Schlagwort-Archive: Landeskunstwochen

Polnische Künstler in Reutlingen: Vielfalt an Formen und Stilen

Eine vielfältige Schau aktueller Malerei und Skulpturen aus Polen gibt es noch bis Ende 1993 auf dem Landeskunstwochen-Gelände an der Reutlinger Planie 22 zu sehen: Schon zum zweiten Mal stellt die Bürogemeinschaft Ast, Dabrowska, Maas, Nenno und Ulbig polnische Kunst aus.

Für eine mehr oder weniger privat — über einen Danziger Galeristen — organisierte Ausstellung sind beeindruckend viele, sehr unterschiedliche und großzügig in den verschiedenen Räumen plazierte Exponate zu sehen. Alle neun Künstler rechnen sich zum Umfeld der Hochschule für Bildende Künste in Danzig, alle haben sie in den rund 80 Arbeiten ihren ganz eigenen Stil, ihre eigene Form- und Farbensprache entwickelt.

Verspielte, enorm fein gearbeitete Skulpturen, die mit fast besessener Detailverliebtheit aus Keramik (!) gemacht sind, hat Kazimierz Kalkowski (39) ausgestellt. Sehr dekorativ wirken die Materialspielereien mit verschiedenen Metallen, von Aleksander Detkos (54), in ihrer Schemenhaftigkeit einsam und verschlossen die kleinen Menschenskulpturen von Katarzyna Umiastowska. Ihr Mann, Andrezej Umiastowski, ist ebenfalls mit fünf Arbeiten zu sehen.

Großformatige, kühl-analytisch aufgelöste Aktbilder von Wladyslaw Jackiewicz (geboren 1924) sind ein Höhepunkt der Schau. Die zehn Arbeiten des Mitbegründers der »Danziger Gruppe« und ehemaligen Professors der Danziger Kunstakademie beeindrucken durch ihren sorgfältig ausgewogenen kompositorischen Aufbau.

Ähnlich international bekannt wie Jackiewicz, dessen Bilder unter anderem 1988 auf der Biennale in Venedig ausgestellt wären, ist der 43jährige Jacek Mydlarski. Von ihm gibt’s zarte Gemälde zu sehen — bei denen der Betrachter nach einiger Zeit hinter dem vermeintlich ganz und ausschließlich weißen Vordergrund teilweise eine erstaunlich dynamische Farbsprache entdeckt.

»Mydlarski hat anfangs sehr bunt gemalt«, erzählt Reinhold Maas, »und reduzierte dann seine Oberflächen immer mehr in Richtung weiß. Mir hat er gesagt, wenn ich seine Bilder besser verstehen will, soll ich mir vorstellen, lange aufs Meer zu starren — die Wirkung sei die gleiche«.

Im ersten Moment sind die Ikonen vom erst 27jährigen Rafael Roskowinski viel leichter zugänglich — aber dann darf kräftig über die mystische Symbolsprache und die graphischen Geheimcodes gerätselt werden.

Expressiv, berührend und im Umgang mit Licht und Schatten meisterlich gemalt sind die Arbeiten wider Leid und Unmenschlichkeit von Piotr Budziszewski — der Kontrast zu den plakativ-grellen Lithographien von Zbigniew Gorlak könnte härter kaum sein.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 30. November 1993

Exvoco: Lustvolle Blödeleien

Zum Abschluß der Reutlinger Landeskunstwochen schmunzelten und lachten rund 60 Besucher über die musikalischen und lautmalerischen Späße der »Expanded Voice Company« — die »Vereinigung erweiterter Stimmen« — aus Stuttgart.

Und weil das Trio in der Heinzelmann-Fabrik fast eineinhalb Stunden lang Dada-Kunst und Avantgardistisches, konkrete Poesie und musikalische Satire präsentierte,  war Vielen sicher nicht klar, was genau sie eigentlich erheiterte — aber witzig war es trotzdem.

Hanna Auerbacher (Mezzosopran) und Ewald Liska (Bariton und Konzeption des »Lautvergnügens«) sangen Lieder von Erik Satie (1866 – 1925) mit warmen und flexiblen Stimmen, einfühlsam am Flügel begleitet von Urs Liska. Das Tasteninstrument war auch schuld daran, daß die experimentelle Vorstellung nicht im Rahmen der Ausstellung der Grieshaber-Schüler stattfand — der Transport vom Kasino in tiefere Etagen hätte den teuren Klavierstimmer auf den Plan gerufen.

Von Satie führte »Exvoco« unter anderem zwei Chansons (»Je te veux« von 1897 und »La Diva de l’Empire« von 1902) auf, humorvolle »Ludions« für Stimme und Klavier, sowie drei Liebeslieder, »ohne Furcht anzuhören«, aus dem Jahr 1914. Das lustvolle, ironische Spiel Saties mit romantischen Elementen machte Liska besonders deutlich, als er zwei der drei »Gnossienes« von 1890 voll innererer Spannung interpretierte.

Sangen Auerbacher und Liska die Satie-Stücke noch weitgehend konventionell, liefen sie in den lautmalerischen Gedichten beispielsweise eines Raoul Haussmann oder Hugo Ball zu reichlich ungewohnter stimmlicher Klangerzeugung auf. In den höchsten Tönen schnatternd, tief grummelnd und schlangengleich spuckend zeigten die beiden Sänger, daß interessante Musik nicht immer aus Belcanto bestehen muß.

Von Christian Morgenstern, dem »Vater« lautmalerischer Blödelei, war unter anderem das »große Lalula« und der »Rabe Ralf« zu hören, von Dada-Mann Kurt Schwitters ein Husten-Scherzo, bei dem die beiden Stimmen das ganze Sortiment sonst reichlich unbeliebter vokaler Kracher durchhusteten — von asthmatisch über grippal bis hin zur gemeinen Nikotin-Bronchitis.

Vollends irrsinnig wurde die Vorstellung bei den abschließenden Chorälen für Klavier von Satie in einer Konzeption von John Cage. Da rannte Ewald Liska hektisch auf der Bühne herum, maß irgendwelche Entfernungen ab, plazierte Notenständer um und setzte einen Schlagbohrer zur rhythmisch gewaltigen Akzentuierung ein. Derweil bereitete Hanna Auerbacher das Solo für den mitgebrachten Reisefön vor, Liska zerknüllte seine Noten und verließ kurzfristig die Bühne und verwertete ein befreites »Aah-Uuh-Aah«, den Cognacschwenker in der Hand, als perkussionistische Einlage. Die Zuschauer waren von dem ganzen Blödsinn begeistert und erklatschten sich zwei Zugaben. (mpg)

Emil Wächter: Gesichter aus der Bibel

»Seine Gesichter lassen sich alle auf das eine, große Gesicht zurückführen — das Gesicht des Schöpfers«. Wolfgang Urban, Rottenburger Diözesankonservator, Historiker und Philosoph (Bild), führte zahlreiche Vernissagebesucher am Dienstagabend nach »Alter Musik« und der Begrüßung durch Dekan Richard Kappler in das Werk von Professor Emil Wachter ein.

Über 30 Originalfarbdrucke und Alugraphien (diese Technik entspricht der von Lithographien; lediglich die Druckplatten sind statt aus Stein aus Aluminium) des 1921 bei Karlsruhe geborenen Künstlers sind im katholischen Dekanatshaus in der Reutlinger Schulstraße ausgestellt, weitere Bilder sind in den Kirchen St. Wolfgang, Heilig-Geist, St. Peter und Paul sowie St. Andreas zu sehen.

Wachter, der nach einem Theologiestudium in Freiburg in Karlsruhe unter anderem bei Erich Heckel Kunst studierte und mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet ist, zeigt in den drei jetzt in Reutlingen ausgestellten Bilderzyklen unter dem Titel »Die Bibel in Gesichtern« ausdrucksstarke Portraits von Gestalten des Alten und Neuen Testaments — von Adam und Eva bis hin zu Petrus.

Die Arbeiten der sogenannten »Singener Trilogie« sind auch nach den Landeskunstwochen noch bis zum 28. Oktober montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr, an Sonntagen von 10 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung (Telefon 411 44) zu sehen. Die Ausstellung der Gesamtkirchengemeinde Reutlingen in Zusammenarbeit mit dem katholischen Bildungswerk des Landkreises wird von einer Vortragsreihe begleitet.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 19. September 1991

Fritz Schwegler: Viele Einfälle unter den Hüten

»Notwandlungsstücke« nennt er kleine Skulpturen aus Bronze, »Einfallsnummern« hat er allem, was seinem kreativen Kopf so entspringt, seit 1962 gegeben und »Art-Hüte« eigens für die Reutlinger Landeskunstwochen gezeichnet und mit kleinen Texten beschrieben. Die Schreibe Fritz Schweglers, 1935 im Kreis Göppingen geboren und heute Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, ist verdreht, verkürzt, gewandelt. Was sagt er über seine eigenen, »notgewandelten« Stücke?

»über Wandlungen gibt’s viele Vorstellungen und Bücher. Das berühmteste womöglich schon im alten China. Und das Wandern, das Wandern, ach, ist auch bei uns lange bekanntes Volksliedgut. Was Stücke sind, braucht nicht extra erwähnt zu werden, es hat mit dem Ganzen zu tun, welches immer nur in solchen Schritten zu haben ist. Auch das ist nötig, einzusehen. Ist das ein sich winden, schmerzlich, oder wird’s dann schon spielend, Tanz?«

In der gesamten Ausstellung Schweglers in der Eingangshalle des Reutlinger Rathauses finden sich Formen, die in verschiedenen einzelnen Stücken ebenfalls zu sehen sind, er verarbeitet seine Ideen in verschiedenen Disziplinen künstlerischen Schaffens. Und was für Formen: »Einfallsnummer 6929« ist ein Gebilde, das aussieht wie ein Kuheuter, mit einem sozusagen schützenden Dach darüber – »Wiederkehr der Sonnensamung« (»EN 6637«) der ebenfalls verblüffende Titel. Oder eine gebückt mit durchgedrücktem Kreuz dastehende Dame (»EN 7045«), die einem vierbeinigen und -füßigen Balken (»EN 6953«) mit einem Hohlzylinder oben drauf gegenübersteht — auch diese Figur bietet irritierende optische Reize, deren Wirkung durch die »EN 6785« noch verstärkt wird: »Doch hat bei des Lebens Zukunft Forschung manch innerer das Auge aufgetan«, steht im Katalog, den die Stadt Reutlingen anlässlich der Ausstellung Schweglers herausgebracht hat. In dem Buch sind die zarten, lichtdurchlässigen Wachsformen abgebildet, die den 150 ausgestellten, poppig bunt bemalten Bronzeminiaturen zugrunde liegen.

Neben großen Tafelbildern, die bildnerische Darstellung und skurrilen Text vereinen, hängen 40 kleine, bemalte und beschriebene Blätter Schweglers im Reutlinger Rathaus. »Ein Hut, ein Stock und eine Zeitung«, heißt einer dieser »Art-Hüter«, ein anderer »Weiter Hut mit Stangen«. Da baumeln zwei Hüte für distinguierte Herren auf zwei dürren, stachlig behaarten Beinen. Oder das Modell »Stapler«: »Mit um den Kopf Stäben / die jedem geben / ein Hochstablergefühl, der so einer sein will«, hat der auch gesanglich engagierte Schwegler — bei der Ausstellungseröffnung war’s zu vernehmen — diesen Kunst-Hut selbst beschrieben.

Rudolf Greiner, der Organisator der Reutlinger Schwegler-Schau, meint über den zweifelsfrei reichlich mit Humor begabten Künstler: »Er vermeidet Hierarchien zwischen den Dingen, zwischen Wort und Bild und Bild und Plastik. Alles steht nebeneinander, und kann so in seiner Eigenheit erfasst werden. In ihrer Gleichberechtigung und wuchernden Lebendigkeit werden die Stücke des Künstlers not-wendend und damit not-wendig«.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 19. September 1991