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Madeleine Sauveur: Kabarett hochmusikalisch

»Heute abend geht es um Altlasten« –  Madeleine Sauveur machte bei ihrem Auftritt im Rahmen der Pliezhausener Rathauskonzerte gleich klar, dass es von ihr kein »normales« Liederprogramm zu hören gebe. Die schauspielerisch wie musikalisch und satirisch begabte Osnabrückerin, die sich als »Diseuse« bezeichnet, präsentierte unter dem Titel „Er, der Herrlichste von uns allen“, eine „kabarettistische Revue leisen Zweifels«. Mehr als zwei Stunden lang machte sich Sauveur witzig und pointiert Gedanken über die Beziehungen zwischen Mann und Frau, mischte dramatisch sehr geschickt eigene Texte mit denen berühmter Autoren.

Vier Schumann-Lieder aus dem Zyklus »Frauenliebe und Frauenleben« bildeten den roten Faden. Im Kontrast zu den einfach-direkten Gedankenwindungen einer Julie Schrader oder dem »Stoßseufzer einer Dame in bewegter Nacht« mussten die Lieder — und das war ja auch gewollt — wie der Inbegriff reaktionären Paschatums erscheinen.
Von der ersten Liebe über die Heirat, das erste Kind, die beginnende Glatze des Mannes (»Wo sind Deine Haare?«) und den ersten Seitensprung — hier sang und spielte Sauveur mit hinreißender pantomimischer Begabung zum Chanson »Ergibt sich die Gelegenheit« von Georg Danzer — deckte das Multitalent in ihrer Auswahl so ziemlich alle Facetten des Themas ab. Ohne irgendwelche stilistischen Scheuklappen im Kopf.

Die hat Madeleine Sauveur auch gar nicht nötig. Im »klassischen« Liedgesang war sie ebenso überzeugend wie als Chansonette, beispielsweise in einer beenden Interpretation des »Chanson des vieux amants« von Brel. Den typischen Bänkelgesang der Kleinkunstbühnen hatte sie ebenso locker drauf wie Parodistisches. Besonders gut gelang ihr gegen Ende des Programms die Darstellung einer alten, zittrigen, aber offenbar rundum zufriedenen Frau. Mit gespielt brüchiger Stimme sang Sauveur hier »Diamonds are a girl’s best friends«.

Das Publikum im fast vollen Rathaus-Saal zeigte sich von der gleichermaßen heiteren wie auch immer wieder nachdenklich machenden Vorstellung der Künstlerin sehr angetan; Sauveur kam nicht ohne Blumenstrauß und Zugabe von der Bühne. Bleibt noch anzumerken, dass das Regie-Team aus Otto Beatus und Jean-Michel Fournereau sowie Sauveurs einfühlsamer Begleiter am Flügel, Reinhold Keil, einen Gutteil der begeisterten Zuschauerreaktionen auch auf ihre Leistungen beziehen dürfen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 23. Januar 1996

Ruedi Häusermann: Ton-Theater

Die Theaterbühne als Tonstudio: Ruedi Häusermann vom Aarauer Theater Tuchlaube verwandelt bei seinem Solo-Stück „Der Schritt ins Jenseits“ den Keller der Reutlinger Tonne in einen Klang-Raum – und begeisterte am ersten der vier Gastspiel-Abende mit witzigem und absurdem Ton-Theater der fantastischen Art.

Äußerlich unbewegt greift der Mann inmitten von einem halben Dutzend Mikrofongalgen und allen möglichen wie unmöglichen Klangerzeugern zum Saxophon und stimmt erst einmal die Saiten. Häusermann hat nämlich zwischen Schalltrichter und Mundstück zwei Baß-Saiten gespannt, die er alsbald mit einem Bogen bearbeitet. Aus dem Lautsprecher kommen die Anweisungen des Toningenieurs, die Spulen der Mehrspur-Tonbandmaschine drehen sich unhörbar: »Ruhe! Aufnahme«.

»Der Schritt ins Jenseits« ist — aber das erfahren die Zuschauer erst später — ein Requiem auf einen verblichenen Rekruten der Schweizer Armee. Die Grabrede muss der gestresste, aber hochkonzentrierte Musiker noch einspielen.

Zuerst ist aber das Chanson »Le sentiment d’amour« dran. Mit kräftiger Stimme lässt Häusermann die Theatergäste über eine Gilbert-Becaud-Parodie lachen. Das rechte Tempo kommt vom Wecker — und die »Basstrommel« von Herzen: Häusermann spielt via Stethoskop seine eigenen Herztöne aufs Band.

Er selbst hat nichts mehr zu lachen, als sein Kollege an den Mischpultreglern – den spielt der höchst komödiantisch begabte Musiker auch noch — mit der Bach-Invention auf der Querflöte ganz und gar nicht zufrieden ist. Es hat ihm ja schon gestunken, dass er bei der Aufnahme menschlicher Schritte (mit den ausgezogenen Schuhen direkt vor dem Mikro generiert) nicht exakt gewesen sein soll.

Dass er auch noch im klassischen Metier versagt, ist zuviel: Der Musikus verpackt den plappernden Regielautsprecher zuerst in ein Kissen und dann — weil immer noch eine unzufrieden quäkende Stimme zu hören ist — versenkt er das Teil einfach im wassergefüllten Putzeimer.

Zwischendurch wird er ans Telefon gerufen. Der Tonmeister nutzt die Gelegenheit, um den Zuschauern eine banale Melodie einzutrichtern und ihnen den Unterschied zwischen Tonika und Dominantseptakkord zu erklären: Ein Chor wird aufgenommen.

Nach der Pause spielt Häusermann auf dem erwähnten Instrumentarium das Requiem komplett durch. Spätestens dann wird jeder und jedem klar, was für ein einfallsreicher Musiker der Schweizer ist: In einer Klangcollage zwischen Kinderlied und abgedrehter Großstadt-Geräuschsinfonie lässt Häusermann frische, unverbrauchte Töne hören.

»Der Schritt ins Jenseits« ist ein ungemein buntes zweistündiges Tonspektakel voll parodierendem Witz auf gängiges Tonstudio-Leben. Der Beifall der wenigen Besucher beim ersten Abend war in der Tonne ziemlich lang und laut — und bei der Zugabe lachten manche Tränen: Da sang ein rauschebärtiger alter Mann »Oh wie wohl ist mir am Abend« — im Playback von besagtem Publikumschor unterstützt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 12. November 1994

Shy Guys: Witzig, schnell, grell

Nein, scheu sind die Herrschaften aus Stuttgart nicht. Patricia Moresco, das einzige Girl unter den »Shy Guys«, schon gar nicht. Als Mannheimer »Blomaul«, das durch Zufälle ans Keyboard einer dritt- nein viertklassigen Amateurband geraten ist, macht sie die äußerst erheiterten Zuschauer in der Reutlinger »Färberei« dauernd an: »Subbäh, escht, subbäh hier«.

»Super« fand das Reutlinger Publikum das Best-of-Program der Stuttgarter Musik-Comedytruppe – Gekicher und Ap-
plaus waren laut und lang. Als »De la Snow«- Alpenrapper lieferten die seit sieben Jahren zusammenarbeitenden Allround-Entertainer eine (musikalisch überzeugende) Veralberung neuerer Disco-Musik ab oder brachten mit »Mahatma Gaudi« samt diversen »Dbrachdrehlern« das Publikum zur Erleuchtung: »Sei klug, bleib dumm!«.

Dumm sind die Scherze der »Shy Guys« nicht unbedingt — nur manchmal schlicht-weg saublöd. Wenn die Truppe in »germanischen« Kostümen über die Bühne wankt und zu einer Musik irgendwo zwischen »Wagner« und »Auweia« den »heiligen Snack-Riegel Runi« anpreist, wenn zum »Mozart-Festival über drei Gewinnsätze« ein Kommentar in der Art von Sportreporter Gerd Rubenbauer zum Geigengewimmer dröhnt — dann sind die »Shy Guys« ganz nah dran an der Grenze des sogenannten guten Geschmacks.

Ähnlichkeiten mit dem Humor der- britischen »Monthy Python« sind vorhanden. Die »Shy Guys« verlassen auch in der »Färberei« ständig den »intellektuellen Sektor«, wie sie selbst formulieren. Da braucht es nicht erst die mit Wasser gefüllten Gläsern jonglierenden »Tequila-Kampftrinker«, die für gehörig Feuchtigkeit in den ersten Publikumsreihen sorgen…

Mitunter schauen die Stuttgarter aber auch scharf und genau hin. Der wild pöbelnde Rocksänger »Mini Cooper« (Klar, dass eine schräge Parodie des real existierenden Alice Cooper auf der Bühne steht) entpuppt sich im Interview als Lehrer »mit unheimlich viel Spaß am Rollenspiel«. Showbusiness halt!

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 06. Oktober 1993

Duo PS: Balance zwischen Witz und Ernst

Es gehört schon etwas dazu, »Dicksein« oder »Freßsucht« als erstes Thema in einem Kabarettprogramm zu wählen; beim Odenwälder Musikkabarett-Duo »PS« wurde aus dem Nummernkomplex eine Mischung aus Heiterem und Nachdenklichem mit einer gelungenen Balance zwischen brüllendem Lachen und betroffen machenden Tönen.

»Der Mensch ist, was er isst«, oder umgekehrt, war die Schlagzeile; »da sind wir hier beim Schwaben richtig: gemütlich, leicht aufgedünstet, aber nett«. »Ich brauch‘ nur fett Gedrucktes zu lesen, schon nehm‘ ich zu«, weiß die eine der beiden Erzkomödiantinnen; gemeinsam flöten sie dann, frei nach »My fair lady«: »Ich hab‘ geträumt heut nacht, von einem Kartoffelsalat…« Auf so eine Blödelei folgt dann — und dieses Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durchs Programm — eine leise, sensible Auseinandersetzung mit der pathologischen Freßsucht.

Das Programm wird — durchaus zeitgemäß — für einige Werbespots unterbrochen: »Marmor, Stein und Eisen bricht« jubeln die verkaufsfördernden Stimmen, als sie »für den Bundestag« ein Behältnis anpreisen; das sonst eher auf turbulenten Flugreisen von Leuten mit empfindlichem Magen genutzt wird.

Pe Werner und Sybille Ruisinger, so heißen die beiden Kabarettistinnen des »Duo PS«, machen ihrem Firmenschild alle Ehre: Sie legten am Dienstagabend auf der Kleinkunstbühne des Rappen ein atemberaubendes Tempo vor und tobten mit viel Wortwitz und musikalischem Humor zwingend komisch von Nummer zu Numer; fast nichts lassen die beiden aus: »I hob‘ an Bunka im Goatn«, heben sie alpenrosenerglühend an, oder entlarven in einer Zugabe die Lächerlichkeit gewisser Wunschkonzerte im Rundfunk: »Sie wischen, wir spülen!«

Natürlich bekommen auch die Männer ihr Fett weg. »Rettungsring statt Pershing« heißt es in einer Überlegung zum Thema »Dicke Männer in der Bundeswehr«; im mehr persönlichen Bereich sind die Präferenzen klar: »Männer mit Glatze machen mich heiß — nicht diese Bubis von Miami Vice !«.

Der »Mann aus dem Katalog« ist im Zeitalter der gebrochenen Beziehungen vielleicht nicht der Schlechteste: »Entscheiden Sie sich für den Zweierpack, dann gewinnen sie noch einen Anorak«. Und die »Bundesanstalt für Auftragsgeburten« macht »staatlich geprüfte Gebärmütter«, die nach einiger Zeit Betriebszugehörigkeit auf Urlaub ins ewige Eis dürfen: »Werdende Mütter und kalbende Gletscher.«

Die »Rosa Zeiten«, die da am Dienstagabend angebrochen sind, dieses »heiter hysterische Musikkabarett« des »Duo PS«, sind absolut verlockend. Neben der großen mimischen Begabung der Darstellerinnen und dem geschliffenen Wortwitz nicht zuletzt auch der Musik wegen: Kaum jemals zuvor hat das »Rappen«-Publikum zwei so gute Frauenstimmen gehört; die sich — eine eher dunkel und voll, die andere hell und etwas zarter timbriert — so gut ergänzten und auch in souligen A-cappella-Titeln durch gefühlvolle Stimmführung überzeugten.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 10. November 1989