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Jazztage Nürtingen 2000: Mafiöse Gratwanderung

Die Programmstraffung hat gut getan: Bei den »Nürtinger Jazztagen 2000« strömten die Fans nicht nur zum Star-Trio um Dave Holland – auch die beiden anderen Kreuzkirchen-Konzerte waren bestens besucht und beinahe ausverkauft. Und das Publikum bekam sowohl beim Abend mit dem polnischen Trompeter Tomasz Stanko wie besonders auch bei der Eröffnungsveranstaltung mit der hinreissenden »Kölner Saxophon Mafia« hervorragende Musik geboten, zeigte sich beide Male aufmerksam, zufrieden und am Ende ziemlich begeistert.

Die »Kölner Saxofon Mafia« ist alles andere als neu in der Szene – aufregende, ebenso intelligent erdachte und zusammengesetzte wie halsbrecherisch gespielte Sounds bot die Fünfer-Bande auch jetzt bei den »Nürtinger Jazztagen«.

»Die Mafia ehrt ihre Feinde !«, ist das Motto des aktuellen Programms von Roger Hanschel, Wollie Kaiser, Steffen Schorn, Joachim Ullrich und Gerhard Veeck: von Anfang bis Ende ein spannendes und humorvolles Spiel mit Versatzstücken »kriminalistischer« Musik wie auch mit den Instrumenten.Natürlich – wie man’s von dieser ehrbaren Jazzer-Familie erwartet – gegen den Strich gebürstet, selbstverständlich voller Überraschungen.

Bei der »Mafia« kommt die komplette Sax-Familie zum virtuosen Einsatz, ein halbes Dutzend Klarinetten und Flöten noch dazu. Damit hupen, knurren, säuseln sich die fünf Individualisten, jeder mit eigenen Ideen und Ausdruckspaletten, durch mindestens so vertrackte wie farbenreiche Arrangements.

Nicht nur, dass der Ablauf der festgelegten Teile bei der »Mafia« auch in der Nürtinger Kreuzkirche wieder traumhaft gut zusammenpasste und das Timing der Musiker für ein »Blindflug«-Verständnis untereinander sprach.

Zur Eröffnung der Jazztage gab’s auch wirklich gekonnte Gruppenimprovisationen zu hören: Im »Jailbreaker’s Nightmare – Alptraum des Ausbrechers« beispielsweise erzählte die »Kölner Saxofon Mafia« eine wilde Verfolgungsjagd akustisch – ein verspielt und gleichzeitig souverän präsentierter Film fürs Ohr. Witzig (schon im Titel) auch die »Ode an Erik«, wo die »Mafia« aus Versatzstücken einer der ältesten deutschen TV-Krimiserien eine frisch und neu klingende Jazz-Komposition gebastelt hat.

Gänzlich unverbraucht, anziehend atmosphärisch und überzeugend auch die Mischung aus Mainstream-Elementen und freiem Ausdruck, die Trompeter Tomasz Stanko zusammen mit drei sehr guten Begleitern den Jazzfans in Nürtingen präsentierte. Stanko, der schon in den 60ern aktiv und später eine der führenden Stimmen des europäischen Free Jazz war, demonstrierte mit trockenem, gänzlich unaufdringlichem aber trotzdem präsentem Ton eine perfekte Gratwanderung zwischen kühler, klarer Konstruktion und sehr emotionalem, expressivem Ausdruck.

Kongenial hat ihn dabei der in England lebende Schlagzeuger Michal Miskiewicz unterstützt. Der Mann schlägt die unglaublichsten Rhythmus-Haken, ist ein Meister schräger Offbeat-Geschichten und ein harmonisch und melodisch denkender »Schiessbuden« -Besitzer obendrein.

Kühl-gekonnt und eher zurückhaltend Bobo Stensons Beiträge in diesem ausserordentlichen Quartett: Der Pianist, den viele Fans des »ECM«-Labels durch seine Arbeit mit Jan Garbarek und Terje Rypdal kennen, bildete mit seinen »lyrischen«, sehr luftigen Linien so etwas wie einen Ruhepol.

Last but not least Bassmann Anders Jormin. Der Schwede zeigte sich als swingender und groovender »Rhythmusknecht« ebenso firm wie als Solist mit einer beeindruckend warmen, sanglichen Phrasierung. (-mpg)

Lunatics: Mond-Geschichten

»Literatur- und Jazz« bei den Nürtinger Jazztagen: Lieder, Geschichten und Gedichte rund um den Mond boten die »Lunatics« jetzt im bestens gefüllten Rathaus. Das eigens für dieses Programm zusammengestellte sechsköpfige Ensemble brachte eine unter der Regie von Marco Ricciardo stilsicher zusammengestellte und erstaunlich gekonnt dargebotene Betrachtung des »bleichen Gesellen«.

Schauspielerin Jutta Klawuhn las unter anderem Texte von Jacques Prevert, Günther Eich oder Christian Morgenstern. Und dazu gab’s eine Mond-Song-Anthologie, die eine breite musikalische Palette abdeckte. Und dazwischen brachten die »Lunatics« Pop von Sting »Moon over Bourbon Street«, »Sister Moon« – ebenso dynamisch und stimmungsvoll wie den Weillschen »Moon Of Alabama«, den musikalisch höchst anspruchsvollen »Moon-dance« von Van Morrisson oder auch Glenn Millers »Moonlight Serenade«.

Innerhalb der gut aufeinander eingespielten Gruppe ragten besonders Saxofonist Klaus Knöpfle und Sängerin Isolde Werner mit ihrer klaren, sicheren und im Ausdruck variablen Stimme hervor. Aber auch die anderen können was und zeigten das auch bei den Nürtinger Jazztagen. Drummer Mathias Jacob brillierte beispielsweise in »Crystal Silence« von Gary Burton auch auf dem Vibrafon. Viel Applaus gab’s für diese Produktion
des Theaters Ravensburg. (-mpg)

Jazztage Nürtingen 1997: Mal verkopft, mal voll Feuer

Geheimnisvoll, fast schon mystisch düster mutete die Stimmung in der Nürtinger evangelischen Stadtkirche an: Dort hatten die Organisatoren der Jazztage zum Avantgarde-Konzert mit dem Duo »Sens-A-Go« und dem Organisten Johannes Mayer eingeladen. Das Innere des Gotteshauses war fast ganz unbeleuchtet; selbst die Künstler wollten kein Licht haben.

Das gehörte wohl zum Konzept — und fast schien es so, als ob auch etwa 60 permanent und beharrlich Herumlatschende unter den etwa 150 Besuchern eingeplant gewesen wären. Waren sie aber nicht . .

Gewollt nervig tönte aber Eva Katrin Schifkowski, die zwischen peinlichen Dada- und Scatversuchen pendelnd wahlweise nur ständig repetierte Silben, bedeutungsschwangere Wortfetzen oder gar völlig sinnentleerte Geschichten mit einer ungeschliffenen Stimme zum Besten gab. Dazu tutete Andreas Burkhardt auf dem derzeitigen Esoterik-Mode-Teil »Didgeridoo« und zeigte auf dem Altsaxophon im Wesentlichen, dass er flüssig Arpeggien spielen kann. Da waren bestenfalls die Sound-Änderungen durch Burkhardts Wanderungen durch die Kirche interessant — und vielleicht auch noch die eine oder andere Kombination seines Klangs mit dem der Orgel.

Aufs Ganze gesehen war’s aber eine ungemein bedeutungsschwanger daherkommende, ziemlich verkopfte Geschichte, ohne dass irgendeine allgemeinverständliche musikalische Aussage zu dechiffrieren gewesen wäre.

Das Anliegen des italienischen Startrompeters Enrico Rava bei seinem erneuten Nürtingen-Abstecher hingegen war schon vor seinem Konzert in der ausverkauften Kreuzkirche klar: Mit seinem Programm lieferte der Mittfünfziger sozusagen das Schwerpunktkonzert der diesjährigen Nürtinger Jazztage, die ja hauptsächlich unter dem Thema »Klassik und Jazz« Musik anbieten.

Wer jetzt aber bei »Enrico Rava plays Italian Composers« — querbeet vom Uralt-Volslied über Puccini-Opernmelodien bis hin zu Filmmusik von Fellini und Schlagern — nur eine feurig-folkloristische retrospektive Angelegenheit erwartet hatte, wurde blitzschnell eines Besseren belehrt.

Mit seinen exzellenten fünf Begleitern – fantastisch die Klangkontraste der beiden Gitarristen Roberto Ceschetto und Domeni sa Caliri, »pulsierend« wie Tony Williams in jungen Jahren, »U. T.« Gandi an den Drums mit der rhythmisch vertrackten Unterstützung von Bassist Giovanni Maier, und überbordend virtuos, aber nie langweilig Akkordeonspieler Jean-Louis Matinier — nahm die tatsächlich »graue Eminenz« der italienischen Jazzszene die Vorlagen systematisch und sehr verspielt auseinander, wechselte vom heiteren Swing einer Nino-Rota-Komposition hin zu fast schon bösartig klingenden Freejazz-Attacken.

Dabei waren »harmonisch« und »frei« klingende Passagen in dem langen Konzert immer sorgfältig aufeinander abgestimmt, der selbst mit unzähligen Trillern brillierende Chef steuerte seine hochenergetisch spielende Bande mit fast unmerklichen Fingerbewegungen durch die mehr als komplexen Arrangements.

Klar, dass das alles sehr nach dem Geschmack der Nürtinger Jazzfans war, die den italienischen Jazzer ja schon bei seinem ersten umjubelten Auftritt in der Kreuzkirche vor zwei Jahren in ihr Herz geschlossen hatten: Auch diesmal klang der Beifall nach dreimal so vielen Fans. (mpg)

The Fratermen: Electric Jazz vom Feinsten

Ein Fest für alle Groove-Fans: »The Fratermen« lieferten beim ersten Konzert der »Jazztage Nürtingen 1997« ein begeisterndes Konzert mit Electric Jazz vom Allerfeinsten: Die neun Musiker um den Schlagzeuger Evert Fraterman zeigten unbedingt präzises Handwerk und offensichtlich grosse Lust am gemeinsamen Spiel: Selten gibt’s hierzulande eine Jazz-Combo der Sparte »Jazzrock« zu hören, in der so wenig peinlichen Egotrips nachgehangen wird wie bei den »Fratermen«.

Der Chef selbst hält locker und bescheiden alle Fäden in der Hand, erweist sich nicht nur als rhythmisch, schier universell gebildeter Groove-Meister, sondern auch als schräg-humorig: »Kalter Schweiß in Israel« hat die Formation einen ihrer Titel genannt, wo die Harmonien von Bill Evans‘ »Israel« akustisch aufs Erfreulichste mit dem schwer funkigen Beat von James Browns »Cold Sweat« vereint daherkommen.

Der erfahrene Profi und die Jungen: Sixties-»Oldie« Fraterman — acht Jahre lang war er mit dem »Mild Maniac Orchestra« von Volker Kriegel in Sachen Fusion-Jazz unterwegs, arbeitete später mit solchen Superstars wie Jack Bruce und Sting — hat offensichtlich hochmotivierten Jazzfunk-Nachwuchs um sich geschart. Ganz besonders stach beim Nürtinger Konzert in der ausverkauften Kreuzkirche Ausnahme-Bassist Norbert Schöpa hervor: Auf dem elektrischen Sechssaiter produzierte er solistisch fast schon gitarristisch Zartes, als Rhythmuspartner von Fraterman beeindruckte er mit erstaunlich vielen Variationen der Rhythmusmuster.

Die stammen fast alle aus der afroamerikanischen Ecke: Funk, Soul, Blues — auf diesen ehernen Säulen ruht auch das »Fratermen«-Konzept. Mal klingt’s ein wenig poppiger wie in dem oben erwähnten Stück, dann nervös-hippelig a la Herbie Hancocks »Future Shock« oder klassisch soulfunkig wie in Joe Zawinuls »Mercy, Mercy, Mercy«, das die Musiker vor der Pause als »Ersatztitel« bringen, weil die computerisierte Steuerung der Keyboards von Thomas Hiltner »abgestürzt« ist.

Da klingt der alte, eigentlich schon etwas »abgenudelte« Standard ziemlich frisch und fit — wie eigentlich alles, was es bei der Eröffnung der »Jazztage Nürtingen ’97« zu hören gibt.

Sehr oft erinnern die modalen Stücke der »Fratermen« an solche der späten Miles-Davis-Bands — auch hier führt die anscheinend sehr ausgewogene interne Gruppenbalance zu einer überzeugenden, stets swingenden Eleganz. Und die Rap-Einlagen von Larry Hawthorne fügen dem sowieso sehr echt klingenden Afro-Jazz-Gebrodel noch einen zusätzlichen Schuss Authentizität hinzu.

Also: Ein rundherum gelungener Auftakt des Jazzfestivals. Nur die Bestuhlung, die eventuellen Mitschüttel-Versuchen im Weg stand, hätte sich das Organisatoren-Team
bei diesem Konzert sparen können. (mpg)

Bremer Geist: Kunstfertige Krach-Romantik

Internationale Avantgarde-Musik mit Beteiligung von Lokalgrößen präsentierten die »Nürtinger Jazztage ’96« am Dienstagabend in der Kreuzkirche. Knapp halbvoll war’s, als der klavierspielende Komponist Michael Rayher, Drummer Stephen Schuchardt, der italienische Cellist Davide Zaccaria sowie der polnische Bassist Helmut Nadolski ihre »Triotricks« unter dem Projektnamen »Bremer Geist« zeigten.

Avantgarde, wie gesagt — grundsätzlich schwierige Fälle. Ganz besonders, wenn wie hier geschehen — zweifelsfrei versierte Musiker mit quälender Konstanz Wohlklang nur deswegen aufbauen, damit sie ihn gleich danach wieder kaputtmachen können.

Das hatte was von kindlichen Sandkastenspielchen — und genau wie die waren die einzelnen Stücke, hatte man das Prinzip erst mal kapiert, weitgehend nur für die Akteure lustig.

In leicht steifer Atmosphäre musizierte zunächst Rayher mit dem Cellisten und dem Schlagzeuger zusammen. Schuchardt spielte gut, deckte aber leider mit seinem metrisch nicht allzu schrägen Powerplay die beiden anderen Instrumente — obwohl verstärkt — zu. Später, als Piano und Cello im Duo ein artifizielles Romantik-Klischee nach dem anderen ertönen ließen, war die Balance besser — die Musik halt aber inhaltlich auch nicht spannender.

An der Substanzlosigkeit — egal, ob krachig oder romantisch — änderte sich bei dem langen Konzertabend auch nach der Pause nichts. Da spielte dann mit Nadolski  – eine anerkannte Avantgarde-Größe seines Landes – statt Schuchardt mit den beiden anderen — aber auch er verlor sich in Pseudo-Romantik und jener allzu freien Art der Improvisation, die laut dem Piano-Star Wolfgang Dauner »zu allen Zeiten wohl nur von den Musikern selbst gemocht« wurde. Schade. (mpg)

Barbara Dennerlein: Die Schöne und das Ungetüm

Großer Andrang für die Schöne und ihr Orgel-Ungetüm bei den Nürtinger Jazztagen: Schon als sich Barbara Dennerlein, international anerkannte Jazzerin aus München, an ihre Hammond-Orgel (für Freaks: Modell »B3«) setzte, war der »Club Kuckucksei« bis auf den letzten Platz gefüllt.

Später, im Verlauf des musikalisch mitreißenden Triokonzerts, mußten die Fans im Vorraum auf den Zehenspitzen balancieren, um mal mit einem kurzen Blick auch optisch wenigstens ein Stück der Tastenvirtuosin zu erhaschen.

Akustisch war die Frau voll da, mit ihrer stets swingenden Phrasierung und der fast schon genialen Orgelsound-Beherrschung via Zugriegel bis in den letzten Winkel des »Kuckuckseis« präsent.

Kenner haben’s von der Vollprofi-Musikerin, die mit zarten 15 Lenzen zum ersten Mal in Münchner Clubs aufgetreten ist und auch in der Reutlinger »Mitte« schon zu Gast war, nicht anders erwartet: Halbe Sachen liefert Dennerlein selten — und auch diesmal hatte die Organistin, die durch ihre Mitarbeit bei der zweiten »Jazzkantine«-Produktion jetzt ‚ auch zunehmend ein junges HipHop-Publikum begeistern dürfte, bei der Auswahl ihrer Mitmusiker ein äußerst glückliches Händchen.

Ein knochentrockener, funkig-rockiger Zweier-Puls und das »Bebop«-typische »Dropping Bombs« waren die Gegenpole, zwischen denen Schlagzeuger Andrew Gander stilistisch sehr vielseitig, verspielt und dabei doch weitgehend exakt wie ein Metronom weit mehr als Begleitfiguren zeigte.

Und Steve McKenna an der Elektrogitarre, wie Gander aus Australien, rutschte nur einmal in klischiertes Fusion-Skalengedudel ab, nützte ansonsten überaus geschickt die »Lücken« der Arrangements für eigene solistische Miniaturen. Besonders in der schwer brasilianisch beeinflußten Nummer »Fly Away« zeigte sich McKenna zudem noch als ausgezeichneter Rhythmiker.

Barbara Dennerlein war trotzdem immer erste unter Gleichen. Wie sie mit dem Pedal mitreißend groovige Sample-Bässe spielt und gleichzeitig auf den Manualen mit höchster rhythmischer Präzision geschickt den »Key-Klick« — ein typischer, eigentlich durch technische Unzulänglichkeiten verursachter Klang in der Einschwingphase des Hammond-Sounds — als perkussives Element einsetzt, ist immer wieder fantastisch.

Wie sie Swingfeeling im Verbund mit dem Wissen um die Blues- und Soul-Tradition einsetzt, ist absolut souverän: Wenn sie, die mit ihrem aktuellen Album wochenlang die Nummer eins in den Jazz-Charts war, wie in letzter Zeit und auch in Nürtingen, »tanzbaren« Jazz spielt, klingt sie am eigenständigsten.

Immer aber steht Ausdruck vor Technik, immer Gefühl vor plakativer Blenderei. Kurz gesagt: Wieder mal ein rundum tolles Jazz-Erlebnis! (mpg)

Volker Illi: Kunstvolle Schatten in der Nacht

Einen »Film mit anderen Mitteln« erlebten die Teilnehmer an der Eröffnung der »Nürtinger Jazztage ’94«: Der Reutlinger Künstler Volker Illi, Dozent an der Freien Kunstschule Nürtingen, zeigte mit seinen Schülerinnen und Schülern um Mitternacht ein Wahrhaft multi-mediales Performance-Projekt.

Fließende Schattenspiele an den Wänden des Kulturcafés »ProVisorium«, die Innenarchitektur als Projektions-Gegenstand, ein Film über den Filmprojektor, dazu Dias, Musik und collagierte Sounds live und vom Band — die rund 50minütige Schau war ein Fest für die Sinne und wurden von den Zuschauern im rappelvollen »ProVisorium« mit viel Beifall quittiert.

Die »Schattenhaut«, so der Titel des Projekts von Illi, geht auf eine Idee der Performance-Künstler Serge Le Goff (Frankreich) und Koho Mori (Japan) aus dem Jahr 1982 zurück. »Ephemerides« (sowohl >Tagebücher< als auch Bezeichnung für astronomische Tabellen) hat Le Goff seine Performance wortspielerisch genannt. Das visuelle Spiel mit der Vergänglichkeit des Augenblicks hat seine akustische Entsprechung im improvisierten Jazz — die Querverbindungen dieser mittlerweile fünften »Ephemerides« zum Musikprogramm sind klar.

Während draußen der Tübinger Laserkünstler Friedrich Förster die Veranstaltungsorte Kreuzkirche, ABC-Lichtspiele und »ProVisorium« verband, entführte die Gruppe um Illi die Zuschauer im Kulturcafe in eine mystische Schattenwelt, die sehr expressiv und mit dynamischen Bewegungen Film und Malerei mit Musik verband: Sogar den Performance-Titel machten Illi und Co. zu Musik — indem sie die Buchstaben in Papier stanzten und durch eine Spieluhr laufen ließen.

Am deutlichsten war die Verbindung zwischen Pinsel und Kamera in projizierten Licht-Bildern, die die Akteure mit Flüssigkeiten, Kratztechniken und allerei Gegenständen auf einer Glasplatte entstehen ließen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 29. Januar 1994