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Musiktheater „Petrus“: Exzellente Chorleistung

Eindeutig eine Alternative zum sonst fast immer zugkräftigen Gospelkonzert, die Menschen in die Gotteshäuser zu bringen: Bei der Reutlinger Aufführung des »Petrus Musiktheaters«, produziert von der evangelischen Landeskirche als Beitrag zum Jahr der Bibel und im wesentlichen aufgeführt vom »LAKI-Popchor«, waren die Bänke der Marienkirche jedenfalls ziemlich gut gefüllt.

Und das ambitionierte Projekt unter Regie von Rainer Kittel und der musikalischen Gesamtleitung von Hans-Martin Sauter hatte hier so viel Erfolg wie wohl auch bei den bisherigen vier (von insgesamt acht) Aufführungen in verschiedenen Kirchen des Landes.

Die kompositorisch vergleichsweise aufgeweckten Lieder und Popsongs (komponiert vom Tübinger Michael Schütz), die zusammen mit den von den Sängern präzise akzentuierten Texten Geschichten des Jüngers Petrus erzählten, kamen bei den Besuchern an.

Die Betonung lag bei »Petrus« eindeutig auf der Musik – wahrscheinlich träfe der Begriff »Singspiel« besser als »Musiktheater«. Viele gesprochene Passagen wirkten überaus statisch und nahmen der Sache etwas ihre Dynamik.

Dass die Spieler in der Marienkirche auf Mikrofone verzichten, war ein Fehler: Die Sprachverständlichkeit war miserabel. Angesichts des sonstigen Aufwands (70 Kostüme!) und der durchaus semiprofessionellen musikalischen Leistung von Chor und der präzisen Band ist der Verzicht auf Sprach-Verstärkung nicht ganz nachvollziehbar.

Sei’s drum: Die mit Verve und großer Homogenität gesungenen Lieder – harmonisch und rhythmisch im wesentlichen aus der Mainstream-Pop-Geschichte etwa zwischen 1960 und 1980 geschöpft – klangen in der Reutlingen jedenfalls besser als das meiste, was hierzulande so an Verbindungen aus sakralem Anliegen und poppiger Oberfläche in die
Kirchen kommt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Giora Feidman: Betörend

Der Mann ist ein Phänomen: Seit mehr als zehn Jahren ist Giora Feidman, der Klezmer-Klarinettenvirtuose, mit mehr als schöner Regelmäßigkeit auf den Bühnen der Region zu hören: Drei oder vier Gastspiele pro Jahr in einem Umkreis von 60 Kilometern – das gilt eigentlich unter Veranstaltern als sichere Methode, Bankrott zu machen.

Bei Feidman, der diesmal mit dem Dresdner Organisten Matthias Eisenberg in Reutlingen gastierte, ist das anders: Auch dieses Konzert war restlos ausverkauft – vorher standen die Fans vor der Marienkirche Schlange, nachher mussten drinnen extra Stühle aufgestellt werden.

Und wie immer begrüßte Feidman das Publikum durch den Mittelgang gehend, mit huldvoller Gestik seine Klarinette schwenkend. Später, bei seinem in dieser Form auch schon öfters gehörten Klarinettensolo, spielte er so leise, dass man sich das Atemholen kaum traute.

Wie bisher jedesmal gab’s die bekannte Mischung aus jiddischer Musiktradition, Klassik und ein bisschen Pop – in der Marienkirche war’s ein bisschen Klassiklastiger als sonst.

»In the self« von Ora Bat Chaim, das Schubert’sche Ave Maria in der gehauchten Version, von Bach das Präludium in C und die Toccata in d, »The Angel Sing« betörend schön wie erwartet. Der zweite Satz des Mozart’schen Klarinettenkonzerts als Zugabe war da schon fast eine bahnbrechende Überraschung.

Aber weil das Publikum – auch hier: wieder – wohl zum größten Teil aus eingeschworenen Feidman-Fans bestand, schien die Atmosphäre in der Marienkirche andächtig konzentriert. Der Klarinetten-Star mit den manierierten Attitüden musste den Reutlingern nicht lange erklären, wo sie wie laut mitzusummen hatten – und am Ende des Konzerts war der Applaus wieder donnernd laut. Was sonst?

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Jackson Singers: Dröhnende Gospels

Nur zweimal konnten die Menschen in der Marienkirche ahnen, was für ein Erlebnis das Gospelkonzert der »Jackson Singers« hätte werden können. Nur zweimal trugen die komplizierten Schallreflexionen im Reutlinger Gotteshaus den mächtigen Solo- und Chorgesang der neunköpfigen Gruppe‘ aus dem Umfeld der US-Kolonie im Raum Frankfurt: »Let my people go« gleich nach der Pause und »Swing low sweet chariot« ganz am Ende machten eine Gänsehaut — der Rest des zweistündigen Gospelabends ließ nur schaudern, war akustisch eine Zumutung.

Das sahen selbst die Veranstalter vom Tübinger »Zentrum Zoo« so. Geschäftsführer und Programmgestalter Dr. Winfried Kast saß bei diesem ersten Festivalkonzert in Reutlingen mit belämmerter Miene da — und konnte noch weniger als die Techniker, die dieses Konzert abmischten, was gegen die Misere tun.

Die elektrische Verstärkung aller Stimmen war völlig unnötig, noch mehr störte lautes E-Baßgewummere — und am meisten die unspektakulären, aber mit »Dampf« gespielten und ebenfalls verstärkten Schlagzeugrhythmen. Das alles kam so, weil die »Jackson Singers« es so wünschten, auf die Elektrik nicht verzichten wollten.

Damit taten sie ihren Reutlinger Fans und letztendlich auch sich überhaupt keinen Gefallen: Die sechs Sängerinnen und Sänger mögen fantastisch klingen und viel können — nur hören hat’s halt in Reutlingen selbst in den ersten Reihen keiner können.

Dabei hätte das etwas altbackene Programm durchaus glanzvolle Interpretationen vertragen. Die »Jackson Singers« brachten nämlich nur wenig zeitgenössische Gospels, gingen auf »Nummer Sicher«. Wie in den letzten Jahren die »Black Gospel Pearls«, die »Golden Gospel Singers« oder die »New Hope Gospel Singers« in ihren Reutlinger Konzerten sehr auf poppig angestrichenes Standardmaterial setzten, so sangen auch die »Jacksons« die alten Geschichten von den einmarschierenden Heiligen.

So dauerte es lange, bis ein Teil des Publikums auftaute und — nach Aufforderung — zuerst aufstand und dann auch mitklatschte. Andere waren lange vorher gegangen, hatten zum Teil ihrem Arger auch lautstark Luft gemacht. Die Veranstalter werden diese künstlerische Pleite als Erfahrung verbuchen und wohl ziemlich lange überlegen, bevor sie noch mal ein elektrisch verstärktes Konzert in der Marienkirche anbieten. (mpg)