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Hans Reichel & Wädi Gysi: Zum Staunen

Das Reutlinger »Cafe Nepomuk« lud am Montag zum ersten Experimental-Konzerttermin der neuen Saison ein. Zu Gast waren vor kleinem Liebhaber-Kreis die beiden Avantgarde-Gitarristen Hans Reichel und Wädi Gysi. Hörern »normaler« populärer Stile werden die Namen der beiden Musiker wohl noch nie begegnet sein; bei Schrägton-Fans, die mit Fred Frith, John Zorn oder der hinreißend lakonisch-frechen Songwriterin Amy Denio etwas anfangen können, gehört zumindest Hans Reichel in die erste Musikanten-Reihe.

Warum, wurde auch wieder im »Nepomuk« klar: Reichel zeigte sich mit grosser Ernsthaftigkeit, aber nicht ohne verschmitzten Humor als ein verspielter Klang-Sucher, der dem bereits Bekannten etwas — nicht nur auf den ersten Ton — Neues hinzufügt. Den Gitarren-Vibrator, mit dem Gysi manchmal eine Extraportion Saiten-Gewimmere (der Begriff Tremolo trifft nicht . . .) erzeugte, kennt man auch von anderen »Noise«- Gitarristen. Ebenso konventionell (jedenfalls aus Sicht des Genres) schien Reichels Idee, ein Lineal in Höhe der Tonabnehmer unter die Saiten seiner E-Gitarre zu klemmen und damit schnarrend-perkussive Sounds zu erzeugen. Auch gab’s in dem — wohl weitgehend frei gespielten — Konzert manche Leerlauf-Stellen, bei denen das Duo mit dezenter Effekthascherei über fehlende musikalische Aussagekraft hinwegzutäuschen versuchte.

Aber Reichel zeigte halt auch — und das machte den Abend im »Nepomuk« mal wieder zum besonderen — höchst unkonventionelle Tonerzeugungs-Experimente, die selbst abgebrühte Hörer Staunen machen konnten. Auf einem ausgedienten Fotostativ war eine Art Schraubstock aus Edelholz montiert, darin offensichtlich ein Tonabnehmer eingebaut. In diese Gerätschaft spannte Reichel verschiedene, kaum 20 Zentimeter lange, filigrane Holz-Teile ein, die in den Formen entfernt an Metall-Feinsägen erinnerten.

Mit einem Violin- beziehungsweise Cellobogen zur Schwingung angeregt und mit Hilfe eines mehrfach gekanteten Holzblocks auf unterschiedliche Tonhöhen gestimmt, liess das Reichels selbsterfundenes »Daxophon« auch den modernsten Synthesizer im Regen stehen: Schier unglaublich »menschliche« Töne brachte der Experimentalmusiker hervor. Vom zufrieden-zustimmenden Brummeln bis hin zum fast schon aufgeregt klingenden Gespräch, von harten, dunklen Perkussiv-Tönen bis zu säuselnd-zarten Flötentönen im Diskant reichte die Palette diese so sanglich spielbaren, extrem obertonreichen Instruments. Da waren sich dann die drei Dutzend begeisterten Besucher des Ausnahme-Erlebnisses sicher: Ein Duo zum Staunen eben.   (-mpg)