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Gudrun Pausewang: „Gefragt ist Einmischung“

Gespräche über Gott und die Welt: Gudrun Pausewang, bekannte Autorin vor allem von Kinder- und Jugendbüchern, stellte sich, ihr Weltbild und ihr Leben jetzt ausführlich rund 80 Reutlingern vor. Das katholische Bildungswerk hatte die Schriftstellerin und Pädagogin in seine Talk-Reihe »Menschen und Themen« eingeladen. Iris und Bernhard Bosold, die beiden Moderatoren des Abends im Spitalhofsaal, mussten nur wenige Fragen stellen – aber das waren offenbar die richtigen: Gudrun Pausewang redete fast ohne Punkt und Komma – langweilig war’s trotzdem nicht.

Ihre böhmische Kindheit war materiell ärmlich. Die Schuhe mussten so schnell wie möglich ausgezogen werden, um Sohlen zu sparen, Kleider unter den Geschwistern »selbstverständlich« weitergegeben werden. Diese Zeit hat Pausewang die Erkenntnis gebracht, dass »materieller Besitz« nicht unbedingt für ein Glücksgefühl notwendig ist«.

Und sie ist wohl auch mitverantwortlich für die erzieherischen Forderungen der Autorin, die später ein Thema der Gesprächsrunde waren: Pioniergeist und Improvisationstalent müsse man dem Nachwuchs zu allererst beibringen, »Mut, Phantasie, die Fähigkeit, immer wieder bei Null anfangen zu können – und nicht immer nur grosse Rosinen im Kopf«.Wichtig sei, die Massstäbe zurechtzurücken: »Wir tun gut daran, unsere Kinder so zu erziehen, dass sie den heutigen Lebensstandard nicht als normal ansehen«.

Pausewang erzählte von der Aussenseiter-Rolle, die ihre Familie unter den Bauern im Dorf hatte: Nicht unbedigt primär, weil der elterliche Bücherschrank voll und schon die kleine Gudrun eine Leseratte war – sondern »weil wir einfach Exoten waren«. Die Eltern entstammten der Jugendbewegung, waren konfessionslos, badeten »ohne« im eigenen Teich und, das muss wohl am schwersten gewogen haben, zeigten sich als überzeugte Vegetarier: »Die Bauern hielten uns für beknackt, weil wir aus ihrer Sicht auf das Beste verzichteten, was sie überhaupt zu bieten hatten – und sich selber nur selten leisten konnten.«

Offen schilderte‘ Gudrun Pausewang ihre jugendliche Begeisterung für die Nazis, ihr späteres Aufwachen und ihr Selbstverständnis als Demokratin. »Bei der Nachricht vom Tod Hitlers habe ich geweint, als Kind hat mich gestört, dass ich ein Mädchen war: »Die konnten ja nicht fürs Vaterland sterben . . .“ »Ich habe mir eine Welt ohne Hitler nicht vorstellen können, erst nach dem Krieg habe ich gemerkt, wie sehr wir indoktriniert wurden, wie schmählich unser jugendlicher Idealismus missbraucht worden ist.«

Damals habe sie reagiert wie viele Frauen ihrer Generation: »Nie wieder Politik!« Erst durch ihr langjähriges Leben in Südamerika, durch die Ideen der kubanischen Revolution sei sie »wieder wach geworden«. Grundsätzliches Fazit von Pausewang: »Es genügt nicht, sich alle vier Jahre fragen zu lassen: >Wie hätten Sie’s denn gerne?< – man muss sich dauernd einmischen!«

Nach Südamerika wollte sie schon mit 14, »ich bin sogar deshalb Lehrerin geworden, um in den Auslands-Schuldienst gehen zu können«. In Chile, Venezuela, Kolumbien und Kuba hat sie ab 1956 fast eineinhalb Jahrzehnte gelebt – und unter anderem dadurch einen anderen Blick aufs eigene Volk bekommen: »Wir Deutschen gelten als Meister der Sekundärtugenden – uns unterstellt man Pünktlichkeit, Höflichkeit, Sparsamkeit. Aber nie Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft oder die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Und noch was: Wir gelten als humorlos und nicht gerade zivil couragiert.«

Das Scheitern der kubanischen wie anderer Revolutionen führt Pausewang darauf zurück, »dass der Mensch ‚erstmal an sich selber denkt. Sozialismus verlangt, dass man teilt – und das tut weh«.

Für die Kirche sieht sie aber nicht nur »wirklich ganz schwarz«, weil »Christentum nicht auf dem Humus des Egoismus gedeihen kann«, sondern wegen der geistigen Überalterung ihrer Funktionäre: »Wo um alles in der Welt soll eine Erneuerung herkommen, wenn fast alle Papst-Kandidaten stockkonservativ sind?« Auch beim Blick in die Gotteshäuser zeige sich dasselbe Bild: »Die Jugend hat Abschied genommen, die Jugend sieht man da nicht.«

Unmöglich, hier alle Gesprächsthemen auch nur anzuschneiden. Pausewang redete unter anderem ausführlich über ihren Sohn, gab bereitwillig Auskunft über ihr persönliches Verhältnis zum Katholizismus, beantwortete detailliert Nachfragen zu Politik und Pädagogik.

Konsequenz sowie die Erziehung »zu mehr Wärme und mehr Miteinander in der Gesellschaft« müssten erste Ziele von pädagogischer Theorie und Praxis sein.

Bevor die Autorin am Ende des langen Abends zur Vorleserunde (»Was ich Dir noch sagen wollte«) kam, durfte sie Assoziationen zu Stichwörtern äussern. Zum Goethe-Jahr fiel ihr »Ich kann’s nicht mehr hören« ein, bei »Millennium« denkt sie zu allererst an Computerprobleme und bei »Talkshow« meinte Gudrun Pausewang: »Also, Fliege ist für‘ mich ein Brechmittel!« (-mpg)