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Bodo Wartke: Virtuoser Wortspieler

Man hat’s als Kabarettist schon schwer, wenn man die Brettl-Welt von Bad Schwartau aus erobern will. Bodo Wartke aber scheint’s geschafft zu haben, obwohl seine »Heimatstadt komplett in der Marmeladenfabrik eingebaut« ist.

Und der dortige Bahnhof nur über zwei Gleise verfügt – »Sie müssen schon vom Zug abspringen, wenn sie unsere Stadt besuchen wollen.« Obwohl Wartke mit 25 Jahren gerade mal das Kleinkind-Alter nach Kabarett-Maßstäben erreicht hat, ist er doch von der »St. Ingberter Pfanne« bis hin zum »Schwarzen Schaf vom Niederrhein« – schon mit einer stattlichen Anzahl von Preisen ausgezeichnet.

Offensichtlich zu Recht: In der Metzinger Festkelter, in der Bodo Wartke jetzt auf Einladung des Veranstaltungsrings gastierte, zeigte er sich gleichermaßen als versierter (und vor allem improvisatorisch ganz schön beschlagener) Unterhalter am Klavier wie auch als höchst virtuoser Wortspieler, der mit diebischer Freude an atemberaubenden Alliterationen sein Publikum aufs Beste unterhielt.

Zum Beispiel mit literarisch fein gedrechselten, lustigen Liebesgeschichten (». . . und dann hat sie gesagt: Du bist ganz anders, mit Dir kann man über alles reden . . .«) und hoffnungslos albernen, aber intelligent gereimten Ritter-Epen.

Von Wartke erfuhren die Zuhörer unter anderem, wie’s wirklich in geschichtlicher Frühzeit zugegangen ist (»Es surften Kain und Abel kaum/ohne einen Gabelbaum«) und auch, dass die Geschichte vom Knab‘, der ein Röslein stehen sah, ja ökologisch ebenso bedenklich ist wie letztendlich persönlich für den Jüngling doch eher betrüblich.

Seine intelligenten Wortspielereien garnierte Wartke mit Klavier-Schnipseln von Klassik bis Boogie-Woogie und kam auch damit prima an. Wahrscheinlich liegt es auch an einer Seelenverwandtschaft zwischen denen aus Metzingen und Bad Schwartau. Wartkes Kommentar: »Auch wenn sie in der Tat fast nichts zu bieten hat / bleibt sie doch meine kleine Heimatstadt«.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Ines Martinez: Mit Charme und Können

Dass sie enorm begabt ist, war schon vor siebzehn Jahren, ganz am Anfang ihrer Karriere, klar. Damals sorgte die Reutlinger Sängerin Ines Füldner mit Satin Love & The Brass Connection eine Zeit lang für Aufregung in der lokalen und regionalen Popszene.

Wie viel Ines Martinez – den Namen hat sie von ihrem kubanischen Mann – aus ihrem Kapital gemacht hat, konnten jetzt die Besucher des Gemeindezentrums Hohbuch erleben: Martinez‘ »Musikkabarettshow« (Eigendefinition) entpuppte sich als abwechslungsreiche, vergnügliche und in aller musikalischen Vielfalt sehr gelungene Unterhaltung.

»Frosch am Hals« heißt das etwa zweistündige Programm, in dem Martinez mit Ironie, Witz und Charme leichtgewichtig daherkommende Songs, Couplets und Moritaten vom Leben im allgemeinen und im besonders schweren Fall mit kleinen Sketschen und Dramen als Anmoderationen verbindet.

Als Sängerin zeigt Ines dabei von Blues über Latin-Stoff bis hin zu Piaf- und Monroe-Parodien technische Perfektion und viel Einfühlungsvermögen ins jeweilige Genre; dass der Abend zu einer ganz runden Sache wird, liegt aber auch wesentlich an dem kontrolliert komödiantischen Spiel von Martinez. Eine pragmatisch resolut-schwäbische Dame vom Typ »Lieblingsnachbarin« kommt bei ihr ebenso überzeugend, natürlich und »echt« wie eine Verkörperung eines blonden Dummchens, das dann auch immer haarscharf unter dem richtigen Ton liegt . .

Partner Ralph Abelein erweist sich als einfühlsamer und ebenfalls sehr versierter Piano-Begleiter. Auch er spielt mit und auch er tut das mit viel komischem Talent.

Im Hals hat sie ihn sowieso nicht und mit einem »Frosch am Hals« muss sich Ines Martinez nicht herumplagen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Schall & Hauch: Nostalgische Frechheiten

Riesenandrang beim »Kulturlaub«-Termin im »Markt«der Reutlinger Stadtbibliothek: Gut und gerne 150 kamen zum Musikkabarett mit »Schall & Hauch«.

Von Berlin aus erobert das Duo derzeit Kleinkunstbühnen der Republik – Sänger
Michael Hess macht allerdings keinen Hehl daraus, dass er aus Köngen kommt und so ziemlich alles kann außer »Hochdeitsch« ; die speziell über oder für schwäbische Verhältnisse geschriebenen Nummern dürften, weil voller gängiger Klischees, aber in der Fremde besser ankommen als »drhoim«.

Hess und sein pianistisch gewiefter, als Arrangeur humorvoller Partner Sady Augsburger spielten auch in der Stadtbibliothek gekonnt mit nostalgischen Schlager-Leichtigkeiten: Die Melodien von Reutter, den »Comedian Harmonists« oder anderen Schlagerstars von anno dazumals klingen weitgehend authentisch, die Texte sind es aber nicht, rutschen mit Bedacht und Witz geplant in die schnöde Gegenwart ab.

Noch gelungener als die 20er-Jahre-Adaptionen scheinen die völlig hausgemachten Blödeleien von »Schall & Hauch«: Die musikalisch ebenso drastisch wie witzig umgesetzte Geschichte vom Pferd, das nach und nach alle Beine verliert, fanden die Besucher überaus amüsant.

Humorvoll und dramatisch auch das umgestrickte Märchen von Dornröschen, das letztendlich bei »Schall & Hauch« von einem Frosch wachgeküsst wird – zufällig, weil der ja eigentlich nur die Fliege auf dem Mund der angegammelten Schönen erwischen wollte …Hier kombiniert Augsburger mit viel Geschick so ziemlich alle Musiktheater-Klischees und jagt virtuos durch ein Wechselbad der Stile und Gefühle.

Gleichermaßen gekonnt und aufs Beste leicht unterhaltend die bahnbrechenden musikhistorischen Forschungsergebnisse von »Schall & Hauch« in Sachen Bach: Auch hier kombinieren die beiden musikalische Original-Schnipsel und tonsetzerische Eigenheiten mit frechen, ganz und gar erfundenen Texten: »Man wundert sich schon sehr, wie er beim Komponieren noch so viel Zeit fand zum poussieren«, singt Michael Hess da.

So witzig die Vorstellung des Duos geriet – einen Kritikpunkt gibt es doch: Beide hetzten in viel zu hohem Tempo durch viele Songs; der Pianist hielt mit, die Artikulation des Sängers litt stellenweise sehr.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Preddy Show Company: Glamour und Geschichte in der »zelle«

Die Formulierung im Presse-Info der „Preddy Show Company“war ausnahmsweise mal keine Übertreibung: Es war in der Tat ein »komisch-verrücktes Musikspekakel«, das die Berliner Truppe am Wochenende in der »zelle« aufführte.

Komisch waren die Urmenschen mit Walkmen, die zu »Trio«-Klängen tanzten und Werbung für einen Elektrorasierer machten.

Komisch war auch die Neandertalerin, die mit müdem BliCk den Boden fegte und dazu perfekt lippensynchron »das bißchen Haushalt« mimte.

Verrückt war die Kleopatra mit ihrem Diener und deren gegenseitiger Zuneigung, als sie »Zeig mir bei Nacht die Sterne« sangen. Die Liebe fand ein Ende, weil der Pharao erschien: Die ägyptische Königin sattelte schnell um und intonierte »Neue Männer braucht das Land«.

Der Hebel der Zeitmaschine wurde vorgedreht und schon fand man sich im Märchenland wieder. Dort erschien Rotkäppchen und hatte nichts besseres vor, als ein Lied über eine beträchtliche Anzahl Luftballons des Frl. Kerner, auch Nena genannt, zum besten zu geben.

Das arme Kind würde dann von einem Punk zu einer »Zweierkiste« überredet. Las Vegas und Paris ließen grüßen: »Mr. Bojangles« war da, auch ein paar »Strangers in the Night«, eine irgendwie bekannt erscheinende Blondine versprach »Diamonds are the girls‘ best friends«.

Nach der sehr langen Pause ging’s auf den Mond, auf dem die Welt auch nicht in Ordnung war: Haarspray hier, Facelifting da, Jugendkult überall. Der Traum war jäh zu Ende, als die »Preddy Show Company« ihre letzte Nummer begann: Atombombenopfer schleppten sich zu Klängen von Laurie Anderson auf die Bühne, eine Leuchtschrift blinkte auf: Game over — plötzlich waren alle wieder im Neandertal.

Zwei Stunden gutgemachte Unterhaltung, mit kritischen Untertönen, immer seicht, aber niemals peinlich — es war eine gelungene Show.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 25. September 1985