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Tübinger Jazz- und Klassik-Tage 2000: Neuer Tango und feinstes Blech

»Die 2. Tübinger Jazz und Klassik Tage sind noch erfolgreicher verlaufen als die ersten« – das erste, kurze Resümee von Organisator Sven Gormsen vor dem abschliessenden Konzert der »Quattrobones« in der Sankt-Johannes-Kirche fiel rundum positiv aus.

In der Tat: Die meisten der fast zwei Dutzend Einzelkonzerte waren gut besucht, ein paar ausverkauft und zumindest bei den Auftritten von Trompeter Joo Kraus im »Hauptbahnhof« oder Gitarrenmann Mick Taylor im »Sudhaus« gab’s überhaupt kein Durchkommen mehr.

Die Musikfans in der Region haben das kunterbunte Stilkaleidoskop, das als Konzept für die Veranstaltungsreihe dient, akzeptiert. Und konnten – auch das gehört zum Plan – wieder ungewohnte Spielstätten entdecken.

Bei der abschliessenden Soiree mit den vier Posaunisten der »Quattrobones« vertauschte der veranstaltende Tübinger Jazzclub beispielsweise die heimischen, verrauchten Katakomben in der Haaggasse mit der lichten Weite der katholischen Johanneskirche.

Und die »Quattrobones«, die als Profimusiker seit vielen Jahren auf den unterschiedlichsten Pop-, Jazz- und Klassikfeldern arbeiten, erfüllten den grossen Raum mit mal mächtigen, mal ganz zarten Blech-Sounds unterschiedlichsten Stils: Am Anfang und am Ende stand jeweils ein Bach’scher Kontrapunktus, dazwischen brachten Ernst Hutter, Alexander Erbrich-Crawford, Franz Reichl und Eberhard Budziat ganz locker, mit absolut sauberem, präzisem Handwerk und manchen musikalischen Finessen Debussy (»Trois chansons«) ebenso stimmig unter wie Praetorius oder Jazz-Standards. Hier gelang den Posaunen-Spezialisten besonders »Autumn Leaves« mit schönen »growls« und fein abgestuftem Dämpfer-Einsatz beeindruckend.

Positiv wie negativ bemerkenswert auch das vorletzte (Star-)Konzert der Jazz- und Klassik-Tage mit dem weltweit gerühmten Bandoneon-Virtuosen Dino Saluzzi mittags im »Museum«-Kinosaal: Negativ fiel das Gastspiel aus der Reihe, weil kaum hundert Zuhörer den Ausnahmemusiker und seine Band, in der drei seiner Brüder mitspielen, sehen wollten.

Höchst erfreulich war der Mittag, weil Saluzzi nach gewohnt bleischwerem Anfang, der so gar nicht zum strahlenden Herbstwetter draussen passen wollte, plötzlich auftaute. Zuerst sah’s so aus, als »ob der heute noch weniger Lust als sonst hat«, wie ein Zuhörer vom Fach formulierte – und dann brach das Eis; weil ein Fan meckerte, Saluzzi solle mehr Tango spielen: Der Star nahm den Zwischenruf auf, erklärte die verschiedenen Tango-Spielarten in einer improvisierten Musikstunde und machte deutlich, dass er das, was hierzulande als »typischer Tango zum Tanzen« gilt, für ein kreatives Gefängnis hält.

»Ich weiss um die Traditionen, aber Kunst bedeutet Freiheit«, meinte Saluzzi – und zeigte dann, wie traumwandlerisch sicher er das Althergebrachte mit kühnen Schnipseln aus neuer Musik und allerlei Jazz-Zeitaltern verbindet.

Dino und sein ebenfalls Bandoneon spielender Bruder Celso warfen sich höchst vertraut die Melodien zu wie jonglierende Artisten, der Rest der Gruppe folgte swingend und groovend: Nicht nur lebendige, sondern auch höchst (ungewohnt) lebenslustige Musik gab’s da von den Saluzzis zu hören. (-mpg)