Schlagwort-Archive: Dizzy Martin Krisch

Dizzy Krisch: Werkschau von Bach bis zur Moderne

Fast alle mit Rang und Namen in der regionalen Jazzszene gaben sich am Freitag ein Stelldichein beim Eröffnungsabend der 2. Tübinger Jazz & Klassik Tage: Im Gegensatz zur Erstauflage des Festivals, als nur rund 70 Jazzfans den Premierenabend besuchten, war diesmal der grosse Sudhaus-Saal gestopft voll.

Festival-Sinn, Künstler und Inhalte haben bei diesem furiosen Abend, der locker und ohne Brüche ein Viertel Jahrtausend Musikgeschichte umspannte, hervorragend zusammengepasst: Dizzy Krisch, seit zwanzig Jahren wohl der meistbeachtete aller Tübinger Jazzer und als Vibraphonist europaweit eine grosse Nummer, präsentierte eine »Werkschau«, wie er es selber nannte – mit mehr als einem Dutzend Mitmusikern sowohl aus dem »E«- wie auch dem »U«-Lager in verschiedenen Besetzungen.

Die verschiedenen Festredner übten sich im Wesentlichen in der Kunst der Beschränkung – nur Saxophonist Helmut Müller, seit langen Jahren Freund von Dizzy und ebenfalls Motor der lokalen Jazzszene, durfte in gewohnt launisch-amüsantem Plauderton weiter ausholen: Er streifte die Vita des Vibraphonisten, erklärte das Instrument und klärte die Frage, wie ein achtjähriger Bub – Martin »Dizzy« Krisch eben – vor Jahrzehnten in Schramberg mitten im Schwarzwald ausgerechnet dazu kam, dieses exotische In strument spielen zu wollen.

Ganz einfach: Dizzys Vater war selber Musiker, hatte das damals sehr bekannte »Krisch-Quartett« – und weil Proberäume auch schon in den 50ern Mangelware waren, stand das Vibraphon im Wohnzimmer der Krischs, wo das Quartett übte.

»Mehrere Stunden täglich« hat der kleine Dizzy damals schon die Metallplatten mit Schlegeln bearbeitet und mit seinen Brüdern ein – ebenfalls erfolgreiches – »Junior Krisch Quartett« gegründet. Müller berichtete, dass Dizzy zu der Zeit noch keine Noten lesen konnte und sich alle Stücke durch Nachspielen erarbeitete – eine wahre Ochsentour, aber dem musikalischen Verständnis ungemein förderlich.

Wie gross, umfassend, empfindlich und empfindsam Krischs Musik-Sinn ist, bekamen die Zuhörer dann in einem Mammut-Konzert mit.

Zuerst war »Ernstes« angesagt: »Mich haben Leute gefragt, warum ich denn hier ausgerechnet Bach spielen will. Der einzige Grund ist: Weil mir seine Musik so gut gefällt«, sagte Dizzy – und versetzte unter anderem im Agnus Dei aus der h-Moll-Messe das Publikum mit seinen zarten Linien zum ersten Mal in Begeisterung.

Hier spielten Susanne Götz (Flügel, Cembalo) und Cellist Jonathan Gray mit Krisch, Birgit Gentner-Kuderer (Alt) und Wilfried Rombach (Tenor) sangen – und alles tönte sehr selbst verständlich, geschlossen – fast so, als ob die Musik von vorneherein auch für Vibraphon geschrieben worden wäre.

Der Übergang zum »klassischen« Jazz, zu wunderschön swingend gespieltem Gershwin, geriet fliessend. Schon im Bach-Teil war Dizzys Bass spielender Bruder Thomas dazugestossen – Milt Jacksons »Blues in C« (den das »Modern Jazz Quartet« ja auch auf seinem »Blues On Bach«-Album veröffentlichte) liess die Entfernung zwischen dem Barock und der Mitte des vorigen Jahrhunderts zusammenschrumpfen.

Mit dem Erscheinen von Claus und Anselm Krisch (beide Klavier), Drummer Dieter Schumacher und Tenorsaxophonist Jason Seizer wurde es dann – ganz im Mainstream-Jazz-Verständnis – immer »heisser« im Sudhaus: Da gab’s dann, auch im Duo nur mit Schumacher, jenen Dizzy zu hören, den die Jazzfans aus vielen Clubkonzerten und Sessions kennen.

Am Ende des dreieinhalbstündigen Musik-Marathons gab’s teilweise schön rockige und funkige Töne zu hören. Da stand Dizzy dann – bevor er sich ganz am Ende nochmal solo am Flügel zeigte – mit Jochen Feucht (Saxophone), Gitarrero Frank Wekenmann, Bassist Eric Ruby und Drummer Martin Teufel auf der Bühne: Diese »Fusion Section« machte ordentlich Dampf und sorgte im Sudhaus für allerbeste Laune.