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Noa: Mit kalkuliertem Charme

Anderswo ist sie schon ein Star, hier muß sie das Publikum erst noch überzeugen. Dies machte die israelische Popsängerin »Noa« in Tübingen recht gut: Ausgiebig spendeten die rund 500 im überfüllten »Foyer« Beifall — so, als ob die in New York aufgewachsene Songwriterin jemenitischer Abstammung die erste wäre mit »Ethno-Pop« in radiokompatibler Bauart.

Ist sie natürlich nicht: Ofra Haza hat schon vor Jahren Tradiertes aus dem Nahen Osten gnadenlos mit westlichen Vierviertel-Beats zu tanztauglichen Hits gemacht und Timna Brauer, ebenfalls eine zwischen den Welten wandernde Halb-Jemenitin, zeigte beim Stuttgarter Oster-Jazz, daß bunte Folklore mit exotischem Touch sehr gut mit den synkopierten Rhythmen der Kellerspelunken zusammengehen kann.

»Noa«, die vor allem im Süden Europas schon sehr populär ist, hat beiden eine enorme Vielfalt voraus: Mit ihrer im Umgang sehr weitreichenden, flexiblen Stimme singt sie in Tübingen solo Volkslieder, im Verbund mit ihrer dreiköpfigen Vollprofi-Band wie eine Rockröhre oder tremoliert hippiehaft wie weiland »Melanie«.

Als sie zwischendurch so etwas wie eine Gedächtnisrunde auf großstädtischen US-Folk der Sixties einlegt, klingt sie fast wie Suzanne Vega — und am Ende der satten Show (bei leider geschmacklos buntem Licht) zeigt »Noa« bei dem gesungenen (!) Dank an die Tournee-Crew mit einem kurzen Schlenker zur »Arie der Königin der Nacht« aus Mozarts »Zauberflöte«, daß sie auch klassisch gut ist. Ihre selbstverfaßten englischen Songtexte strotzen vor intelligent-witzigen Wortspielereien.

Auch bei diesem Konzert gilt allerdings wieder mal der Spruch von den vielen Köchen, die den Brei verderben: Die vier Drei-Sterne-Musiker (alle überragend Gitarrist Gil Dor) tun, eindeutig zuviel des Guten — ein paar weniger Zutaten hätten den kunterbunten Stil-Mix vielleicht weniger beliebig schmecken lassen. So klingt es mal ein bisschen fusion-jazzig wie bei Pat Metheny (dessen Schüler Dor war), mal nach Peter Gabriel. Die Handschrift des für makellose Qualitätsarbeit bekannten englischen Produzenten Rupert Hine (»One World, One Voice«) kommt besonders in rhythmischen Belangen des Songmaterials kräftig durch. Und als Rock-Lady, die »Noa« zwischendrin auch noch gibt, ist sie glatt fehlbesetzt: Wie eine besonders schrille Ausgabe der frühen Helen Schneider klingt sie dann.

Die kurze Distanz im »Foyer« zu den Fans hat »Noa« — die sonst Riesenhallen gewohnt ist — darstellerisch und mimisch nicht immer im Griff. So wirkt ihr persönlicher wie musikalischer Charme im Vergleich zu ihren beiden oben genannten »Konkurrentinnen« oft zu gekonnt kalkuliert. Um im Bild zu bleiben: »Noa« und ihre Begleiter kochen keine Frischkost, sondern rühren Tütensüppchen zusammen. Aber die der Meisterklasse. (-mpg)

Edson Cordeiro: Stimme ohne Vergleich

Was für eine Stimme! Edson Cordeiro, der brasilianische Vokal-Star, gastierte wieder auf Einladung des »Zentrum Zoo« in Tübingen. Die Massen, die ihm bei seiner Europapremiere auf dem Marktplatz zugejubelt hatten, blieben diesmal allerdings weg. Nur zögerlich füllte sich das bestuhlte »Foyer«.

Als der Raum gut eine Stunde nach dem geplanten Konzertbeginn warm genug für den (zu Recht) frierenden Stimmband-Meister war, waren die Reihen doch noch vollbesetzt — mit schon vorher heftig applaudierenden Alt- und Neufans. Die waren hin und weg von den wirklich einzigartigen Vokalkünsten des Meisters. Seine Bassstimme ist an diesem Abend kaum zu hören, vielmehr trällert er schwerpunktmässig gekonnt Koloraturen von Bach bis Bizet und Mozart.

Erst nach der Pause bewegt sich Cordeiro weiter weg von europäisch-klassischen Tönen, mimt zum Beispiel in einer parodistischen »A Tisket, A Tasket«-Version ein kleines Unschuldsmädchen. Jede seiner gesanglichen Kapriolen, die von einem Pianisten und einem Perkussionisten adäquat unterstützt werden, beantwortet das Publikum mit heftigem Jubel.

Indes: Die zauberhafte, sozusagen »magische« Stimmung des Marktplatz-Konzerts mag sich im »Foyer« nicht mehr einstellen. Vielleicht liegt’s auch daran, daß es Edson Cordeiro mit seinem androgynen Getue ein bisschen übertreibt. Zumal er optisch diesmal — mit kurzen Haaren und freigelegter Brust – wie ein Klon von Prince wirkt

Caetano Veloso: Jedes Lied ein Fest

»Standing ovations« in Tübingen für den Übervater der brasilianischen Musikszene: Auch wenn das Konzert von Superstar Caetano Veloso und Band nicht wie angekündigt das einzige in ganz Deutschland war, gab’s für die restlos begeisterten Zuhörer im ebenso restlos ausverkauften »Foyer« hundert ziemlich einzigartige Konzertminuten zu erleben.

Zu Hause singen die Menschen auf der Straße die Lieder des Mittfünfzigers aus Bahia nach, Intellektuelle rühmen die poetische Kraft und den Bilderreichtum seiner Textzeilen.

Und auch musikalisch ist Caetano — selbst im hochbegabten Umfeld der brasilianischen Szene — ganz ohne Zweifel eine Nummer für sich. Gleichzeitig enorm traditionsbewusst (Veloso gilt nicht nur in der Praxis, sondern auch in musikwissenschaftlicher Sicht als Experte der Tonkultur seines Landes) wie auch hochgradig experimentierfreudig, bringt der ehemalige Philosophiestudent locker die halbe westliche Popkultur, »klassische« wie jazzige Elemente und Strukturen zitierende, in seinen Song-Kleinodien unter — ohne jemals seinen ureigenen »Sound« zu verlieren.

Die vielen Brasilianer im »Foyer« fühlen sich offensichtlich ganz wie daheim — und singen die schon lange bekannten Hits von Veloso mal leiser, mal lauter mit. Der Song »Haiti« von der »Tropicalia 2«-Platte in einem luftig-leichten Arrangement und seine ganz großen Hits wie »Sampa« oder die musikalisch hinreißend zwischen »Beatles«- und Kinderliedharmonien pendelnde Geschichte vom kleinen Löwen, »0 Leaozinho«, kommen besonders gut an.

Aber die Fans strahlen eigentlich nur an diesem Abend und beklatschen jedes Lied dieser »Fina Estampa«-Show, in der Veloso (wieder einmal) auch frühere Tophits gleichermassen der brasilianisch- wie spanischsprechenden Szene in neuem Gewand präsentiert, aufs heftigste.

Und Caetano, der im hocheleganten, weinroten Anzug zwischen seiner exzellenten Band tanzt, fühlt sich im »Foyer« offensichtlich ebenso wohl wie seine Zuhörer. Lange scherzt er mit seinen Landsleuten, scheint locker und gelöst. Seine langjährigen Musiker, allesamt Könner auf ihren Instrumenten und begnadet musikalisch, spielen Musik, die von Anfang bis Ende spannend und sehr dynamisch ist — und gleichermaßen die kleinen grauen Zellen beschäftigen wie zu Herzen gehen kann. Und in die Beine sowieso — aber das ist bei der unwiderstehlichen brasilianischen Spielart des swing eh klar.

Da ist zuallererst das überaus sensible und doch kraftvolle, sehr ausdrucksstarke
Cellospiel von Jacques Morelenbaum zu nennen. Der Musiker, der bei Caetanos erstem Tübingen-Abstecher nach der mitreißenden »Circulado Vivo«-Show auf dem Marktplatz über sein angebrochenes Edel-Instrument in Tränen ausbrach, konnte diesmal ohne Malheur von der Bühne gehen und lieferte — auch als Kontrastpart zu Caetanos weitreichender Stimme — gleichermaßen rhythmisch wie auch melodisch Allerfeinstes.

Zu dem Gitarrenspiel Velosos selbst (er betont sehr lässig klingend auf seinem Instrument; wer’s nachzuspielen versucht, weiß um seine komplizierten Rhythmus-Hakenschläge . . .) gesellte sich zurückhaltend; aber nicht minder exzellent gespielt die Saitenarbeit von Luiz Brasil.

Zeca Assumpcao am Kontrabaß und Drummer Marcelo Costa erwiesen sich in der Fülle der Metren, die Caetano verwendete, absolut firm. Und speziell der Schlagzeuger beeindruckte mit der Art und Weise, wie er mit vergleichsweise wenigen Einzelinstrumenten oft (zum Beispiel bei dem Perkussions-Schlußteil von »Haiti«) eine sehr dicht gewebte Klangfülle erreichte. Zusammen bildeten alle eine wie selbstverständlich groovende Einheit: Spitzenklasse! (mpg)

Itamar Assumpcao: Kleine feine Songs

In doppelter Hinsicht verhalten geriet der Auftakt des »11. Internationalen Tübinger Festivals« des »Zentrum Zoo«. Zum einen lieferten der Brasilianer Itamar Assumpcao und seine exzellente Percussions-Begleiterin ein ganz leises akustisches Set mit feinen Songs.

Und es hörten am Mittwochabend im »Foyer« nur ganze 85 Besucher zu — trotz des großen Werbeaufwands, den die Festivalmacher für dieses Konzert betrieben haben.
Assumpcao spielte sozusagen den Vorboten jener großen brasilianischen Musikerschar, die am Samstag und Sonntag – wenn das Wetter mitspielt — den Tübinger Marktplatz swingen lässt.

Vor Jahren, in der Entstehungsphase des »Sudhauses«, war der 46jährige Sänger, Gitarrist und Komponist aus Sao Paulo schon einmal in Tübingen zu hören; damals allerdings eher mit seiner »rockigen« Seite.

Itamar ist nämlich kein »typisch brasilianischer« Musiker, jedenfalls nicht im hier landläufigen Sinn. Er kombiniert Musikzitate fast aller Pop-Sorten mit Jazz, afroamerikanischer Tradition und Bossa Nova, kann sich in allen diesen Stilen kompositorisch äußerst gewitzt und elegant ausdrükken.

Im »Foyer« präsentierte sich Assumpcao, der im letzten Jahr mit dem »Sharp« (dem brasilianischen »Grammy«) ausgezeichnet wurde, bestens aufgelegt. Zu den ständigen musikalischen Scherzen kamen auch verbale; seine zwei Dutzend Landsleute im Publikum gaben ständig sehr erheitert klingende Laute von sich.

Zu hören gab es vor allem Itamars Interpretationen verschiedener Stücke des vor einem Vierteljahrhundert gestorbenen Komponisten Ataulfo Alves; bei den bekannteren der Sambas summten und sangen die Brasilianer im Publikum oft leise mit.

Die feinen, kleinen Songs kamen also an; zu einem großen Teil ist das auch das Verdienst von Itamars Begleiterin, die hochkonzentriert und dabei rhythmisch sehr lässig nur mit einem »Shaker-Ei« und einem Schellentambourin perkussionistisch höchst Einfallsreiches produzierte. (mpg)

Maurane: Frankopop

Maurane war im »Foyer« Tübingen zu Gast — und die Sängerin, die in Frankreich schon längst ein Star ist, bekam am Ende ihres Konzerts auch von den Tübingern »standing ovations«.

Rund 250 waren zu dem von »Zoo« und »Institut Culturel Franco Allemand« gemeinsam veranstaltetem Konzert gekommen. Sie hörten, mal abgesehen von den Songtexten, die nach Meinung beschlagener Frankopop-Experten bilderreicher und weniger kitschig sein sollen als die meisten anderen, eine Stimme (fast) ohne Grenzen.

Unterstützt von zwei exzellenten Begleitern an Piano, echter Uralt-Hammondorgel, Percussion und Saiteninstrumenten, brachte die gebürtige Belgierin, die seit Beginn ihrer Karriere 1980 schon viermal im renommierten Pariser »Olympia« auftrat, 18 Titel — und streifte dabei fast alle Stilistiken populärer Musik kompetent.

Den klassischen Chansongesang zelebriert Maurane, die die Textaussage mit präziser Mimik und Gestik unterstützt, ebenso, wie sie als laute Rock-Röhre überzeugt. Der Jazz-Scatgesang geht ihr genauso flüssig (und verhlüffend variabel) über die Lippen, wie sie das Blues-Schema mit viel Ausdruck zu füllen weiss, dabei teilweise schon die stimmliche Tiefe eines geschulten Gospel-Organs erreicht.

Sogar innerhalb brasilianischer Rhythmusgeflechte singt Maurane mit perfektem Feeling, ohne dass irgendetwas unecht klingen würde. Das erste Tübinger Konzert von Maurane überzeugte also rundum — und wenn sie wiederkommen sollte, wird das »Foyer« sicher zu klein sein. (mpg)

Joao Bosco: Feines Brasil-Trio

Warum die Fans auch in der »Brasil-Hochburg« Tübingen beim Sonder-Konzert mit Joao Bosco und seinem Trio wegblieben, weiß unter den Beobachtern so recht keiner. Fakt ist, daß — trotz langer Wartezeit — nur rund 200 Liebhaber der »Musica Popular Brasileira« beim »Zentrum Zoo«-Konzert im »Foyer« zuhörten. Schade.

Bosco, der in seiner Heimat spätestens seit Mitte der siebziger zur ersten Riege gehört und auch immer mal wieder in Europa auftritt, lieferte nämlich mit zwei Begleitern ein musikalisch äußerst fein ausbalanciertes Triokonzert.

Und er schlug mit seinen raffinierten Songs eine Brücke zwischen der rhythmischen und harmonischen Tradition seiner Heimat, dem Jazz und auch machmal verschiedenen »westlichen« Pop-Elementen.

Seinen eigenen Gesang und das exzellente, gefühlvolle Spiel auf der halbakustischen Gitarre umrahmten seine beiden Begleiter mal angemessen und sehr profihaft zurückhaltend, um dann wieder in gemeinsame Improvisationen zu dritt umzuschwenken.
Gitarrist Alexander Carvalho übernahm eher den harmonisierenden Part, Bassist Jamil Joanes den mehr rhythmischen.

Besonders Joanes beeindruckte — sowohl am Sechssaiter-Elektrobaß wie auch an einer echten, fünfseitigen Bassgitarre — mit unbedingter, konzentrierter Präzision und federndem Feeling für die verschiedenen Brasil-Grooves.

Weil’s eher in Richtung »Kammermusik«, wahlweise Liederabend ging, hörten die zahlreichen Landsleute Boscos dann auch vergleichsweise verhalten im klamm-kalten »Foyer« zu. Und klatschten zwischen den Stücken artig Beifall. (mpg)

Chaka Khan: Ohne Fehl und Tadel

Bis auf den letzten Winkel gefüllt war das Tübinger »Foyer«: der »Zoo« hatte die Black-Music- und Soulgröße Chaka Khan eingeladen. Und ganz junge wie auch ziemlich gesetzte Chaka-Fans warteten geduldig in immer unerträglicherer Schwüle auf den grossen afroamerikanischen Star. Ein Star ist die gewichtige Soul-Lady nämlich immer noch, auch wenn ihre größten Zeiten mit »Rufus« in den 70ern schon sehr lange zurückliegen, das letzte wirklich große Album »CK« (mit Miles Davis, Prince, Bobby McFerrin und Stevie Wonder als »Gaststars«) auch schon sieben Jahre alt ist.

Aber die 75 Minuten Wartezeit plus viertelstündigem Jazz-Funk-Fusion-Gedonner der zumindest technisch exzellenten »Frank Nimsgern Group« zur Einleitung waren vergessen, als Chaka Khan schon als zweite Nummer einen ihrer ersten Hits brachte: Bei »I’m Every Woman« — von der Band »authentisch« mit stampfendem Disco-Beat unterlegt — waren die Tübinger hin und weg und voll mit dabei.

Danach brachte die Sängerin, die seit Jahren schon nicht mehr in den USA, sondern in London und meistens in Mannheim wohnt, in guter stimmlicher Verfassung mit der Ballade »Sweet Thing« einen weiteren Erfolgstitel aus der »Rufus«-Zeit.

Dizzy Gillespies »Night In Tunisia« geriet schön schräg, den zusammen mit Bruce Hornsby komponierten und aufgenommenen Titel-Track ihres im Januar erscheinenden neuen Albums »Love Me Still« hätte sie sich sparen können: Billig auswechselbar klingende Rock-Funk-Klischees. Immerhin brachten hier der erst 25jährige Saarbrücker Gitarrist Frank Nimsgern und sein Keyboarder Wolfgang Dalheimer gute Soli.
»Ain’t That Peculiar« sang Chaka später, den von Stevie Wonder geschriebenen,
»Grammy«-ausgezeichneten Klassiker»Tell Me Something Good« — und dann unter großem Jubel und mit schlechtem »I wanna hug you«-Gerappe seitens des Hintergrundsängers Marc Stevens den Super-Hit »I Feel For You«.Als Zugabe gab’s »Ain’t Nobody« — von einer da schon wieder deutlich gestreßten Chaka.

Aber sie sang weitgehend ohne Fehl und Tadel — und die sieben Musiker um Frank Nimsgern agierten geschlossen, kompakt und sehr funkig. Der Chef selbst hielt sich — genau wie bei seinem Auftritt im Reutlinger »Jazzclub in der Mitte« vor fünf Jahren — selten zurück und demonstrierte aberwitzige Gitarrenkunst. Wie damals wäre aber wohl auch jetzt ein bißchen weniger viel mehr gewesen. Einen Großteil des restlos begeisterten Beifalls dürfen er und seine Bandkollegen aber für sich verbuchen. (mpg)