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Paddy Goes To Holyhead: Schweißtreibend

Am Freitag dürften »Paddy Goes To Holyhead« alle Rekorde der jüngeren »Sudhaus«-Geschichte locker geschlagen haben: Mehr als 650 Besucher feierten bis Mitternacht eine ausgelassene Party. Da war der große Saal des Derendinger Kulturzentrums an der Grenze seiner Kapazität — und manch ein Fan sah aus, als ob er kreislaufmäßig am Ende sei.

Schon der lokale »Hoelderlin Express« kam vor den Hessen prima an. Noch professioneller und geschliffener als bei den letzten Gigs präsentierten sich die Tübinger, ohne daß dabei die Atmosphäre der zumeist ruhigen Songs gelitten hätte. Als dann Harald Schmidt und Co. die Bühne enterten, gab’s — wie vorher schon zu erwarten war — für die Fans kein Halten mehr. Und weil zum ausgelassenen Tanz halt einfach kein Platz mehr war, machten die Hörer ihrem Bewegungsdrang in der Vertikalen heftig Luft: Ein »Sudhaus« voller Dauer-Hüpfer.

Auch auf dem vierten Konzert der aktuellen »Hooray«-Tour spielten die »Paddies« wie aus einem Guß zusammen. Die Songs scheinen wieder etwas kompakter, geradliniger geworden zu sein, haben nach wie vor Mitsing-Qualitäten. Frontmann Schmidt hatte folgerichtig auch keine Probleme, die Fans zu lautstarken Chören mitzureißen. Heftige Krtitik gab’s von den »Paddies« am Reutlinger Veranstalter Petr Pandula: Schmidt bezeichnete ihn — wohl wegen seiner Kritik an nicht-irischen Folk-Bands —, als »Totengräber von Reutlingen«. Das ganze Hin und Her der Diskussion ist im Internet unter www.paddy.de nachzulesen. (-mpg)

Hölderlin Express: Folk ohne Grenzen

Proppenvoll war die Kneipe im Tübinger Hauptbahnhof, als der heimische »Hölderlin Express« eines seiner seltenen Konzerte in der Heimatregion gab. »Einmal im Jahr ist genug« sagt Gitarrist Jorgen W. Lang — denkt aber laut über eine Wiederholung des Tübinger Konzerts in 1996 nach: »Im Herbst kommt unsere neue Platte, da sollten wir dann vielleicht eine Präsentationsveranstaltung machen . . . «.

Man darf gespannt sein — die preisgekrönten (Folkförderpreis des MDR 1993) Musiker um die Drehleierspielerin Elke Rogge zeigten sich im Hauptbahnhof nämlich nicht nur spiel- und experimentierfreudig, sondern auch akustisch mit neuen Facetten.

Neben älteren Stücken, die Rogge & Co. auf ihrem CD-Erstling von ’94 verewigt haben (besonders gut gelungen, besonders beim Publikum angekommen: »Der Yeti«), gab es vor allem im zweiten Set neues Material zu hören. Klassische Folkies mit Wollstrumpf-Image waren die »Hölderlin Express«-Musiker nie; »Folk ist nur unsere Basis«, sagt Lang. Schon vor zwei Jahren boten sie eine aufregende Melange aus Alter Musik, Pop, Jazz, Rock samt Einflüssen von fast überall.

Im Hauptbahnhof Tübingen legten Elke Rogge, Lang, der auch beim x-ten Zuhören immer noch erstaunliche Olav Krauss (Geige, E-Geige) und Ralf Gottschald, der (fast) immer lächelnde HighEnergy-Perkussionist, noch einen Zahn zu: Das Musikverständnis der Gruppe scheint nun wirklich allumfassend geworden zu sein: Zu all dem Bekannten gesellten sich noch hypnotische afrikanische Grooves von Gottschald, wilde, stellenweise »noisige« Sound-Collagen von Krauss und Gesang dazu.

Das alles kam prima an, das Konzert (bis auf die mit 50 Minuten arg lange Pause) war stimmig, weil sich hier musikalisch Neues mit hohem technischem Können und sichtlichem Spass an der Sache verband. (mpg)

Hölderlin Express: Einzigartiger Gruppenklang

Eindeutig der Höhepunkt der diesjährigen »Kulturlaub-Spezial«-Reihe: Das Konzert mit der Tübinger Gruppe »Hölderlin Express« am Freitagabend im Reutlinger »Foyer U3«. Außergewöhnlich, weil die vier routinierten Musiker sehr spielfreudig waren und ihre Kompositionen so vielfältig, daß zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen konnte.
Außergewöhnlich aber auch, weil der »Hölderlin Express« (dieser Name!) unter dem selbstgewählten Etikett »Free Folk« Musik macht, die sich jeglichen Kategorien entzieht.

Bretonische und keltische Themen, mittelalterliche Klänge, Rock und Jazz-Feeling, Balkan-Grooves — nahe am Stil der frühen »Dissidenten« — und meditativ Angehauchtes, tradierte Volkstanzweisen und »Ethno-Pop«-Elemente vermischen sich bei dieser Band nicht zu einem belanglosen Einheitsbrei, sondern zu einem unverwechselbaren und wirklich einzigartigen Gruppenklang.

Daß der live im »U3« genauso geschlossen und perfekt an die Ohren der nur rund 60 Besucher kam wie auf dem gerade erschienenen, rundherum empfehlenswerten CD-Debüt (Akku-Disc 3025), liegt an der großen instrumentalen Versiertheit der einzelnen Bandmitglieder.

Elke Rogge an der elektroakustischen (!) Drehleier, der »Tübinger Teufelsgeiger« Olaf Kraus (auch auf einer in Klang und Optik futuristischen Elektro-Version), der rhythmisch mitreißende Gitarrist Jorgen W. Lang und der Reutlinger Perkussionist Ralf Gottschald boten alle einen Ohrenschmaus.

Und weil die vier viel zu reife Musiker sind, um sich wegen Profilierungs-Neurosen gegenseitig auszustechen, weil sie ihren Mitmusikern zuhören und Platz lassen, ist der »Hölderlin Express« als Ganzes eben viel mehr als die Summe der Einzelleistungen.

Der feine Konzertsound von Tonmischer Jochen Bruche stand den feinziselierten, im weltweit gerühmten Ludwigsburger Tonstudio Bauer aufgenommenen CD-Tönen kaum nach — und tat so ein übriges, um dieses Konzert zu einem Erlebnis der Extraklasse werden zu lassen.

So war der Beifall bei diesem Konzert einer regionalen Band, die im internationalen Vergleich prima dasteht, besonders laut: Auch die Begeisterung des Publikums war bei den anderen Abenden der städtischen Sommer-Reihe nie so heftig. Zu Recht. (mpg)