahren hier. Das Problem wird . . . (zögert lange) . . . falsch verstanden. Es gibt hier keinen allgemeinen Rassismus. Mit der Nazizeit hat das alles wenig zu tun. Ich sehe die Ursachen in der Arbeitslosigkeit, besonders auch im Osten an der Hoffnungslosigkeit . . . wenn Asylantenheime ausgerechnet dort aufgemacht werden, wo die Menschen selbst kaum was haben, ist der soziale Brennpunkt da, klar. Die Leute brauchen einen Sündenbock, um ihre Wut rauszulassen . . . das gab es auch früher in England. Je bunter gemischt eine Gesellschaft ist, desto mehr läßt das nach. Man sieht’s an London: Da gibt’s keine einzelne Minderheit mehr.

Fünf Platten für eine einsame Insel?

Schwer. . . »Astral Weeks« ist das erste, was mir so direkt einfällt. »Follow Me Home« von den »Dire Straits« vielleicht…wirklich schwer, ich brauch‘ für bestimmte Stimmungen bestimmte Platten . . . die Sachen, die ich gehört habe, bevor ich mit Musik gearbeitet habe: Stones, Velvet Underground, Doors, Jimi Hendrix und so weiter. . . In der aktuellen Musik sind es nur noch einzelne Songs, die mir gefallen. (mpg)