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Frederic Hormuth: Wortverliebt sinnsuchend

Zum Auftakt der 19. Reutlinger Kleinkunsttage gab’s erst am Freitag musikalische »Brüller« mit eher lauwarmem Satire-Gehalt von Helmut Meier – und dann am Samstag einen satirisch, verbal und musikalisch gelungenen Rundumschlag des Mannheimers Frederic Hormuth.

»Ich bin zu blöd für diese Welt“, tirilierte der erfahrene Brettl-Artist (»Die Allergiker«, mehrere Soloprogramme) in einem Song zum gut arrangierten Playback – und ließ doch in seinem aktuellen Programm »Endstation Sinn-sucht« von Anfang bis Ende durchblicken, dass er die Wehwehchen unserer Welt kabarettistisch überhöht ganz gut vermitteln kann.

Von »Männer, Frauen, Schulsport bis hin zum Sterben« war im »Rappenkeller« für fast jede und jeden etwas dabei – Hormuth hielt sich dabei durchweg an den alten Spruch »In einer irrsinnigen Welt vernünftig sein zu wollen, ist schon wieder Irrsinn« – »das hat Voltaire gesagt, der ist schon lange tot, das hat er nun davon«.

Im lockeren Plauderton schlitterte Hormuth von einem Thema zum anderen – ihm und seinem Programm war die verbale wie schauspielerische Ausgefeiltheit nicht anzumerken. Immer wieder kam der studierte Lehrer aufs Verhältnis zwischen Jung und Alt. Er bezog dabei in guter Pestalozzi’scher Tradition meistens Stellung für den Nachwuchs, auch wenn er nicht so recht verstanden hat, warum »grenzdebile Rotzlöffel« heute auch gerne »ungeförderte Sonderbegabungen« genannt werden: »Es ist ja bekannt, dass Erwachsene nichts in den Köpfen haben – dass sie das aber dann noch in die Köpfe ihrer Kinder ‚reintrichtern wollen, macht mich richtig wütend«.

Kindertheater bekam auch kräftig Fett ab – die Beobachtung Hormuths, dass es dabei »eigentlich thematisch immer nur darum gehe, Freunde im Leben zu finden«, ist so falsch nicht. Im folgenden entwarf der Mannheimer zur Gaudi der Besucher ein reichlich »pränatales« Stück »von der Eizelle, die erst gaaanz einsam ist und dann plötzlich viele, viele Freunde findet, sich aber letztendlich für einen entscheiden muss . . .«

Hormuth mischte auf lockere Art Tiefsinn mit Kalauern und bewusst platter »Comedy«, zeigte sich als guter Chanson-Sänger und verzichtete trotz heftiger Sinnsuche im Großen und Ganzen auf mahnend emporgereckte Zeigefinger – eindeutig schade, dass am Samstag im »Rappenkeller« (der schon beim Auftakt der Kleinkunsttage am Freitag nur mäßig bis schlecht besucht war) viel zu viele darauf verzichtet hatten, sich ein »Sinnlos für den guten Zweck« zu kaufen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Ingo Börchers: Kunstvolle Worthülsen

Er kommt mit der geschult strahlenden Selbstsicherheit eines Motivationstrainers für angehende Fastfood-Verkäufer daher: Kabarettist Ingo Börchers, 28, mimt in seinem aktuellen Programm »newspeak«, das es auf der »Kleinkunstbühne im Rappen« in Reutlingen zu sehen gab, den seminargestählten Nachwuchs-Alleswisser.

»Newspeak« – ein feinsinniges und nettes Wortspiel – kann man sowohl mit »neuer Sprache« als auch mit »Nachrichtenflut« übersetzen. Beides waren zentrale Themen in der verbal fein gedrechselten Vorstellung: Ohne Laptop zum Zeitmanagement geht der Kabarettist von heute schon gar nicht mehr auf die Bühne, ohne den richtigen »Wellnesslevel an Milchressourcen« (mit zwei drei Joghurts dürfte man richtig liegen) geht gar nichts mehr.

Und Chefs schmeißen heute auch niemanden mehr raus, sie erklären einfach »unüberbrückbare Differenzen in der Zielsetzung«. New Speak, neue Sprache: Die Figur, die Ingo Börchers auch schauspielerisch differenziert und nuanciert zeigt, hat für jeden Fall die passende Worthülse.

Wie oft bei gutem Kabarett hält auch Börchers seinem Publikum (»Rentner, Zivis, Studenten und anderweitig Arbeitslose«) ein durchaus gesellschaftskritisches Spiegelchen vor – und wie so oft bei guten Kleinkünstlern kommt Börchers nicht mit dem mahnenden Zeigefinger daher, sondern überspitzt gängige Verhaltens- und Sprachmuster ins Absurde.

Dabei scheut der Bielefelder auch Kalauer nicht: »Motivationstrainer sein ist schon klasse, da kann man lauter Fruchtzwergen in Nadelstreifen das Gefühl geben, sie seien so wertvoll wie ein kleines Steak«, albert der Kabarettist vor dem beigeisterten »Rappen«-Publikum.

Aber letztendlich will der Aufsteiger unter den Nachwuchs-Kleinkünstlern wohl ein bisschen mahnend darauf aufmerksam machen, dass »aus KnowHow (wissen wie) längst Know-Where (wissen wo) geworden ist – und das ist manchmal halt von Nowhere (nirgendwo) nicht weit entfernt«.

Für solche und andere intelligente Sprachspielereien gab’s von den Reutlinger Brettl-Fans viel Applaus.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Holger Paetz: Mit Biss und Tiefgang

Der Mann zielt auf den schnellen Lacher – aber freut sich diebisch, wenn seine Scherze beim Publikum einen »Nachbrenner-Effekt« hervorrufen. Holger Paetz gehört kleinkünstlerisch sortiert mehr ins neudeutsche »Comedy«-Fach als zur klassischen Kabarettistengilde.

Und doch trennen den Mann Welten von massenmässig populären Flach-Witzereissern. Sein aktuelles Programm »Ohne mich wird’s auch nicht besser«, das es jetzt auf der Kleinkunstbühne im gut besuchten Reutlinger Rappenkeller zu sehen gab, verschmelzt die vielen Einzelgags in einer Story mit rotem Faden. Des Künstlers Umzug von München nach Berlin gibt ihm dabei natürlich auch jede Menge Gelegenheit zu philosophischen    Verbalabstürzen.

Der Wechsel zwischen »Herzwelt-und Hauptstadt« bringt nicht nur die Erkenntnis mit sich, dass »dir die Wahrheit über dich begegnet, wenn du dein Leben in Kartons verpackst und woanders wieder auspackst«: Zwischen Umzugskisten, der (in einem Song umgesetzten) Wohnungssuche und erfolgslosen, aber witzig beschriebenen Scharmützeln mit Handwerkern sinniert Paetz über die Unterschiede zwischen Süd und Ost – und über den Zustand unserer Kultur im Allgemeinen.

Paetz geisselt nicht die grosse Politik, er macht sich lustvoll über Alltagsmacken her. Etwa, wenn er (hinreissend) die extrem verkürzten Biergarten-Dialoge zwischen Kellner und Gast parodiert, oder die selbstredend schwäbische Vermieterin seiner neuen Hauptstadt-Altbauwohnung erklären lässt, warum der Stuck überlackiert ist: Damit man die Decke besser nass wischen kann – ist doch klar!

Die Songs, die Paetz zur Auflockerung in sein Programm einstreut, sind nicht ganz so überzeugend wie seine Verbalsatiren. Schallend gelacht haben die Besucher aber auch über die urkomische, stellenweise an Karl Valentin erinnernde Körpersprache des Kabarettisten. (-mpg)

Liederjan: Bissige Folk-Routiniers

Die »chorreichen Drei« der deutschen Folkszene feiern sich selbst: 25 Jahre lang hat die Gruppe »Liederjan«, einst laut Gitarrist und Chef -Blödler Jörg Emisch angetreten, um »Heino aus der deutschen Hitparade zu vertreiben«, in der deutschen Musiklandschaft überlebt.

Augenscheinlich ziemlich gut sogar – beim Jubiläumstour-Konzert auf der Kleinkunstbühne im Rappen-Keller machten die drei »Grufties« am Samstagabend einen frischen Eindruck. Und die »Liederjan«-Plattentitel haben sich über die Jahre auch ohne die Promotions-Maschinerie der Popindustrie ganz gut verkauft.

Nur drei verschiedene Besetzungen hat die »Fortsetzung der Fischerchöre mit anderen Mitteln und zwei Mann weniger« (»Liederjan« über »Liederjan«) im letzten Vierteljahrhundert durchlaufen: Emisch und sein stets den drögen Deichler gebender Kumpel Anselm Noffke sind von Anfang an als ungleiches ,aber hochmusikalisches Duo mit dabei; Gitarrist und Banjospieler Hein Rieck spielt jetzt auch schon seit acht Jahren bei »Liederjan« und war auch schon bei den letzten »Rappen«-Gastspielen ruhig-verschmitzter Gegenpart zu den manchmal wirklich gnadenlos kalauernden »Oldies«.

Aber auch er beglückt im bestens gefüllten Rappenkeller die »Liederjan«-Fans mit eigentümlichen Erläuterungen zur Instrumentenkunde: Wer hätte denn schon gewusst, dass das Krummhorn ursprünglich mal eine »Blockflöte war, die auf der Heizung liegen gelassen« wurde? Emisch setzt noch eins drauf, erzählt, dass das »Klerikalsax, mit der einst die Priester nach dem Gottesdienst in der Sakristei jazzten, uns vom Bischof Dyba vererbt wurde. . .«.

Die drei von »Liederjan« mischen auch im Jubiläumsprogramm überaus gekonnt leichten Witz und Blödeleien, die niemandem gross wehtun und nur auf den schnellen Lacher zielen, mit richtig schwarzen, manchmal gar zynischen Bösartigkeiten – siehe oben.

Diese fliessende Mixtur aus humoristischen Moritaten und Songs mit gelegentlichen Ausflügen zur (inzwischen ganz unschön rar gewordenen) klassischen Brettl-Satire ist ein Bestandteil des konstanten Erfolgs der Gruppe über die Jahrzehnte hinweg.

Dass vergleichsweise steinalte »Liederjan«-Nummern heute noch aktuell sind, spricht für die zeitlose Treffgenauigkeit der Texte: »Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt«, ein Song über Karriere-Drängler, brachte das »Rappen«-Publikum schon vor zehn Jahren zum Schmunzeln und wird wohl auch noch im Jahr 2010 zünden.

Ein anderer Grund fürs Überleben ist das mit ausserordentlicher Musikalität gepaarte handwerkliche Können des Trios: Jeder einzelne »Liederjan« -Musiker ist (mindestens zweifach) Multi-Instrumentalist, Emisch scheint gar aus allem, was er in die Hand nimmt, einen Ton herauszubekommen.

Selbst ein völlig defektes Tuba-Ventil, das das Instrument bei einem Ton klingen lässt wie einen dezent fehlzündenden Ottomotor, bringt den Mann, der sich für »den wohl einzigen Komponisten« hält, »der dem Reissen von Saiten einen erheblichen künstlerischen Stellenwert in seinem Schaffen einräumt«, nicht aus der Fassung.

Die drei klampfen um die Wette wie die Weltmeister, Geige, allerlei moderne wie mittelalterliche Flöten und Blechblasinstrumente kommen hinzu, Perkussion satt – und Exotisches wie eine Drehleier noch dazu. An den Anfang ihres Auftritts setzt das Trio ganz ernsthafte deutsche Folkmusik , mit der es einst seine Karriere begann.

Und ein drittes Element wird wohl auch im neuen Jahrtausend noch eine ganze Weile dafür sorgen, dass »Liederjan« zu den Publikumslieblingen zählt: Die – teils wohl natürliche – Komik, die die drei auf der Bühne entwickeln: Wenn Emisch und Noffke sich wie Pat und Patachon kabbeln, wird schon die Anmoderation zur Lach-Nummer.

Die »Rappen«-Besucher jedenfalls scheinen sich im Urteil über die »Drei von der Klangstelle« im 25.ten Bühnenjahr einig: Je reifer, desto besser: Die Lacher lassen schier den Putz im – frisch renovierten – Rappenkeller rieseln, und der Applaus ist donnernd laut. Da ist also bei »Liederjan« alles beim Alten geblieben. (-mpg)

Schwarze Grütze: Musik-Clowns

Also, scharfes Kabarett war das nicht: Die beiden Musik-Komiker der Berliner »Schwarzen Grütze« alberten sich vielmehr gekonnt dilettierend durch ein Programm voller handzahmer Scherzchen und ganz arg netten Bösartigkeiten.

Die Bühnenshow und der Habitus von Dirk Pusche und Stefan Klucke erinnern ein wenig an den des Grossenknetener »Trios«, das in den 80er mit seinem minimalistisch-abgestürzten Songkonzept große Erfolge feierte. Wie bei Stefan Remmler und Co. gehören musikalische »Unfälle« und das unverfroren-charmante Zurschaustellen eigener künstlerischer Grenzen (beispielsweise bei einem völlig vergurkten Klassik-Rezitativ) auch bei der »schwarzen Grütze« zwingend zum Programm.

Die Songs und mehr noch die Moderationen der beiden Musiker an Keyboards, Gitarren, Bässen, Akkordeon, Melodica, Drums und anderen Tonerzeugern wirkten allerdings oft zusammengeschustert und etwas langatmig bemüht.

Trotzdem gab’s für die Gäste im vollbesetzten Rappenkeller Highlights: Etwa eine verquere Weihnachts-Nummer, in der ein dezent gestörter Jugendlicher jedes Jahr einen Weihnachtsmann erschiesst. Oder die hinreißenden Wortspiele um das, was Ruth in Beirut mit Knut so tut . . .

Schön schräg gedichtet im zweiten Teil auch die seltsame Moritat vom Fensterputzer, der Samstagmittags vor dem verschlossenen Fenster hängt. Am Ende schafft er’s, splitterfasernackt, bis runter in den zwölften Stock. Dort öffnet ihm dann seine Frau — das Fenster geht nach aussen auf.

Weh tun können solche und noch harmlosere, auch weniger witzige Geschichtchen natürlich niemandem, der Satire-Faktor liegt bei der »schwarzen Grütze« eher niedrig. Die Besucher dieser Kleinstkunsttage-Veranstaltung haben sich dennoch prächtig
amüsiert. (-mpg)

Hans-Günther Butzko: Rundumschlag

Amüsant, scharf und abwechslungsreich getextet — und vor allem mit großer schauspielerischer Finesse umgesetzt: Hans-Günther Butzko präsentierte zum Abschluß der Reutlinger Kleinkunsttage im vollbesetzten »Rappenkeller« einen satirischen Rundumschlag gegen (fast) alles und jeden.

Vor dem Info-Schalter der Bahn (»scheint so, als ob das Auskunftspersonal aus Sado-Maso-Studios rekrutiert wird«) wird er schier wahnsinnig, deutscher Privat-TV-Frohsinn macht ihn wütend: »Schon eine Mords-Leistung, daß dieser Harald Schmidt jeden Abend einen 30-Minuten-Monolog auswendig von so großen Pappschildern abliest«.

Beckenbauer bekommt wegen seiner nationalistischen Sprüche (»Du, Franz, das mit dem »Kaiser« ist nur ein Spitzname«) ebenso sein Fett weg wie die neuen und alten Regierungsparteien. »Der Stollmann programmiert aus Rache ein Videospiel, »Karate-Kid Oskar«« — und die CDU ist bei Butzko zum »Club der Verlorenen« mutiert, mit »Kohl als Ersatz für Lilo Wanders in Wa(h)re Liebe«. Den Alt-Bundeskanzler parodiert er phonetisch nicht perfekt, aber mimisch überaus treffend. In die Lacher hinein meint er: »Lachen Sie nicht, ich bin Kabarettist, ich kann keine Schröder-Parodie!«.

Lange, aber kurzweilig ergeht sich Butzko über die Unterschiede zwischen seiner und der heutigen Jugend, und macht sich bösartigst seine Brettl-Gedanken um den Zusammenhang zwischen Militär und Videospiel-Generation. »Wow, jetzt hab‘ ich schon 500 Tote — noch 80, bis ich ein Bonus-Leben krieg’«, läßt er einen Kampfpiloten sagen.
Bei solchen und ähnlichen scharfen Tönen bleibt den Gästen der »Kleinkunstbühne im Rappen« das Lachen im Hals stecken — aber aufs Ganze gesehen wirkt das gekonnte Kabarett des Hans-Günther Butzko schwer zwerchfellerschütternd: Heftiger Beifall. (-mpg)

Ingo Börchers: Pointen nonstop

Kaum Ruhepausen zwischen den Lachanfällen hatten die Besucher der »Reutlinger Kleinkunsttage«: Der erst 25jährige Ingo Börchers aus Bielefeld feuerte witzige und intelligent erdachte Pointen nonstop ab, kam dabei vom Hundertsten ins Tausendste und schien vor Spielfreude fast zu platzen.

Die alte Regierungspartei verglich er mit einer reichlich bekannten Slipeinlage: »Man sieht sie nicht, man spürt sie nicht, irgendwie ist sie noch da — nur weiß man nicht, was sie aufnehmen soll.« Als Geburtshelfer riet er Claudia Noltes Mutter: »Sie müssen jetzt tapfer sein — es ist eine Rüschenbluse.« Und: »Scharping als Verteidigungsminister, das ist ungefähr so sinnvoll, wie Wolfgang Schäuble zu einer Stehparty einzuladen.«

Rücksichten nahm dieser Newcomer auf deutschen Brettln (wie eigentlich jeder gute Satiriker) kaum — selbst die eigene Zunft bekam hohntriefend ihr Fett ab: »Literarisches Kabarett« bedeutet, dass ein Kabarettist einen Text geschrieben hat, den er noch nicht auswendig kann und deswegen vorlesen muß.

Börchers nahm die 90er (»Manche Kinder heißen heute so, wie die Betten, in denen sie gezeugt wurden) auf die Schippe — und gestand, dass er als Mittzwanziger schon voll von der Midlife-Crisis erwischt sei, sich in die Achtziger zurückwünsche, „zu Gummitwist statt Bungee-Jumping“. »Was ist das für eine Zeit, wo Papa im Auto Techno hört und ich zu Hause WDR 2, wo Mama ganz hysterisch wird, nur weil ihr Computer abstürzt?«

Der Ostwestfale gab zu, heute »die großen Gesten« zu vermissen. »Früher ist Willy Brandt in Warschau niedergekniet, heute knieen nur noch Praktikantinnen vor Präsidenten . . .« Mit Clinton-Witzen wolle er sich aber im übrigen zurückhalten, weil sich in den USA alle so verhielten, als »ob regieren und erigieren sich ausschließen würden.«

Da gießt er lieber noch einen Kübel Hohn über den modernen homo technicus, der »mit dem Handy aufs Klo geht und, wenn er fertig ist, sich das Papier faxen läßt.« Von solchen und ähnlichen Errungenschaften der Postmoderne gibt sich Börchers unbeleckt, »Online« hat für ihn was mit Wäscheaufhängen zu tun und zum Versprechen mancher Weich-Ware, sie hätte »dank 32 Bit neue Kapazitäten«, meint er nur trocken: »Wenn ich 32 Bit intus habe, bin ich auch leistungsfähiger.«

Seine Gags und Spitzen brachte Börchers — ähnlich wie die Dauerquasslerin Maria Peschek, die auch schon mal im Rappenkeller zu Gast war — im ICE-Tempo: Schier unmöglich für die Gäste, die spritzigen Bösartigkeiten ganz auszukosten, völlig unmöglich, im begrenzten Platz eines Berichts das komplette Programm zu spiegeln.

Nur soviel noch: Ingo Börchers bewies nicht nur als sein eigener Satireautor (auch bei dem hinreißenden Text über eine arme Mathe-Gerade, die final auf »Vektoren gebettet« ist, weil »der Kreis sie zu spät gerettet« hat) große Klasse. Er spielte auch die verschiedensten Figuren seiner Szenen mit Lust und Können — und zeigte in zwei hanebüchenen Musical-Veralberungen sein schräg veranlagtes Musik-Talent.
Die Gäste dieses Kleinkunsttage-Abends waren sich im lauten Lachen und dem donnernden Applaus über dieses neue, große Talent einig. (-mpg)