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Latin House in der Färberei 4: Mäßig begeisternd

Hunderte Besucher, aber mässige Begeisterung bei der »Latin House Party« in der Reutlinger Färberei 4: Der Musikmix war am Samstag über weite Strecken wirklich vom Feinsten. Dann nämlich, wenn der junggebliebene »DJ Java«, europaweit eine Berühmtheit und ganz offensichtlich ein routinierter Meister seines Fachs, die Latin- House-Rhythmen hochelegant und spannend ineinanderfliessen liess: Plattenlegereien dieser Qualität gibt es im Reutlinger Nachtleben nicht alle Tage zu hören.

Allerdings wollten gar nicht mal so viele unter den hunderten Discofreaks, die in die Disco strömten, die exzellente Arbeit des Discjockeys so recht würdigen. Zwischen Mitternacht und etwa halb drei am Sonntagmorgen, als am meisten los war, tanzten vielleicht zweihundert. Die meisten standen oder saßen einfach nur rum und hielten sich an den Getränken fest.

Bei dem Abend trat neben anderen DJ’s und mehr oder weniger konservierten »Acts« auch Daisy Dee, Moderatorin des Musik-TV-Kanals »Viva« auf. Mit angedeuteten Rap-Sprachfetzen und ein bisschen Herumgehüpfe gelang es der Quasselstrippe erstaunlicherweise, mehr Stimmung in die Bude zu bringen als der berühmte Discjockey. Aus und mit ganz wenig erzeugte Daisy Dee zeitweise richtiggehende Fetenstimmung im Nachtschwärmer-Kollektiv. Insgesamt war die Begeisterung bei dieser »Latin House Party« aber im Vergleich eher mässig.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Kilaueas: Brettharte Surfmusik

Beim Stichwort »Surfmusik« fallen dem Pop-Normalverbraucher die »Beach Boys« ein, der Kenner erinnert sich an genialen Schrammel-Rock von Dick Dale. Ein interessante – und vor allem recht deftige – Variation des Themas gab’s jetzt im Rahmen der Newcomer-Konzertreihe von Micha Raiser und seiner Firma »Slacker Veranstaltungen« in der Reutlinger »Färberei 4« zu hören: Das Stuttgarter Quartett »Kilaueas« trat auf.

Die vier Jungs spielen in klassischer Rock-Besetzung – zweimal Gitarre, Bass, Schlagzeug – und lassen ihr Faible für die Sixties nicht nur mit »alten« Instrumenten durchblicken: Auch optisch signalisieren die »Kilaueas«, dass sie nicht den Dancefloor-Sound der Neunziger für den letzten Schrei halten…

Aber sie spielen auch nicht einfach die alten Songs nach: Eigenständig klingen die »Kilaueas«-Titel, und in ihrer Härte durchaus zeitgemäss. Der Bass knallt durch die Boxen, der Rhythmus ist schnell, ohne Firlefanz und trocken. Darüber gibt’s – mit den Effekten von anno dazumals verzierte – Gitarrenakkorde, die ebenfalls viel wüster klingen, als die meisten Vorbilder aus den 60ern.

In der »Färberei 4« hörten vor der »Alternative Disco« ab 23 Uhr erstaunlich viele zu. Gut 200 werden’s gewesen sein, die den Stuttgartern auch kräftigen Applaus für ihr Konzert spendeten. (mpg)

Jazzkantine: HipHop mit Swing

Beste Stimmung im Publikum, zufriedene Gesichter bei den Veranstaltern der »Jazztage Baden-Württemberg 1998«: Die »Jazzkantine« war mal wieder in der Stadt — und mehr als 600 Fans amüsierten sich prächtig mit den Hip-Hop-Jazz-Köchen, die in der »Färberei 4« routiniert und weitgehend gekonnt das Programm ihrer »Geheimrezept«-Clubtour spielten.

Schon vorher gab’s Qualität zu hören: Die drei Nordlichter von »Dicht« aus Delmenhorst überraschten mit einem locker-humorvollen, aber trotzdem sehr professionellen Set. Die »Master Of Ceremonies« »Sebi H.«, »Dichter Nebel« und DJ »Sparc« mischten in ihrem spartanisch arrangierten, aber sehr groovigen Songs watteweiche »Pur«-Werbungsklänge mit »old school«- Beats, brachten entspannt Ragamuffin mit Samples zusammen, in denen ganz eindeutig noch der Sand von Hawaii steckt.

Das klang sehr frisch, die Texte (»Was ist denn das für’n Spast / der sich fast ohne Rast / mit dem Kicken neuer Texte / in sein Mikrofon befasst?«) zum Teil angenehm selbstironisch und vor allem auch für jene Zuhörer klar verständlich, die »Dicht« vorher gar nicht kannten.

Viel später dann, von den Fans schon mit rhythmischem Klatschen herbeigerufen, der Auftritt der Braunschhweiger Hip-Hop-Bande. Das Programm war im wesentlichen mit dem des Stuttgarter Konzerts vor wenigen Monaten identisch: Jazzkantine-Klassiker wie »Respekt« oder »1234« wechselten mit Electric-Jazz-Stücken (Miles Davis, vergurkt) mit hippen Grooves aufbereiteten Standards (»So What«) und den »Geheimrezept«-Songs.

Der Unterschied: Die »Jazzkantine« spielte — weil Stars wie Rapper »Cappucino« (Bein gebrochen) oder Gunter Hampel (Aufnahmen in New York) und andere nicht mit dabei waren — in kleiner Besetzung. Und eigentlich viel besser als bei den letzten Konzerten: Die Songs kamen für sich betrachtet viel kompakter und »knackiger« als beispielsweise beim letzten »Färberei«-Gastspiel, das Konzert insgesamt war geschmackvoll zwischen Hip-Hop und jazzigen Spielweisen und Jazz-Zitaten ausbalanciert.

Natürlich hatte diese Show innerhalb der »Landes-Jazztage« mit dem »echten Stoff« nur am Rande was zu tun: Den Sound der »Jazzkantine« als Jazz zu bezeichnen, käme ungefähr einer Einstufung Heinos als waschechtem Rocker gleich. Und in so manchem Solo offenbarten die Musiker auf der Bühne — jedenfalls nach Jazz-Maßstäben — verblüffende Lücken, was Spieltechnik oder Improvisationstalent anbetrifft. Nicht nur einer der »echten«-Jazzmusiker aus dem »Mitte«-Team verzog da öfters das Gesicht, als ob ihn die Backenzähne schmerzten.

Um dann beim nächsten Takt gleich wieder die Hüften zu schwenken: Spaß gemacht hat dieser Hip-Hop mit Swing nämlich schon über die komplette Konzertdistanz — den jungen Hip-Hoppern in den ersten Reihen sowieso, aber halt auch »alten Knackern«: Im lauten Beifall waren sich alle in der schwülwarmen »Färberei« einig. (-mpg)

Vivid: Pathetische Hymnen

Ist das jetzt Grunge oder Rock oder Retro-Pop, was »Vivid« machen? Die rund 500 Fans, die das Konzert der momentan ziemlich angesagten deutschen Band jetzt in der Reutlinger »Färberei« miterlebten, interessieren solche Sortierspielchen wahrscheinlich eher weniger — Begeisterung pur war bei den meisten angesagt, als der schöne »Vivid«-Frontmann Thomas Hanrich und seine drei Bandkumpels die Bühne enterten.

Die »Lovebugs« mit ihrer nett-gefälligen Kombination aus Sixties-seligen Harmonien und gezügelter Punkattitüden kamen vorher schon gut an — aber das große Leuchten in den Augen vornehmlich der weiblichen Konzertgäste war erst später zu sehen.

Live tönen »Vivid« noch eine Spur pathetischer, hymnischer als auf der aktuellen CD-Veröffentlichung »Go!«. Neben dem reichlich seltsamen Mikrofon-Handling (Hanrich hält den Schallwandler wie andere ein »Kawumm«-Hascher-Rauchgerät) fällt vor allem die Intensität auf, mit der der Mid-Twen ans Werk geht: Ähnlich geäußerte Innnerlichkeit hat der Tonspion eigentlich nur bei »Talk Talk« (Kennt die jemand noch?) erlebt. Und auch jener Besucher, der sich soundmäßig stark an »Pearl Jam« erinnert fühlte, hat wohl so unrecht nicht.

Wenn sie auch nix bahnbrechend Neues machen, sind »Vivid« live wegen ihrer konzentrierten Ernsthaftigkeit sehr überzeugend — und daß die Jungs kein bißchen nach ihrer Heimatstadt Salzgitter klingen, sondern wie eine US-Band, ist nur ein weiter Pluspunkt. (-mpg)

Element of Crime: Poetische Songs

Auch wenn’s vielleicht äusserlich gar nicht so ausgesehen haben mag — das »Element Of Crime«-Gastspiel am Sonntagabend in der »Färberei 4« ist für Veranstalter Bernd Wurster ein neuerlicher Reutlinger Flop.

»Nur« rund 650 Besucher wollten sich den stillen Sound der Berliner Songpoeten um Sänger Sven Regener anhören — offensichtlich viel zu wenige, um das Konzert wirtschaftlich »über die Runden« zu bringen. Es sind die Reutlinger, die nicht kommen wollten: Im Stuttgarter »Theaterhaus« sahen vor kurzem 1500 die Ex-Indie-Rocker und die meisten Karten fürs »Färberei4«-Konzert gingen in Tübingen über die Theke.

Sei’s drum: »Element Of Crime«-Fans der jüngeren Generation kamen ganz bestimmt auf ihre Kosten. Schon beim letzten Gastspiel von Regener und Co. beim Trochtelfinger Festival — damals hörten übrigens auch nur 350 zu — gab’s sehr leise, atmosphärische Klänge zu hören, und poetisch-nachdenklich-verträumte Texte in »wavig« genuscheltem Deutsch.

Und die Songs der neuen CD »Die schönen Rosen« setzen diese Tendenz fort, sind eigentlich der Sparte »Chanson« viel näher als gewohnten Rock-Stücken.

Manch einem in der »Färberei« mag’s etwas zuviel der abgeklärten musikalischen Ruhe gewesen sein, aber die meisten hörten doch stehend sehr konzentriert zu — und spendeten besonders Sven für seine Trompetensoli viel Beifall. (-mpg)

Hannes Wader: Ab in die Zeitmaschine

Wer um die Stimmung sonst bei Konzerten in der Reutlinger »Färberei 4« weiß, erkannte die Atmosphäre der »Kulturfabrik« kaum wieder. Mit dem 54jährigen Liedermacher Hannes Wader gingen rund 450 Besucher gereifteren Alters — die meisten Gesichter hat man vorher noch nie in der »Färberei« gesehen — auf eine Zeitreise: Zurück zu den politisch stürmischen 70ern, als Waders Gefolgschaft noch in Tausender-Einheiten zu zählen war.

Er ist sich treu geblieben, der sperrig-kantige Bänkelsänger wider das Unrecht dieser Welt — und das honorieren auch zumindest seine Fans in der »Färberei 4«. »Als ich ’77 in die DKP eintrat, hatte das einen fast totalen Medienboykott zur Folge«, sagt Wader, »die heutige Redakteursgeneration verbindet mit meinem Namen kaum noch etwas. Ich seh‘ das als eine Chance, von einer der nächsten Generationen wiederentdeckt zu werden«.

Bis dahin macht er sanfter, aber in seinem aufklärerischen Anspruch unbeirrt weiter, und erscheint in der »Färberei« wie ein — allerdings ziemlich wacher — Anachronismus: Die Anmoderationen sind oft länger als die Stücke selbst, die Wader mit seiner charakteristischen, in den hohen Lagen knödelnden und fast immer tremolierenden Stimme zur eigenen Gitarrenbegleitung anstimmt.

Nein — Moderation kann man das ganz und gar glanzlose, knochentrockene und zutiefst nachdenkliche Herausquälen von Worten eigentlich nicht nennen; wäre da nicht ab und zu ein kleines Lächeln auf des Barden Lippen — man würde nicht auf die Idee kommen, dass Wader seinen Job gerne macht.

Sein Gitarrenspiel, besonders sein Fingerpicking, ist nach wie vor äusserst routiniert, sehr effektiv und meistens auch recht flüssig für einen, der seine »eigenen Lieder total vergißt, wenn er sie vier Wochen nicht gespielt hat«.

Neben den neuen Songs, den »Zehn Liedern«, geht Wader immer wieder zurück zu den Stücken, die ihn in so manchem Schulbuch »verewigt« haben. Die »Moorsoldaten« zum Beispiel werden von den Reutlingern mit donnernd marschierendem Klatschen begleitet — und auch sonst sind seine Fans sehr angetan von dem Konzert.

Auch wenn die oben zitierten »nächsten Generationen« zumindest in Reutlingen wegblieben — vergessen ist Wader (»Ich bin ein Klassiker!«) offensichtlich noch lange nicht. (mpg)

Handsome Family: Intelligent, witzig, hervorragend

Die Reutlinger Rockfans haben jetzt mal wieder ein sehr gutes Konzert verpaßt. Zum »Färberei«-Abstecher  der »Handsome Family« aus Chicago kamen die Zuhörer sozusagen nur handverlesen — und hörten erlesenen, sehr intelligent gemachten, oft witzig getexteten Rock.

Beziehungsweise Country: Das Trio mit der singenden Bassistin Rennie Sparks, ihrem Mann Brett an der Gitarre und Drummer Mike Werner hat sich als äußeren Rahmen eben die ländliche Musik des US-Mittelwestens herausgesucht. »Wir nehmen die musikalischen Formen nicht sonderlich ernst«, sagt Rennie. Das merkt man — und genau darüber freuen sich auch die zwei Dutzend Fans in der »Färberei« auch ganz besonders.

Ihr Mann singt zwar wie eine Kreuzung aus (T) Johnny Cash und Hank Williams, aber wenn er dann aus den einlullenden Harmonien auf seiner »Gibson« plötzlich in erbarmungslos verzerrtes »Grunge«-Gedröhne abrutscht, dann hat sich das mit der Country-Seligkeit.

Die kompakt-schräge Musik des Trios findet seine Entsprechung in den bizarren, stellenweise surrealistischen Texten von Rennie. Die Bassistin sieht sich eher als Schreiberin denn als Musikerin: »Mit Songs erreicht man einfach mehr Leute auf einmal als mit Literatur«.

Und so singt sie dann von dreibeinigen Hunden, Menschen, die sich in Riesenameisen verwandeln oder einem Pudel, der sich für einen Cowboy hält.

Kurz: Die »Handsome Family« klingt, als ob »Franz Kafka einen Trip eingeworfen und dann eine Handvoll Country-Songs geschrieben hätte«, wie der altehrwürdige »Rolling Stone« mal treffend formulierte. Wer das Konzert verpaßt hat, mag (nein: sollte) vielleicht ins aktuelle Studio-Werk der »Handsome Family« reinhören. »Milk and Scissors« heisst die Scheibe. (mpg)