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Robert Gernhardt: Annas Gans und Gudruns Luchs

»Die Frage heute ist: »Kann es das Singen bringen, kann es das Dichten richten?« – In der Pfullinger Stadtbücherei durfte Robert Gernhardt, ebenso humorbegabter wie scharfzünginger Spötter aus Frankfurt/Main, diese Fragen eindeutig positiv für sich beantworten. Über 120 Lesungsgäste drängelten am Freitag, um freie Sicht oder wenigstens ein akustisch günstiges Plätzchen zu erwischen.

Ob’s an der Brecht-Connection lag, dass der »Pardon« – und »Titanic«-Macher jetzt nach Pfullingen kam, oder doch daran, dass die Lese-Lokalität nicht allzuweit von Reutlingen und Metzingen (»Der Reutlinger Marktplatz vereint alle Ingredienzen, die in Metzingen weit verstreut sind«, meinte der Dichter vor zehn Jahren in der Listhalle) entfernt ist, bleibt offen. Wahrscheinlich waren die vom Veranstalterteam aus Stadtbücherei und Buchhandlung Fischmann versprochenen Laugenbrezeln ausschlaggebend.. .

Beim Listhallen-Termin – es war damals eine Geburtstagsfete des Fetzer-Buchladens – musste Gernhardt (»Wenn’s jetzt nicht gleich ruhig ist, bin ich ruhig«) die Hörer schulmeisterlich mahnen, in Pfullingen hatte der Brecht-Literaturpreisträger jetzt die ganze Aufmerksamkeit des Publikums mit viel Gekicher und begeistertem Applaus für sich.

Brecht nahm Gernhardt im zweiten Teil des ausgiebigen Leseabend auf seine Parodisten-Schippe: Das Brechtsche »Buch der Wendungen« heißt bei ihm »Oh Mei – Buch der Windungen« und verhohnepiepelt gekonnt den Duktus des grossen Kollegen wie auch die Machart des literarischen Vorbilds.

Günter Eich bekam im »Zurück zur Unnatur« sein Fett weg, liebevoll-verspielt klangen Gernhardts Jandl-Parodien: In den Variationen über dessen Gedicht »Ottos Mops« brillierte der 61jährige Satiriker am Beispiel von »Annas Gans« und »Gudruns Luchs« in seinem sprachspielerischen Talent: Schade, dass er sich dann »Gittis Hirsch« und »Edes Elch« doch geschenkt hat.

Dafür gab es eine hinreissend komische Ode an Billigmarken-Klopapier (»Danke im Namen des blauen Planeten/Heilig, heilig, lasset uns beten«) ein ebenso witziges wie rhythmisch hochinteressantes »Steffi-Graf-Gospel« oder Improvisationen über einen im Kirchenfunk aufgeschnappten Satz, bei denen die Besucher dann über die Taten »spätantiker Männerkreise« lachen durften.

Besonders amüsiert haben sich alle über den »Brief Picassos an seinen Kunsthändler Kahnweiler«, in dem Gernhardt dem Künstler erst »Werd‘ ich nicht nach Tarif bezahlt/ wird ab sofort naiv gemalt« in den Mund legt – und dann zum Schluss kommt, »dass jeder, der Picasso kennt/ihn nur noch Herrn Inkasso nennt«.

Lesungs-Aufhänger waren aber die im vergangenen Jahr erschienenen »Lichten Gedichte«, und aus dieser Sammlung gab’s in der ersten Hälfte – neben einem ernsthaft abgedruckten »FAZ«-Fragebogen – reichlich Kostproben. Etwa drei Gedichte zum Thema Tier, einen »Natur-Blues« oder »Alles über den Künstler«. Die ausgelegten Gernhardt-Werke verkauften sich in der Pause wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. (-mpg)

Otto Krause-Bächer: Formspiele mit hartem Material

Stelen, Reliefs, Fotografien und Zeichnungen des Tübingers Otto Krause-Bächer sind in der Pfullinger Klosterkirche ausgestellt. Der Künstler wurde 1939 in Berlin geboren und studierte von 1960 bis 1968 an der Karlsruher Kunstakademie. Den sicheren Job als Lehrer am Reutlinger Kepler-Gymnasium gab er vor zwei Jahren auf und arbeitet seitdem freiberuflich.
Das Erdgeschoss der Klosterkirche wird von teilweise übermannshohen Stelen dominiert, die Krause-Bächer aus Eichen- und Mahagoniholz gearbeitet hat. Er sieht diese Arbeiten nicht in der gängigen Tradition; sie sollen keinen Machtanspruch verdeutlichen, kein Ideal symbolisieren und sind auch nicht als Mahnmale gedacht. »Ich orientiere mich mit meinen Stelen eher an einem krumm gewachsenen Baumstamm«, meint der Künstler und weist darauf hin, daß Zeit und Umstände eine gerade Entwicklung unmöglich machen.
So gibt es an den Holzsäulen mit Titeln wie »Tauber Zapfen«, »Trieb mit Knospe« oder »Entwurzelter Fenchel« allerhand Überraschungen fürs Auge zu entdecken: Im »Treppenhaus« — gefertigt aus verwittertem, wurmstichigen Holz — kontrastiert Krause-Bücher die Wuchtigkeit des Sockels mit fein gearbeiteten Verästelungen und Durchbrüchen, die in verschiedenen Blickwinkeln immer neue Details zeigen. Der Betrachter des »Fallenden Minaretts« im Obergeschoß wird verunsichert: Das meterhohe Ding aus Eiche und Eisen scheint sich gleichzeitig emporzurecken und zu fallen.
Immer wieder — und oft mit Witz und Humor — fügt der Künstler Dinge in seinen Arbeiten zusammen, die eigentlich nicht so recht zueinander passen: An einem flammenden, verspielt-leichten Holzornament eines Reliefs nimmt der Betrachter ein gewöhnliches Klingelschild wahr, bei einem anderen Wandbild mit dem Titel »Klosterkirche« spielt KrauseBächer mit perspektivischen Verzerrungen.
Er kann dem widerspenstigen, harten Material fast schwerelose Formen geben. Besonders deutlich wird dies bei dem Relief »Frischer Wind«, wo in einem Fensterrahmen der Holz-Vorhang flattert. »Von einem bestimmten Blickwinkel aus wirken die Reliefs räumlich, von einem anderen aus flach. Ich möchte mit diesen Wandbildem meinen Denkprozeß veranschaulichen. Zuerst nehme ich Informationen auf, dann ordne, filtere, verarbeite und transformiere ich sie, um schließlich eine persönliche Stellungnahme abzugeben«, sagt Krause-Bächer.
Starke Kontraste sind auch in den zwölf Fotografien und den wenigen Zeichnungen zu entdecken. Die Schwarzweiß-Fotos — Krause-Bächer betont stark die Grauwerte — zeigen Landschaftsdetails der Schwäbischen Alb und versteckte Ecken in Tübingen. Da gibt es mächtige Wurzeln zu sehen, oder eine Wiese bei Unterjesingen, aus der die Räder eines Heuwenders wie Windmühlenflügel ragen. »Das Gegen- oder Miteinander von natürlicher und menschlicher Ordnung einerseits und die Kontraste andererseits — das ist es, was mich an der Landschaft interessiert«

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 09. Mai 1992

Günther Neske: Heidegger aus und in Pfullingen

»Heidegger ist der größte Denker unseres Jahrhunderts. Er hat weltgeschichtliche Bedeutung. Er ist einer der aufregendsten Denker des Abendlandes« — Sätze des Pfullinger Verlegers Günther Neske über seinen wohl bekanntesten philosophischen Autor, Martin Heidegger.

Die Besucher in der Pfullinger Stadtbibliothek, die zusammen mit der VHS eingeladen hatte, bekamen kein vorformuliertes, tiefschürfendes Referat über Heideggers Philosophie vorgesetzt — »das geht gar nicht«, meinte Neske, »das ist ein Thema. zu dem man ein ganzes Leben braucht«. Der Verleger erzählte vielmehr in lockerem Gesprächston von seiner Beziehung zu dem Freiburger Philosophen, von der verlegerischen Arbeit und von Begegnungen mit berühmten Zeitgenossen.

Egal, wieviel man schon über Heidegger wußte: Die Neugierde wurde schon allein durch die Tatsache geweckt, daß Neske als einziger noch lebender Originalverleger sozusagen aus »erster Hand« über den Philosophen berichten konnte. »Es war das größte Geschick meines Lebens«, bekannte Neske vor den knapp 50 Zuhörern, als Heidegger ihm einen Tag nach seinem Vortrag »Die Frage nach der Technik« 1953 in München von sich aus anbot. seine Schriften zu verlegen.

Schon ein Jahr später waren die ersten beiden Heidegger-Titel im Neske-Programm; heute zählt das Verlagsverzeichnis zehn Bücher Heideggers, die zum Teil schon in der neunten Auflage erschienen sind. Dazu kommen zwei Sammelbände über Heidegger und drei Sprechplatten mit Originalmitschnitten der »denkenden Stimme«. Keine Frage, daß Pfullingen durch den Neske-Verlag in der Welt noch bekannter wurde, als es sowieso schon ist: Heidegger aus Pfullingen!

Auch Heidegger in Pfullingen? Neske schilderte zwar plastisch und unterhaltsam den ersten Besuch des Philosophen in Pfullingen – Konkretes über den Inhalt der Gespräche. die die beiden miteinander führten, war nicht zu hören. Ebensowenig erfuhren die Besucher etwas über Kontroversen zwischen Autor und Verleger. die es eigentlich immer gibt.

Das Thema, das die Zuhörer am meisten interessierte, war die Frage, ob Heidegger ein Nazi war. Bücher zum Thema, und die anschließende Diskussion machten diese Frage höchst aktuell, und auch Neske hatte einen Beitrag vorzuweisen: »Antwort«, ein Sammelband mit ZDF- und »Spiegel«-Interviews mit Heidegger und Beiträge kompetenter Autoren über Heidegger, vor einem Jahr erschienen. Die Lesung eines Aufsatzes aus dem Buch (»Über das Schweigen von Heidegger«) macht deutlich, wie subtil man hier überlegen muß.

Die Fragen der Zuhörer beantwortete Neske zwar offen (»Da gibt es nichts zu entschuldigen!«) — mancherlei Hintergründe blieben trotzdem aus dem Spiel. Sicher war diese zufällige Gesprächsrunde auch nicht die richtige, um zu einer befriedigenden »Antwort« zu kommen.

Ob der Abend denjenigen, die noch nichts von dem Philosophen wußten, einen Zugang zu Heidegger öffnete, ist zu bezweifeln. Für »Anfänger« ist gerade die Hörprobe aus dem »Satz der Identität« ein schwerer Brocken: Heideggers Hölderlin-Rezitation war sicherlich nicht leichter. Die, die kamen, bewiesen jedenfalls Interesse — sei es an Heidegger oder an dem Mann. der da in Pfullingen so interessante Bücher (und nicht nur philosophische!) macht. Mancher hatte am Ende mehr Fragen als am Anfang. Das ist durchaus ein Gradmesser für die Güte eines solchen Abends.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 20. März 1989

Michael Schomers: »Lichterketten reichen nicht«

Obwohl das Thema höchst aktuell ist, kamen nur rund dreißig Leute in die Pfullinger Stadtbibliothek – viel zu wenig angesichts »Deutschland ganz rechts«. Diesen Titel hat der Kölner Journalist mit dem Arbeitsschwerpunkt »politische Fernsehdokumentation« seinem vor zwei Jahren bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Buch gegeben. Zur Lesung, die nicht stattfand, hatte neben der Stadtbibliothek die Pfullinger Volkshochschule eingeladen.

Die Besucher saßen vor dem Fernseher: Schomers zeigte eine spannende Videoreportage aus dem Innenleben nicht nur der Kölner Republikaner – mit sich selbst, als Neumitglied »Theo Schomers«, als verdecktem Ermittler.

Nicht nur mit einer versteckten Kamera, sondern auch völlig offen filmte Schomers auf 8mm-Videoband sieben Monate lang bei den »Reps« intern mit: »Jeder kannte mich, das fanden alle normal, dass der Schomers das Parteileben dokumentiert«. Außerdem waren immer wieder reguläre WDR-Femsehteams »zufällig« mit Dreharbeiten in der Nähe beschäftigt.

Bis zum zweiten Mann im Innenstadt-Bezirk Kölns brachte es Michael Schomers als Republikaner »Theo«, konnte ungeniert die internsten Dinge mitfilmen – zum Beispiel ein Gespräch zur Wahlkampftaktik, wo einer die Devise ausgibt: »Nach oben Gewaltfreiheit, nach unten müsst ihr ‚reintreten’«.

Schomers zeigte die Demagogie der »Rep«- Parole »Ausländerfeindlichkeit begrenzen durch Einwanderungsbegrenzung« auf, die enorme Fluktuation der Mitglieder und Pöstcheninhaber unter den verschiedenen rechten Gruppierungen – und vor allem wie kalkuliert bei den »Reps« Stimmen gefangen werden. Auf einer geheim gefilmten Versammlung fragt einer Schönhuber, ob das russische Königsberg denn nicht noch deutsch sei: »Ja sicher«, lautet die Antwort – aber aus taktischen Gründen solle man das doch nicht in den Vordergrund stellen.

Die lange »Diskussion« nach dem Film entwickelte sich spannender als zunächst vermutet. Vier Besucher gaben sich als »Republikaner«-Mitglieder zu erkennen, polemisierten teilweise auf niedrigstem Niveau gegen Schomers und betonten alle übereinstimmend, dass das im Film Gezeigte vielleicht anderswo üblich sei, aber in den regionalen »Rep«-Verbänden alles ganz anders sei. Das passte zu Schomers These, dass permanent versucht werde, »sich ein legalistisches Mäntelchen anzuziehen«.

Deswegen würden Lichterketten gegen Ausländerfeindlichkeit und Menschenverachtung auch nicht reichen. »Was ist los, wenn keine Gewalttaten mehr passieren? Lehnen wir uns dann bequem zurück?« fragte Schomers und forderte, nicht bei den stummen Protesten stehenzubleiben, sondern »dahinter zu schauen«.

In der Einfachheit des »Republikaner«-Weltbilds liege die Gefahr: »Selbst ich hab‘ mir irgendwann mal gedacht, dass es viel einfacher wäre, einfach als Rep ‚Theo‘ sitzenzubleiben«. Schomers, der vor seiner Medienkarriere als Pädagoge arbeitete, forderte eine »Erziehung zum Aushalten von Widersprüchen« als mögliche zukünftige Antwort auf politische Rattenfänger.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 18. Januar 1988