Schlagwort-Archive: Franz Josef Degenhardt

Franz Josef Degenhardt: Er beißt noch

Selbst erklärte Degenhardt-Fans waren platt: Mit einem derart gut besuchten Reutlinger »Foyer U 3« hatte beim Konzert von Franz Josef, dem Linken, wirklich keiner gerechnet.

Das ehemalige Kino Unter den Linden war nicht nur ausverkauft, sondern sogar überfüllt. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Degenhardts ganz grosse Zeit als Liedermacher schon länger als ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Noch verblüffender aber die Altersstruktur im »U 3«: Klar sah man da auch jede Menge in Ehren ergraute Alt-Linke, die in der Pause mit Glitzern in den Augen nostalgisch von alten Zeiten schwärmten.

Aber es hörten auch sehr viele junge im Twen- und sogar Teen- Alter zu: Opas Plattensammlung scheint doch ab und zu was herzugeben…

Bissig wie eh und je gibt sich der »alte Kampfgefährte aus antiautoritären Tagen« (Degenhardt über Degenhardt) auf seiner »So sind die Zeiten«-Tourneestation. Mit 69 wirkt der singende Dr. jur. recht jugendlich: Der Bart ist nicht ab, sondern silbergrau – und die charakteristische Stimme des Liedermachers klingt im Vergleich zu ganz alten Scheiben wie »Väterchen Franz« unverändert.

Degenhardt ist sich auch in seiner Distanz zu bürgerlich-satter Zufriedenheit und im unbedingten Pazifismus über die Jahre hinweg treu geblieben, und das freut seine – in Reutlingen vom »Nepomuk« eingeladenen – Fans.

Als er auch hier wieder mal vom »Sonntag in der kleinen Stadt« singt, wirken die Zeilen wie gestern geschrieben – und so manchem scheinen sie wohl auch auf Reutlingen gemünzt zu sein.

Heute ist der westfälische Dickschädel nicht mehr wie in den sechziger und siebziger Jahren Sprachrohr der Linken, könnte es auch nicht mehr sein, weil es »die Linke« im alten Sinn und Selbstverständnis gar nicht mehr gibt.

Franz Josef Degenhardt spottet, dass wir ja alle »eingebunden sind in die westliche Geldgemeinschaft« und es scheint ihn sogar ein bisschen zu freuen, dass er heute »keinen Ton mehr an-, aber immer noch einen abgibt«.

So singt er seine alten Lieder unverändert, weil sie immer noch treffen- und höhnt neu über jene, die die Verteidigung der Menschenrechte als Legitimation für militärische Einsätze sehen, kritisiert scharf die Veränderung der Arbeitswelt – und kann aber auch mal ganz ungeniert blödeln.

Im Vergleich zu den alten Hitplatten teilweise stark verändert ist die Musik – das liegt an der ganz hervorragenden gitarristischen Begleitung, die Degenhardts Sohn Kai abliefert.

Der 36jährige Autodidakt spielt, während sein Vater eher solide die Harmoniegerüste zurechtklampft, sehr einfühlsam und niemals aufdringlich kleine, jazzige oder funkige Verzierungen und Schnörkel, bürstet so manches Arrangement im Reggae-Offbeat gegen den Strich.

Das alles gefällt den Reutlinger Degenhardt-Liebhabern sehr. Die Aufmerksamkeit ist gross, der Applaus heftig. So herzlich ist der Empfang, dass dem Liedermacher sogar sein optisches Markenzeichen – ein bärbeissig-grimmiger Gesichtsausdruck – in ein entspanntes Lächeln entgleist. (-mpg)

Franz-Josef Degenhardt: Erneuter SWF-Liederpreis

Hat Deutschland keine besseren Liedermacher, die Jury des SWF-Liederpreises «Schlagseite« oder ist der Mann womöglich wirklich noch so gut? Franz-Josef Degenhardt bekam jedenfalls am Samstag im Tübinger Landestheater beim SWF-Liederfest zum dritten Mal innerhalb von neun Jahren den Preis; schon 1986 und 1988 ausgezeichnet, nahm er diesmal die Ehrung für sein Lied »Ja, es gibt diese Abende noch« mit nach Hause.

Degenhardt, der seit mehr als dreißig Jahren zur Liedermacher-Szene gehört, stehe »für linke, intelligente Kultur als Gegengewicht zum Kultainment«, formulierte die wegen Schneestaus verhinderte Laudatorin Anne Worst in ihrer per Fax übermittelten Rede.

Der Künstler selbst benahm sich sehr steif, war offensichtlich nervös — und gab rund eine Dreiviertelstunde lang zur teilweise neuarrangierten Gitarrenbegleitung neue und alte Songs zum besten. Muß erwähnt werden, daß besonders die Geschichten vom »Tonia Schiavo« und den »Schmuddelkindern« — sozusagen »Hits« der 68er-Generation — von dem durchweg »mittelalterlichen« »Publikum im vollbesetzten großen Theatersaal heftigst beklatscht wurden?

Überhaupt verfolgten die Tübinger Lieder-Fans mehr als vier Stunden lang die verschiedenen Musikbeiträge mit gespannter Aufmerksamkeit und sparten nicht mit Beifall. Lediglich Thomas Vogel, der bemüht und verkrampft wirkende SWF-Moderator, kam nicht so gut an. Und den kindisch peinlich genau ausgedruckten Zeitplan hielten die Organisatoren (sowieso) nicht ein, überzogen um glatte 75 Minuten . . .

Sei’s drum — das Zuhören hat sich wohl gelohnt: Selbst die volksmusikalischen Späße des »Bairisch Diatonischen JodelWahnsinns« samt Polit-Satiren aus der
Standard-Kiste kamen zu später Stunde noch bestens an. Dabei macht das Trio mit Ziehharmonika, grellgrün angestrichener Geige und diversen Blechblas- wie Zupfinstrumenten letzendlich doch nur das erfolgreiche Konzept der »Biermösl Blosn« nach, einen Schuß »Ringsgwandl«-Schrägheit ab und zu noch obendrauf.

Wesentlich origineller tönte da die zwischen Tradition, Cabaret und souligem Jazzgesang, lavierende Schweizerin Dodo Hug samt drei exzellenten Begleitern an Keyboards, Akkordeon, Gitarre und Bass. Zu der musikalisch packenden Vorstellung — Dodo Hug hat einfach eine tolle, ungemein flexible Stimme — kam kabarettistisch-verschmitzter Witz: Fast schon »New Age«-mäßig klang ihre Aufforderung »Sommr chumm« (Sommer, komme) — und ihre »Ode an die Zigarette« brachte humorvoll Raucherleid und -freud auf den Punkt.

Stoppok, der Rocker aus dem Ruhrgebiet, wollte trotz »Unplugged«-Vorstellung mit seinen Schlabberklamotten und dem schlichtweg fertigen Gesichtsausdruck gar nicht so recht zum gesetzten Publikum passen. Mit locker-lässigen Songs und unverkünstelten Texten sozusagen »direkt aus dem Leben« lieferten er und sein Bandkumpel, Danny Dzuik an Gitarren und dem Flügel aber dann das aufregendste und wohl auch emotionalste Konzert des Abends.

Nach »Du machst mich mein Herz am Klopfen« und »Denk doch noch mal drüber nach« sangen viele dann bei »Dumpfbacke« laut mit — das hatte ohne Zweifel seinen besonderen satirischen Reiz.

Der Südwestfunk schnitt alle Einzelkonzerte mit feiner Aufnahmetechnik mit; im Rahmen des festen Sendetermins der SWF-Liederbestenliste (jeden ersten Samstag im Monat, 23.05 bis null Uhr) werden sie demnächst im S2-Kultur-Radio nochmal zu hören sein. (mpg)