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Konzert Jazzpreiszträger BaWü 2002: Sechs auf einen Streich

Zugegeben, die Idee war klasse: Zum 40. Geburtstag des Reutlinger »Jazzclubs in der Mitte« gleich sechs Landes-Jazzpreisträger (und damit »rund 90 000 DM Preisgelder«, wie Bassist Thomas Stabenow ironisch bemerkte) auf der Bühne des Jazzkellers in der Gartenstraße zu versammeln, war von den Rahmenbedingungen her eine einzigartige Sache: So eine Preisträger-Band hat’s noch nicht gegeben.

Die großen Jazz-Namen Baden-Württembergs haben dann auch kräftig Besucher angezogen: Mit rund 100 Besuchern war die »Mitte« bis auf den letzten Platz gefüllt, die Gesichter der Zuhörer von erwartungsvollen Mienen geprägt.

Enttäuscht konnte zumindest von den solistischen Leistungen keiner sein. Die »Rhythmusknechte« Michael Kersting (Schlagzeug) und Thomas Stabenow (Bass) machten nicht nur ihre Band-Jobs gut, sondern zeigten Erstaunliches auf ihren Instrumenten — Stabenow bewies wieder einmal, dass er zu den sanglichsten Tieftönern weit und breit gehört.

Pianomann Gregor Hübner griff zwischendurch auch zu seinem Hauptinstrument Violine und begeisterte da viele, Claus Stötter brachte die bekannt herausragende Qualität auf dem Flügelhorn. Und die beiden Saxophonisten Klaus Graf und Ekkehard Rössle lieferten sich ein ums andere Mal richtiggehende Sax-»Battles«, kontrastierten einander mit ihren unterschiedlichen Tonfärbungen recht interessant.

Aber: Das Sprichwort von den vielen (Spitzen-)Köchen, die den Brei dann nix werden lassen, traf wohl auch zumindest im ersten Konzertteil zu. Weder erreichte die All-Star-Formation (die sich ja nur für diesen einen Abend zusammengetan hatte) die musikalische Geschlossenheit und Überzeugungskraft der Stammformationen der einzelnen Musiker, etwa von Stötters »Nevertheless«, noch wirkte sie besonders homogen.

Im Grunde genommen war das Konzert eine Session mit allen Vor- und Nachteilen eines solch lockeren Zusammentreffens — aber wenigstens eine Jam auf solistisch hohem Niveau.

Wohl auch deswegen war der Beifall der Besucher für die Landes-Jazzpreisträger stellenweise fast schon frenetisch.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Jazz meets Klassik, JazzOpen Stuttgart 2001: Beliebigkeit im Crossover

Kreuzungsversuche zwischen Jazz und Klassik hat es schon oft gegeben – in den seltensten Fällen kam etwas musikalisch Fruchtbares dabei heraus. Auch die »Jazz meets Klassik«-Nacht unter Bernd Ruf (der ja durchaus einen glänzenden Namen als Klassiker ohne Scheuklappen hat) zum Abschluss der Stuttgarter »Jazzopen« hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. über weite Strecken liefen nämlich beide Musiksparten nebeneinander her – und wirklich spannend war der rund dreistündige Marathon nur selten.

Die »Backing Band«, um’s mal in populärmusikalischen Begriffen zu formulieren, bildeten die Stuttgarter Philharmoniker. Zwischen ihnen, Christof Lauer und dem ersten Jazz-Stargast Randy Brecker brauchte es eine ganze Weile, bis die Chemie stimmte. Vor der Pause, bei einem Stück seines Bruders Michael, brillierte Randy dann zum ersten Mal.

Den Abend sozusagen überstrahlt hat mal wieder Charlie Mariano, der immer noch beeindruckend präsente und energetische Altsaxophonist. Seine Duo-Improvisationen zusammen mit Richie Beirach machten manche Durststrecke wieder wett.

Gregor Hübner – regelmäßiger Gast auf den Jazz-Bühnen der Region – hatte den Bogen zwischen Jazz und Klassik an diesem Abend am besten ‚raus: Nicht nur, dass der Violinspieler wiedermal als exzellenter Techniker und einfallsreicher (Jazz-)Improvisator überzeugte – der bei den »Jazzopen« uraufgeführte erste Satz seines ersten Violinkonzerts verschmolz tatsächlich Elemente von Klassik und Jazz nahtlos.

Im Großen und Ganzen war das Treffen zwischen den Welten aber auch diesmal nur bedingt harmonisch, am besten klang die Musik, wenn sich die Genres nicht vermischten. Und: Der große alte Mann der europäischen Jazz-Szene hat allen anderen mal wieder die Schau gestohlen: Gegen Charlie Mariano wirken selbst Routiniers wie Brecker bemüht
und angestrengt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Gregor Hübner Quintett: Spitzen-Jazzer

Irgendwoher kennt man das: Auf der Bühne des Reutlinger »Jazzclubs in der Mittte« steht die Musiker-Prominenz und davor bemühen sich knapp zwei Dutzend Zuhörer, applaudierend nach mehr zu klingen.

Auch das »Gregor Hübner Quintett« — durch die Bank hochkarätig besetzt — spielte am Wochenende vor ziemlich leeren »Rängen«. Und die wenigen, die zuhörten, taten das offensichtlich sehr gerne, honorierten die teilweise ausnehmend guten Leistungen der Jazzer um den »jungen Wilden« der deutschen Szene.

Gregor Hübner, der Violinist und Pianomann, ist nicht zum ersten Mal hier in Reutlingen zu hören. Wenn der Chronist richtig mitgezählt hat, war das Konzert jetzt sein drittes Gastspiel. Diesmal bevorzugte Hübner in der ersten Hälfte des Abends schwerpunktmäßig die schwarzweißen Tasten; nur für gelegentliche Klangfarbenakzente und ganz wenige Soli griff er zur Geige. Da mag für einen hartgesottenen Fiddle-Fan sein Spiel ein wenig akademisch, vielleicht zu sehr dem klassischen Bogenstrich verhaftet erscheinen. Aber technisch grosse Klasse ist es allemal, und Hübners Kompositionen sind mindestens so eigenwillig wie eigenständig: auch wenn viele der Stücke  – ganz grob betrachtet – in einer Bop-Stilistik daherkommen, schaffen es die fünf Musiker doch fast durchweg, gängige Klischees und, noch schöner, inhaltsleeres Gedudel zu vermeiden.

Neben Hübner genießt Basser Harvie Swartz (auch er fast schon ein Kumpel von Tobias Festl, dem Reutlinger Vermittler und Co-Veranstalter des Abends) in der »Mitte« besondere Aufmerksamkeit. Sein Spiel ist vordergründig völlig unspektakulär und handwerklich unbedingt präzise; wer genauer hinhört, entdeckt in seinen Linien eine vergleichsweise breite Klangvielfalt — und fast schon dramatisch zu nennenden Umgang mit der Dynamik.

Mag sein, dass dem Gast-Star aus den USA Holger Nells Schlagzeugspiel stellenweise ein wenig zu krachig war — jedenfalls schaute Swartz am Anfang ein paarmal so drein: Spannend und musikalisch einfühlsam wie sinnvoll klang das, was der »Becken-Künstler« swingend vorführte, auf jeden Fall.

Zu diesen drei Könnern kamen die zwei Bläser im »Gregor Hübner Quintett«: Andy Maile, hauptsächlich besonders in Tübingen bekannt von unzähligen Session-Jobs und Konzertauftritten, machte seine Arbeit an Tenor- und Sopransax gewohnt unauffällig und gewohnt gut. Tim Hagans, der zweite »guest star« dieses Ensembles, beeindruckte gleichermaßen mit seiner souveränen, lässigen Trompeten-Technik wie auch mit vielen Soli, die weitgehend ohne Wiederholungen auskamen.

Zusammen lieferten die fünf, wie gesagt, ausnehmend guten Jazz kOnventioneller »moderner« Machart, der weit über den Durchschnitt dessen, was übers Jahr so ge-
boten wird, hinausragte. (-mpg)

Richie Beirach & Gregor Hübner: Hochklassig

Die »Mitte« hatte am Mittwochabend einfach Pech — jedenfallls, was die wirtschaftliche Seite des Sondergastspiels mit dem weltberühmten Jazzpianisten Richie Beirach angeht. Zeitlich parallel zum Konzert im Keller lieferten nämlich die Dortmunder Borussen im Championsleague-Krimi gegen Turin eine halbe Sensation: Die meisten Reutlinger Jazzfans saßen wohl vor der Glotze, statt wie rund drei Dutzend dem Duo-Konzert Beirachs zusammen mit dem jungen Geiger Gregor Hübner zuzuhören.

Dabei hätte man’s doch machen können wie Tobias Festl, über dessen »Connections« das aussergewöhnliche Konzert zustandekam: Der Reutlinger Jazzer zog sich erst live den Kunstgenuß, dann per Video das Spiel ‚rein.

Das Konzert musste dem Jazzfan mindestens so hochklassig vorkommen wie dem Ballfreak der Hattrick von Sammer und Co.: Musiker solcher Güteklasse kann man nicht alle Tage aus zwei Metern Abstand hören, sozusagen pur und (tatsächlich) hemdsärmelig — in Reutlingen sind solche potentiellen Kultur-Ereignisse doch eher dünn gesät.

Mordsmässig erkältet hatte er sich der gerade 50 gewordene New Yorker. Auf seine Laune hatten die Viren aber offensichtlich ebensowenig Einfluss wie auf sein Spiel: Sehr romantisch, mit sehr viel Raum in den Arrangements perlten die Klavierlinien an diesem Abend durch den Keller — direkt grandios atmosphärisch war’s, als Beirach zusammen mit Hübner in Erinnerung an den polnischen Geiger Zbigniew Seifert eine zarta Neuversion von »Alma« anstimmte.

Im Gegensatz zu vielen anderen Neo-Romantikern am Piano hat Beirach aber enorm viel Sinn für erdige Südstaaten-Rhythmik, was er auch in der »Mitte« immer wieder mit einer wie selbstverständlich absolut präzisen linken Hand klarmachte.

Hübner lieferte mit souveräner Technik oft den harmonisch widerspenstigen und kratzbürstigen Gegenpart zu den melancholischen Klängen Beirachs — abseits allem Neutönerischen zeigte der 30jährige Geiger aber ebenfalls immer wieder überraschendes Swing-Feeling. Ein hochkarätiges Konzert, wie gesagt – mit Gregors Bruder Veit Hübner als spätem Gast am Kontrabaß.

Tango Five: Hinreißende Musik-Komiker

Überaus komisch und witzig, manchmal albern, dann wieder berührend sentimental: Die vier Musik-Komödianten von »Tango Five« (dies ist schon der erste Witz . . .) boten auf Einladung der Landesgirokasse erstklassige Unterhaltung, bunt und turbulent, überaus abwechslungsreich und dabei stellenweise noch von einer musikalischen Tiefe, wie man sie bei Komödianten nur selten antrifft.

Die überragende Qualitäten dieser Künstler haben andere lange vor den begeisterten 150 Besuchern des aktuellen Programms »Der 5. Mann« im Reutlinger Alber-Haus bemerkt:

Vor elf Jahren gegründet, heimste das Quartett aus lauter exzellenten Multi-Instrumentalisten 1991 den Oberschwäbischen Kleinkunstpreis ein, den des Landes ein Jahr später. Und bei der Expo ’92 in Sevilla waren die vier offizielle Botschafter Baden-Württembergs.

Im vierten Programm nahmen Gregor und Veit Hübner, Bernd Ruf und »KAB« Fischer die Zuschauer auf eine hochspannende, manchmal wahnwitzige musikalische Reise mit. In rund dreissig (!) Einzelnummern deckten die vier sowohl klassisch wie auch jazzig Geschulten mit sprühender Spiellaune und Tempo ein verblüffend weites Spektrum verschiedener Stile ab.

Sie tun das so kompetent, daß sie sich sogar erlauben können, den »A-Train« von Duke Ellington zu veralbern. Oder, nachdem die Zuschauer über bayerische Stubenmusi-Parodien gelacht und erfahren haben, warum die »Liebe in der Schweiz ihren ganz besond’ren Reiz« hat, den Schmalz-Schlager »My Bonnie« zur schwülen Nonsens-Nummer zu machen, ohne daß man viel dagegen haben kann.

Zwischen (bitte tief Luft holen) Klavier, Akkordeon, Klarinette, Sopran- und Tenorsaxophon, Bass, Schlagzeug, Geige, Bratsche, Gitarren und allerlei Perkussionsinstrumenten wechseln die vier untereinander und von Stück zu Stück.

Vor der Pause bringen »Tango Five« brasilianisches Flair auf die Bühne, nachher Sirtaki und ein vokal ebenso veritables wie urkomisches Operetten- und Opern-Medley: Einfach klasse. Den fünften Mann hat bei den vieren von »Tango Five« bestimmt keiner vermisst!