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Grachmusikoff: Die Rückkehr der Melancholen

Die Rasselbande um die beiden »oberschwäbischen Bluesbrothers« Alex und Georg Köberlein zählt zu den beständigsten Gruppen im Lande. Mehr als zwanzig Jahre gibt es »Grachmusikoff« schon – und angesichts der Abgebrühtheit aller Musiker ist es noch erfreulicher, dass die neue Scheibe »Die Rückkehr der Melancholen« frisch und abwechslungsreich tönt.

Auf der CD frönen die Schwobarocker dem »Grachmusikoff«-Hang zum Musikkabarettistischen auf ’s Unterhaltendste. Persönlicher derzeitiger Favorit des Rezensenten ist die auch musikalisch sehr gelungen Seicht-Rap-Parodie »Deutschtext- Mon«, wo Georg Köberlein mit spitzem Satire-Florett gängige Sprechblasen platzen lässt: »«Und so sassen wir wieder da, assen, lasen, sprachen wortlos Paraphrasen…« – Herr P. lässt grüssen.

Auch nicht von schlechten Eltern ist die Seichtradio-Abrechnung von Alex, »Der Radio-Rebell«. Und in einem anderen Song zeigen »Grachmusikoff« die Parallelen zwischen schwäbischer und chinesischer Sprache auf: »Ha No Ha Noi Ja So A Deng Om Lei Dong En Sendelfeng«.

Auf »Die Rückkehr der Melancholen« gibt’s aber auch ganz wunderschönen, ernsten »adult pop« – etwa »Wia d‘ Sonn von Afrika«, das Alex seinem jüngsten »Bobbl« gewidmet hat , oder »En’s obere Land« um den »Ikarus vom Lautertal« Gustav Mesmer.

Die auf dem »Schwoissfuass«-Label erschienene CD wird über »Mäule & Gosch« in Kornwestheim sowie – für den Buchhandel – über den Tübinger »Silberburg-Verlag« vertrieben. (mpg)

Grachmusikoff: Dame…oder Schwein?

»Dame oder Schwein« heißt die neueste LP der schwäbischen Musikkomödianten um die Brüder Köberlein. Der etwas seltsam anmutende Titel findet seine Erklärung im Leid eines »Bauersmannes«, der verzweifelt auf der Suche nach einer weiblichen Begleitung ist und dann singt: »Rosen und Veilchen / vertrag’n sich nicht mit dem Parfüm vom Schweinchen«.

Die LP wurde mit den bewährten Leuten eingespielt. Außer Georg und Alex Köberlein (Letzterer diesmal — laut Cover — »nur« Gesang) spielen Hansi Fink, Dieter Zimmermann und Rico Stehle (»Live«-Drums) mit. Heiner Reiff spielt Keyboards und bastelte an den Synthesizer-Sounds, und Riedel Diegel ist auf einem Stück mit seiner Mundharmonika zu hören.

Wer die letzte Grachmusikoff-Platte noch im Ohr hat, wird von »Dame oder Schwein« überrascht sein. Der Sound ist extrem keyboard- und elektronik-lastig, die schwäbischen Texte sind (fast) ganz verschwunden. Gleichzeitig ist die Scheibe das produktionstechnisch wohl perfekteste Werk Grachmusikoffs.

Die vorsichtige Annäherung an Hitparaden-Klänge mag manchen stören — die Qualität der Songs leidet aber nicht. Vom Drei-Minuten-HerzSchmerz der zahlreichen Sangesduette (»Für immer und mich«) über die Probleme des Nord-Süd-Gefälles (»Fischkopf «) oder Gewohnheiten deutscher (gar schwäbischer?) Landsleute bis zur Feriendisco-Unterhaltung (»Korfu-Dance«) — Grachmusikoff nimmt vieles gekonnt auf die Schippe.

Die Satire im Text wird ebenbürtig durch musikalische Parodie gestützt. Da klingt’s nach »Modern Talking« oder nach »Jazzpop« a la Sade (»Bohnentag«); die Technik wird witzig eingesetzt (etwa das Sample »essen« auf »Nimm soviel du willst«).

Und dass die schwäbischen durch hochdeutsche Gesänge ersetzt wurden, kann den Musikern eigentlich niemand verübeln: Nur so hat der Versuch, auch national erwähnenswerte Verkaufszahlen zu erreichen, eine Chance. »Dame oder Schwein« ist anders, gewöhnungsbedürftiger als andere Platten der Gruppe. Aber trotzdem
eine gelungene LP. (mpg)

Sulla Bratke: Glanzlose Gala

Glanzlose Sulla-Gala: Am Mittwoch trat die Szene-Institution Sulla Bratke zum letzten Mal mit »Grachmusikoff « in der »zelle« auf. Bei den normalen Auftritten der »Blues Blos’n’Fun«-Band ist er — weil seine durch Kinderlähmung beeinträchtigte Kondition nicht mehr mitmacht — schon seit über zwei Monaten nicht mehr dabei; Sulla will jetzt vermehrt seine komödiantische Ader zum Geldverdienen einsetzen.

Kostproben aus dem — kabarettistisch angehauchten — Programm, in dem es um das Schwein als »Partner des Menschen« geht, gab es eine Viertelstunde lang zwischen den Grachmusikoff-Songs. Die Qualität aber ließ zu wünschen ührig, man muß Sulla auch zugute halten, daß er mit seiner Show Neuland betritt; auch wollte die Einlage nicht so recht zur Stimmung passen: Fest steht, daß der Ex-Schwoissfuaß-Komödiant (man erinnere sich an die Luftballon-Nummer) noch gewaltig arbeiten muß, um wirklich größer rauszukommen.

Das    »Grachmusikoff « -Kapitel scheint für ihn endgültig ahgeschlossen zu sein — wußten Alex Köberlein und Co. doch bis kurz vor Konzertbeginn nicht, ob Bratke überhaupt zu seiner Benifizveranstaltung kommen würde.

Dies und andere Unstimmigkeiten ließen die Stimmung der Truppe deutlich sinken, die Musiker spielten sich lediglich routiniert durchs »Langsam Fett«-Programm. Die körperlichen Nachteile einer Hülsenfrucht wurden in der neuen Single »Bohnentag« ausführlich dokumentiert; alte »Schwoißfuaß«-Töne gab’s auch zu hören. Das Publikum reagierte — für Grachmusikoff-Verhältnisse — ziemlich verhalten; hängt doch das »Erlebnis« Grachmusikoff zu einem großen Teil vom Spiel- und Darstellungswitz der Musiker ab. Eine Gala war das Konzert nicht — eher ein trauriger Abgesang auf eine Szene-Legende. Schade. (mpg)