Schlagwort-Archive: Michael Brecker

Jazz meets Klassik, JazzOpen Stuttgart 2001: Beliebigkeit im Crossover

Kreuzungsversuche zwischen Jazz und Klassik hat es schon oft gegeben – in den seltensten Fällen kam etwas musikalisch Fruchtbares dabei heraus. Auch die »Jazz meets Klassik«-Nacht unter Bernd Ruf (der ja durchaus einen glänzenden Namen als Klassiker ohne Scheuklappen hat) zum Abschluss der Stuttgarter »Jazzopen« hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. über weite Strecken liefen nämlich beide Musiksparten nebeneinander her – und wirklich spannend war der rund dreistündige Marathon nur selten.

Die »Backing Band«, um’s mal in populärmusikalischen Begriffen zu formulieren, bildeten die Stuttgarter Philharmoniker. Zwischen ihnen, Christof Lauer und dem ersten Jazz-Stargast Randy Brecker brauchte es eine ganze Weile, bis die Chemie stimmte. Vor der Pause, bei einem Stück seines Bruders Michael, brillierte Randy dann zum ersten Mal.

Den Abend sozusagen überstrahlt hat mal wieder Charlie Mariano, der immer noch beeindruckend präsente und energetische Altsaxophonist. Seine Duo-Improvisationen zusammen mit Richie Beirach machten manche Durststrecke wieder wett.

Gregor Hübner – regelmäßiger Gast auf den Jazz-Bühnen der Region – hatte den Bogen zwischen Jazz und Klassik an diesem Abend am besten ‚raus: Nicht nur, dass der Violinspieler wiedermal als exzellenter Techniker und einfallsreicher (Jazz-)Improvisator überzeugte – der bei den »Jazzopen« uraufgeführte erste Satz seines ersten Violinkonzerts verschmolz tatsächlich Elemente von Klassik und Jazz nahtlos.

Im Großen und Ganzen war das Treffen zwischen den Welten aber auch diesmal nur bedingt harmonisch, am besten klang die Musik, wenn sich die Genres nicht vermischten. Und: Der große alte Mann der europäischen Jazz-Szene hat allen anderen mal wieder die Schau gestohlen: Gegen Charlie Mariano wirken selbst Routiniers wie Brecker bemüht
und angestrengt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Michael Brecker: Tenorsax für alle

Kaum ein Instrumentalist hat auf so vielen Platten und mit so vielen Musikerkollegen gespielt wie er; kaum ein Tenorsaxophon — Ton auf einer ambitionierten Rockjazz- oder Fusion-Produktion, den er nicht zu verantworten hätte — Michael Brecker. 40, ist ohne Zweifel einer der vielbeschäftigsten und wichtigsten zeitgenössischen Tenosaxophonisten.

Wenn Brecker die Zahl der Platten nennen soll, auf denen sein Horn gefragt war, kommt er in Schwierigkeiten: Über 400 schwarze Scheiben hat er mit eingespielt. Daß man diesen Musiker trotzdem nicht überall kennt, hat einen simplen Grund: Brecker verdient sich seine Brötchen als Studiomusiker. Die spielen oft ohne Namensnennung und manchmal sogar anstelle von nicht ganz technisch sicheren Mitgliedern einer Formation, im Prinzip »auf Bestellung«. Die vergleichweise materiell sichere Arbeit als Mietmusiker erfordert neben stilistischer Vielfalt technische Perfektion und vor allem den Verzicht auf eigene Popularität.

Damit hat der fast bieder dreinschauende Saxophonist keine Probleme, heute schon gar nicht mehr. Michael Brecker hat es mit seinen zwei Soloplatten geschafft, sich auch als »Leader« einer Gruppe zu etablieren.

Begonnen hat alles als Teenager: Brecker hörte Musik von Miles Davis, Cannonball Adderley, Clifford Brown und natürlich John Coltrane. dessen Instrument er meisterhaft beherrscht: »viele junge Musiker lassen sich das Erbe von John Coltrane eher vom tenoristischen Allroundtalent Michael Brecker vermitteln als vom verstorbenen Meister selbst«, konstatierte die »FAZ« verblüfft.

Am Anfang nahm Michael Unterricht in Klarinette, dann lernte er Altsaxophon und schließlich Tenor. Mit 18 ging Brecker nach New York: dort traf er Billy Cobham, Will Lee und John Abercrombie und gründete »Dreams«. eine der ersten Rockjazz-Gruppen. In den frühen Siebzigern spielte Mike mit Horace Silver oder Cobham zusammen und tourte durch die ganze Welt.

1975 schloß sich Mike musikalisch mit seinem Bruder Randy. der Trompete spielt zusammen. Die »Brecker Brothers« machten sechs Platten, sind auf unzähligen Platten anderer als »Qualitäts-Bläsersatz« zu hören und hatten 1976 sogar einen ausgewachsenen Disco-Hit.

In der folgenden Zeit spielte Mike Brecker mit der Pianistin Joanne Brackeen zusammen, trat mit Franco Ambrosetti bei den Berliner Jazztagen auf oder gastierte mit Mike Manieri und mit Pat Metheny in Montreux. Die Gruppe »Steps Ahead«, von Brecker zusammen mit dem Vibraphonisten Manieri 1979 gegründet, machte den Saxophonisten einem breiteren Publikum bekannt.

Bis heute steht »Steps Ahead« für Elektronikbestimmte Fusion-Musik, die beim Publikum großen Anklang findet. Michael Brecker, der neben dem Tenorhorn auch noch Sopransax, Flöte. Klavier und Schlagzeug spielt, hat mit der Vorstellung des »EWI« auf seinen letzten Konzerten viel Furore gemacht. »EWI« steht für »Electronic Wind Instrument«; dieses völlig neue Synthsizer-Steuergerät erlaubt es Brecker, mit der üblichen Sa-
xophon-Phrasierung und -Spieltechnik elektronische Stimmerzeuger wie Synthesizer anzusteuern.

Allerdings setzt der Saxophonist das nach Faschingströte aussehende »Elektronische Blasinstrument« nur auf der Bühne richtig ein: »Das Problem ist es, den >EWl< auf einer Schällplatte richtig zu übersetzen. Wenn du mich live siehst, kriegst du einen Schock. wenn du all die Möglichkeiten aus dem Instrument sprudeln siehst. Aber es ist unheimlich schwer, das zu vermitteln, wenn du es nur hörst.“
Hören und sehen können neugierig gewordene Fans den Saxophonisten schon bald auch in der Region: Michael Brecker spielt mit seiner Gruppe am 8. Juli beim ». . Jazzstadt Tübingen«-Festival des »Zentrum Zoo« auf dem Tübinger Marktplatz. (mpg)