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Wolf Biermann: Ein weiser kleiner Junge schreibt Gedichte

»Ich bin immer noch ein kleiner Junge, sechseinhalb Jahre alt«, erklärt der 60jährige verschmitzt unter seinem Walross-Schnauzer, »nee, nee — man schreibt keine Gedichte, wenn man sich nicht mehr wundert. Wenn man das nicht mehr will, muss man lange Romane schreiben wie Günter Grass oder kurze Stücke wie Heiner Müller«.

Wolf Biermann schreibt und singt immer noch und wieder wortgewaltige Lyrik. Und fesselt die Besucher bei seinem opulent langen Konzert am Mittwoch im grossen Saal des LTT nicht nur damit. Die Mischung aus routinierter Abgeklärtheit, verspielter, sehr warmherziger und humorvoller Kindlichkeit und gleichzeitig scharfer Beobachtungsgabe ist zwingend charmant. Die 95 (!) Minuten, die Wolf Biermann bis zur Pause braucht, vergehen wie im Flug.

Ewig machen, ewig scheitern
Macht nix, Alter! mach so weiter
werde älter, klüger, besser
Vorwärts! hoppe-hoppe-Reiter
Mach, mach, mach, mach und scheiter aber scheiter immer besser!

Der Refrain aus seinem neuen Lied »Süsses Leben, Saures Leben« (gleichzeitig Titel seiner neuen 2001-Platte), das er ganz am Ende singt, ist für Biermann wohl genauso Programm wie das allererste Stück: »Nur wer sich ändert bleibt sich treu« spielt der musikalisch bestechend abwechslungsreiche Liedermacher kurz an.

Und bringt dann ein Potpourri der Lieder, die ihn »früher mal sehr geprägt haben« — unter anderem mit (typisch) ironisierend abbrechender Stimme das FDJ-Lied. Aber auch, fast ausgelasssen swingend, den 51er Schlager »Ach, ich nuckel ja so gern am Kaugummi«.

Und er erzählt heitere Anekdoten mit bitterernstem Hintergrund: Als er als kleiner Bub mit seiner Mutter den von den Nazis inhaftierten (und später ermordeten) Vater besucht und der ihn bittet, was zu singen, fällt des »kleinen Sängers« Wahl ausgerechnet auf das Propagandalied »Bomben auf Engeland«. »Später hab‘ ich mir deswegen immer wieder Vorwürfe gemacht«, gluckst Biermann, »Mama hat immer barsch gemeint: Quatsch, der hat sich gefreut!«

»Und als wir ans Ufer kamen«, »Tod in Altona«, »Die Elbe bei Brokdorf« — Biermann beschäftigt sich lange, aber kurzweilig mit seinen Wurzeln, bringt in der neuen »Ballade von der Elbe bei Hamburg« höchst poesievolle Bilder seiner Heimat mit der erinnernden Mahnung an üble Zeiten zusammen: »Seltsam, dass genau die Hamburger Moorweide, auf der ’41 Juden in Handarbeit umgebracht wurden, den Menschen zwei Jahre später beim Feuersturm als rettende Zuflucht diente«.

Biermann wundert sich, und »ist so froh, dass Deutschland jetzt auf so eine ganz andere Art zerissen ist«. Seine Stasi-Akten hat er mittlerweile gesehen — und erntet mit einem wortwörtlichen Zitat daraus breite Heiterkeit: »Biermann macht Geschlechtsverkehr mit einer Dame. Es ist Eva-Maria Hagen. Danach fragt er sie, ob sie etwas trinken möchte. Aber die Dame hat Hunger. Danach ist Ruhe im Objekt.« »Wenn das keine große deutsche Dichtung ist«, lacht Biermann, und sinniert schmunzelnd über die »verschiedenen Bedeutungen von Objekt« nach.

Vor der Pause preist der Liedermacher »noch wie ein Hamburger Fischverkäufer« seine CDs an (»Ich möchte, dass das Ding gekauft wird, damit’s da keine Missverständnisse gibt«), gibt dann den vielen schlangestehenden Fans Autogramme, wie üblich in Spiegelschrift.

Biermann scheint ein bisschen weniger hitzig geworden zu sein und noch humanistischer als in der Vergangenheit eingestellt. »In der Legende vom Selbstmord der Inge Müller« erinnert er liebevoll an die »im Schatten ihres berühmten Theater-Manns unterdrückt lebende Lyrikerin«, fordert immer wieder »gelebtes Leben mit Menschen, die man liebt — alles andere ist elend«, und zeigt sich besonders gegen Ende von einer prall sinnlichen, gleichzeitig zart und behutsam formulierenden Seite, so in »Er kam mit dem Wind«:
Sie fragte ihn nicht
Im Dämmerlicht
sie gab sich den Düften hin
Und ließ sich von seinen Händen kirrn
Und fühlte die Narbe auf seiner Stirn
sein Stachelkinn.

(mpg)

Margarete Hannsmann: Vergangenheit ist Gegenwart

Eigentlich sollte sie ja am »Ovalen Tisch« in der Lyrik-Ecke der Reutlinger Stadtbibliothek lesen: Das Interesse an der Lyrikerin und freien Schriftstellerin Margarete Hannsmann war jedoch so groß, daß die Veranstaltung kurzerhand ins »Große Studio« verlegt wurde, das dann auch bis auf den letzten Platz besetzt war. Die 1921 in Heidenheim an der Brenz geborene Lyrikerin war verschnupft — in zweierlei Hinsicht: Tags zuvor hatte es sie »erwischt«; »ohne Krächzen wird es wohl nicht abgehen«. Und dann stellte ein Kollege von der sendenden Zunft der Vortragenden zehn Minuten vor Beginn die »unmöglichsten Fragen«.

Margarete Hannsmann veröffentlichte nach einer Schauspielausbildung und der Tätigkeit als Buchhändlerin und anderen verschiedenen Berufen 1964 ihre erste Lyriksammlung »Tauch in den Stein«; bis heute sind 18 weitere gefolgt. Den Aalener Schubart-Preis erhielt sie 1976, der Literaturpreis der Stadt Stuttgart bekam das Vorstandsmitglied des »Vereins der Schriftsteller Baden-Württemberg« und Mitglied des PEN-Präsidiums (seit 1984) vor sieben Jahren.

In der Stadtbibliothek las Margarete Hannsmann mit ruhiger, genau artikulierender Stimme — die Erkältung merkte man ihr kaum an — verschiedene Gedichte »apres Grieshaber«: »Kreuzgang«, »Katakomben in Rom«, »Park der Villa Massimo«, um nur einige zu nennen. Ihre Liebe zu Griechenland kam in zwei Gedichten zum Ausdruck; allerdings ist ihr bei einem kürzlichen Athen-Besuch angesichts des Drecks und der hoffnungslos Auto-verseuchten Stadt »das Singen vergangen«. Die Beziehung zu dem Holzschneider von der Achalm, HAP Grieshaber, wurde in zwei Liebesgedichten beschrieben.

Das Publikum im »Großen Studio« lauschte dem unprätentiösen Vortrag aufmerksam bis ergriffen. Besonderes Interesse fand auch ein kurzer Prosatext, der erst vor drei Wochen fertig geworden ist: »Jetzt, wo ich ruhiger geworden bin, wo die Zeit eine andere Dimension hat, habe ich auch Zeit für Prosa«.

Margarete Hannsmann erzählt die Geschichte einer Puppenstube, die von Heidenheim über Reutlingen in Stuttgart gelandet ist. Im Verlauf des Textes wird die genaue, fast pingelige Beschreibung der Puppenstuben-Einrichtung von immer persönlicheren Erinnerungen und dem dazugehörigen historischen Kontext abgelöst.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 23. September 1988

Peter Kurzeck: Dörfliche Miniaturen aus Hessen

Ein kleines hessisches Dorf, kaum Straßen, die Bewohner seit Jahrhunderten Bauern; eine autonome Gemeinschaft, aus der wenig nach draußen und schon gar nichts hinein gelang: Das ist die Ausgangssituation in dem neuen Buch von Peter Kurzeck »Kein Frühling« handelt von diesen Bauern, es erzählt in einer detailgenauen Sprache von den langsamen, kaum merklichen Veränderungen nach dem Krieg bis hinein in die fünfziger Jahre, vom Untergang einer ländlichen Lebensart, der erst bemerkt wird, als es schon viel zu spät ist, der eigentlich auch unabwendbar scheint.

Kurzeck (»das schwarze buch«) erzählt, wenn er im Reutlinger Fetzer-Buchladen von Staufenberg (so heißt dieses Dorf) spricht, eine Geschichte, die wohl den meisten der — jungen — Zuhörer wie ein Märchen vorkommen mag. Das Dorfsterben ist längst abgeschlossen, nicht nur in diesem oberhessischen Beispiel. Da, wo früher nur staubige Feldwege zu den Häusern führten, sind es vielerorts längst die Asphaltstraßen, auf denen man im vierten Gang ohne zu bremsen durchfahren kann. Aus den ehemaligen Kleinbauern sind Industriearbeiter geworden, die »nebenher« noch ihre winzige Landwirtschaft versorgen.

»Kein Frühling« ist ein Buch, das sich denkbar schlecht für eine Lesung eignet; für die 340 Seiten muss man sich Zeit nehmen, die so ein eineinhalbstündiger Werbe-Termin einfach nicht bieten kann.

Oberflächlich betrachtet passiert in dieser Dorfchronik nämlich nicht sehr viel, es gibt keine »Helden« im üblichen Sinn. Das Dorf verändert sich im Kleinen, unmerklich. Am Ende sitzt der Leser da und hat das Gefühl, einer Idylle nachzutrauern. Dabei lässt Kurzeck keinen Zweifel daran, dass das Leben in so einer kleinen Gemeinschaft allzu viel idyllische Stimmung nie aufkommen ließ.

In »Kein Frühling« erzählen die Dorfbewohner selbst von vielen kleinen Dingen. Diese Kleinigkeiten (im Moment des Lesens oft banal wirkend) ergeben zusammen ein lebendiges Bild von einer vergangenen Zeit. Peter Kurzeck hat seiner »Chronistenpflicht« auf spannende Weise Genüge getan.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 03. Dezember 1987

Leonie Ossowski: Ein Bericht aus der Heimat

»Das Buch ist keine Aufzeichnung von Schuld – es ist eine Aufzeichnung politischer Mitverantwortung.« Leonie Ossowski, Jahrgang 1925, Autorin so bekannter Bücher wie »Die große Flatter« oder »Weichselkirschen«, eine »Erfolgsautorin« also, kam am Mittwochabend nach Reutlingen, um ihr neues Buch »Wolfsbeeren« vorzustellen.

Zwei Kapitel aus dem knapp 500 Seiten starken Werk bekamen die Zuhörer in der nahezu vollbesetzten Buchhandlung »Osiander« zu hören; Erklärungen zum Hintergrund der »Story« und eine anschließende Diskussion (wenn man das so nennen darf) waren inbegriffen. Den Anlass für »Wolfsbeeren« gaben die Vertriebenenverbände mit ihrer Parole »Schlesien ist unser«. Erzählt wird die Geschichte von Leuten insbesondere einer Gutsherrenfamilie – in »Rohrdorf« (das steht für das reale Röhrsdorf in Niederschlesien an der polnischen Grenze, wo Leonie Ossowski auf einem Gut aufgewachsen ist) zwischen 1918 und 1945. Da gibt es neben den Gutsbesitzern Deutsche und Polen, die in gutnachbarlichen Verhältnissen leben. Allerdings nur bis 1933 – danach »wurde Hass gesät«.

Die beiden Kapitel, aus denen die Autorin vorlas, erzählen von einem jungen Bauernmädchen (Erbin des Hofes, tüchtig, hübsch), das sich in einen polnischen Lehrer verliebt hat. Anfangs wird im Dorf die Liaison »übersehen« – schon bald aber wird »Magda« denunziert. Ihr Vater, der »Weißbauer«, verbietet ihr den Umgang mit dem Polen. Sie hält sich nicht an das Verbot, reißt aus, wird in einem Waldstück vom Vater gestellt und geschlagen. Die Beteiligten bemerken plötzlich, dass der Wald des Bauern brennt. Jemand will Magdas Liebe in der Nähe gesehen haben; der Pole wird zusammengeschlagen. Sophie, die Frau des Gutsherren, nimmt den jungen Lehrer vorübergehend bei sich auf (Was von der Dorfbevölkerung nicht verstanden wird) und hilft ihm, über die Grenze zu fliehen.

Magda, inzwischen volljährig, hat ihr »Pflichtjahr« bei Sophie auf dem Gut verbracht und will jetzt zu ihrem Freund ziehen. Im (polnischen) Dorf angekommen, muss sie von seiner Deportation und der drohenden Erschießung durch Deutsche erfahren. Als sie sich dem Soldat entgegenwirft, um den Polen zu retten, werden beide ermordet. Magdas Vater (der eigentlich seine Tochter bestrafen wollte) kommt hinzu und begreift gar nichts mehr. Er sitzt über eine Stunde regungslos neben seinem Kind. »Das waren doch die Deutschen«, sagt sein polnischer Lohnarbeiter. Antwort: »Eben, das ist es ja.«

Die Sprache von Leonie Ossowski ist nüchtern und präzise, sie erstattet Bericht. Es geht ihr nicht um Schuldzuweisungen, auch hat »Heimat nichts mit Besitz zu tun, sondern mit Erinnerung«. Die Geschichte der »Wolfsbeeren« ist in den Situationen authentisch; die Gutsbesitzer seien aber nicht ihre Eltern, betont die Autorin.

In der Diskussion, die sich der Lesung anschließt, wird deutlich, dass bei so manchem – sowohl den damaligen Zeitgenossen wie auch Jüngeren – das Thema noch lange nicht »bewältigt« ist. Man muss sich schon wundern, wenn eine Zuhörerin, als Leonie Ossowski von der systematischen Ausrottung der polnischen Intelligenz berichtet, fast empört bemerkt: »Das waren doch nicht nur die Deutschen.« Darum geht es nicht hier und auch sonst nicht. Aus Schuldzuweisungen ist nichts zu lernen; sie bringen nichts. Leonie Ossowski beschuldigt nicht, sie berichtet und erklärt damit vieles; ihr geht es um die Verantwortung des einzelnen Menschen. »Wolfsbeeren« nimmt sich einer wichtigen Thematik an und ist selbst ein
wichtiges Buch.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 13. November 1987