Schlagwort-Archive: Pop

Yggdrasil: Stil-umfassend

»Yggdrasil« steht in der nordisch-skandinavischen Mythologie für einen Baum, der Himmel und Hölle verbindet.

Ganz so extreme Gegensätze brachte die Band Yggdrasil, die jetzt vor gut 180 Besuchern im Biergarten des Tübinger Sudhauses spielte, nicht zusammen. Aber die Musiker von den Färöer-Inseln, die seit mehr als 20 Jahren zusammen musizieren und in Tübingen ihr allererstes Konzert in ganz Süddeutschland absolvierten, kombinierten mit viel Gespür für Stil und musikalische Klein-Dramen Folklore des skandinavischen Raums mit »typisch nordisch« klingendem, harmonisch moll-lastigen Pop. Dazu gab’s eine gehörige Portion Jazz-Feeling.

Für die afroamerikanisch geprägte Sound-Abteilung war hauptsächlich der Amerikaner John Tchichai zuständig, der auch schon mal neben dem berühmten John Coltrane ins Sax geblasen hat: Er spielte gut und bodenständig, Bassmann Mikael Blak swingte richtig fein.

Mit dem ebenso elektrischen wie eklektizistischen Jazz-Pop des derzeitig zugkräftigsten Skandinaviers, Nils Petter Molväer, haben die sechs von Yggdrasil ohrenfällig wenig gemeinsam. Ihre stets kammermusikalisch angehauchten Stücke kommen längst nicht so plakativ daher und auf leiseren Sohlen sowieso.

Geht man von den Sudhaus-Besuchern aus, passte der seltsame Stilmischmasch von Yggdrasil wohl hervorragend zum Open-Air an einem lauschigen Sommerabend.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Jack Jäckle: Soulrockbluespop

Wir können’s angesichts der Tatsache, dass es schön (und schön voll…) wie immer war, kurz machen: Vor exakt einem Jahr gab’s im Tübinger »Hauptbahnhof« die letzte überaus zugkräftige Soul- und Bluesnight mit Jack Jäckle und seinen Mannen, jetzt langte die Bande um den Tübinger Lokalmatador gleich zweimal zu.

Die Mischung aus nicht zu kantigem Rock, viel Blues und ein wenig Soul kommt beim Publikum nach wie vor bestens an, den Leuten hat’s mindestens soviel Spaß gemacht wie bei den letzten Ausgaben von Jäckle’s Bluesnacht – und die Musiker schienen auch ganz zufrieden: Bis nächstes Jahr also.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Alex Köberlein & Werner Dannemann: Schwoba-Blues im Doppelpack

Am Freitag gastierten die Herren Dannemann und Köberlein im beileibe nicht ausverkauften Tübinger »Hauptbahnhof«.

Obwohl sich der Gitarrist aus Kirchheim und der ehemalige »Schwoißfuaß«-Kopf seit Jahrzehnten kennen, hat’s zur gemeinsamen Duo-CD und dem entsprechenden Bühnenprogramm bis heute gedauert.

Im »Hauptbahnhof« gab’s eine kurzweilige Mischung aus »original« Dannemann-Blues, Covertiteln wie »Norwegian Wood« und Stücken direkt aus Köberleins Vergangenheit: Etwa »kleine Jungen« – oder, aus der Zeit seiner »hochdeutschen« Liedermacher-Karriere, »Fliegen«.

Die wenigen Abstimmungsprobleme und tontechnischen Unzulänglichkeiten (zum Beispiel Werner Dannemanns stets zu laute Gitarre) fügten dem guten Gesamteindruck keinen Schaden hinzu.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Ask The Pilot: Puristisch

Halb voll war’s im Reutlinger »Nepomuk« beim Konzert der Reutlinger Band Ask The Pilot – die Szene für Alternative Rock scheint sich, so vorhanden, anderswo zu tummeln. Es waren aber auch nicht nur erwachsen gewordene Alt-Fans aus Zeiten der Packrats gekommen. Gitarrist Robbi Kohl und Sänger John Ahlskog, der Kern der alten wie der neuen Gruppe, haben sich nach einer langen Pause mit eigenwilligen Songs und einer gegen den Strich spielenden Band zurückgemeldet.

Den Stil von Ask The Pilot als minimalistisch zu bezeichnen, wäre zu hoch gegriffen – dazu ist die Besetzung und auch das Spiel der einzelnen Musiker zu üppig. Aber sehr reduziert klingt die neue Gruppe schon – dass Robbi Kohls Gitarre und der eigentümliche Gesangsstil Ahlskogs im Vordergrund stehen, ist gewollt. Die, Sounds der Songs sind roh, ungeschliffen und meistens recht hart, die Stimmung jedoch in öfters auch düsterer Emotionalität gehalten.

Die beiden Ask The Pilot-Frontleute bringen ihre Sache überzeugend über die »Nepomuk«-Bühne. Das puristische Konzept ist an sich auch stimmig, birgt allerdings die Gefahr, über längere Hördistanz doch eintönig zu wirken. Mehr melodische Abwechslung täte sicher auch gut. Ob sich Ask The Pilot auf der (schrumpfenden) regionalen Rockszene durchsetzen können, wird die Zeit zeigen. Potenzial, wie es so schön heißt, ist
jedenfalls vorhanden…
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Golden Gospel Singers: Wieder poppige Klassiker

Das Dutzend Gastspiele in der Region hatten die Golden Gospel Singers, wie immer angekündigt aus »Harlem, NY, USA«, schon vor zwei Jahren voll. Vielleicht liegt es ja an der jahrelangen, stetigen Präsenz der Sängerinnen und Sänger um die Weihnachtszeit auf Reutlinger Bühnen, dass diesmal ein deutlicher Rückgang im Publikumsinteresse zu verzeichnen war: Die Listhalle war am Donnerstag zu zwei Dritteln leer, und die mittlerweile wirklich sattsam bekannte Mischung aus Gospel-Klassikern wurde nicht frenetisch wie schon in der Vergangenheit, sondern lediglich freundlich beklatscht.

Ansonsten nichts Neues: Das 2002er-Programm glich dem des Vorjahres (fast) wie ein Ei dem anderen, es brauchte schon ein geübtes Ohr, um in den Arrangements Unterschiede festzustellen. »Cumbaya«, das schon letztes Mal als »Auf wärmer« (weil durch Pop-Interpretationen hierzulande ziemlich beliebt) dienen musste, funktionierte auch jetzt — genauso wie die Klassiker »Rock My Soul«, »Nobody Knows The Trouble I’ve Seen«, »Crazy Sout Jesus« oder »Go Tell It On The Mountain«.

Wieder sangen die Golden Gospel Singers sicher und ansprechend, wieder wurden sie allerdings von dem Keyboarder mit Bombast und völlig überfrachteten, klischeehaften Arrangements so manches Mal eher erschlagen als unterstützt.

Und wieder wurden die Gäste aus den Vereinigten Staaten von einem Tonmann abgemischt, der sonst wohl eher im Rock-Bereich die Mischpultregler schiebt: Der Schallpegelmesser auf dem Mischpult war wohl Staffage — das ganze Konzert war viel zu laut ausgepegelt, die Vokaldynamik viel zu sehr künstlich komprimiert.

Aber: Vielhörer der Golden Gospel Singers hätten ja fast etwas vermisst, hätten diesmal die Stimmen aus den Boxen so gut geklungen, wie sie das ohne Verstärkung tun.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Rednex: Langes Warten

Der ganz große Ansturm der Pfullinger Nachtschwärmer zum »Rednex«-Auftritt in der Disco »Almrausch« blieb aus – und damit wohl auch größere Störungen oder Probleme in der Nachbarschaft. Die Hitlieferanten, die im letzten Jahr in Amsterdam ihre Zelte aufschlugen, waren extra für den Pfullinger Auftritt nach Stuttgart geflogen. Und ließen sich – branchenüblich viel Zeit.

Um 21 Uhr sollte der 45-minütige Kurzauftritt beginnen; erst kurz nach Mitternacht betraten die vier RednexFrontleute die kleine Almrausch-Bühne. Da war’s dann in der schon knallig bunt auf Fasching dekorierten Disco auch gut voll und die Stimmung gut. Die Sängerin Scarlet und ihr Partner Dagger, Gitarrist Joe Cagg und Fiddler Jay Lee – das ist die aktuelle, mittlerweile zum fünften Mal gewechselte Reihe der Front-Darsteller des Studioprojekts Rednex – zeigten sich vom Fleck weg als geschulte Animateure, stiegen mit ihrem allergrößten Hit »Cotton Eye Joe« ein und mimten zum dröhnenden Vollplayback – wie man’s kennt, wie man’s erwartet – eine ausgelassene Bande fröhlicher Country-Disco-Rockmusiker.

»Richtig« gespielt hat von den Rednex natürlich keiner, das war angesichts des schauerlichen Zustands der Geige von Lee auch gut so. Und ob die vier, die einer der DJ’s des Abends vorher übers Saalmikro als »echte Schlucker« bezeichnet hatte, beim durchweg hohen Tempo ihrer Stücke tatsächlich hätten mithalten können, ist fraglich.
Aus der Nähe sahen die Rednex jeden falls nicht sehr gesund aus. Aber zu den Songs vom Band haben sie jedenfalls ordentlich Dampf gemacht: Die vier deuteten, so gut das eben auf den sieben, acht Quadratmetern Bühne ging, jene wilden Country-Tänze an, die bisher noch bei jedem der vielleicht bisher zehn, zwölf Auf- tritte der Rednex in der Region für Stimmung beim Discopublikum gesorgt haben. Die Tanzfläche des Almrausch war da brechend voll mit ausgelassenen Besuchern.

Vorher war das nicht so: Der Haus-Discjockey hatte mit einer gewagten Mischung aus dem Top-40-Topf stellenweise alle Mühe, überhaupt jemanden auf die Tanzfläche zu bekommen: Die meisten standen oder saßen einfach nur herum und hielten sich an ihren Getränken fest. Nach Kylie Minogue lief DJ Ötzi und dann Heino: »Wenn ihr nicht tanzt, gibt’s noch mehr Volksmusik«, meinte der DJ gut gelaunt – und die Drohung hat dann wenigstens etwas gewirkt: Almrausch-Stammgäste, die dieses Ritual anscheinend gut kannten, ließen sich dann doch bitten…

Das Rednex-»Gastspiel« ist also unspektakulär und problemlos über die Bühne gegangen – das lässt für die angekündigten Almrausch-Auftritte entweder von Jürgen Drews oder »Jürgen aus dem Container« in nächster Zeit hoffen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Szene RT-TÜ Rückblick 2001: Routine und Glanz

2001 war auch auf regionaler Ebene kein Pop-Jahr, das einen atemlos machte. Wie im internationalen Geschäft auch waren Konzertprogramme und Konzerte von einer gewissen Beliebigkeit gezeichnet – und außerdem gingen die etablierten Reutlinger und Tübinger Veranstalter wieder deutlich weniger Risiko ein als in vergangenen Jahren.

Eine Sensation hatte das Pop-Life unter der Achalm in 2001 doch zu bieten: Nahezu 30 000 Fans strömten Ende August zum »3. Reutlinger Marktplatz-Festival«: So ein Pop-Ereignis hat’s hier vorher nie gegeben, das zweitägige Open-Air mit Oldies, Schlagern und Charts-Pop querbeet war ein Riesenerfolg.

Erfolgreich auch die »3. Tübinger Jazz- und Klassik-Tage«, die im Herbst über die Bühnen der Uni-Stadt gingen: Mischmasch als Programm-Leitfaden hat auch diesmal wieder prächtig funktioniert und nicht nur die Eröffnung mit Tübingens Parade-Jazzer Rainer Tempel geriet glanzvoll. Das »Moscow Art Trio« begeisterte, die »Nils Landgren Funk Unit« sorgte für einen Besucherrekord im »Sudhaus«.

Das »Sudhaus« feierte das Zehnjährige. Es hat sich weiter als erste regionale Adresse etablieren können: Auch 2001 gab’s nirgendwo anders im Gäu mehr Pop- und Jazz-Konzerte als am Tübinger Waldhörnle. Dennoch ist auch das »Sudhaus« vorsichtiger geworden und hat in 2001 reduziert sowie auf bekanntbeliebte »Nummern« gesetzt. Eines der größten Highlights dort lieferte einer, der inzwischen schon Stammgast ist: US-Wüstenrocker Rich Hopkins sagte nach der New Yorker Katastrophe nicht wie viele andere – etwa die »Continental Drifter« – ab, sondern dem »Sudhaus« extra nochmal per e-mail zu. Und gab dann – wieder – eine Lehrstunde in Sachen Rock.

In Reutlingen war in Sachen Pop dieses Jahr noch weniger geboten als in vergangenen Jahren. An der Praxis, als Reutlinger Konzerte größtenteils in der Nachbarstadt oder in Stuttgart zu besuchen, wird immer weniger gerüttelt.

Die große Ausnahme ist ganz oben erwähnt. Und zumindest eine kleine Abweichung von der unseligen, aber mindestens seit zwei Jahrzehnten gültigen Regel gab es ja auch: Das »Nepomuk« hat über’s Jahr ein regelmäßiges, attraktives Programm mit vier oder mehr Konzerten im Monat durchgezogen und mit der »noche latina« gar eine überaus erfolgreiche Veranstaltungsreihe etabliert. Eines der Highlights dort: Das CD-Präsentationskonzert der Reutlinger Gruppe »Jazz’n’Samba«.

Die »zelle«, einst sogar Reutlinger Kulturschock und wichtigster städtischer Konzert-Anbieter, meldete sich in 2001 nur mit ganz wenigen Angeboten. Die beiden etablierten Musikkneipen an der Peripherie, der »Hirsch« in Glems und mehr noch der Meidelstetter »Adler«, spielen dagegen nach wie vor wichtige Rollen.

Und sonst? Das Tübinger Afro-Brasil Open-Air geriet dieses Jahr unspektakulär. 30 000 Schwermetall-Fans aus halb Europa strömten Ende Juni zum Balinger »Bang Your Head!!!«-Festival. Peter Maffays Auftritt dort eine Woche davor hat dagegen wie eine Kirchenchorprobe angemutet.

Der Reutlinger »Jazzclub in der Mitte« zeigte sich nach wie vor als einer der aktivsten des ganzen Landes. Die Alt-Punker der »Sumpfpäpste« lieferten mit »SSV04« die gern gegrölte Hymne zum lokalen Fußballfieber.
Und: Die Wiederauferstehung unseres Tübinger Schlagerlieblings Dieter Thomas – jetzt heißt er nur noch »Kuhn« – wurde von der Kritik und den Fans mit freundlichem Interesse aufgenommen. Das rauschende Comeback blieb indes bisher aus.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger