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Mutabaruka: Glanzloses Reggae-Konzert

Die Zeiten, in denen in der Tübinger Mensa Wilhelmstraße alle vier Wochen ein Reggae-Konzert über die Bühne ging, sind längst vorbei.

Und Mutabaruka, der ebenso wortgewaltige wie kompromisslose Fundamentalist unter den Reggae-Größen, hat auch rund acht Jahre lang nichts mehr von sich hören lassen. Insofern verwundert es kaum, dass bei seinem Gastspiel jetzt am Wochenende in der Mensa mit vielleicht knapp 300 Besuchern erbärmlich wenige gekommen waren – gemessen am Star-Status, den der Mann einmal genoss.

Es war – leider wieder einmal – ein musikalisch recht glanzloses Reggae-Konzert. Hypnotix, die als Vorband spielten, hatten wenig Substanz und noch weniger Eigenständigkeit zu bieten: Die Sounds der Elektronik-Loops klangen billig und tausendmal anderswo gehört, das Zusammenspiel hätte wesentlich präziser sein dürfen, der Frontmann traf die Töne nicht und war auch sonst nicht gut bei Stimme. Für den Rezensenten klang der Multikulti-Afro-Dance-Mix von Hypnotix wie ein müder Abklatsch anderer Bands – die Dissidenten haben Ähnliches vor 15 Jahren schon beispielsweise in der Reutlinger »Zelle« weitaus überzeugender gebracht.

Und auch Mutabaruka, der erst nach 23 Uhr auftrat, hat schon bessere Zeiten gehabt. Ein Sänger im eigentlichen Sinn war er sowieso nie. Wie beispielsweise Linton Kwesi Johnson rezitiert er eher Texte zum Background-Reggae.

Aber wo der Londoner oft regelrechte Poesie präsentiert, bringt Mutabaruka in den Songs seines aktuellen Albums »Life Squared« nur ein Sammelsurium von Phrasen, die die westliche Welt und den Lebensstil dort kritisieren.

Dazu kam, dass die Band, die ihn in Tübingen begleitete, eben kein Profi-Ensemble unter einem mega-erfahrenen Produzenten und Keyboard-Crack Dennis Bovell (wie bei LKJ) war, sondern eine ziemlich lustlos und uninspiriert aufspielende Truppe. Schade drum.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Ringsgwandl: Schräger Spötter

Nach längerer Pause zeigte sich Georg Ringsgwandl, (auch) so etwas wie ein Karl Valentin unter den deutschen Rockmusikern, jetzt wieder einmal in Tübingen. Das Konzert in der bestuhlten Mensa Wilhelmstraße war gut besucht.

Drei Jahre lang gab es nichts vom bayerischen Schräg-Rocker zu hören, und das Album, mit dem er an wenigen Terminen pro Monat unterwegs ist, hat auch bald schon wieder ein Jahr auf dem Buckel. Einer wie Ringsgwandl, der auch in Tübingen auf eine feste, gewachsene Fangemeinde bauen kann, mag es sich leisten können, auf gängige Veröffentlichungsstrategien – Faustregel: eine Platte plus Tour pro Jahr – zu verzichten.

Zumal, wenn er dann so erwachsene, gut gemachte Rockmusik abliefert. Noch nie haben Ringsgwandl und seine Musiker so souverän geklungen, noch nie gab’s in Tübingen ein musikalisch reiferes Ringsgwandl-Konzert zu erleben.

Natürlich verzichtet der Chef nicht auf ausgedehnte, kabarettistisch-satirische Einlagen, lässt wie früher aus Alltagsbegebenheiten das nackte Chaos wachsen etwa bei einer trockenen Schilderung eines hanebüchenen Urlaubserlebnisses.

Aber: Angesichts der Klasse, die Ringsgwandl und seine Musiker Martin Thalhammer (Bass), Herbert Thaller (Schlagzeug) und allen voran der exzellente Slide-Gitarrist Nick Woodland als Musiker zeigen, angesichts der atmosphärischen Dichte, die Ringsgwandl im »Brucknwirt«, »C ‚est la vie« oder »Weggehn« als Songschreiber erreicht, wirken die reinen Wortbeiträge im Vergleich blass.

Ganz zarte, luftige, weitgehend »akustisch« klingende Rockmusik zwischen Rock ’n‘ Roll, Country und Blues macht dieses großartige Quartett. Drei Jahre lang haben sie sich – so will es die Legende – abends um den Küchentisch gesetzt und geschrammelt, bis alles Überflüssige von den Songs abgefallen war.

»Gache Wurzn«, so der Titel der aktuellen CD und auch der Tour, zeigt einen schrägen Spötter, der sich vom nervös-schrillen Punk zur zurückgelehnt musizierenden Songwriter-Größe gemausert hat: Die zeitlos schöne, klassische Rockmusik – der Berichterstatter hat sich oft an J J Cale erinnert – kam auch bei den Tübinger Konzertbesuchern hervorragend an.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Linton Kwesi Johnson: Best-Of-Rundumschlag

Vor zehn Jahren war Tübingen eine über die Landesgrenzen hinaus bekannte Reggae-Hochburg; kein Monat verging ohne Spitzenkonzert – und die beiden Mensen waren meistens gerammelt voll. Ende der Neunziger blieben die Fans aber zunehmend weg und als Folge die Mega-Konzerte aus.

Wie schön, dass jetzt mit dem Londoner Reggae-Lyriker Linton Kwesi Johnson und seiner langjährigen Begleitgruppe, der »Dennis Bovell Dub Band«, echte Stars mit musikalischer und textlicher Aussage in der Mensa Wilhelmstrasse gastierten, noch schöner, dass weit mehr als 1000 bestens gelaunte Reggaefans eine lockere Party feiern wollten. »LKJ« und Co. bedienten ihre Fans mit einem satten – und wie immer handwerklich sauber gespielten – BestOf-Rundumschlag.

Das war in Ordnung so: Sowohl von den »Riddims« wie auch den oft hochpolitischen, meistens treffenden Inhalten sind »LKJ«-Klassiker wie »It No Funny«, »Street 66« oder »Bass Culture« auch mehr als eine Dekade nach Veröffentlichung der Originalplatten kaum zu schlagen. (mpg)

Eek-a-Mouse: Locker und „dicht“

Reggae-Mann »Eek a Mouse« war mal wieder in der Mensa Wilhelmstrasse zu Gast; das Konzert in Tübingen war sogar das einzige in ganz Baden-Württemberg. Wer die letzten paar Gastspiele des Sängers miterlebt hat, konnte nichts bis wenig Neues an dem Date finden.

Die Verspätung – mehr als 90 Minuten – war Reggae-üblich zäh; und selbst, als fünfköpfige Begleitband routiniert zu den ersten Takten einzählte, liess der lange Lulatsch am Mikro zunächst auf sich warten.

Dann sang er seine mal schwermütig-verliebten, mal kämpferischen Lieder – ziemlich »dicht« schien »Eek a Mouse« diesmal zu sein dementsprechend – je nach Standpunkt locker bis lätschig.

Der Fünfer an Gitarre, Bass, Drums und zweimal Keyboards überarbeitete sich ebenfalls nicht und liess die sanften Rhythmen gekonnt, aber nicht eben sehr mitreissend blubbern.

Trotzdem gaben sich die zumeist ganz jungen Zuhörer sehr fetenwillig und machten auch die kleinsten Anmach-Versuche von »Eek a Mouse« begeistert mit. Scheint so, als ob bei der Tübinger Reggae-Klientel ein Generationswechsel stattgefunden hat. (-mpg)

Laurel Aitken: Flotte Liedchen, markige Sprüche

Am Anfang sah wieder alles nach einem Flop aus. Nicht nur, dass das »Ska Splash 98« mit satt einstündiger Verspätung begann — am Anfang mit der (guten) Tübinger »Court Jester’s Crew« waren auch kaum 200 Leute da.Aber das zum großen Teil sehr junge Publikum zeigte sich vom Start weg unbedingt trink-, tanz- und amüsierwillig.

Selbst die vergleichsweise komplizierten Offbeat-Strukturen des »New York Ska Jazz Ensembles«, das erst vor kurzem auch im »Sudhaus« ankam, sorgten mächtig für Stimmung.

Und die sieben »Scofflaws« — ebenfalls aus dem »Big Apple« — heizten mit exakt-knackigem Gebläse und einer mindestens ebenso schweisstreibenden wie mitreißenden Bühnenshow die Atmosphäre in der Mensa Wilhelmstrasse noch mehr auf.

So fiel’s gar nicht groß auf, dass der universitäre Freßtempel bis spät in die Nacht höchstens zu einem Drittel voll war. Erst kurz bevor der 71jährige Laurel Aitken auf die Bühne kam, enterten die »Massen« die Mensa: Rund 500 hörten dem in die Jahre gekommenen Sänger und Ska-Produzenten zu. Der war trotz seines reifen Alters noch erstaunlich gut bei Stimme und unterhielt mit flotten Liedchen und markigen Sprüchen die Fans bis um halb zwei Uhr morgens. (-mpg)

Oscar D’Leon: Salsa-Attacke

Ein glanzvoller Abschluss des »13. Internationalen Tübingen Festival« hätte es werden können. Statt dessen gab’s für die vielleicht 750 Besucher des Konzerts mit Salsa-Star Oscar D’Leon nur kräftig was auf die Ohren.

In seiner Heimat Venezuela wie auch in der Latin-Szene überhaupt gilt der 55jährige Sänger — früher fuhr er Taxi und unterhielt seine Gäste mit Live-Belcanto zu den Radio-Hits — als Superstar. Dementsprechend gespannt zeigten sich vor allem die vielen Tübinger Konzertgäste aus spanischsprechenden Ländern.

Ein einziger hat Schuld daran, dass ziemlich vielen dann nach satter Wartezeit die Party gründlich vermasselt wurde: Der (offensichtlich von der Band mitgebrachte) Mann am Saalmischpult reduzierte mit wenigen Knopfbewegungen das mögliche Musik-Erlebnis zu einer nervigen, nicht eben eindeutigen Krach-Quelle.

Eineinhalb Dutzend fein gewandete Musiker standen mit D’Leon auf der Bühne — und mögen ja auch erstklassig gespielt haben. Von der umfangreichen Klopf- und Klapper-Abteilung drangen indes nur dumpfes Wummern und ein paar Grundschläge durch. Der fünfköpfige Bläsersatz hätte wahrscheinlich aus dem Billigsampler besser geklungen als in dieser gnadenlos lauten und (ohrschädigend) höhenlastigen Live-Abmischung. Von den Keyboards sowie den Saiteninstrumenten gab’s, wenn überhaupt, nur Klangmatsch zu hören. Die vielen jazznahen Zitate, die Oscar D’Leon in seine Rhythmusorgien querbeet durch den Latin-Katalog eingebaut hat, verursachen aufgrund ihrer akustischen Komplexität zusätzliches Chaos.

Den Tanzwütigen unter den Gästen machte das natürlich ebenso wenig etwas aus, wie die im Verhältnis viel zu laut abgemischte Stimme D’Leons. Auch das aufgesetzte (und leider kein bisschen selbstironische) Show-Theater, das Leon um sich macht und veranstalten läßt, gehört für Liebhaber offensichtlich dazu.

Viele Hörer ergriffen aber schon kurz nach Beginn die Flucht in ruhigere Mensa-Ecken. Am Mischpult häuften sich die Beschwerden, die von dem Mann mit Profi-Blick aber eisern ignoriert wurden. Ein Techniker der Verleihfirma (die szene-intern für höchst professionelle Arbeit bekannt ist) versuchte, sanft in die inkompetente Knöpfchendreherei des Bandmischers einzugreifen. Ohne Erfolg.

Wahrscheinlich war es so, daß der Verantwortliche für dieses Akustik-Desaster überhaupt nicht mit dem fremden, hochklassigen Arbeitsgerät zurecht kam. Und er hat offensichtlich schon in so vielen Konzerten die Frequenzgänge ohrschädigend verbogen, dass er ein reichlich kaputtes Gehör hat — so liesse sich auch der wirklich extreme, gefährliche Hochton-Pegel in der Mensa erklären. Sehr schade. »El Leon de la Salsa, der Löwe der Salsa« hat gebrüllt. Gehört hat man in Tübingen davon wenig Königliches. (-mpg)

Khaled: Pop-Verführer

Daß es kein ganz normaler Tübinger Pop-Termin war, merkten die Besucher schon an der Schlange vor der Mensa Wilhelmstraße: So voll wie beim Konzert mit Khaled aus Algerien war die nämlich schon lange nicht mehr — und im Programmreigen des diesjährigen »Tübinger Festivals« vom »Zentrum Zoo« stieß bisher kein anderer Künstler auf größere Resonanz.

Ebenfalls nicht an der Tagesordnung sind in der Unistadt die vergleichsweise scharfen Eingangskontrollen durch Sicherheitspersonal — und massive Absperrgitter wie bei einem großen Openair-Event sieht man dort auch nur selten.

Aber Khaled ist halt nicht nur ein freundlich lächelnder Popsänger und Musiker, sondern auch Idol einer großen Menge freiheitsliebender Algerier; musikalisch wie auch in seiner Person symbolisiert er für viele ein anderes Algerien jenseits der totalitären Staatsmacht und dem Fanatismus religiöser Fundamentalisten. Seit gut 15 Jahren darf er in seiner Heimat überhaupt nicht mehr auftreten — und selbst Auslandskonzerte sagt er aus Angst vor Anschlägen immer mal wieder ab. Zum Beispiel letztes Jahr auch einen Auftritt bei den Stuttgarter »Jazz Open«.

Da kann man die erhöhte Anspannung der »Security«-Leute schon verstehen. Nicht nachvollziehbar (und selbst bei als »zickig« bekannten Mega-Stars unüblich) ist dagegen, daß Bildjournalisten an ihrer Arbeit gehindert werden. Und einen Gast, der wie viele mit einer Amateurkamera einen Schnappschuß machen will, behandelt das Sicherheits-Personal ziemlich rüde und zieht den Film ein . . .

Diese Szenen paßten gar nicht zu der schmuseweichen Stimmung, die Khaled und seine bis zu neun Mitstreiter musikalisch auf der Bühne verbreiteten. Mit Politik haben seine Songs direkt nichts zu tun, sagt er selbst: »Der Rai handelt von der Liebe und den schönen Dingen.« Und so kommen denn auch keine anderen als harmonische Tonkombinationen vor — der Arab-Pop, den Khaled und seine vollprofessionell, aber emotional etwas unengagiert auftretenden Begleiter spielen, ist selbst für Ohren, die diese Skalen eigentlich gar nicht gewohnt sind, leicht geniessbar.

Zumal Khaled — wie auch bei seinem »Theaterhaus«-Auftritt vor zwei Monaten — die weltweite »Massentauglichkeit« seiner Musik anscheinend noch betonen will. Nicht etwa musikethnologisch Markantes gibt’s zu hören, sondern gutgemachte »World Music« im kommerziellsten Sinn. Mal blubbert die Band zu den Viertelton-Eskapaden des Chefs in sanften Pop-Reggae-Rhythmen, mal zitiert sie Rock-Allgemeinplätze – oder beweist mit knackiger »echter« Bläser-Section, daß sie auch in Sachen Pop-Funk mit den von Quincy Jones und Co. gesetzten US-Standards mithalten kann und will.

Und zumindest die vielen Landsleute des Rai-Stars im größtenteils weiblichen Publikum sind hin und weg vor Begeisterung — in den ersten Reihen direkt vor der Bühne herrschen Gedrängel und Euphorie wie sonst eigentlich nur bei Teeniepop-Ereignissen: Khaled hat auch in Tübingen gezeigt, daß er der Superstar Algeriens ist. (-mpg)