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Kai Degenhardt: Querdenker

Ratlosigkeit bei den Nepomuk-Konzertmachern: Beim »Fest zum 1. Mai« mit Kai Degenhardt sowie der Band Rotes Haus waren am Samstag nur zwei Handvoll Besucher gekommen.

Der Sohn des berühmten Polit-Barden Franz Josef Degenhardt war schon öfters hier mit wesentlich größerer Resonanz zu Gast. Klar, dass der Hamburger Pop-Querdenker und die nicht minder schrägen Vögel vom Roten Haus nicht besonders begeistert waren – weil aber Kai Degenhardt auch sonst nicht gerade den Eindruck einer Stimmungskanone macht, hat der fast leere Zuschauer-Raum auch nicht gestört.

Neu beim diesjährigen Abstecher Degenhardts in Reutlingen war die Begleitung. Zu den schrägen, teilweise recht unkonventionell gegriffenen Gitarrenriffs des Liedermachers – er ist ein Experte darin, den Textfluss gekonnt über raue Rhythmik stolpern zu lassen – kam die seltsame, ungeschliffen wirkende Musikmix vom Roten Haus.

Die Musiker kombinierten Melodica-Getute mit hochmoderner Dancefloor-Musikproduktions-Technik, mischten ohne Respekt Folk-Attitüden mit »Black Music«-Traditionen: Das klang ziemlich ungewöhnlich, manchmal roh – und hat sowohl vom respektlosen Musizier-Ansatz her wie auch dem unprätentiösen Auftreten gut zum »Anti-Pop« Degenhardts gepasst. Vielleicht hören ja beim nächsten Mal mehr zu…

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Degenhardt, Ebermann, Trampert: Satire parlamentarisch

Der Abend war schon schwer kabarettreif, , bevor er überhaupt richtig angefangen hatte: Thomas Ebermann, einer der drei Künstler, hatte es sich im Vorraum des »Foyer U3« an einem Tisch bequem gemacht – und wurde doch glatt von einigen Besuchern mit den Kartenabreissern verwechselt: »Ha, Sie sehen doch aus wie ein Kassenwart«, meinte eine – der Künstler nahm’s mit nur leicht gequälter Miene auf…
Nach der anfänglichen, etwas gedehnten Motivationstrainings-Nummer und einer ersten musikalischen Bösartigkeit von Kai Degenhardt (»Der Silberfisch«) machten sich die beiden Wortartisten ans Werk: »Verpasst Deutschland den Anschluss« war Motto und Frage des Abends – »in Göttingen kamen doch tatsächlich BWL-Studenten, die glaubten, wir würden das ernst nehmen…«.

Wichtig schien insbesondere Rainer Trampert hauptsächlich die eigene Botschaft zu nehmen – signifikant, dass sein Zeigefinger der rechten Hand die ganze Zeit über ausgefahren war.

Nicht, dass es Sentenzen wie »Deutsche lieben fremde Kulturen, aber sie müssen tot sein« oder böse Attacken auf den derzeitigen Innenminister an Schärfe gefehlt hätte – rhetorisch und dramaturgisch war das Rede-Programm aber eine Zumutung.

Speziell Trampert haspelte sich durch unglücklich formulierte, ellenlange Komma-Reihungen und machte sich damit manch gelungene Pointe selbst zunichte.

Den rund 80 Besuchern im »Foyer U3« gefiel’s aber trotzdem – und Kai Degenhardt, der schräg-verspielte Rock-Barde, kam bei seinem dritten Reutlinger Gastspiel sowieso gut an. (mpg)

Franz Josef Degenhardt: Er beißt noch

Selbst erklärte Degenhardt-Fans waren platt: Mit einem derart gut besuchten Reutlinger »Foyer U 3« hatte beim Konzert von Franz Josef, dem Linken, wirklich keiner gerechnet.

Das ehemalige Kino Unter den Linden war nicht nur ausverkauft, sondern sogar überfüllt. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Degenhardts ganz grosse Zeit als Liedermacher schon länger als ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Noch verblüffender aber die Altersstruktur im »U 3«: Klar sah man da auch jede Menge in Ehren ergraute Alt-Linke, die in der Pause mit Glitzern in den Augen nostalgisch von alten Zeiten schwärmten.

Aber es hörten auch sehr viele junge im Twen- und sogar Teen- Alter zu: Opas Plattensammlung scheint doch ab und zu was herzugeben…

Bissig wie eh und je gibt sich der »alte Kampfgefährte aus antiautoritären Tagen« (Degenhardt über Degenhardt) auf seiner »So sind die Zeiten«-Tourneestation. Mit 69 wirkt der singende Dr. jur. recht jugendlich: Der Bart ist nicht ab, sondern silbergrau – und die charakteristische Stimme des Liedermachers klingt im Vergleich zu ganz alten Scheiben wie »Väterchen Franz« unverändert.

Degenhardt ist sich auch in seiner Distanz zu bürgerlich-satter Zufriedenheit und im unbedingten Pazifismus über die Jahre hinweg treu geblieben, und das freut seine – in Reutlingen vom »Nepomuk« eingeladenen – Fans.

Als er auch hier wieder mal vom »Sonntag in der kleinen Stadt« singt, wirken die Zeilen wie gestern geschrieben – und so manchem scheinen sie wohl auch auf Reutlingen gemünzt zu sein.

Heute ist der westfälische Dickschädel nicht mehr wie in den sechziger und siebziger Jahren Sprachrohr der Linken, könnte es auch nicht mehr sein, weil es »die Linke« im alten Sinn und Selbstverständnis gar nicht mehr gibt.

Franz Josef Degenhardt spottet, dass wir ja alle »eingebunden sind in die westliche Geldgemeinschaft« und es scheint ihn sogar ein bisschen zu freuen, dass er heute »keinen Ton mehr an-, aber immer noch einen abgibt«.

So singt er seine alten Lieder unverändert, weil sie immer noch treffen- und höhnt neu über jene, die die Verteidigung der Menschenrechte als Legitimation für militärische Einsätze sehen, kritisiert scharf die Veränderung der Arbeitswelt – und kann aber auch mal ganz ungeniert blödeln.

Im Vergleich zu den alten Hitplatten teilweise stark verändert ist die Musik – das liegt an der ganz hervorragenden gitarristischen Begleitung, die Degenhardts Sohn Kai abliefert.

Der 36jährige Autodidakt spielt, während sein Vater eher solide die Harmoniegerüste zurechtklampft, sehr einfühlsam und niemals aufdringlich kleine, jazzige oder funkige Verzierungen und Schnörkel, bürstet so manches Arrangement im Reggae-Offbeat gegen den Strich.

Das alles gefällt den Reutlinger Degenhardt-Liebhabern sehr. Die Aufmerksamkeit ist gross, der Applaus heftig. So herzlich ist der Empfang, dass dem Liedermacher sogar sein optisches Markenzeichen – ein bärbeissig-grimmiger Gesichtsausdruck – in ein entspanntes Lächeln entgleist. (-mpg)