Schlagwort-Archive: Punk

The Berserkers: Punk in klassischer Machart

Neben Spiro gastierte am späten Mittwochabend auch die holländische Combo Berserkers im gut besuchten Tübinger »Epple-Haus« — und lieferte dort ein lautes, schnelles und knüppelhartes Konzert mit Punk mehr oder minder klassischer Machart.

Die vier um Sänger und Gitarrist Paul Phönix haben gerade erst ihre zweite Platte veröffentlicht und klingen doch abgebrüht und routiniert wie ganz alte Hasen.

Im »Epple-Haus« fetzen die Berserkers — musikalisch tatsächlich irgendwo zwischen AC/DC, den Stooges oder Ramones angesiedelt — einen Zwei-Minuten-Kracher nach dem anderen herunter: High-Speed-Punkrock der einfachen, aber effektiven Sorte gibt’s, sehr zur Freude der Tübinger Punker, die bei diesem »Epple«-Gig mal wieder ausgiebig Pogo tanzen durften.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Spermbirds: Frische Punker der ersten Stunde

Grosser Bahnhof für die Spermbirds in der Reutlinger Zelle – beim Konzert der wiedervereinigten deutschen Hardcore-Pioniere war der Laden zum Bersten voll. Neben »normaler« Zelle-Kundschaft im späten Teen- und jungen Twen-Alter kamen zum Konzert auch einige Reutlinger Hardcore-Opas.

Alle mussten lange auf Original-Sänger Lee Hollis und seine Krachmacher warten: Das Hauptkonzert begann erst um Mitternacht. Die vielen »echten« und auch ein paar Poser-Punks waren aber bester Stimmung und tanzten, als es dann losging, in nullkommanichts heftigst Pogo. Naja, was sollten sie auch sonst tun?

Die Spermbirds brachten nämlich auch in der Zelle das, was sie Mitte der Achtziger schlagartig in deutschen Punk-Kreisen bekannt gemacht hat: Gnadenlos schnellen, harten und nicht eben filigranen Punkrock, keinen komplexen Hardcore, sondern sozusagen den puren Stoff mit immer noch glaubhaft wirkender »Gib’s ihm«-Attitüde.

Den Besuchern war die frisch und überraschenderweise unverbraucht wirkende Punk-Attacke gerade recht.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Sonny Vincent: Schnell, hart und laut

Seine Biografie hätte im Hirn eines fantasiebegabten Filmregisseurs entstehen können: Auf den Strassen von New York aufgewachsen, mit 14 die ersten Shows im Village, später wenig Show in diversen Besserungsanstalten, ab Mitte der Siebziger Punker mit allem was dazugehört.

Sonny Vincents Vita liest sich wie die des Prototyps eines Rebellen: Als Gründer und Gitarrist bei den »Testors« gab’s nicht nur Schlagzeilen in den einschlägigen Fanzines, sondern auch permanent Stress mit der Polizei, Drogenfahndern und Hotelmanagern.

Die ganz wilden Zeiten sind vorbei, Vincent beschränkt sich seit einigen Jahren auf ’s Plattenmachen und Club-Touren.

Am Mittwoch war er vor rund 120 Fans im Tübinger »Epple-Haus« zu Gast. Und beschränkte sich – im Gegensatz zu Kollege Iggy Pop, der erst vor kurzem in Esslingen auf peinliche Weise den Kasper mimte – auf das, was er schon immer konnte: Dem Publikum kleine, fiese Zwei-Minuten-Bretter am laufenden Band vor den Kopf zu hauen.

Die extrem harmoniearmen, schnellen und knallharten Punk-Stückchen bringt der Oldie mit viel Energie und Rotzigkeit: Gut gebrüllt, Herr Vincent! (mpg)

Whisky Priests: Schön rotzig

Anfang der 80er hätten sich Gary und Glenn Miller nicht träumen lassen, dass sie einmal Fußballstadien füllen würden. Die beiden Zwillingsbrüder, die gerne als »Mick Jones und Joe Strummer des Folk« tituliert werden, gründeten ihre Whisky Priests als Teenager ohne große musikalische Vorkenntnisse.

Heute sind die britischen Speed-Folk-Punker einer der erfolgreichsten Exporte der Insel — und eine Band, deren glänzender Live-Ruf kaum zu toppen ist. Kein Wunder — kaum eine »große« Popgrupe ist in den letzten Jahren dermaßen intensiv getourt wie die Whiskypriester: Seit der allerersten Club-Tour, die die Whisky Priests nach bewährtem »Fab-Four«- Vorbild durch Deutschland absolvierten, waren die fünf praktisch permanent unterwegs, haben in den letzten elf Jahren weit über tausend Konzerte absolviert. Rein zahlenmäßige Highlights waren darunter der Support-Gig für die Stones vor über 60 0000 Besuchern oder ein Solo-Gig mit mehr als 20 000 Fans.

Das Erfolgsrezept der Whisky Priests scheint einfach: Man nehme die bekanntesten Elemente irischer und schottischer Folklore, mische sie mit rotziger Punk-Attitüde und präsentiere sie mit unbändiger Energie — fertig ist die Live-Party: Die Priests gastierten als kleine, unbekannte Brit-Combo auch hierzulande schon vor begeistert-schweissnassen Zuhörern.

Das war vor zehn Jahren und neun (zum Teil hochgelobten) Plattenproduktionen. Über die Power-Show der Miller-Brüder und ihrer drei Mitstreiter ist ebenso viel geschrieben worden wie über den höchst eigentümlichen, soundprägenden Akkordeon-Stil von Glenn: Der Gruppen-Gründer wurde und wird wegen seiner vielen Glissandi und wegen seiner Experimentierfreude gerne als »Jimi Hendrix des Akkordeons« bezeichnet.

Damit soll jetzt endgültig Schluss sein: Den Miller-Brüdern, die beide inzwischen auch erfolgreiche Produzenten und Eigner eines Plattenlabels sind, ist nach der 1999er Mammut-Tournee (fünf Monate waren die Priests da unterwegs) die Lust auf Hotelbetten und Hallen in fremden Städten wohl endgültig verloren gegangen.

Ganz sang- und klanglos verabschieden sich die englischen Partykönige trotzdem nicht, die Abschiedstournee ist — wer hätte es gedacht – keine kleine. Und auch die Fans in der Region werden bedacht und dürfen tanzend Abschied nehmen. (mpg)

Peter And The Test Tube Babies: Punk pur

Die »Music Factory« füllt mit den Punk-Konzerten im »Sudhaus« offenbar eine Bedarfslücke der regionalen Konzert-Klientel — wieder waren es mehr als dreihundert, die zum Doppelkonzert ins Derendinger Kulturzentrum kamen.

»Alte Helden gucken« wollte wohl nicht nur »Space Heinkel«-Gitarrist Frank J. Benz: Mit »Peter And The Test Tube Babies« sowie den deutschen »Emils« spielten zwei Punk-Bands der allerersten Stunde.

Beide Gruppen haben nichts dazugelernt — ob das gut oder schlecht ist, hängt vom individuellen Zuhörer-Geschmack ab.

Die »Emils« bretterten im Hochgeschwindigkeits-Tempo ihre Songs herunter; die Texte waren nur fragmentarisch zu verstehen — und auch harmonisch (maximal drei, meist nur zwei Akkorde) wie rhythmisch blieb alles bei der »guten alten« Einfachheit. Eine Cover-Version von »California über alles« der legendären amerikanischen »Dead Kennedys« war die einzige Abwechslung im wüsten Soundmatsch.

Und Peter mit seinen Babies aus den Reagenzgläsern? Die Engländer präsentierten den klassischen Brit-Punk, schrummelten aber nicht lustlos, sondern machten einen engagierten Eindruck. Und der »Test Tube Babies«-Gitarrero Del Greening war eigentlich für eine Punkband schon wieder zu gut…(mpg)