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Ulrich Roski: Freche Klappe

Andere hätten sich längst aufgegeben. Vor mehr als zwei Jahren schien es mit der Bühnenkarriere des Ulrich Roski, vor dreißig Jahren zur Creme de la Creme der deutschen Liedermacher zählend, endgültig vorbei zu sein: Ein Zungenkarzinom ist für einen Sänger noch schlimmer als für andere.

Der Berliner Satiriker und Liedermacher, der einst so berühmt war wie Reinhard Mey, aber schon immer viel sarkastischer, hat sich nicht aufgegeben und tourt seitdem mit einem mehr literarisch ausgerichteten Programm durch die Lande. Und obwohl es ihm beim leider nur mäßig besuchten Abschluss des Sommerfests des Glemser Kulturvereins gesundheitlich alles andere als gut zu gehen schien, wären seine Pointen auch in einem besseren Umfeld zündende Knaller gewesen.

Den Bärenanteil des Abends bestritten Evi Liessner und ihr Klavier-Begleiter Mr. Leu mit gnadenlos überzogener Slapstick-Songcomedy. Musikalisch einigermaßen sicher, versuchte das Duo sich an Parodien von Bar-Songs. Es blieb beim Versuch, das ständige Grimassieren Mr. Leus nervte.

Zu Beginn setzte sich Roski selbst noch ans Klavier, später gab ’s , da blitzten der scharfe Spott und der kindliche Drang zur Albernheit des Herrn Roski besonders exemplarisch auf, unter anderem den Bericht einer Reise auf die griechische Insel Lesbos. In knochentrockenem Ton wunderte sich Roski da, warum »90 Prozent der Taxifahrer dort männlich waren«.

Weil Roski seine Krankheit ungerührt zum satirischen Thema macht, kann Betroffenheit über das Schicksal des Künstlers schnell befreitem Lachen Platz machen. Und zum Lachen gibt’s bei dem, der die Klappe nicht hält, noch jede Menge Grund.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Thomas Felder: Lieder von Dauer

Er singt und spielt gegen bornierte Engstirnigkeiten an, gegen kleine private ebenso wie solche in der »grossen Politik«. Thomas Felder, der Künstler, Musiker, Barde aus Gönningen, hat sich in 30 Jahren auf der Bühne treu bleiben dürfen.

Und kann — offensichtlich — auf treue, in Reutlingen besonders treue Fans bauen: Beim Start der Konzerte zum (im Pop-Bereich ganz beachtlichen) Jubiläum war der Spitalhofsaal bis auf den wirklich allerletzten Stehplatz ausverkauft — schön, dass beileibe nicht nur »Grufties« zuhörten und mitsangen, sondern auch ganz junge Fans, in deren Hörwelt neben HipHop, Grunge oder Techno halt auch der ungezähmt Widerspenstige von der Alb Platz hat.

Zuerst gab’s einen kleinen Willkommensgruss der »Bronnweiler Weiber« mit Duogesang und Gitarre, dann (»ich bin nicht das Vorprogramm…«) ein Grusswort von Reutlingens Kulturbürgermeister Jürgen Fuchs, das wie eine richtiggehende Laudatio klang. Das grösste Verdienst Felders, der »kein Unbekannter übers Ländle hinaus — und in Gönningen sehr bekannt« sei, liege im »Hinaustragen des Schwäbischen, dieser herrlichen Sprache«, meinte Fuchs. »Die Strahlkraft und das Durchhaltevermögen« des Liedermachers hätten vielleicht was mit der Herkunft Felders aus einer Hundersinger Pfarrfamilie zu tun, meinte der Bürgermeister, als er die Vita des Musikers streifte. Lauten Beifall gab’s, als Fuchs Felders Führungsrolle im Engstinger Atom-Protest erwähnte.

Der Musiker bewies dann gleich zum Einstieg mit augenzwinkerndem Humor, dass schwäbische Phonetik gar nicht so sehr hinausposaunt werden muss, weil sie eh‘ schon international ist: Felders »Bisch Du heit drhoim«-Singsang zum Getrommel auf der Djembe hätte auch aus Afrika stammen können . . .

Felder, der Multi-Instrumentalist: Mag sein, dass er sich besonders ins Zeug legte, weil ein Team des SWR sein Konzert mit zwei Kameras mitschnitt — jedenfalls wurden im Spitalhof alle die Lügen gestraft, die den Gönninger als »Barden mit der Wanderklampfe« abgestempelt sehen wollen. Da zeigte sich ein ungemein fantasievoller Musiker an einer Vielzahl von Instrumenten als ernsthafter, aber Gott sei Dank nicht immer bierernster Klangsucher mit einer breiten Stilpalette.

Zum Boogie-Blues am Flügel singt er von heucheleibedingten Gesichtsverspannungen, bringt an einer Art Tischharfe »meditativ« anmutende Atmosphäre in den Spitalhof — und den Gospel-Blues »Mit boida Ellaboga hang i en moinr Maschee« souverän im Sologesang. Auf seiner »besten Freundin« zeigt sich der vielseitig Begabte auch als veritabler Drehleier-Spieler.

Felder, der Liedpoet: Das Reutlinger Publikum zeigte sich von A bis Z begeistert von der Vorstellung. Besonders haben den Fans aber offensichtlich die »ganz alten Lieder« gefallen. Als Felder von der Kälte sang (»… und bald wird’s wieder Winter…«), ging über viele Gesichter im Spitalhof ein wiedererkennend nostalgisches Lächeln.

Aber zum wehmütigen Rückblick gibt’s bei diesem Musiker keinen Grund. Die alten Lieder Thomas Felders sind von Dauer — und auf eingefahrenen Gleisen eingerostet ist der Mann, der sie geschrieben hat, auch nicht. (-mpg)

Konstantin Wecker: Umjubelt wie eh und je

Irgendwie war’s ja schon vorher klar: Das Tübinger Konzert von Liedermacher Konstantin Wecker war so gut wie ausverkauft, Sitzplätze gab’s jedenfalls keine mehr. Und die Zuhörer erwiesen sich (wieder mal) als treue und aufmerksame Fans. Wecker hätte bei diesem Publikum vermutlich auch einen Telefonbuchauszug poetisch vertonen dürfen.

Auf dem zweiten Konzert der »Wecker singt Brecht und eigene Lieder«-Fortsetzungstour zeigt sich der mittlerweile seriös-silber ergraute Bayer von seiner allerbesten Seite – einen musikalisch dermassen potenten, dabei sehr kontrollierten Wecker gab’s in den letzten Jahren selten zu hören.

Die Freude über seine Urteilsaufhebung werde getrübt davon, dass der Satz »Nie wieder Krieg« in Bosnien konterkariert werde, meinte Wecker zu Beginn des – wie immer – langen Abends. Aber sein Programm deswegen umstellen wolle er nicht – »ich glaube nicht, dass Poesie etwas verändern, ein Denksystem aufbrechen kann, das sich schon viel zu lange in einem selbstherrlichen    Männlichkeitswahn etabliert hat«, meint der Barde.

Solche – je nach Standpunkt doch etwas pathetischen – Formulierungen kennt man von dem Münchner. Schon neuer scheint da die kräftige Selbstironie, die Wecker auch in Tübingen immer wieder aufblitzen lässt, im Song »I werd‘ oid« souverän spielerisch einsetzt.

Von Brecht, zu dem er seine schon länger entdeckte Seelenverwandtschaft jetzt öffentlich dokumentiert, erzählt Wecker die Geschichte von der alten Dame, die »jedes Bett fällt, wenn sie trinkt«, gibt dem »Choral vom grossen Baal« ein ganz neues Gesicht. Und zeigt sich in »Oh, die unerhörten Möglichkeiten« sogar derb – »ich will mit dem Programm den sinnlichen Brecht zeigen«, sagt der Liedermacher.

Da mögen auch besonders die Parallelen zwischen beiden liegen. Zwischen
Brechts Zeilen und Wecker-Liedern wie »Wenn der Sommer nicht mehr weit ist« oder »Frühling wird’s« tun sich auch für das restlos begeisterte Tübinger Publikum keine Gräben auf.

Grossen Anteil an dem hervorragenden Eindruck, den dieses Konzert hinterliess, hatte auch die ungewöhnlich mit Gitarre, Tuba, Akkordeon, Saxofon, Fagott, Vibrafon und jeder Menge Klopfgerät ausgestattete Band.

Die acht Musiker setzten die neuen, luftigeren und viel groovigeren Wecker-Arrangements kongenial um. Von Theatermusikalischem (durchaus auch in der Art Weills) über chansonhafte Begleitungen bis hin zu prallen Samba-Reggae-Rhythmen reichte die Palette dieser sehr dynamisch spielenden Gruppe. Als Erster unter Gleichen erwies sich (wieder mal) der langjährige Wecker-Perkussionist Stefan Wildfeuer, der auf seinem Instrumentarium eine schier unglaubliche Klangvielfalt entwickelte. (-mpg)

Manfred Maurenbrecher: Schräge kleine Lieder

Nein, das ist kein Mann für die Massen: Manfred Maurenbrecher aus Berlin scheint der ewige Insidertip zu sein, von Kritikern und Musikerkollegen hochgeschätzt. Bei seinem Konzert mit »Liedern und Gemeinheiten« im »Sudhaus« -Theatersaal hörten rund 50 Gäste zu.

Wer »Spliff« kennt, Hermann van Veen oder Ulla Meinecke, der kennt auch – wenigstens stückweise – die Musik des Manfred Maurenbrecher: Für die Genannten (und für viele andere mehr) hat der 49jährige Lieder und Texte geschrieben. Er selber ist aber trotz deutschem Kleinkunstpreis, trotz acht erschienenen Platten, nie im vordersten Rampenlicht der deutschen Szene erschienen.

Das mag daran liegen, dass er sich vor allem um die ganz kleinen, unscheinbaren Dinge kümmert, sie sprachgewaltig und mit viel Gefühl für den Wortklang in Prosa und Songtexte verarbeitet.

In Tübingen erzählte er beispielsweise von einem Inselwirt, der sein Fotoalbum mit mehr oder minder verblichenen Show-Grössen vorzeigt, die alle schon bei ihm waren. Er meint, »dass das noch alles ganz wertvoll wird, weil die ja schon tot sind«.

Mit einer Stimme, die an das Reibeisenorgan von Tom Waits erinnert, und schrägem, aber gekonnt-lässigem Barpiano-Spiel lässt er ab und zu auch »seiner geknechteten Schlagerseele freien Lauf«. Dann singt er: »Ja, die Liebe lässt sich gehen, aber nicht für die, die sie ersehnen«, um sich kurz darauf wieder hochironisch und recht scharf über neudeutsche Verhältnisse lustig zu machen: »Oh Wessi, du hast bessere Zeiten gesehen«.
Von den Zuhörern – offensichtlich waren viele erklärte Maurenbrecher-Liebhaber darunter – gab es für die intime Vorstellung viel Applaus. (-mpg)

Hans Söllner: Langatmig rebellisch

Hans Söllner, der bayerische Hiasl der Postmoderne, gastierte wieder beim Tübinger »Kulturzelt« — der Eröffnungsabend des jetzt auf dem Festplatz stattfindenden Festivals war ausverkauft.

Aber nicht nur äußerlich gab’s Parallelen zu den letzten Gastspielen des Liedermachers in der Gegend. Wie jedesmal bestand das Programm aus Spiegelungen der durch heftige Medien-Bearbeitung mittlerweile sattsam bekannten — Vorliebe des Künstlers für Marihuana und Haschisch. Und wie jedesmal waren die »Ansagen« bei Söllner eher epische, stellenweise selbstvergessen wirkende Monologe von teils quälender Länge — länger und zahlreicher als die Songs.

Nicht, dass der Barde in seinen Attacken wider Staat, Kirche, Ordnung und Regulierungsversuche nicht ab und zu verschmitzt-rustikalen Witz unterbrächte. Und die Sprachbilder, die ihm einfallen, wenn er sich in wütigen Zorn hineingequasselt hat, sind in den besten Momenten plastisch, schlagfertig und plakativ treffend.

Aber auch diesmal schien’s, als ob Söllner ein bisschen die Kontrolle über die dramatische Wirkung seines Vortrags verloren hätte — oder vielleicht war’s ihm ja auch ganz egal, daß bei der Verbreitung seiner Erlebnisse mit der Justiz auch mächtig Langeweile entstand?

Unter anderem erging sich Söllner — selbstverständlich vor derben Kraftausdrücken strotzend und vor Spott und Hohn nur so triefend — ellenlang um eine Verurteilung wegen Haschischbesitz in (Söllner-Konzertbesucher lachen schon, wenn nur der Begriff fällt) »geringer Menge«.

Diese Geschichtchen waren aber nur stellenweise witzig — und wenn man mal die Inhalte abzieht und nur auf die Sprache, die Gesten und den Ton achtet, gibt’s zwischen Söllner und einem populistischen Politiker, der sich auf einer Provinz-Wahlkampfveranstaltung heißgeredet hat, keine großen Unterschiede.

Die Volksvertreter könnten sich aber freuen, wenn sie soviel Beifall bekämen wie der Söllners Hans: Die Tübinger Fans des Rebells mit der Klampfe zeigten sich auch diesmal überaus lach- und klatschfreudig.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Kürsche: Unspektakulär

Wer nur den Auftritt des Liedermachers »Kürsche« jetzt im Tübinger »Sudhaus« erlebte, der wird kaum nachvollziehen können, daß der Mann sonst echt was für die Massen ist.

Kaum zu glauben, daß der Berliner sonst, beispielsweise im Vorprogramm seiner Ober-Fans von »Fury In The Slaughterhouse«, nur mit Gitarre und Stimme ein Zehntausender-Publikum in seinen Bann zieht: Erstens war der große »Sudhaus«-Saal mit rund 100 Besuchern unerwartet schlecht besucht, zweitens die Stimmung unter den meisten Besuchern nicht ausgelassen, sondern eher abwartend.

Der Tonspion bat jedenfalls nichts gehört, was nicht schon vor Jahren Bestandteil fast jeder Spontan-Lagerfeuer-Fete gewesen wäre: Unbehelligt von komplizierteren Akkordstrukturen schlug »Kürsche« die Saiten seiner Wanderklampfe, nett bis nachdenklich, aber nicht außergewöhnlich muteten seine Texte an.

Nach zwei Stunden war das unspektakuläre Konzert vorbei; erst als »Kürsche« gegen Ende seinen Dreiakkorde-Hit »More And More« anstimmte, taute die Mehrheit der
Konzertbesucher auf. (-mpg)

Tommy Mammel: Andere Lieder

Enttäuschend war beim Gastspiel der »Nachtausgabe« um den Stuttgarter Sänger und Pianisten Tommy Mammel bei »P&K« in Reutlingen nur die geringe Publikumsresonanz; musikalisch gesehen überzeugten die melancholisch-poetischen »Songs für ein Leben in Color« genau wie auch die sehr gut eingespielte Band um den ehemaligen Weggefährten Thommie Bayers.

Mammel textet persönlich, ohne mit uninteressanten inneren Befindlichkeiten zu nerven. Und er hat eine rauchig-markante Stimme, die sehr gut zu den 70er-Jahre-Harmonien der meisten Titel paßt — sowie ausgezeichnete Mitmusiker, die die Musik zwischen Musette und »Stelly Dan« mit federnder Leichtigkeit und variablem Ausdruck (Toll: Gitarrist Michael Minges) interpretierten. (-mpg)