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Preddy Show Company: Glamour und Geschichte in der »zelle«

Die Formulierung im Presse-Info der „Preddy Show Company“war ausnahmsweise mal keine Übertreibung: Es war in der Tat ein »komisch-verrücktes Musikspekakel«, das die Berliner Truppe am Wochenende in der »zelle« aufführte.

Komisch waren die Urmenschen mit Walkmen, die zu »Trio«-Klängen tanzten und Werbung für einen Elektrorasierer machten.

Komisch war auch die Neandertalerin, die mit müdem BliCk den Boden fegte und dazu perfekt lippensynchron »das bißchen Haushalt« mimte.

Verrückt war die Kleopatra mit ihrem Diener und deren gegenseitiger Zuneigung, als sie »Zeig mir bei Nacht die Sterne« sangen. Die Liebe fand ein Ende, weil der Pharao erschien: Die ägyptische Königin sattelte schnell um und intonierte »Neue Männer braucht das Land«.

Der Hebel der Zeitmaschine wurde vorgedreht und schon fand man sich im Märchenland wieder. Dort erschien Rotkäppchen und hatte nichts besseres vor, als ein Lied über eine beträchtliche Anzahl Luftballons des Frl. Kerner, auch Nena genannt, zum besten zu geben.

Das arme Kind würde dann von einem Punk zu einer »Zweierkiste« überredet. Las Vegas und Paris ließen grüßen: »Mr. Bojangles« war da, auch ein paar »Strangers in the Night«, eine irgendwie bekannt erscheinende Blondine versprach »Diamonds are the girls‘ best friends«.

Nach der sehr langen Pause ging’s auf den Mond, auf dem die Welt auch nicht in Ordnung war: Haarspray hier, Facelifting da, Jugendkult überall. Der Traum war jäh zu Ende, als die »Preddy Show Company« ihre letzte Nummer begann: Atombombenopfer schleppten sich zu Klängen von Laurie Anderson auf die Bühne, eine Leuchtschrift blinkte auf: Game over — plötzlich waren alle wieder im Neandertal.

Zwei Stunden gutgemachte Unterhaltung, mit kritischen Untertönen, immer seicht, aber niemals peinlich — es war eine gelungene Show.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 25. September 1985