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Melva Houston, Masha Bijlsma, Lillian Boutte: Drei Starke Stimmen

Erfolgreich auf der ganzen Linie: Die Idee der Macher des »Jazzfrühlings in Reutlingen«, zum Auftakt der diesjährigen Jazz-Konzert-Reihe drei starke Stimmen zu präsentieren, ist künstlerisch wie kommerziell aufgegangen.

Mehr als 250 Besucher kamen am Wochenende zu den Gastspielen von Melva Houston, Masha Bijlsma und LiIlian Boutte.
Zu hören gab’s drei ganz unterschiedliche Stimmen, Temperamente, Begleitformationen und letztendlich auch Jazz-Sorten. Dabei waren es vor allem die beiden Afroamerikanerinnen, die rundum zu überzeugen wussten – am homogensten klang die Band mit und um den Vollprofi Lillian Boutte aus New Orleans.
Melva Houston – regelmäßiger Gast auf den Club-Bühnen der Region – lieferte am Freitag das wohl erdigste und bluesigste Konzert des ersten »Jazzfrühling«-Wochenendes. Kein Wunder – die Frau ist musikalisch bei der berühmten Soul-Plattenfirma »Stax« groß geworden.
Ein starker Kontrast dagegen der anfangs etwas unsicher wirkende Auftritt der Niederländerin Masha Bijlsma: Sie und ihre exzellenten Begleiter lieferten »typisch« europäischen, modernen Vocal-Jazz. Mag sein, dass manchem die Phrasierung stellenweise unterkühlt klang – singen und scatten kann Bijlsma außerordentlich gut, und ihr Pianist Rob van den Broeck spielte überragend.

Am Sonntag dann waren die Musiker – so gut Drummer Norman Emberson und Co. auch bei dem vielseitigen Programm Lillian Bouttes mitzogen – etwas abgemeldet: Boutte zeigte sich nicht nur als Sängerin, die schwieriges Material ebenso mit Verve und viel Ausdruck bringt wie sie aus Schlagern ä la »C’est si bon« Spannendes macht, sondern auch als Showprofi: Das Publikum taute bei den Gospel-Einlagen, die Boutte zusammen mit ihren Reutlinger Workshop-Schülern gab, schnell auf und war auch hier durchweg sehr angetan.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Ed Thigpen: Modern Jazz klassisch

Es hätte eines jener Konzerte werden können, bei denen ein tattriger Greis mit Star-Status von drittklassigen Mietmusikern begleitet wird — aber beim Gastspiel der amerikanischen Jazzschlagzeug-Legende Ed Thigpen zusammen mit dem Münchner Pianisten Claus Raible und dem in der »Mitte« bestens bekannten Bassisten Martin Zenker war alles anders.

Die Gäste im gut besuchten Reutlinger Jazzkeller erlebten nämlich nicht nur einen gut aufgelegten, höchst überlegt, swingend und dynamisch spielenden Stargast, dem man überhaupt nicht anmerkte, dass er die 70 schon überschritten hat, sondern ein wirklich rundum gelungenes Konzert.

Zu hören gab es wunderschön ausgewogenen, leisen klassischen Modern Jazz, der von der Atmosphäre her auch prima zum Keller passte: Ganz weite, luftige Arrangements spielten Thigpen, Raible und Zenker — Trio-Jazz vom Feinsten, oft an die Meilenstein-Aufnahmen des Miles Davis Quintets in den 50ern erinnernd.

Thigpen erwies sich auch in der »Mitte« als virtuoser Meister des ganz leisen, zurückgenommenen, aber trotzdem dynamischen Spiels mit den Besen auf den kleinen Trommeln und Becken — dass er auch ganz anders kann, zeigte er beispielsweise in einem fulminanten Solo zum Ende des ersten Sets.

Raible und Zenker waren ebenbürtige Mitspieler: Beide haben offenbar verinnerlicht, dass es nicht auf maximalen Noten-Durchsatz ankommt, sondern genau auf das Gegenteil: Sowohl der Pianist als auch Tieftöner Zenker übten sich erfolgreich in der großen Kunst, mit ganz wenigen, akzentuiert gespielten Tönen ganz viel auszusagen. Auch das war außergewöhnlich gut an diesem vorletzten Abend des »Jazzfrühlings in Reutlingen«.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Scott Colley: Ausgefuchstes Jazz-Quartett

Richtig harten Jazz-Stoff gab’s beim Eröffnungskonzert des dritten »Jazzfrühlings in Reutlingen« am Samstag im Foyer U 3: Der New Yorker Bassist Scott Colley zeigte auf Einladung des »Jazzclubs in der Mitte« mit seinem Quartett die hohe Schule einer ausgefuchsten Jazz-Combo. Die vier gingen in den gespielten Kompositionen stellenweise bis an die Grenze zum Free-Jazz, behielten dabei aber doch immer die Kontrolle: Bemerkenswert.

Die Eröffnung des dritten »Jazzfrühlings« stand unter keinen sonderlich guten Vorzeichen: Colley und seine Mitmusiker waren direkt aus Dublin gekommen und ziemlich geschlaucht, einer hatte dermaßen heftige Zahnschmerzen, dass auch noch der Reutlinger Jazzer-Kollege (und Zahnarzt) Dr. Andreas Rudolph vor dem Konzert helfend einspringen musste. Und dann der Regen: Einige aus dem »Mitte« -Team waren sich sicher, dass die Wasserfluten von oben einen auch von der Besucherzahl her glänzenden Start der kleinen Konzertreihe verhindert haben.

Die knapp 150 Zuhörer im Foyer U 3 konnten jedenfalls ein hervorragendes Konzert mit zeitgenössischem Jazz erleben. Ganz erstaunlich bei diesem Quartett war – neben der eingangs erwähnten sicheren Balance zwischen kühlem Kalkül und ungebremstem persönlichen Ausdruck -, dass es da keinen »Leader« und keine Sidemen, Begleiter, gab. Dass durch und durch ebenbürtige, ähnlich präsente Musiker auf diesem hohen Niveau zusammenspielen, erlebt man normalerweise bestenfalls in Trio-Formationen, meist nur in Duos.

Da ist zunächst einmal der Chef selbst: In halsbrecherischem Tempo jagte er oft im Foyer U 3 über die dicken Kontrabass-Saiten, ohne dabei die Präzision zu verlieren. Kompliziert-vertrackte Skalen und Rhythmusmuster kamen bei ihm ebenso selbstverständlich leicht wie höchst erdige – und fast schon poppig einfache Funk-Grooves.

Dann Saxophonist Ravi Coltrane: Äußerlich seinem (für einen Jazzer-Sohn fast unerträglich berühmten . .) Vater John entfernt ähnlich, zeigte er sich in Reutlingen als ein Meister der Reduktion, der oft nur kleine Fills (»Füller«) spielte die dann dafür aber nach allen Regeln der Kunst. Ravis Ton würden wir nicht gerade als außergewöhnlich spektakulär bezeichnen – es war sein sicherer Sinn für perfektes Timing, der im Foyer U 3 herausstach.

Gitarrist Adam Rogers und Drummer Bill Stewart waren in diesem Quartett eben alles andere als den nur den Rhythmus »schrubbende« Begleiter – obwohl sie das ebenfalls überragend gut (und mit augenzwinkernder Verbeugung vor dem frühen James Brown) konnten. Der eine ließ klassische Jazzgitarren-Stilistiken, nervige Cluster und höchst interessante Groove-Miniaturen miteinander verschmelzen, der andere hat offenbar von Kenny Clarke bis Al Foster oder – um ein Pop-Beispiel zu nennen – Simon Phillips sämtliches »Superdrumming« assimiliert: So einen guten, vielseitigen und vitalen Schlagzeuger kann man in »Mitte«-Konzerten wirklich nicht jeden Tag erleben. Dafür kann man sich ruhig ein bisschen nass regnen lassen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger