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La Vela Puerca: Rock’n’Ska auf Latin-Art

Das Reutlinger »Nepomuk« bot jetzt schon wieder ein Club-Konzert auf ausnehmend gutem Niveau. Der lange, aber kein bisschen langweilige Gig mit der Band La Vela Puerca aus Uruguay geriet zu einem schweißtreibenden Party-Event mit krachendem Rock, viel Ska — und jeder Menge in diesem Kontext frisch und neu scheinenden, »typischen« Latin-Elementen.

Klar bringen es die zwei Bläser von La Vela Puerca nicht so messerscharf wie die berühmten Phoenix Horns — und Gitarrist Santiago Butler ist nicht ganz so cool wie Keith Richards.

Aber nur fast: Besonders in den schnellen, ursprünglich wirkenden Ska-Titeln kommt die exzellente Bläser-Arbeit der Südamerikaner bestens zur Geltung, und die Gitarrenriffs der in ihrer Heimat überaus erfolgreichen Jungs klingen schon öfters, als ob die berühmten »Glimmer Twins« Pate gestanden hätten.

Einen überaus fetzigen, mitreißenden Mix lieferten die routinierten, aber nicht etwa übersättigt wirkenden Musiker um den charismatischen Frontmann Sebastian Teysera im »Nepomuk« ab. Fast alle unter den rund 200 Besuchern schienen estlos begeistert.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Djamel Laroussi: Rai-Weltmusik der Sonderklasse

Wer am Samstagabend im Reutlinger »Nepomuk« mit dabei war, wird zustimmen: Das Konzert mit dem algerischen Multiinstrumentalisten Djamel Laroussi und Band war ein außergewöhnlich gutes – konzert-technisch weniger abgebrühte Zuhörer als der Szene-Tonspion düften glatt die berühmte »Sternstunde« bemühen, ohne rot zu werden.

Der Mann, der nach zwei exzellenten Platten in Frankreich schon in der entsprechenden Szene eine Berühmtheit ist, schickt sich jetzt an, auch den deutschen Markt zu erobern.

Das dürfte für den Musiker, der in Köln studiert hat, auch problemlos klappen. Im »Nepomuk«, wo die kleine aktuelle Deutschland-Tour startete, waren die Zuhörer jedenfalls restlos hin und weg – und machten bei dem auch dramaturgisch ausgezeichnet getimten Konzert von Anfang bis Ende begeistert mit.

Laroussi – selber auf verschiedenen Saiten- und Schlaginstrumenten zu hören – und seine durchweg auf internationalem Spitzen-Niveau musizierenden Bandmitglieder brachten mehr als zwei Stunden einen in jeder Hinsicht höchst spannenden, ,originär und deswegen auch entsprechend frisch klingenden Mix aus Rai, enorm viel Funk, Latin-Elementen, Reggae, Soul und Pop.

Dabei verliert sich Laroussi sowohl als Komponist wie auch Interpret nicht in Wischiwaschi-Beliebigkeit; im Gegensatz zu – beispielsweise – Youssou N’Dour vermeidet er auch zuckrigen Pop vollständig.

Stattdessen gibt’s so eine Art algerischen Power-Funk-Jazz zu hören und dermaßen komplexe Rhythmen und Rhythmuswechsel, dass Frank Zappa nichts als die reine Freude daran gehabt hätte.

Laroussis Band ist unbedingt präzise, sein Bassist und der exzellente Sopransax- Spieler wären im »Nepomuk« schon für sich alleine das Eintrittsgeld wert gewesen. Dazu kam eine Rhythmusgruppe, die es in sich hatte – und eben der charismatische, gut aufgelegte und vor allem stets mit und im Publikum kommunizierende Chef: Das war ein Szene-Ereignis, das haften bleibt.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Youngblood Brass Band: Dicke Backen, fetter Sound

Hinreißend grooviges Blech: Auch wenn man mit Superlativen vorsichtig sein sollte – das Konzert der achtköpfigen Youngblood Brassband am Donnerstag im gut besuchten Tübinger »Depot« war ein Ausnahme-Event.

Wer dabei war, wird sich an diese stets locker und präzise groovende Blechbläser-Bande noch lange erinnern. Die Musiker sind tastsächlich jung, gerade Mitte zwanzig. Und doch bringen sie, ausgehend von der Mardi-Gras-Tradition, »Swamp Music«, Soul, Funk und Hip-Hop, dermaßen intelligente Sounds, dass im Vergleich dazu eherne Kollegen – etwa Lester Bowie – glatt im Regen stehen.

Die traumwandlerische Geschlossenheit der Gruppe beeindruckte, die Posaunen- und Trompetensätze waren messerscharf und klanglich vielseitig. Spielerisch warfen sich die Bläser Solo-Fragmente zu.

Die jazzigen Melodieabläufe wurden von überzeugender Rhythmus-Arbeit unterstützt: Im Depot konnte am Donnerstag kaum einer still stehen – zumal die Youngblood Brassband über weite Strecken zwingenden Funk mit vollem Einsatz zelebrierte. Ebenso erstaunlich klang das, was Tom Reschke (Stand-Basstrommel), SnareDrum-Spieler Dave Skogen und Band-Gründer Nat McIntosh am Sousaphon vollbrachten: Speziell McIntosh ließ mit seinen behenden Bass-Läufen auf seinem sperrigen Tute-Teil die Besucher
des Depot staunen.
Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Candy Dulfer: Präzisionsarbeit

Viel Leerlauf gab’s beim letzten Konzert Candy Dulfers in Tübingen. Diesmal beeindruckte die holländische Funk-Saxofonistin rund 300 Besucher mit einer bunten, abwechslungsreichen Show in der B 27-Halle – und alle Musiker zusammen mit Präzisionsarbeit.

Durch ihre Zusammenarbeit mit »The Artist« (der damals noch »Prince« hiess . . .) ist Candy über ihr Heimatland hinaus bekannt geworden – und den grossen Einfluss kann oder will sie nicht verleugnen: Oft klingt’s in der B 27-Halle nach »Minneapolis Funk« – und die »Masche«, in der Candy Dulfer vielgehörte, altbekannte Black- Music-Kürzel zeitgemäss verpackt, hat sie auch von ihrem ehemaligen Mentor.

Von Prince ausgeliehen hat sich Candy auf ihrer aktuellen Tour mit ihrer zwölfköpfigen Gruppe »Dance Extravaganza« die Tänzerin Omara Janse. Deren exzentrisch-wilde Bewegungen sorgten für zusätzliche Abwechslung – genau wie Step – Tänzer Peter Kuit.

Praktisch die komplette Palette neuerer afroamerikanischer Tanzmusik stellt Dulfer im Konzert vor – ausgiebig kommen auch »P-Funk«-Gebrettere, jazzige Arrangements und Souliges dazu. Für den wirklich seelenvollen Gesang waren Trijntje Oosterhuis und Berget Lewis verantwortlich, die sonst die Chefs der Rhythm’n’Bluesgruppe »Total Touch« sind: Bei der »Dance Extravaganza« erfüllen die beiden weit mehr als  Backgroundsängerinnen-Jobs.

Die Saxofonistin und ihre Band zeigen sich bei eigenem (auch frühem) Material wie in – teils eigenwilligen – Coverversionen – sehr gut aufeinander eingespielt. Besonders deutlich wird die Perfektion der »Dance Extravaganza« in Passagen, die eigentlich gar nicht für »natürliche« Musiker erdacht worden sind: Die live auf der Bühne gespielte Houseadaption des Klassikers »A Deeper Love« war eine Klasse für sich.

Wieder einmal fiel unter den Musikern Dulfers Musik-Kumpel Ulco Bed auf. Der Gitarrist – schon in Dulfers allererster Band auch arrangierend mit von der Partie – schien auf der Bühne Erster unter Gleichen, überzeugte gleichermassen mit flirrend-funkiger Rhythmusarbeit wie als ausdrucksvoller Solist. (-mpg)

Maceo Parker: Funk-Party fast ohne Ende

Nassgeschwitzte Leiber, glückliche Gesichter, Tanzbegeisterung pur: Das Eröffnungskonzert des neuen Tübinger Konzert-Tempels »B27 – die Halle« am Freitagabend geriet zur rauschenden Funk-Party. Rund 900 Besucher hörten Black Music-Altmeister Maceo Parker und seiner Band zu. Und nicht nur direkt vor der Bühne setzten die Fans das Motto Maceos- »Shake what you’ve got – Schütter , was Du hast« – ohne grosse Umschweife direkt in die Tat um und tanzten sich teilweise bis zum Rand der Erschöpfung.

»Bei den Konzerten in der Vergangenheit hab‘ ich gesagt: Unsere Musik besteht aus zwei Prozent Jazz und 98 Prozent Funk – heute lassen wir den Jazz mal aussen vor«, meinte die quicklebendige Black-Music-Legende schelmisch grinsend ganz zu Beginn des Konzerts – und heimst da schon den Jubel seiner Fans ein.

Und wie sich das für »ordentliche« Funk-Events gehört, war’s ein ausufernd langes Konzert: Gut und gerne dreieinhalb Stunden lang spielten Parker und seine (in der Besetzung mit der des letzten Tübinger Konzerts im Juni ’98 identische) Band – so als ob sie beweisen wollten, dass George Clinton und Co. nicht die einzigen sind, die ihre Fans müde spielen können.

Stichwort P-Funk: Maceo und seine Mitmusiker sind Clinton, Bootsy Collins und Konsorten seit Jahrzehnten verbunden. Kein Wunder – wie die genannten Kollegen sammelte auch Parker seine ersten Erfahrungen in Rhythm-’n‘-BluesCombos und in der Band von James BroWn. Und diese Wurzeln standen beim Konzert in der B27-Halle ganz eindeutig im Vordergrund: Da gab’s – sehr zur Freude der gereifteren Zuhörer – so manches »Parliament«-, »Funkadelic«- oder »Rubber Band«-Riff zu hören.

Das Gastspiel bewies (wieder einmal), dass auch in der Musik nicht so wichtig ist, was jemand macht; das Wie ist viel entscheidender. Auf Papier notiert macht der »Pure Funk« Maceos nämlich nicht sonderlich viel her – da gibt es ganze Heerscharen von Saxofonisten, die wesentlich virtuoser »kompliziertes Zeug« spielen. Aber damit längst nicht den durchschlagenden Erfolg beim Publikum wie Maceo verbuchen.

Parker und seine Begleiter setzen dagegen seit mehr als 40 Jahren auf ein erprobtes Rezept, das Publikum anzuheizen: Da sind die bedingungslos exakt gespielten Schlagzeuggrooves wichtig, ein pumpender, alles andere als weicher Elektro-Bass und endlos wiederholte, »funkige« Sechzehntelgitarrenriffs auf einem Hammondorgel-Akkordgerüst. Maceo selbst spielt auch beim »B27«-Konzert nach der Devise »Weniger ist mehr«; seine souligen Sax-Töne wie auch das gelegentliche, elegant-leichte Querflöten-Spiel sind eigentlich »nur« das Tüpfelchen auf dem »i«.

Nach gut zwei Stunden und einem fulminanten Schlagzeug-Solo scheint Schluss zu sein – Pustekuchen. Die Zugaben-Runde danach ist nämlich fast so lang wie das eigentliche Konzert – und wieder lassen Maceo und seine Funk-Kumpels die Grooves teilweise über 30 Minuten lang unverändert »stehen«, ohne dass auch nur ein Moment Leerlauf aufkommt.

Parker flirtet via Saxofon – dafür ist er bekannt und beliebt – schelmisch-locker mit seinen Zuhörerinnen und bleibt äusserlich der smarte »Coole«: Ausser ein paar Schweissperlen auf der Stirn gibt’s kurz vor Mitternacht keine Hinweise, dass der Mittfünfziger den ganzen Abend lang hart gearbeitet und eine wahre Tour de Force in Sachen Funk absolviert hat.

Da zeigten die Hannoveraner Neo-Hippies von »Fury In The Slaughterhouse« tags darauf ein anderes Arbeitsethos. Die erfolgreichen Rocker spielten – ohne grosse vorherige Ankündigung – aufgrund persönlicher Verbindungen zur »B27«-Chefetage am Samstag. Da war der neue Tübinger Pop-Schuppen nur rund ein Drittel so voll wie tags zuvor. Wer bei dem halbstündigen Kurzauftritt zuhören wollte, musste lange warten: Erst nach halb elf enterten die »Furien« -nicht eben übermässig motiviert scheinend – die Bühne. Vorher und nachher gab’s Rock-Oldies von der »B27«-Hausband, die aber keinen grossen Enthusiasmus seitens der Gäste erntete. (-mpg)