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Bernd Konrad: Toller Jazz mit tiefen Hörnern

Ein packendes Jazzkonzert erlebten rund 120 Besucher am späten Mittwochahend im Kasino der Heinzelmann-Fabrik: Der international renommierte Ausnahme-Saxophonist Bernd Konrad spielte zusammen mit seinem Reutlinger Horn-Kollegen Rudi Schäfer und dessen Gruppe »Extrapolation« im Rahmen der Landeskunstwochen fast zweieinhalb Stunden lang Jazzmusik vom Feinsten.

»Bariton-Summit« war der Ahend überschriehen — und in der Tat: Konrad und Schäfer zeigten auf den tief klingenden und sehr schwer zu spielenden Instrumenten wahre Meisterschaft — und nicht nur da. Beide wechselten immer wieder zu den kleineren Vertretern der Saxophonfamilie und begeisterten mit ihrem Spiel die bis auf wenige Ausnahmen sehr konzentriert wirkenden Zuhörer.

Der Rest von »Extrapolation« — das ist eine der ältesten und besten modernen Jazzformationen der Region — war genausogut aufgelegt wie die beiden Bläser; Gitarrist Peter Remmele, Schlagzeuger Günter Schulz und Joachim Fritz am Bass gingen weit über Begleiter-Funktionen hinaus und erwiesen sich (wieder einmal) als tolle Musiker, die perfekt aufeinander eingespielt sind, ohne jemals langweilig zu sein.

Am Beginn des Konzerts stand der Titel, der der Reutlinger Formation zu ihrem Namen verholfen hat: Das Stück »Extrapolation«, vom Gitarristen John McLaughlin geschrieben, bringt gerafft all das zu Gehör, was die Reutlinger Band musikalisch auszeichnet. Das Ensemble wechselt ausgewogen zwischen kompaktem Gruppenklang und solistischen Ausflügen aller Musiker, fühlt sich gleichermaßen im Jazz wie im Rock zuhause und kombiniert kontrastreich verschiedene musikalische Elemente zu einer spannenden Einheit.

Der 43jährige, mit Preisen vielfach ausgezeichnete Bernd Konrad, Leiter des Landesjugend-Jazzorchesters und seit 1986 Professor für Jazz- und Popularmusik an der Stuttgarter Musikhochschule, stellte sich dann musikalisch ganz alleine am Baritonsax vor.

Mit ganz leisen, luftigen Tönen, wirkungsvoll kontrastiert durch für das Instrument typische schnatternde Klänge und machtvolle, dröhnende Sounds, erklärte er all denen, die es noch nicht wußten, ohne Worte die Faszination dieses Instruments.

Dann wechselten sich die beiden Saxophonisten, die trotz der stellenweise sehr verzahnten Melodik immer gut zu unterscheiden waren — Schäfer phrasierte rauher als Konrad —, in der Führung der Band und an den Instrumenten ab und liessen sich immer wieder auf intelligente »Duelle« untereinander und mit anderen ein.

Und da zeigten sich dann auch die Qualitäten von Gitarrist Remmele und ganz hesonders von Joachim Fritz, der an diesem Abend sehr locker und gelöst seine Saiten zum Singen brachte — nicht zu vergessen den Schlagzeuger Günther Schulz: Er spielte üher weite Strecken exakt und unauffällig; seine feinziselierten Muster waren dennoch komplex. Besonders intensiv wurde sein Spiel, als er an einer Stelle mit weichem Schlegel seine Trommeln bearheitete.

Die Zuhörer erlebten ein Wechselhad musikalischer Gefühlsäußerungen: Ging es im ersten Stück nach der Pause fast schon rockig zu, begann »Die Insel«, ein Stück von Konrad, mit zärtlich gehauchten Tönen, um sich dann dramatisch zu hitziger Intensität zu steigern. Die Musiker spielten auch ein Stück, das auf einer türkischen Skala basierte, später schlich sich ein Blues ein und am Ende setzte Konrad mit einer langen Linie nahtlos aneinander gereihter Triller eipen furiosen Schlusspunkt unter dieses gute Konzert. Die Zuschauer applaudierten heftigst und bekamen um halb eins in der Nacht noch eine Zugabe. (mpg)

Extrapolation: Sehr schwarz

Joachim Ernst Berendt, der bekannte Jazzexperte, sagte einmal, der europäische Jazzer habe Bereiche gefunden, die in Amerika noch weitgehend unbekannt sei en und den europäischen Jazz endlich auf eigene Füße stellen würden.

Der Gruppe »Extrapolation«, die am Samstag abend in der »zelle« spielte, gelang diese Profilierung recht mühelos. Die vier Musiker, darunter Rudolf Schäfer an verschiedenen Saxophonen und der überraschend gute Frank Thalhofer an der Gitarre, mischten Hard Bop, New Jazz und Rockjazz überzeugend zu einer neuen Musik.

Viele europäische, besonders deutsche Jazzrockformationen klingen bei aller Traditionsbewußtheit doch sehr glatt; es gibt zwischen den Musikern kaum Reibungspunkte. Das »United Jazz & Rock Ensemble« ist eine der wenigen Ausnahmen; »Extrapolation« geht in dieselbe Ribhtung.

In der »zelle« spielte die Gruppe sowohl eigene Kompositionen, wie auch Stücke von McLaughlin oder Hans Koller. Immer aber wurde aus den Stücken ein spannendes Erlebnis. Rudolf Schäfer begann zusammen mit der Gitarre ein Thema, von dem die Musiker sich immer weiter entfernten, um dann irgendwann wieder zu einer Linie zusammenzufinden. Die eigenen Stücke der Gruppe waren allesamt sehr gefühlvoll und sanft. Schlagzeuger Marc Feigenspan, der an Al Foster von der Miles Davis Group erinnerte, sorgte allerdings zusammen mit Joachim Fritz am Bass für energiegeladene und sehr funkige Zwischenspiele.

Das Publikum konnte mit den Klängen anscheinend nur bedingt etwas anfangen: Anders war der relativ hohe Geräuschpegel unter den Besuchern kaum zu erklären. Es gibt halt in Reutlingen viel zu wenig Auftrittsmöglichkeiten für Amateure — da kann ein Publikum mit geschulten Ohren dann auch nicht vorausgesetzt werden. Obwohl »Extrapolation« eine Reutlinger Gruppe ist, spielt sie mehr im Grossraum Stuttgart. Rudolf Schäfer: »Mehr als zwei oder drei Auftritte in Reutlingen pro Jahr sind nicht drin.« (mpg)