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Fried Dähn: Küss‘ mein Guarneri

Gestern präsentierte Fried Dähn, brav-klassisch als Solocellist der Württembergischen Philharmonie Reutlingen und nicht ganz so brav als Noise-Musiker solo unterwegs, im Tübinger »Brio« seine neue CD. Und am Freitag war Dähn samt E-Cello in schummrig-grüner Beleuchtung in der Reutlinger Osianderschen Buchhandlung zu Gast. Rund 30 hörten zu.

Bei der ersten Nummer dieser Präsentation — »Tango Poison« ist auch auf der CD »Kiss My Guarneri« (Edition Musikat) der Opener — ging live noch alles gut. Aber in den ersten Takten des Titelstücks passierte es dann: Dähn setzte den Bogen in Steghöhe mit kräftigem Druck an – und mit einem leisen Krachen verabschiedete sich der Steg des Instruments aus der korrekten Lage. »Ääh – wir machen die Pause lieber gleich, glaub‘ ich«, meinte der Musiker mit verdutztem Gesicht…

Eine halbe Stunde später war das Malheur zumindest provisorisch behoben und die Besucher hörten mehr von der im einschlägigen Plattenhandel erhältlichen CD. In acht Stücken spielt Dähn darauf vor allem mit den elektronischen Möglichkeiten seines Setups: Klangfilter und kleine, mit dem Sampler »geloopte« (das heisst schleifenartig wiederholte) Soundpattern spielen eine grosse Rolle. Das schnelle Reinhören ermöglicht Dähn im letzten Stück mit einer kräftigen Portion Humor: Bei »All In One« sind alle anderen CD-Titel ineinander gemischt. (-mpg)

Poesie & Musik: Hesse verjazzt

Eine Lesung der selteneren Art gab es in der Reutlinger Osianderschen Buchhandlung; der kurze (und auch recht kurzweilige) Abend mit der Gruppe »Poesie &Musik« und Gedichten von Hermann Hesse war überdurchschnittlich rege besucht: Nur zwei Stuhlreihen blieben unbesetzt. »Poesie & Musik« — das sind der Schauspieler Ulrich Gebauer, Gitarrist Gerhard Reuther, Andieh Merk (Flöte, Saxophon, Perkussionsinstrumente) sowie Bassist Willi Macht. Seit acht Jahren präsentiert das Quartett — immer mal wieder auch in unseren Breiten — Literatur und Musik in enger Verzahnung; bisher gab’s neben einem Programm mit Liebesgedichten auch eines zum Gedächtnis an Erich Fried sowie eine Kästner-Hommage.

Und jetzt also, mit dem (zu erwartenden?) bitteren Titel »Und trotz dem Leben« ein Hermann-Hesse-Abend. Gebauer las, akzentuiert und deutlich, insgesamt aber ein wenig zu gleichförmig in der Stimm-Modulation, knapp zwei Dutzend Gedichte des Literatur-Nobelpreisträgers: den »Mißglückten Abend«, das »Sterbelied des Dichters«, »Auf den Tod eines kleinen Kindes, die »Gestutzte Eiche« und mehr — auch sehr witzige, satirisch-ironische Arbeiten, die nicht gerade »typisch« für Hesse sind: »Immer fand‘ ich nur wenig Wonn‘ / bei Damen, die rochen nach Eau de Cologne«, kalauert der berühmte Autor beispielsweise in »Etwas ganz Allgemeines über die Weiber«.

Mit Heiterkeit nehmen die Besucher auch die Sticheleien zwischen Gebauer (Glatze) und Gitarrist Reuther (Glatze kommt noch . . .) auf, mit denen die beiden den »Mann von 50 Jahren« humorvoll spielerisch begleiten: »Von der Wiege bis zur Bahre, sind es fünfzig Jahre, dann beginnt der Tod. . .«

Die Musik an diesem Abend war — bis auf wenige Stellen, wo die Zählweisen der Musiker ein wenig auseinander zu gehen schienen – sehr gut gespielt, farbenreich und überaus dynamisch. Besonders der Bassist fiel mehrmals mit außerordentlichem (und ausnehmend sensiblem) Spiel auf; Andieh Merk gefiel mit seinem variantenreichen Einsatz auch exotischer Percussionsinstrumente; aus der brasilianischen, einsaitigen Berimbao holte er verblüffend viel Atmosphäre heraus. Das Publikum honorierte das — wie auch die Gesamtleistung des »Poesie & Musik«-Ensembles — mit viel Beifall. (-mpg)

Elmar Hörig: Elmi, Claudia und die Beatles

Proppenvoll war die Osiandersche Buchhandlung in Reutlingen beim Lesetermin mit SWF3-Dampfplauderer und -Possenreißer Elmar Hörig. Nicht nur der auf ewig jugendlich abonnierte Star-Moderator zog die Leute an — das Thema Beatles ist auch ein Vierteljahrhundert nach den »Fab Four« aus Liverpool ein Top-Thema.

Hörig ist »Elmi« und wahrscheinlich wie das mit entsprechendem Aufdruck versehene Buch »100 Prozent Elchproof«. 220 Seiten stark ist seine »Beatles-Story«. Noch eine Pilzkopf-Bio?

Ja und nein. Einerseits hat Hörig »alles ganz genau recherchiert, wirklich, ehrlich« — anderseits hat er die nackten, längst bis ins letzte Detail bekannten Fakten in Romanform verpackt. Er läßt Raimond erzählen, einen Schutzengel, der samt irischem biertrinkendem Adlatus Rupert sozusagen den »Fab Four« zugeteilt ist.

Und dieser Raimond beeinflußt die Beatles kräftig per Traum-Suggestion. Wer wußte schon, daß — laut Elmar Hörig — »Yesterday« in Wirklichkeit gar nicht von Paul McCartney komponiert wurde, sondern von einem Kriegsopfer-Engel, der das Stück als Gruß Ton der Front an seine Frau gedacht hatte, leider aber zu früh gefallen war?

»Wer außer mir kann so einen Scheiß schon schreiben ?«, nimmt Hörig eventuelle Fragen nach einem Ghostwriter witzelnd vorweg. Ob das Buch mit diesem Thema und in einer trendigen Sprache so einzigartig ist, darf bezweifelt werden.

Sicher dagegen ist: So ungewöhnlich „las« in den letzten Jahren kein Autor in Reutlingen. Hörig lieferte nämlich rund 100 Minuten lang eine Live-Show, die genau wie seine Radio-Sendung geschickt auf die Mischung aus beliebter Musik, Verbal-Kalauern und blöden Witzen im Eilzug-Tempo aufbaute.

Da wollte Elmi, die Banane in der Hand, mit Steffi Graf telefonieren und konnte sie nicht erreichen, »weil sie ihr Geld sucht«. Da las Elmi aus dem »Tagebuch von Claudia Schiffer« vor. Kostprobe? »Gestern haben Mami und ich zum ersten Mal Marmelade gemacht, weil Mami ist auch blond. Wir haben einfach Berliner geschält«, heißt es da. Später erzählt Elmi unvermittelt, daß Claudia von »David eine Hustengutsel-Fabrik geschenkt bekommen hat. Die heißt Schifferman’s Friend«.

Über solche Witze lachen die Lesungsgäste mindestens so heftig wie über den Partner Hörigs, den irischen Gitarristen und Sänger Shane Brady. Der liest zwischendrin immer wieder auf gälisch aus »seinem Buch« vor, stellt »0. J. Simpsons Buch: Who put the knife in my wife?« vor — und übernimmt ansonsten recht witzig den Part des saufenden Engelassistenten Rupert.

Damit nicht genug. Brady und Hörig lockerten mit eingestreuten Beatles-Songs von »Things We Said Today« über »And I Love Her« und »Honey Pie« bis hin zu »My Life« — den Abend zusätzlich auf. Und brachten gar — »Herzilein, Herzilein, wenn ihr beide so freßt, bricht die Bühne ein«< — Volkstümelndes mit zwei Gitarren und Gesang.

Diese musikalischen Abschnitte waren nicht nur für Beatles-Fans die eigentliche Zumutung. Die beiden klampften die gewiß nicht schweren Harmonien oft grottenfalsch — und lediglich Brady besitzt eine passable Singstimme. Als »riesengroßer Beatles-Verehrer« hätte Elmi eigentlich spätestens hier die Klappe halten müssen und seine Finger im Zaum. Aber kann schon sein, daß ein Starmoderator den Abstand zu sich selbst verliert. Zumal, wenn selbst solche Musik-Peinlichkeiten beim Publikum bestens ankommen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 15. September 1995

Jostein Gaarder: Übers Denken nachgedacht

Jostein Gaarder, der norwegische Bestsellerautor, zeigte sich in der mit 300 Gästen proppevollen Reutlinger Buchhandlung Osiander — neben allem Philosophischen — als ein witziger Unterhalter. In dem für deutsche Ohren sehr singenden Akzent seiner Landsleute redete er in deutscher und englischer Sprache wasserfallartig über seine Bücher und sein Anliegen.

„Wir müssen wieder wie Kinder werden, Zeugen eines erneuten Schöpfungsvorgangs sein“, lautete eine Forderung des ständig ironisierenden Autors. Mit dem Babyschwimmen verglich Gaarder die Philosophie und das Denken: „Philosophie ab 18 — das ist Quatsch. Denken ist angeboren.“

Sein über 600 Seiten starker Erfolgsroman „Sofies Welt“, erschienen im Hanser-
Verlag, sei „schon degoutant — aber typisch philosophisch“. Eigentlich hat er die leicht faßliche Weltgeschichte der Philosphie ja für Jugendliche geschrieben — aber der Roman („Ich wollte kein Fachbuch schreiben“) kommt überall an.

„Ich dachte, das Buch würde zwischen alle Stühle fallen — aber es ist auf alle Stühle gefallen“, meinte Gaarder. Es sei ihm schon klar, daß die Bibliotheken bei der Schlagwortsuche Probleme hätten — aber auf die Frage nach der Einordnung bliebe ihm „nichts als ein eindeutiges Ja…“

„Ohne Wissen um unsere Geschichte sind wir gewissermaßen im geistigen Urzustand“, verkündete Gaarder und ließ leise Kritik an der sogenannten „postmodernen“ Welt anklingen, in der „alles in losgelösten Brocken serviert wird“ — ein Vorwurf, von dem er sich selbst auch nicht ganz freimachen kann.

„Wenn wir nicht wissen, wohin wir gehen, kann es wichtig sein zu wissen, woher wir kommen“, teilte Gaarder mit und konstatierte: „Wir sind einfach nicht gut im Glücklichsein“.

Aber eigentlich, so erfuhren die Zuhörer, sei er mehr an Fragen interessiert als an Antworten — und so erfuhr eine Fragerin nichts über seine eigene Lebensphilosophie. Ob er denn nicht Angst habe, mit seiner Anstiftung zum eigenständigen Denken dereinst zu enden wie der vergiftete Sokrates, wollte ein anderer wissen.
„Das ist eine einmalige Frage. Daß ich lebe, ist eine späte historische Rache“, meinte Gaarder dazu. In dem kurzen Dialog mit seinen Lesern fand Gaarder auch eine Erklärung dafür, warum Frauen mehr lesen als Männer: „Frauen wollen verstehen, Männern ist es wichtiger, verstanden zu werden“.

Eine analytische Frage zum Ende von „Sofies Welt“ schmetterte der Autor, bevor er in norwegisch einen Abschnitt vorlas, ab: „You know, there’s a little Geheimnis in it. Keiner liest einen Krimi, wenn der Mörder bekannt ist“. Sprach’s und verabschiedete sich nach knapp 90 Minuten von seinen Zuhörern.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 10. März 1994

Bodo Kirchhoff: Mit poetischer Sprachkraft

Rund 70 Besucher kamen in die Reutlinger »Osiander«-Buchhandlung, um den Autor Bodo Kirchhoff aus seinem neuen Roman »Der Sandmann« lesen zu hören.
Nachdem Kirchhoff (bekannt geworden ist er mit »Infanta») das wackelige Knautschkissen vorlesegerecht ausbalanciert und auf Wunsch einer Zuhörerin die helle Leselampe blendfrei verstellt hatte, ging’s los. Aus dem wohlmodulierenden Mund des Autors erfuhren die Zuhörer von einem Radiosprecher, der mit seinem Sohn im Flugzeug nach Tunis sitzt. Mit seiner Frau hat er sich verkracht, jetzt ist er auf der Suche nach Helen. Sie, ein Mädchen, das Sohnemann Julian beaufsichtigt hatte, soll in der Medina wohnen.

Aus dem Hotel ist Helen ausgezogen. Die Besitzerin, der gegenüber sich der Protagonist als Helens Onkel ausgibt, zeigt ihm beschriebene Blätter. Darauf beschreibt das Mädchen das Jahr mit dem Vater des kleinen Manns, auf den sie aufpasste.

Bodo Kirchhoff erzählt fesselnd und lebhaft betonend von Julian, der dauernd Papierflieger basteln will, und schildert plastisch und witzig einen schrulligen Deutschen, der sich als Exilant fühlt. Graffiti-Pionier in der ehemaligen DDR war der, »aus Prinzip« lebt er nicht in seiner Heimat und Schreiben tut er sowieso: »Wer schreibt nicht im Exil?«, läaat Kirchhoff ihn fragen.

So wie Julian immer mehr dem Exilanten zugeneigt ist — schließlich faltet der Mann Fliegerchen mit Rekord-Gleitwerten — entdeckt sein Vater (in Gedanken zwischen Helen und seiner Frau Christine hin- und her gerissen) die Lust an der Liebe mit der Hotelbesitzerin neu.
Mit einer leisen, dennoch kraftvollen und sehr verspielten Schilderung eines gedehnten Geschlechtsakts der beiden beendet Kirchhoff seine Lesung — genau an einer Stelle, wo diejenigen Zuhörer, die den Roman noch nicht gelesen haben, fragen müssen: »Und wie geht’s weiter?«

Eine spannende und gutgeschriebene Geschichte, ein deutlich (und schön laut) artikulierender Autor, der Abend konnte wirklich die Lust am Lesen wecken. Die an der allgemeinen »Diskussion« mit dem Autor dagegen nicht. Kirchhoff hat die Zähigkeit und Unergiebigkeit solcher Fragerunden wohl schon oft erlebt. »Wir können ja miteiander reden, während ich die Bücher signiere«, meinte er nach gut 75 Minuten.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 30. Dezember 1992

Edith Krispien: Eine etwas andere Lesung

Eine Autorenlesung zeichnet sich gewöhnlich dadurch aus, dass ein Schreiber vor mehr oder weniger ehrfürchtigen, interessierten und belesenen Zuhörern eine kleine Einführung in das zu verkaufende Buch gibt, Passagen daraus vorliest und anschliessend mit den Anwesenden diskutiert.

Als die Esoterik-Autorin Edith Krispien am Donnerstagabend in die Reutlinger Osiander-Filiale gekommen war, um ihr neues Buch, »Der erste Kreis«, vorzustellen, war alles anders: »Wir werden etwas erleben! Ich verspreche es Ihnen«, meinte die Autorin zu den knapp 40 Zuhörern, und deutete das weltweit aufgekommene Interesse für esoterische Fragen als einen Entwicklungsprozess. »Die Menschen werden geistig erwachsen«, war da zu hören, »sie kommen aus der Phase heraus, wo man sie bevormundet«.

Es geht darum, »selber zu seinem Über-Ich zu gelangen«, aber »das ist nicht mehr so einfach zu machen«. Ohne Anleitung wird’s nichts damit. Gei sei Dank gibt es jetzt das Buch von Edith Krispien.

Der Autorin lag nichts ferner, als »für das Buch zu werben, das hier vorne ausliegt«. Zunächst erläuterte sie drei Bewusstseinszustände, die Interessierte mit Hilfe ihres Buches erreichen können: Ein »Körperbewusstsein«, ein »Traumkörperbewussdtsein« und ein »körperloses Bewusstsein«. In diesem Zusammenhang wurden Bibelstellen vorgelesen: die Autorin versicherte wortreich, dass sie keine Missionarin sei, und versuchte zu erklären, worum es ihr statt dessen gehe. Diese Ausführungen waren aber wohl nicht nur für den Berichterstatter unklar — in der Runde zeigte sich manch kritisches Gesicht.

Nach diversen Vergleichen westlicher mit östlichen »Christuskörpern« — damit sind die zwei grossen unterschiedlichen religiösen Strömungen gemeint: hier Christ,‘ da Buddhist — und Kernsätzen wie »Jeder Mensch wird dahin geführt, wo er geistig hingehört«, ging’s in die Praxis: »Sie brauchen keine Angst zu haben, wir führen das alles«, meinte die Autorin, und führte Willige mit Suggestiv-Stimme zur Ruhe.

»Träumen ohne einzuschlafen«, war das Motto, und so »konzentrieren wir uns auf die Aussenwelt«. Die Schüler machten einen Rundflug über Reutlingen, lauschten im Körper, »wo alles so wunderbar geworden ist«, auf dem Fluss der Blutkörperchen und atmeten transzendent vom »Steissbein“ bis zu den Augenbrauen«. Gebeten, sich intensiv die Farbe »gelb« vorzustellen (es darf auch eine beliebige andere sein…), spant der physische Körper der Anwesenden schon bald auf einer »selbstgestalteten Wiese« herum, wo ein Bach plätschert und der Himmel blau ist. Eine Schnulze von Neil Diamond lieferte Hintergrundmusik.

Bei »Grün«, »leuchtend wie ein Smaragd, bei dem das Licht angeknipst ist«, ging es mit dem Traumkörper in den Wald, danach ohne Körper in die Lüfte »über einen Meeresstrand, wo die Vögel durch uns hindurchfliegen«.

»Als geistesbewusste Wesen« durften sich alle noch einmal »selber grüssen«, bevor es auf den grünen Teppichfilz der Buchhandlung zurückging.

Die Autorin fragte bei den Anwesenden nach, wie es war: Wo eine Zuhörerin »Waldgeistern« begegnet war, gab eine andere an, noch nicht mal das anfängliche »Gelb« richtig sehen zu können. Jetzt war die »Lesung« beendet, und alle begaben sich in das ziemlich ernüchternde Diesseits — nicht ohne den guten Rat von Edith Krispien nach Hause zu nehmen, es »doch mal selber zu versuchen«.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 16. September 1989

Leonie Ossowski: Ein Bericht aus der Heimat

»Das Buch ist keine Aufzeichnung von Schuld – es ist eine Aufzeichnung politischer Mitverantwortung.« Leonie Ossowski, Jahrgang 1925, Autorin so bekannter Bücher wie »Die große Flatter« oder »Weichselkirschen«, eine »Erfolgsautorin« also, kam am Mittwochabend nach Reutlingen, um ihr neues Buch »Wolfsbeeren« vorzustellen.

Zwei Kapitel aus dem knapp 500 Seiten starken Werk bekamen die Zuhörer in der nahezu vollbesetzten Buchhandlung »Osiander« zu hören; Erklärungen zum Hintergrund der »Story« und eine anschließende Diskussion (wenn man das so nennen darf) waren inbegriffen. Den Anlass für »Wolfsbeeren« gaben die Vertriebenenverbände mit ihrer Parole »Schlesien ist unser«. Erzählt wird die Geschichte von Leuten insbesondere einer Gutsherrenfamilie – in »Rohrdorf« (das steht für das reale Röhrsdorf in Niederschlesien an der polnischen Grenze, wo Leonie Ossowski auf einem Gut aufgewachsen ist) zwischen 1918 und 1945. Da gibt es neben den Gutsbesitzern Deutsche und Polen, die in gutnachbarlichen Verhältnissen leben. Allerdings nur bis 1933 – danach »wurde Hass gesät«.

Die beiden Kapitel, aus denen die Autorin vorlas, erzählen von einem jungen Bauernmädchen (Erbin des Hofes, tüchtig, hübsch), das sich in einen polnischen Lehrer verliebt hat. Anfangs wird im Dorf die Liaison »übersehen« – schon bald aber wird »Magda« denunziert. Ihr Vater, der »Weißbauer«, verbietet ihr den Umgang mit dem Polen. Sie hält sich nicht an das Verbot, reißt aus, wird in einem Waldstück vom Vater gestellt und geschlagen. Die Beteiligten bemerken plötzlich, dass der Wald des Bauern brennt. Jemand will Magdas Liebe in der Nähe gesehen haben; der Pole wird zusammengeschlagen. Sophie, die Frau des Gutsherren, nimmt den jungen Lehrer vorübergehend bei sich auf (Was von der Dorfbevölkerung nicht verstanden wird) und hilft ihm, über die Grenze zu fliehen.

Magda, inzwischen volljährig, hat ihr »Pflichtjahr« bei Sophie auf dem Gut verbracht und will jetzt zu ihrem Freund ziehen. Im (polnischen) Dorf angekommen, muss sie von seiner Deportation und der drohenden Erschießung durch Deutsche erfahren. Als sie sich dem Soldat entgegenwirft, um den Polen zu retten, werden beide ermordet. Magdas Vater (der eigentlich seine Tochter bestrafen wollte) kommt hinzu und begreift gar nichts mehr. Er sitzt über eine Stunde regungslos neben seinem Kind. »Das waren doch die Deutschen«, sagt sein polnischer Lohnarbeiter. Antwort: »Eben, das ist es ja.«

Die Sprache von Leonie Ossowski ist nüchtern und präzise, sie erstattet Bericht. Es geht ihr nicht um Schuldzuweisungen, auch hat »Heimat nichts mit Besitz zu tun, sondern mit Erinnerung«. Die Geschichte der »Wolfsbeeren« ist in den Situationen authentisch; die Gutsbesitzer seien aber nicht ihre Eltern, betont die Autorin.

In der Diskussion, die sich der Lesung anschließt, wird deutlich, dass bei so manchem – sowohl den damaligen Zeitgenossen wie auch Jüngeren – das Thema noch lange nicht »bewältigt« ist. Man muss sich schon wundern, wenn eine Zuhörerin, als Leonie Ossowski von der systematischen Ausrottung der polnischen Intelligenz berichtet, fast empört bemerkt: »Das waren doch nicht nur die Deutschen.« Darum geht es nicht hier und auch sonst nicht. Aus Schuldzuweisungen ist nichts zu lernen; sie bringen nichts. Leonie Ossowski beschuldigt nicht, sie berichtet und erklärt damit vieles; ihr geht es um die Verantwortung des einzelnen Menschen. »Wolfsbeeren« nimmt sich einer wichtigen Thematik an und ist selbst ein
wichtiges Buch.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 13. November 1987