Schlagwort-Archive: Jugend

Wir können das. Alles: Dramen der Nacht

Eigens für das Tübinger »Depot« geschrieben hat Simone Ohne ihr erstes Stück »Wir können das. Alles«: Eine 80minütige Reihung von kurzen Szenen, die »einen Blick hinter die Kulissen der heutigen Spaßkultur ermöglichen sollen«.

Die beiden Uraufführungen gab’s, gespielt von der Tübinger freien Theatergruppe »U34« – mit der Autorin in der Rolle der obercoolen »Angle« – am Freitag und Samstag in der (angenehm untypischen) Diskothek. Rund 160 Besucher kamen an den beiden Abenden.

Was gab’s zu sehen? Sieben Typen, die sich in der Disco treffen, um was »loszumachen«, also einen schönen Abend zu erleben. Die Darsteller bespielten die komplette »Depot«-Tanzfläche, an den verschiedensten Stellen herausgehoben aus dem Dämmerlicht der Grundbeleuchtung mit grellweißen Scheinwerfern.

Die Unterhaltung zwischen den Akteuren soll discotypisch sein: Fragmentarisch fliegen die Themen und Sätze hin und her, die Theaterbesucher (die permanent auf der Suche nach dem richtigen Blickwinkel umherwandern dürfen/ müssen) erfahren in der Rahmenhandlung, dass da zwei Mädchen auf der Suche nach dem großen Glück sind und von alkohol- und drogenbedingten Scharmützeln zwischen konkurrierenden Hähnen.

Als einer aus der Clique plötzlich verschwindet und gleichzeitig draußen vor der Tür ein Rettungswagen auftaucht, entsteht Panik: Angesichts eines vermeintlichen Selbstmords beginnen alle nebulös zu philosophieren, bis der Totgeglaubte wieder um die nächste »Depot«-Ecke biegt, alle ganz arg happy und erleichtert sind und auf ein Geburtstagskind anstoßen.

Das wird den Zuschauern in 34 ganz kurzen Szenen präsentiert, untermalt von
einem synchronisiert erarbeiteten Soundtrack aus trendig-unaufdringlicher Tanzboden-Musik der »intellektuellen« Ausprägung: Bei der ersten Aufführung von »Wir können das. Alles« »fuhr« die Tübinger Expertin Emanuela de Luca diesen (sowohl für das »Depot« wie eigentlich auch für alle anderen Discos weit und breit eher untypischen) Soundtrack, am Samstag sprang »Depot«-Eigner Jürgen Eberhardt als DJ ein, weil die Luca beruflich verhindert war.

Die Musikschnitte sorgten in Verbindung mit den ständig wechselnden Spieler-/Zuschauer-Konstellationen für optische Eindrücke, wie man sie sonst zweidimensional in Videoclips erlebt. Das war von Idee und Umsetzung her gut.

Den »gestochen scharfen Schnappschuss der Disconormalität« (Programmzettel) hat man allerdings vermissen müssen. In ihrer Beobachtung »der« Jugendsprache (Gibt’s denn überhaupt eine gemeinsame Jugendsprache? Welche Jugend und wo?) kommt Ohne über recht stilisiert wirkende Klischees nicht hinaus. Mit der – vom GEA-Mann in hunderten von Disconächten, davon sehr viele eben auch im »Depot«, erlebten – Realität hat die Sprache von »Wir können das. Alles« wenig zu tun. Mal ganz davon abgesehen, dass solch komplizierte Dialoge wie im Stück in der brüllend lauten Disconormalität völlig untergehen würden – beziehungsweise gar nicht erst geführt werden. Und das, was die Nächte im »Depot« und anderswo ausmacht, nämlich kollektive Tanzlust, blieb, nur zaghaft angedeutet weitgehend außen vor.

Am selbst gestellten Thema ist das Stück vorbeigeschossen – die aufgeregte, vielleicht auch oft künstlich stimulierte, etwas orientierungslose Unternehmungslust vieler junger Nachtschwärmer setzen Ohne und das »U34«-Ensemble dagegen gut um und in Szene:

»Das ist so was – ich weiß nicht was es wird, aber es wird was«, sagt eine, bei der’s dann am Ende halt doch wieder nix geworden ist. Die Autorin stellt ihre Charaktere – die ja »typisch« sein sollen – weitgehend als ziemlich hirnlose, dennoch (gerade deswegen?) ungemein egozentrische und sozial hilflose Wesen dar. Woher dieser Zynismus?

»Wir können das. Alles« hinterlässt in dieser Inszenierung einen diffusen Eindruck – das mag auch Absicht sein: An so manche bis zum Morgengrauen durchgemachte Nacht kann man sich ja später beim besten Willen auch nicht mehr recht erinnern. . .

Was dem Stück, der Musikauswahl und letztendlich auch dem statischen Spiel fehlte, war der »Prollfaktor«, wie’s ein langjähriger Tübinger Szene-Macher formulierte. Aus dem Szene-Deutsch übersetzt heißt das: Diese Geschichte aus dem Elfenbeinturm hat mit dem wesentlich kunstloseren, aber dafür sinnlich viel reicheren Nachtleben in Tübingen, Reutlingen, Stuttgart und anderswo nur wenig zu tun. Am Samstag gab’s von den Besuchern trotzdem heftigen Applaus.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger