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Fried Dähn feat. Barbara Padron Hernandez: Soundwunder im „Sudhaus“

Der Mann hat den Ruf, musikalischer Grenzgänger und expressiver Geschichtenerzähler auf dem E-Cello zu sein – der Theatersaal des Tübinger Sudhauses war am späten Freitagabend bis auf den letzten Platz gefüllt, als Fried Dähn mit Sängerin Barbara Padron Hernandez dort gastierte.

Dähn hatte natürlich wieder seine Elektronik-Kisten mit dabei: Die und ein Laptop ermöglichten ihm, aus dem Cello ein Sound-Wunderland zu machen und mit sich selbst zu spielen – und zusätzlich eine One-Man-Band mit oft sphärisch-meditativen Klängen für die Gast-Vokalistin abzugeben.

Zum mal »spacig« flirrenden, dann wieder in bester Hendrix-Manier verzerrt daherbretternden Spiel von Dähn kam die Stimme seiner hierzulande fast völlig unbekannten Partnerin: Barbara Padron Hernandez kommt aus Kuba, hat gerade einen Dancefloor-Plattenhit – und gefiel im Sudhaus nicht nur wegen ihrer lockeren Art, mit der sie allzu andächtige Stimmung im Publikum zunichte machte.

Zwischen Sprech- und »richtigem« Gesang wechselnd gab sie mit ihrem dunklen Alt dieser Nachtmusik in Tübingen eine besondere Note: In manchen Passagen hatte sie was von der frühen Laurie Anderson. Keine Frage: Den Besuchern hat’s mächtig gefallen!

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Lightbeats: Ein Musik-Experiment

»Depot«-Eigner Jürgen Eberhardt hat sich an den Kopf gelangt: »Pfff- diese Künstler. Haben die doch tatsächlich ihre Dialeinwand vor die Bühne gehängt«. Der etwas seltsame Bühnen-Aufbau beim »Lightbeats«-Experiment in der Nacht von Samstag auf Sonntag hat grösseren Publikumszuspruch wohl mit verhindert.

An sich war die Idee ja nicht schlecht. Zum Konserven-Soundtrack von DJ Emanuela hatten sich Tübinger und Reutlinger »Noise«-Musiker und Schrägtöner angesagt: Die Gebrüder Dähn jammten, was das Zeug hält, an den Drums und Cello sowie einem Computer-Sequenzer, Thomas Maos vom »New Improvisor Ensemble« bediente gewohnt schräg, gewohnt aufregend in den Sounds — seine Spezialgitarre.

Das Problem: Die Musiker haben zumindest beim ersten Set so gut wie gar nicht auf das gehört, was von den Plattentellern kam. Und von der DJane zu verlangen, sich improvisierend auf die anderen einzustellen, wäre dann doch zuviel verlangt gewesen.

Sehenswert geriet wieder einmal die Show von Multivisions-Spezialist Jörg Kallinich.

Elliott Sharp: Großstadt-Symphonie

So ziemlich alles, was in Tübinger Neu- und Schrägtöner-Kreisen Rang und Namen hat, fand sich jetzt auf der »Something Noise«-Bühne im »Sudhaus« ein.

Grund: Der New Yorker Gitarrist und Bläser Elliott Sharp hatte zur Aufführung seiner Komposition »Syndakit« gerufen – und die setzten eben lauter heimische Musiker um.

Geiger Achim Braun war neben anderen mit dabei, Bassmann Jörg Honnecker, Drummer Ralf Meinz, Helmut Müller (Saxofon) ebenso wie Günther Sopper am Akkordeon, Björn Eichstädt (Keyboards) oder Fried Dähn am E-Cello.

Weiter sägte Thomas Maos auf seiner Gitarre und Koho Mori an aufgespannten Drähten. Mittendrin in diesem Gewirr aus Musikern, Mikrofonständern, Technik-Kram und Kabelhaufen bearbeitete Sharp seine Computer-Gitarre, das »Instrument« Laptop gleich neben sich auf einer Kiste.

Eine hochenergetische, melodisch chaotische und rhythmisch eiserne Grossstadt-Symfonie gab’s zu hören-Programmusik unserer Tage, aufregend und nervig. Die »Syndakit«-Msiker bekamen viel Beifall. (mpg)

Fried Dähn & Wolfgang Rehfeldt: Wechselbäder

Klar, dass mehr oder minder massenwirksame Starauftritte auch bei den »2. Tübinger Jazz und Klassik Tagen« Aufhänger sind. Aber – und das ist das Schöne an diesem musikalischen Sammelsurium – es gibt auch diesmal wieder kleine Konzert-Schätze abseits der bekannten »Locations« und »sicheren« Programme zu entdecken.

Zum Beispiel gab’s jetzt in der ehemaligen Stiftskirche St. Moriz in Rottenburg eine Orgelsoiree der nicht ganz alltäglichen Art zu erleben.

Eingeladen hatte der rührige »Kulturverein Zehntscheuer«, der ja seit vielen Jahren in seinen Programmen grenzgängerisch stilüberschreitend arbeitet. Fried Dähn, der Reutlinger Cellist und »Philharmoniker«, setzt sich auch seit Jahren virtuos, mit spannenden musikalischen Ideen und mit unbeirrter Lust an der Neuland-Entdeckung zwischen so ziemlich alle Stil-Stühle.

Mit herkömmlichem wie elektrifiziertem Instrument begegnete Dähn der Orgel von St. Moriz, die vom Rottenburger Domorganisten Professor Wolfram Rehfeldt gespielt wurde. Das ungewöhnliche Duo lieferte zusammen einen aufregenden Ohrenschmaus: Voller Dramatik die improvisierten zwei »Dialoge« der beiden Musiker, ein souveränes Spiel mit Orgel-Klangfarben Rehfeldts »Fantasie über den Namen und die Tonfolge »b-a-c-h«, präzise und rhythmisch aufwühlend schliesslich Fried Dähns Wiedergabe der Allemande aus der Bach’schen Cellosuite in C.

Besonders schön geriet bei diesem kurzen und kurzweiligen, weil mit Gegensätzen spielenden Konzert auch Regers »Aria« – in manchen Ohren mögen Dähns wilde Elektronik- und Samplerexzesse danach in seinem »Opus Y« richtiggehend wüst geklungen haben. Aber genau dieses Wechselbad der Stile und Ausdruckspaletten machte diese Begegnung spannend und für die Besucher zu einer emotional lohnenden Sache: Satter Beifall war der Lohn. (-mpg)

Tübinger Festival für improvisierte Musik ’99: Gegen alle Regeln

Soviel – mehr oder minder organisierten – Krach gab’s noch nie an einem Tübinger Wochenende: Von einem einheimischen Künstler-Kreis erdacht, geplant und veranstaltet, ging das »1. Tübinger Festival für frei improvisierte und experimentelle Musik« über verschiedene »Sudhaus«-Bühnen.

Mehr als zwölf Stunden Musik meist gegen alle Regeln und Konventionen gab es von Schrägtönern, Improvisationsfreaks und Neuland-Suchern aus Deutschland, Europa, den USA und Brasilien zu hören – Musik, der sich Otto Normalverbraucher wahrscheinlich keine fünf Minuten aussetzt.

In diesem Kontext sind die vielleicht insgesamt rund 200 Zuhörer, die an zwei Tagen zum »Camp ’99« kamen, als Erfolg zu verbuchen. Weitermachen will der Organisations-Vierer aus Thomas Maos, Jörg Kallinich, Fried Dähn und Björn Eichstädt sowieso – für nächstes Jahr ist was »richtig Großes« geplant.

Mittags trafen sich – das sah zufällig aus und war es wohl auch – verschiedene Musiker zum Improvisationskonzert; später hörte rund ein Dutzend Besucher zu, als bei strahlendem Wetter draussen der brasilianische Pianist Paolo Alvarez drinnen in der fast völlig dunklen »Sudhaus«-Werkstatt seine rhythmischen Cluster in die Tasten hieb. Der Reutlinger Lichtkünstler Volker Illi beleuchtete mit seinen grafischen Projektionen die gespenstisch anmutende Szenerie.

Von der Galerie aus waren zirpende Dobro-Töne von Maos zu hören, Stimmband-Musikerin Ulrike Helmholz mischte auch mit zirpenden Sounds mit. Die Cellisten Fred Lonberg-Holm und Fried Dähn bearbeiteten ihre Instrumente auf alle möglichen, meistens doch recht unkonventionelle Arten, Lou Grassi klapperte auf seinem exotischen Perkussionsareal, Björn Eichstädt (von Hause aus Pianist und Keyboarder) gab in luftiger Höhe ein Zwischenspiel für Lederschuhe auf metallener Gerüstplatte . . .

Im Zuammenspiel dieser teilweise international renommierten Avantgardisten nachmittags wie bei den abendlichen Konzerten im grossen Saal gab es so manches Mal wirklich atemberaubende, hochspannende Momente zu erleben – aber das Warten auf diese Highlights gestaltete sich, das liegt in der Natur der Sache, öfters ziemlich zäh.

Beim Abschlusskonzert des »Camp ’99« gelangen dann beispielsweise Helmut Müller (Saxofon), John Wolf Brennan (Flügel) und Bassklarinettist Gene Coleman sehr dichte, ungemein energiereiche Abschnitte. Zu dieser starken akustischen Vorstellung kam ein neuerlicher optischer Coup von Multivisions- Spezialist Jörg Kallinich: Der »spielte« auf seinen sechs Projektoren mit teils rasend schneller Überblend-Technik eine pralle Bild-Sinfonie aus Aufnahmen morbider Industrieabbruch-Szenarien ein. (-mpg)

Fried Dähn: Küss‘ mein Guarneri

Gestern präsentierte Fried Dähn, brav-klassisch als Solocellist der Württembergischen Philharmonie Reutlingen und nicht ganz so brav als Noise-Musiker solo unterwegs, im Tübinger »Brio« seine neue CD. Und am Freitag war Dähn samt E-Cello in schummrig-grüner Beleuchtung in der Reutlinger Osianderschen Buchhandlung zu Gast. Rund 30 hörten zu.

Bei der ersten Nummer dieser Präsentation — »Tango Poison« ist auch auf der CD »Kiss My Guarneri« (Edition Musikat) der Opener — ging live noch alles gut. Aber in den ersten Takten des Titelstücks passierte es dann: Dähn setzte den Bogen in Steghöhe mit kräftigem Druck an – und mit einem leisen Krachen verabschiedete sich der Steg des Instruments aus der korrekten Lage. »Ääh – wir machen die Pause lieber gleich, glaub‘ ich«, meinte der Musiker mit verdutztem Gesicht…

Eine halbe Stunde später war das Malheur zumindest provisorisch behoben und die Besucher hörten mehr von der im einschlägigen Plattenhandel erhältlichen CD. In acht Stücken spielt Dähn darauf vor allem mit den elektronischen Möglichkeiten seines Setups: Klangfilter und kleine, mit dem Sampler »geloopte« (das heisst schleifenartig wiederholte) Soundpattern spielen eine grosse Rolle. Das schnelle Reinhören ermöglicht Dähn im letzten Stück mit einer kräftigen Portion Humor: Bei »All In One« sind alle anderen CD-Titel ineinander gemischt. (-mpg)

Theaterhaus-Jazztage Ostern ’98: Watte, Salz und volle Ohren

Jubel (fast) ohne Ende am zweiten und dritten Festivaltag der diesjährigen Oster-Jazztage im Stuttgarter Theaterhaus — von ganz unterschiedlichen Fans, für ganz unterschiedliche Musik.

Am Samstag kannte die Begeisterung vor allem bei den zahlreich erschienenen algerischen Gästen im da schon fast überfüllten Wangener Kulturzentrum kein Halten mehr — schließlich hatte sich mit Khaled der Superstar Algeriens angesagt.

Diesmal kam der schmächtige Sänger auch wirklich nach Stuttgart. Vor einem Jahr hatten ihn schon die »Jazz-Open«- Macher für ihr Festival in der Liederhalle eingeplant; damals hatte Khaled, dessen Texte zum Teil politisch ziemlich scharf sein sollen, wegen Attentats-Drohungen fundamentalistisch gesinnter Landsleute abgesagt.

Und jetzt gab er, während sich das Kondenswasser an den Wänden sammelte, ein gut zweieinhalbstündiges Konzert. Seine acht Begleiter waren Vollprofis, die im internationalen Vergleich gut bestehen können — ihm selbst, stimmlich eher Durchschnitt, fraß der Großteil des Publikums sozusagen aus der Hand.

Seinen 97er-Hit »Aisha« mußte er nach der stimmungsvollen Einleitung seines Gitarristen und ersten Keyboarders gar nicht groß selbst anstimmen: Das erledigte ein vielstimmiger Publikumschor ziemlich perfekt. Und selbst nach dieser Zugabe war hoch lange nicht Schluß mit dem — nicht nur aus »beinharter« Jazz-Sicht — ziemlich glattgebügelten Arab-Pop: In der zur »Jazz-Lounge« erklärten Halle drei fragte sich so manch ein Besucher während der Wartezeit auf zwei Combos aus der Region, was die watteweichen Harmonien von ebenan denn, bittschön, mit Jazz zu tun hatten . . .

Sowohl das »Patrick Tompert Trio« als auch das Quintett um Klaus Graf und Sebastian Studnitzky lieferten dann vor kleinem Publikum bis weit in den Morgen hinein »richtigen«, eher konventionell gelagerten Jazz — wie bereits aus zahlreichen Clubgastspielen in der Region bekannt in teils verblüffend hoher Qualität.

Schon am Karfreitag lieferten Musiker aus dem »Gäu« kräftig Salz für die Stuttgarter Jazz-Suppe. Fried Dähn und Manfred Kniel überraschten mit ihrer Schrägton-Show sicher auch so manchen Großstädter — nur hatten der Cellist und der Drummer das Pech, zeitgleich gegen eine All-Star-Formation im großen Saal anspielen zu müssen.

In Halle eins blies nämlich Albert Mangelsdorff, Deutschlands wohl bekanntester (und vielleicht auch bester) Posaunist, zusammen mit Jazz-Weltstar Chico Freeman ins Blech. Interessanter als die Horn-Kombination war da schon die dreiköpfige Percussion-Begleitung, die westliche Grooves mit solchen aus Asien und Afrika zusammenbrachte.
Frisch und überraschend klangen auch die Ravel-Bearbeitungen, die der Frankfurter Jazzer zu später Stunde zusammen mit Wolfgang Dauner, Christof Lauer, Dieter Ilg und Wolfgang Haffner präsentierte. Speziell die letzten drei spielten — wieder mal — ganz hervorragend zusammen.

Das Highlight dieses langen Abends  – der neben der Klasse Mangelsdorffs auch dessen höchst erstaunliche Kondition bewies – gab’s aber mittendrin. Zusammen mit dem Tübinger Ausnahme-Trompeter Claus Stötter spielte der »edler statesman« der deutschen Jazzszene weitgehend frei improvisierte, nicht eben einfache, aber beeindruckend intensive Musik. Da zeigte sich, daß im Schlichten oft die wahre Schönheit liegt — und in der Beschränkung große Kunst.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger