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The Berserkers: Punk in klassischer Machart

Neben Spiro gastierte am späten Mittwochabend auch die holländische Combo Berserkers im gut besuchten Tübinger »Epple-Haus« — und lieferte dort ein lautes, schnelles und knüppelhartes Konzert mit Punk mehr oder minder klassischer Machart.

Die vier um Sänger und Gitarrist Paul Phönix haben gerade erst ihre zweite Platte veröffentlicht und klingen doch abgebrüht und routiniert wie ganz alte Hasen.

Im »Epple-Haus« fetzen die Berserkers — musikalisch tatsächlich irgendwo zwischen AC/DC, den Stooges oder Ramones angesiedelt — einen Zwei-Minuten-Kracher nach dem anderen herunter: High-Speed-Punkrock der einfachen, aber effektiven Sorte gibt’s, sehr zur Freude der Tübinger Punker, die bei diesem »Epple«-Gig mal wieder ausgiebig Pogo tanzen durften.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

The Cheeks: Beat, heftig

Schon ulkig — da macht eine hand voll junger Musiker aus Solingen Musik, die sich anhört, als würden die .frühen »Starclub«-Beatles auf »The Clash« und spätere böse Brit-Punkrock-Buben treffen: Die »Cheeks« waren jetzt im Tübinger »Epple-Haus« zu Gast und zelebrierten eine schnelle, ziemlich harte Beat-Show.

Sänger Kono scheint die Songs körperlich zu durchleben, auch der Rest der Band schuftet schwer und laut an so genanntem »vintage«-Instrumentarium: Der Sound der »Cheeks« ist sorgfältig Sixties-mässig muffelig angelegt, das Songtempo geben allerdings die Neunziger vor.

Am Tag vor dem Tübinger Konzert hatten die Rocker aus dem Pott einen Offday und hatten so »viel zu viel Energie übrig« (O-Ton Kono). Das mag schon sein — ein bisschen eigenständiger und griffiger hätte der Power-Beat der »Cheeks« in Tübingen allerdings schon sein dürfen.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Systemhysterie: Starker Deutsch-Rock

Am Mittwoch hat sich ein Besuch im Tübinger »Epple-Haus« definitiv gelohnt – zu hören gab es dort hervorragenden, musikalisch zeitgemässen und textlich alles andere als grob gestrickten Deutsch-Rock von »Systemhysterie«.

Rein musikalisch betrachtet pflegen die Hannoveraner Twens »The Art Of The Trio«; wie so oft schon anderswo tut die instrumentale Reduktion auch dem knallharten    »Systemhysterie«-90er-Rock mit gelegentlichen Beat-Anklängen sehr gut.

Zumal die Band neben dem höchst überraschend abwechslungsreichen Bassmann Torge Bleicher und dem mindestens so energetisch wie filigran trommelnden Nikolas Faust mit Tim Hespen noch einen charismatischen Sänger besitzt, der nicht wie viele andere Vokalisten nur hilflos auf seiner Gitarre herumschrammelte, sondern richtig gute Riffs und Sololinien hinlegte.

Zur guten Musik kamen aussagekräftig-plakative Texte. »Es wär naiv zu meinen / die Faschisten würden weinen / wegen diesem oder jenem Lied«, heisst es im »Systemhysterie«-Stück »The Problem Of Making Protestsongs«, einer ebenso scharfsinnigen wie bösartigen Auseinandersetzung mit Betroffenheits-Rockern.

Symphatisch – und ganz anders angelegt als das Original – »Du knallst In Mein Leben« von Udo Lindenberg, hoch poetisch Songs wie »Zwanzigtausend Meilen Unter Null« oder »Mehr Gold‘ hab‘ ich Nicht«. Fazit: Ein klasse Konzert von einem künstlerisch reifen Trio. Hoffentlich gibt’s bald ein Wiederhören.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Lacuna: Melancholie-Grunge

Neben der »Soapbox« gab’s jetzt im Tübinger »Epple-Haus« auch die Saarbrücker Band »Lacuna« zu hören.

Mit gängigen Deutschrock-Spielarten hat das Quartett rein überhaupt nichts am Hut – die Bande um den hart rackernden Frontmann (Gitarre / Gesang) Marko Bach ist mit Sicherheit näher an »Pearl Jam« oder »Soundgarden« dran als an irgendwelchen deutschen Kollegen.

Das Grunge-/Crossover-Gemisch von »Lacuna« auf oben genannte Richtungen zu reduzieren, wäre ungerecht: Durch den eigenständigen Gitarrensound von Marko und Leadgitarrist Fabian Fuchs hat die »Lacuna«-Musik einen Hang zu Wüstenrockern – auch jemand wie Rich Hopkins würde sicher anerkennende Worte für die Saarländer finden.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Sonny Vincent: Schnell, hart und laut

Seine Biografie hätte im Hirn eines fantasiebegabten Filmregisseurs entstehen können: Auf den Strassen von New York aufgewachsen, mit 14 die ersten Shows im Village, später wenig Show in diversen Besserungsanstalten, ab Mitte der Siebziger Punker mit allem was dazugehört.

Sonny Vincents Vita liest sich wie die des Prototyps eines Rebellen: Als Gründer und Gitarrist bei den »Testors« gab’s nicht nur Schlagzeilen in den einschlägigen Fanzines, sondern auch permanent Stress mit der Polizei, Drogenfahndern und Hotelmanagern.

Die ganz wilden Zeiten sind vorbei, Vincent beschränkt sich seit einigen Jahren auf ’s Plattenmachen und Club-Touren.

Am Mittwoch war er vor rund 120 Fans im Tübinger »Epple-Haus« zu Gast. Und beschränkte sich – im Gegensatz zu Kollege Iggy Pop, der erst vor kurzem in Esslingen auf peinliche Weise den Kasper mimte – auf das, was er schon immer konnte: Dem Publikum kleine, fiese Zwei-Minuten-Bretter am laufenden Band vor den Kopf zu hauen.

Die extrem harmoniearmen, schnellen und knallharten Punk-Stückchen bringt der Oldie mit viel Energie und Rotzigkeit: Gut gebrüllt, Herr Vincent! (mpg)

New Bomb Turks: Derb und Cool

Die »music factory« ist in der Region (und auch noch ein bisschen darüber hinaus) als erste Veranstalter-Adresse in Sachen Derb-Rock (-’n’Roll) bekannt.

Am Freitag lud die factory zum Dreierkonzert mit den US-amerikanischen »New Bomb Turks« ins »Sudhaus« ein. Und wieder strömten 500 Fans hin – Zeichen dafür, dass der Bedarf an Derb-Rock hier gross ist.

»Dreimal den ultimativen Arschtritt in musikalischer Hinsicht«, versprach die Ankündigung den Fans – und das Versprechen wurde gehalten. Die Vorgruppen – aus Balingen die »Stereo Satanics« mit starkem Sixties-Einfluss sowie die Sindelfinger »R’n’R Stormtroopers« – bemühten sich redlich und erfolgreich, das Pogo-Volk vor der Bühne in Stimmung zu halten.

Die kochte aber erst schier über, als das Punk-Quartett aus Columbus/Ohio die Bühne enterte und den Fans »das Brett« gab. Zur gnadenlos harten Musik tanzten sich die Fans schweissnass – und trotz des harten »Sudhaus«-Bodens war heftiges »stagediving« angesagt. (mpg)

Hypnotix: Psychedelic-Reggae

Eins ist sicher — übertriebenes Festhalten an überlieferten Roots-Reggae-Elementen kann man den »Hypnotix« nicht vorwerfen.

Am Freitag gastierte die europäisch-afrikanische Musikerallianz — Dub-Poet »Bourama« zieht mit tschechischen Musikerkollegen durch die Lande — im Tübinger »Epple«; der Sound der in Osteuropa sehr angesagten Band ist tatsächlich etwas Besonderes im »Irie, Irie«-Einerlei.

Zum typischen, verschobenen Beat (den die »Hypnotix« sehr exakt, aber nicht gelangweilt spielen) der jamaikanischen Musik kommen jede Menge‘ kompetent reproduzierte Zitate aus dem Heavy- und Crossoverlager.

Und sogar Psychedelica aus den Sixties lassen die »Hypnotix«Mitglieder recht locker in ihr grundlegendes Dub-Geblubber mit einfließen: Zwar trifft da nicht »Pink Floyd auf Mutabaruka«, wie ein britischer Popkritiker mal formulierte — aber die Kombination aus harmonischer Hippie-Seligkeit, scharf akzentuiertem Rhytmus und politisch recht deftigen Textaussagen kommt auch ohne plakative Hilfestellung an.

Der Szene-Blätterwald weissagt den »Hypnotix« eine grosse Zukunft. Der Tonspion schließt sich an. (-mpg)