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Tobias Festl: Verliebt in tiefe Töne

Angefangen hatte der Reutlinger Musiker, Konzertveranstalter und Instrumentenhändler Tobias Festl mit sechs Saiten. Irgendwann brachte ihm ein Freund eine elektrische Baßgitarre mit, und das war es dann: Seitdem spielen Kontrabässe, mannshohe akustische Instrumente mit dicken Saiten, sozusagen die erste Geige im Leben des 29jährigen gebürtigen Münchners.

Sein Laden »World of Basses« führt nur diesen einen Artikel, den nicht jeder kauft und im Musikgeschäft um die Ecke gewöhnlich nicht zu haben ist: Überall an den Wänden stehen Kontrabässe — manche mehrere hundert Jahre alt, teure, preiswerte, große, kleine. Festls Kunden kommen von überall her, aus ganz Deutschland, Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika. Aus Reutlingen kommt keiner. Sie scheuen auch nicht weite Wege, um bei dem langhaarigen Musiker ein Baß-Stück, das ohne weiteres mehrere 10 000 Mark kosten kann, auszuprobieren.

Festl, den seine Instrumente überragen, kam Ende der siebziger Jahre von München nach Reutlingen. Er machte hier Zivildienst und schloß sein Studium an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialwesen mit einem Diplom als Sozialarbeiter ab. In München hatte er mit Körperbehinderten gearbeitet, bei der Tübinger Familien- und Altershilfe engagierte sich der vielfältig Begabte vier Jahre lang.

In einer Band in München spielte Festl schon früh Jazz und Fusion. Als er 13 war, nahm er Kontrabaßunterricht und bewarb sich drei Jahre später an der Musikhochschule: »Das Vorspielen war in Ordnung, nur hab‘ ich das Anmeldeformular falsch ausgefüllt und bin deswegen von der Schule geflogen.« Ein Studium an der Trossinger Musikhochschule befriedigte den Musiker nicht: »Die hatten dort nicht soviel für Jazz übrig.« Jazz interessiert Festl mehr als klassische Musik, obwohl er in beiden Bereichen spielt und Konzerte veranstaltet.

Zehn Jahre lang musizierte Festl in der Gruppe »Kammerjazz« zusammen mit Wolfgang Schnitzer, laut Festl »der beste Gitarrist in der Region«. Der Bassist war Mitglied im Quintett von Hans Bystrich, machte beim Stuttgarter Jazzworkshop mit, war am Tübinger LTT zwei Spielzeiten Theatermusiker und unterrichtete an der Jugendmusikschule Steinlach in Mössingen.

Die Idee, Kontrabässe im eigenen Laden zu verkaufen, wuchs nach und nach. »Seit
ich Bass spiele, bin ich auf der Suche nach guten Instrumenten. Ich habe immer mal wieder einen Baß an Kollegen verkauft oder einen erworben«, sagt Festl. Bei dem Gomaringer Geigenbaumeister Martin Koch-Löbner absolvierte er eine Schnupperlehre.

Als in der Reutlinger Seestraße günstig Räume in einem Fabrikgebäude angeboten wurden, griff Festl zu. Ein Kontrabaßladen mit Möglichkeiten für Kammerkonzerte, das war Festls Idee, auf die in Reutlingen niemand zuvor gekommen war. Ganz alleine fing der Baßfan an, baute ein Stockwerk liebevoll und akustisch hervorragend aus, richtete nach und nach eine Werkstatt zum Restaurieren alter Stücke ein und veranstaltete von Anfang an in kleinem, aber feinem Rahmen Klassik- und Jazzkonzerte.

Peter Kowald, der Sizilianer Gianni Gebbia mit seinem Trio, das »Ensemble Musica Rara«, Karo Höfler, Lothar Schmitz und Thomas Stabenow, das tschechische Duo Jiri Hudec und Frantisek Host, Miroslav Vitous oder Ron McClure — die Liste der Spitzenmusiker, die zu Festl kommen, ist lang.

Es sind nicht immer die bekanntesten Namen, die oft ihr einziges Deutschland-Konzert bei Festl geben, das musikalische Niveau der »Werkstattkonzerte« war bisher aber immer beeindruckend hoch. Das ist in Reutlingen leider nicht gleichbedeutend mit gutem Besuch; oft genug waren die Musiker im »World of Basses« fast unter sich. Die meisten sind trotzdem von der ganz besonderen, familiären Atmosphäre im Baßladen, wo auch ab und zu Kunstausstellungen gezeigt werden, begeistert. Außerdem können sie ja auch noch Instrumente testen und kaufen.

Charlie Haden, der zu den besten Jazzbassisten der Welt zählt, interessierte sich für Festls Sortiment, der deutsche Avantgarde-Mann Peter Kowald hat zwei Bässe in Reutlingen gekauft und Ron McClure aus den USA seine letzten fünf Platten mit Instrumenten aus der Reutlinger Seestraße eingespielt.

Seine Instrumente, ausschließlich gebrauchte Bässe, findet und kauft Festl in Deutschland, den USA, in Osteuropa, Italien, Frankreich und England von Musikern, aus Nachlässen und auf Auktionen. »Ich muß viel herumreisen«, sagt er, »und viele Musiker kennen. Beziehungen sind wichtig.« Die Instrumente sind nicht immer in gutem Zustand, wenn sie bei Tobias Festl ankommen. Acht Mitarbeiter arbeiten heute im Laden und in der Werkstatt, restaurieren und reparieren die Holzinstrumente.

Die »Werkstattkonzerte« mußte Festl vorerst aus »organisatorischen Gründen« auf Eis legen. Der Unterschied vom klanglich hervorragenden, gemütlichen »World of Basses«-Saal zum »Jazzclub in der Mitte«, in den Festl seine Konzerte verlegt hat, ist kraß. Neben der Arbeit an einem Buch (»Über Bässe gibt es kaum Literatur«) geht es Festl jetzt darum, geeignete Räume für Konzerte zu finden. Im nächsten Jahr sollen so bekannte Jazzstars wie Dave Holland, Carla Bley und Steve Swallow nach Reutlingen kommen. (mpg)