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20 Jahre Nepomuk: Alt-Rock, Ska und Latin beim Open Air

Zwei Abende lang gab’s jetzt zum Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen des »Cafe Nepomuk« ein Open-Air-Festival. Die vier Bands, die von abends um acht bis Mitternacht spielten, deckten zwar nicht das ganze stilistische Spektrum der  Konzerte ab, die es in den letzten zwei Dekaden im »Nep« – erst in der Burgstraße, jetzt
Unter den Linden – zu hören gab, aber sie brachten ganz wesentliche Elemente
der Nepomuk-Kulturarbeit: Da gab’s zwei Tage lang primär »unkommerzielle« Musik ohne viel Scheuklappen zu hören, freche, sinnliche Töne – und natürlich auch jede Menge politischen Anspruch aufzuschnappen.

Die gar nicht mal soo alten Herren von »Neues Glas aus alten Scherben«, die
sozusagen auf den Spuren der legendären deutschen Anarcho-Band »Ton Steine Scherben« wandeln, ohne eine reine Coverband zu sein, wurden mit Spannung erwartet, von 50 Härtefans direkt vor der Bühne auch einigermaßen frenetisch beklatscht – aber im Gesamtkontext hatten Dirk Schlömer, Michael Kiessling und Co. eher nur harmlos-beliebige Hippie-Kost mit plakativen ‚Texten, die oft ins Parolenhafte rutschten, zu bieten: Eine nostalgische Veranstaltung.

Definitiv im hier und jetzt musizierten – nach ihrem äußerst gelungenen Auftritt im Tübinger Epple-Haus vor einiger Zeit – die Hannoveraner von »Systemhysterie«: Auch auf dem Open-Air-Areal zwischen Foyer U 3 und Paketpost kamen der deftige Powerpoprock und die differenziert formulierten, ja stellenweise schon fast poetisch einzustufenden Texte der sehr routinierten Musiker wieder bestens an.

Am Samstag kamen die Tanzwütigen auf ihre Kosten: Gut 200 tummelten sich bei den Konzerten von Sona Diabate und Karemelo Santo vor der Bühne. Zugehört haben gut dreimal so viele: Weil nämlich der gastronomische Bereich direkt an das Open-Air-Areal anschloss, verzichteten viele auf den optischen Eindruck und darauf, Eintrittsgeld zu zahlen.

Zu hören gab es auch ohne »Gebühr« alles. Und was: Im Fall von Sona Diabate ein von der Band Argile begleitetes, hochenergetisches afrikanisch gelagertes Konzert, bei und mit den Argentiniern zum Festival-Abschluss ein praller, schneller und enorm vielseitiger Mix aus allen möglichen Stilen: Karemelo Santo brachten Ska, Latin, James-Brown-Funk, Punk und knallharten Crossover-Rock hochelegant und dabei packend und mitreißend.

Dieses Konzert – aus Sicht des Berichterstatters das musikalisch ergiebigs-
te des »Nepomuk«-Festivals – geriet von A bis Z zum spannenden Ereignis. Stillhalten hat unter den vielen Besuchern hier auch kaum einer können…
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Gleis 4: Vielgleisige Formation

Mit Scheuklappen ist die Tübinger Saxofonistin Dorothea Tübinger schon lange nicht mehr aufgetreten. Vor dem großen »Nepomuk«-Open-Air am nächsten Wochenende lieferte sie jetzt zusammen mit drei Sax-Kolleginnen dort vor rund hundert begeisterten Zuhörern kammermusikalisches zwischen »E« und »U«.
Wobei »Gleis 4« – so haben Tübinger (Sopran- und Alt-Sax), Silke Panknin (Alt), Annette Janle (Tenor) und Baritonsax-Spielerin Christina Schoch ihre Formation genannt – gleichermaßen die »klassischen« wie auch die »jazzigen« Musik-Teile des Abends mit großer Ernsthaftigkeit interpretierten und offensichtlich auch mit der gebotenen kunterbunten Mischung bestens unterhielten.

Von Bach bis zur Gegenwart reichte die Palette. Das »Dreigroschenoper«-Medley gelang den vieren, die durchweg sehr sauber, rhythmisch präzise akzentuiert und zusammen schön homogen spielten, besonders gut. Nach Satie waren später Jazz-Klassiker wie Thelonious Monks »Round Midnight« für die Musikerinnen wie auch die Zuhörer »Spaziergänge«.

Innerhalb des Gesamtklanges von »Gleis 4« war es immer wieder Doro Tübinger, die die anderen überstrahlte. Das lag nicht nur an hörpsychologischen Gegebenheiten – das hohe Sopransax setzt sich gegen tiefer klingendes immer leicht durch -, sondern an der musikalischen Klasse, die die Musikerin erreicht hat. Viel Beifall gab’s im Nepomuk für »Gleis 4«.

 
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

 

Charlie Mariano: Die Saxophon-Nadel im Heuhaufen

Ein Highlight beileibe nicht nur des »Jazzfrühlings in Reutlingen«: Charlie Mariano, der Grandseigneur der europäischen Saxophon-Szene, wurde jetzt im völlig ausverkauften »Foyer U3« von den zu Recht restlos begeisterten Fans frenetisch beklatscht.

Es ist schon nicht selbstverständlich, dass ein 80-jähriger Musiker-Star überhaupt noch auftritt. Ganz selten kommt’s vor, dass solche Konzerte dann – ohne jeglichen Nostalgie-Bonus – zu musikalischen Ereignissen werden.

Dass so ein Glanzlicht dann auch noch in Reutlingen (und auf einer so vergleichsweise kleinen Bühne wie der des »Foyers«) stattfindet, entspricht sozusagen der berühmten Nadel im Heuhaufen. Der »Jazzclub in der Mitte« und das »Nepomuk« haben dieses Konzert mit der Gruppe Nassim möglich gemacht.

Nicht nur die Zuhörer haben sich wohl gefühlt (na klar!), auch Mariano und seine Mitmusiker strahlten. An dem Abend war nämlich außer den Smahi-Brüdern auch Edel-Bassist Dave King mit von der Partie. Er ist sonst unter anderem beim »United Jazz & Rock Ensemble« beschäftigt.

King und Trommler Yahia Smahi harmonierten einfach traumhaft miteinander, wechselten die Stile zwischen Okzident (höchst funkiger Jazz) und Orient (höllisch komplizierte Rhythmik) virtuos wie Schumi die Gänge. Und auf der melodischen Seite warfen sich Mariano, der immer noch wie eh und je gleichermaßen einen starken, höchst expressiven wie gleichzeitig »lyrisch« fragilen Ton besitzt, und Chaouki die solistischen Bälle zu, als ob sie nie was anderes gemacht hätten.

Wer nicht dabei war, aber die entsprechenden, legendären Session-Aufnahmen Rabih Abou-Khalils kennt, weiß ungefähr, wie toll das im Foyer U3 geklungen hat.

Wir sind vermessen genug zu behaupten, dass Mariano, die Smahis und King bei diesem »Jazzfrühling«-Ereignis noch dichter, homogener, abwechslungsreicher und spannender gespielt haben.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Kai Degenhardt: Querdenker

Ratlosigkeit bei den Nepomuk-Konzertmachern: Beim »Fest zum 1. Mai« mit Kai Degenhardt sowie der Band Rotes Haus waren am Samstag nur zwei Handvoll Besucher gekommen.

Der Sohn des berühmten Polit-Barden Franz Josef Degenhardt war schon öfters hier mit wesentlich größerer Resonanz zu Gast. Klar, dass der Hamburger Pop-Querdenker und die nicht minder schrägen Vögel vom Roten Haus nicht besonders begeistert waren – weil aber Kai Degenhardt auch sonst nicht gerade den Eindruck einer Stimmungskanone macht, hat der fast leere Zuschauer-Raum auch nicht gestört.

Neu beim diesjährigen Abstecher Degenhardts in Reutlingen war die Begleitung. Zu den schrägen, teilweise recht unkonventionell gegriffenen Gitarrenriffs des Liedermachers – er ist ein Experte darin, den Textfluss gekonnt über raue Rhythmik stolpern zu lassen – kam die seltsame, ungeschliffen wirkende Musikmix vom Roten Haus.

Die Musiker kombinierten Melodica-Getute mit hochmoderner Dancefloor-Musikproduktions-Technik, mischten ohne Respekt Folk-Attitüden mit »Black Music«-Traditionen: Das klang ziemlich ungewöhnlich, manchmal roh – und hat sowohl vom respektlosen Musizier-Ansatz her wie auch dem unprätentiösen Auftreten gut zum »Anti-Pop« Degenhardts gepasst. Vielleicht hören ja beim nächsten Mal mehr zu…

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

La Vela Puerca: Rock’n’Ska auf Latin-Art

Das Reutlinger »Nepomuk« bot jetzt schon wieder ein Club-Konzert auf ausnehmend gutem Niveau. Der lange, aber kein bisschen langweilige Gig mit der Band La Vela Puerca aus Uruguay geriet zu einem schweißtreibenden Party-Event mit krachendem Rock, viel Ska — und jeder Menge in diesem Kontext frisch und neu scheinenden, »typischen« Latin-Elementen.

Klar bringen es die zwei Bläser von La Vela Puerca nicht so messerscharf wie die berühmten Phoenix Horns — und Gitarrist Santiago Butler ist nicht ganz so cool wie Keith Richards.

Aber nur fast: Besonders in den schnellen, ursprünglich wirkenden Ska-Titeln kommt die exzellente Bläser-Arbeit der Südamerikaner bestens zur Geltung, und die Gitarrenriffs der in ihrer Heimat überaus erfolgreichen Jungs klingen schon öfters, als ob die berühmten »Glimmer Twins« Pate gestanden hätten.

Einen überaus fetzigen, mitreißenden Mix lieferten die routinierten, aber nicht etwa übersättigt wirkenden Musiker um den charismatischen Frontmann Sebastian Teysera im »Nepomuk« ab. Fast alle unter den rund 200 Besuchern schienen estlos begeistert.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Djamel Laroussi: Rai-Weltmusik der Sonderklasse

Wer am Samstagabend im Reutlinger »Nepomuk« mit dabei war, wird zustimmen: Das Konzert mit dem algerischen Multiinstrumentalisten Djamel Laroussi und Band war ein außergewöhnlich gutes – konzert-technisch weniger abgebrühte Zuhörer als der Szene-Tonspion düften glatt die berühmte »Sternstunde« bemühen, ohne rot zu werden.

Der Mann, der nach zwei exzellenten Platten in Frankreich schon in der entsprechenden Szene eine Berühmtheit ist, schickt sich jetzt an, auch den deutschen Markt zu erobern.

Das dürfte für den Musiker, der in Köln studiert hat, auch problemlos klappen. Im »Nepomuk«, wo die kleine aktuelle Deutschland-Tour startete, waren die Zuhörer jedenfalls restlos hin und weg – und machten bei dem auch dramaturgisch ausgezeichnet getimten Konzert von Anfang bis Ende begeistert mit.

Laroussi – selber auf verschiedenen Saiten- und Schlaginstrumenten zu hören – und seine durchweg auf internationalem Spitzen-Niveau musizierenden Bandmitglieder brachten mehr als zwei Stunden einen in jeder Hinsicht höchst spannenden, ,originär und deswegen auch entsprechend frisch klingenden Mix aus Rai, enorm viel Funk, Latin-Elementen, Reggae, Soul und Pop.

Dabei verliert sich Laroussi sowohl als Komponist wie auch Interpret nicht in Wischiwaschi-Beliebigkeit; im Gegensatz zu – beispielsweise – Youssou N’Dour vermeidet er auch zuckrigen Pop vollständig.

Stattdessen gibt’s so eine Art algerischen Power-Funk-Jazz zu hören und dermaßen komplexe Rhythmen und Rhythmuswechsel, dass Frank Zappa nichts als die reine Freude daran gehabt hätte.

Laroussis Band ist unbedingt präzise, sein Bassist und der exzellente Sopransax- Spieler wären im »Nepomuk« schon für sich alleine das Eintrittsgeld wert gewesen. Dazu kam eine Rhythmusgruppe, die es in sich hatte – und eben der charismatische, gut aufgelegte und vor allem stets mit und im Publikum kommunizierende Chef: Das war ein Szene-Ereignis, das haften bleibt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

MC Tolga: Lustloses Genuschel

Ein lustloser MC Tolga hat am viel zu späten Samstagabend zusammen mit dem Stuttgarter Lucky Punch Soundsystem im Reutlinger  »Nepomuk« Station gemacht. Erst um halb zwölf ließ sich der im Nepomuk nur nuschelnde Nachwuchs-Rapper und Schnellschwätzer zu einer kurzen Runde hinreißen, weit später in der Nacht gab’s nochmal ein kurzes Set.

Dazwischen und dazu legten die zwei Jünglinge vom Lucky Punch Soundsystem ziemlich wahllos Reggae-Platten auf — mal abgesehen davon, dass wir technisch kaum jemals ein versauteres Mix-Set erlebt haben, hätten sich die DJ’s die platte (und im Übrigen völlig folgenlose) Publikumsanmache via Mikro sparen können.

Ungefähr 60 Besucher tanzten mit.