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Rainer Tempel: Jazzpreis für Spitzen-Jazzer

»Mein Gott, ihr erkennt mich gar nicht wieder«, meinte der Tübinger Pianist, Komponist und Arrangeur Rainer Tempel am Sonntagabend, als ihm im voll besetzten großen Sudhaus-Saal der 18. baden-württembergische Jazzpreis verliehen wurde.

In der Tat verschlug es dem sonst so locker-witzig moderierenden Jazz-»Käpsele« an diesem Abend doch tatsächlich mehrfach vor Aufregung die Sprache. Dabei hat er nicht nur unserer Meinung nach den mit einer für Jazz-Verhältnisse recht ansehnlichen Summe dotierten Preis schon lange verdient: Auch die lediglich fünfköpfige Jury um die Stuttgarter Jazz-Publizistin Gudrun Endress hat jetzt erkannt, dass so jemand wie Tempel, der ja schon als ganz junger Teen und Twen mit der Combo Modern Walkin‘ für Aufsehen sorgte, ziemlich einzigartig in der deutschen Jazzlandschaft ist.

Speziell für sein Können als Komponist und Arrangeur wurde dem 31-jährigen Jazzer im Sudhaus vor über 160 geladenen, mehr oder minder wichtigen Ehrengästen und vielen Freunden sowie praktisch der gesamten Tübinger Jazzer-Szene vom Landesminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Prof. Dr. Peter Frankenberg, die Urkunde überreicht.

Vorher spielte der »ungekrönte« Zweitplatzierte, der Karlsruher exzellente Trompeter Thomas Siffling, ein hoch energetisches, hoch spannendes und trotz aller Kontrolle ungemein lässiges Set modernen Jazz, nachher machte Tempel – zwar angespannt und diesmal zunächst alles andere als lässig – wieder einmal mit seiner Bigband klar, warum er den Jazzpreis wirklich verdient hat: Auch die neuen Kompositionen vom »Album 03« brachten ungemein originell komponierten und arrangierten, von Anfang bis Ende spannenden großorchestralen Jazz an die Zuhörer.

Egal, ob »Metropol«, »The Night Comes Down« oder »Soft Wind« -Tempel schaffte es auch hier wieder, Stücke »seinen« treuen Musikerkollegen in der Bigband sozusagen auf den Leib zu schneidern, dem Publikum abwechslungsreiche und intelligente Jazz-Kost zu bieten und dabei eine feine Balance zwischen seinem profunden Wissen um die Bigband-Tradition wie auch seinem ureigenenen, rhythmisch wie harmonisch unverwechselbaren Stil zu halten.

Andere Musiker suchen ein Leben lang nach solcher Klasse, Rainer Tempel hat sie schon, wir haben’s immer wieder betont, seit Jahren.

Wohl auch deswegen vereint er in seiner Bigband Spitzenleute wie Mark Wyand, Oliver Leicht, Markus Bodenseh, Gerhard Gschlößl, Siffling und andere Cracks. Wegen dem besseren Fahrtkostenzuschuss (mehr kann bei so einem Jazz-Ensemble nicht rausspringen) alleine würden diese deutschen Edel-Jazzer die Mühen ganz bestimmt nicht auf sich nehmen.

Die vielen Zuhörer im Sudhaus spendeten Rainer Tempel und Co. (als Stargast war wieder mal Trompeter Claus Stötter mit von der Partie) artig bis ehrlich begeistert Applaus. Und beim nächsten Mal bringt Tempel, der im Verlauf der langen und nur in den nicht-musikalischen Teilen stellenweise leer laufenden Veranstaltung dann doch noch ein wenig auftaute, ohne Zweifel sicher auch wieder seine gewohnt kabarettreife Leistung als
Conferencier…

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Konzert Jazzpreiszträger BaWü 2002: Sechs auf einen Streich

Zugegeben, die Idee war klasse: Zum 40. Geburtstag des Reutlinger »Jazzclubs in der Mitte« gleich sechs Landes-Jazzpreisträger (und damit »rund 90 000 DM Preisgelder«, wie Bassist Thomas Stabenow ironisch bemerkte) auf der Bühne des Jazzkellers in der Gartenstraße zu versammeln, war von den Rahmenbedingungen her eine einzigartige Sache: So eine Preisträger-Band hat’s noch nicht gegeben.

Die großen Jazz-Namen Baden-Württembergs haben dann auch kräftig Besucher angezogen: Mit rund 100 Besuchern war die »Mitte« bis auf den letzten Platz gefüllt, die Gesichter der Zuhörer von erwartungsvollen Mienen geprägt.

Enttäuscht konnte zumindest von den solistischen Leistungen keiner sein. Die »Rhythmusknechte« Michael Kersting (Schlagzeug) und Thomas Stabenow (Bass) machten nicht nur ihre Band-Jobs gut, sondern zeigten Erstaunliches auf ihren Instrumenten — Stabenow bewies wieder einmal, dass er zu den sanglichsten Tieftönern weit und breit gehört.

Pianomann Gregor Hübner griff zwischendurch auch zu seinem Hauptinstrument Violine und begeisterte da viele, Claus Stötter brachte die bekannt herausragende Qualität auf dem Flügelhorn. Und die beiden Saxophonisten Klaus Graf und Ekkehard Rössle lieferten sich ein ums andere Mal richtiggehende Sax-»Battles«, kontrastierten einander mit ihren unterschiedlichen Tonfärbungen recht interessant.

Aber: Das Sprichwort von den vielen (Spitzen-)Köchen, die den Brei dann nix werden lassen, traf wohl auch zumindest im ersten Konzertteil zu. Weder erreichte die All-Star-Formation (die sich ja nur für diesen einen Abend zusammengetan hatte) die musikalische Geschlossenheit und Überzeugungskraft der Stammformationen der einzelnen Musiker, etwa von Stötters »Nevertheless«, noch wirkte sie besonders homogen.

Im Grunde genommen war das Konzert eine Session mit allen Vor- und Nachteilen eines solch lockeren Zusammentreffens — aber wenigstens eine Jam auf solistisch hohem Niveau.

Wohl auch deswegen war der Beifall der Besucher für die Landes-Jazzpreisträger stellenweise fast schon frenetisch.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Rainer Tempel & NDR Big Band: Geschichten aus einer anderen Zeit

Auch auf die Gefahr einer Wiederholung hin: Schier unglaublich, wie viel der Tübinger Pianist, Komponist, Arrangeur und Bandleader Rainer Tempel wie gut kann. Nicht nur, dass der für Jazz-Verhältnisse blutjunge Musiker ein ausgezeichneter und ebenso hochmusikalisch wie effizient spielender Pianist in einer Vielzahl von Projekten war und ist, nicht nur, dass er eine eigene (!) Bigband am Laufen hält, er schreibt auch mehr oder weniger die komplette Musik für dieses Ensemble und kleinere Formationen und arrangiert sie auch noch (am Klavier, nicht auf dem Computer).

Jetzt, zur Eröffnung des Mammutprogramms der »3. Tübinger Jazz- und Klassik-Tage«, hat Tempel mit »Tales From Other Times«, einer gut 50-minütigen Bigband-Suite, eine weitere »Meisterleistung« vorgelegt.

Ganz zu Anfang gab’s Einführungsworte von Sven Gormsen, dem Chef des veranstaltenden Vereins, und der Tübinger Oberbürgermeisterin Dr. Brigitte Russ-Scherer, die wieder die Schirmherrschaft über die »Jazz- und Klassik-Tage« übernommen hatte.

In der zweiten Konzerthälfte spielte die weltweit renommierte Bigband des Norddeutschen Rundfunks im wesentlichen Stücke des Solotrompeters des Abends: Claus Stötter, jahrelanges Trompetenaushängeschild in Tübingen und jetzt reguläres
Mitglied der NDR Bigband, wurde zu Recht von den Besuchern im ausverkauften grossen LTT-Saal mit viel Beifall bedacht.

Der Knüller des Abends aber waren die »Geschichten aus einer anderen Zeit« — und Tempels wie immer witzige Anmoderationen sowieso. Das hat’s noch nicht gegeben, dass ein Bigband-Leader als erstes bei einer Festival-Eröffnung stocktrocken meint: »Guten Abend, schön, dass so viele gekommen sind —was mich gleich dazu bringt, ob jemand eine Vier-Zimmer-Wohnung für meine Familie, zweieinhalb Meter Klavier und mich weiss…«

Da hatte Tempel schon (wieder) die ersten von vielen Lachern auf seiner Seite.
Und dann erzählte er – ohne Worte – »Tales From Other Times«. Mit dem Titel fangen wir nicht besonders viel an, aber die Musik war, in acht Teilen, ziemlich einzigartig: Tempel hat das komplette Dynamik- und Klangfarbenspektrum, das ihm eine Bigband bietet ausgenützt; da gab’s tonal minimalistische Passagen in kleinster Besetzung ebenso wie volles Blech mit groovender Unterstützung der ausgezeichneten Schlagzeug- und Perkussionabteilung der Hamburger.

»Tales From Other Times« waren hochrhythmische Geschichten mit den für Tempel-Kompositionen typischen unerwarteten Wendungen, was Harmonik und Arrangements betrifft. Die Hamburger dürften die Suite des Tübingers schon alleine deswegen gerne gespielt haben, weil Tempel als Komponist so gut wie jeden ausführlich drankommen liess. Minutenlangen donnernden Applaus gab‘ für Tempel, Stötter und die 17 NDR-Musiker. (mpg)

Rainer Tempel Big Band: Jazz-Mannschaft umjubelt

»Was lange währt, wird endlich gut«; der Satz von Rainer Tempel zur Einleitung seines Bigband-Konzerts im »Sudhaus« klang durchaus befriedigt. Ist ja auch schön, wenn ein »lokaler« Musiker, Nischen-Mann mit Ausrichtung Jazz noch dazu, die Zuhörer in Hunderter-Einheiten anzieht: Bei der kleinen Gala zum fünfjährigen Bestehen der Bigband war der grosse Saal des Kulturzentrums wirklich bis auf das allerletzte Stehplatz-Eckchen gefüllt.

Das war nicht immer so: Als Tempel vor fünf Jahren seine »Wahnsinnsidee« einer eigenen Bigband kurzerhand mit Studienkollegen und Freunden in die Tat umsetzte, standen teilweise genauso viele Leute auf der Bühne wie unten zuhörten.

Das war nur eine Frage des Bekanntheitsgrads, nicht eine mangelhafter Attraktivität; ausserordentliche Qualität lieferte nicht nur der Chef als Komponist, enorm talentierter Arrangeur und fähiger Pianist, sondern das taten auch die einzelnen Musiker von Anfang an.

Heute ist die »Rainer Tempel Bigband« zumindest innerhalb der Szene ein Begriff – und Tempels Kollegen machen alle gern mit in diesem Orchester, obwohl das Salär nicht üppig sein kann.

Und wie sie alle am Samstag mitmachten: Ein lediglich lauwarmes oder gar schlechtes Konzert haben wir von dieser Band sowieso noch nicht gehört, aber dermassen hochmotiviert, strahlend, auf den Punkt genau und solistisch glanzvoll wie jetzt hat die »Rainer Tempel Bigband« in Heimspielen auch selten geklungen.

Hervorragende, inspirierte und spannende Soli gab’s unter anderem von den
Saxern Mark Wyand, Jochen Feucht und Frank Lauber zu hören und von Posaunist Gerhard Gschlößl.

Besonders prominent besetzt war diesmal die Trompeten-Sektion: Sebastian Studnitzky und der ehemalige »Tab Two« -Bläser Joo Kraus hielten sich solistisch vergleichsweise zurück, Claus Stötter bewies dagegen – einmal mehr – in Titeln wie »Miles Away« oder »ars amatoria« seine Klasse besonders auf dem Flügelhorn.

Wie immer bei Konzerten der »Rainer Tempel Bigband« verging die Zeit wie im Flug; der lange Abend war aber auch wegen der überaus witzigen Moderationen von Tempel kurzweilig. »Round midnight« war dann, nach donnerndem, minutenlangem Applaus und dem Italogasenhauser »Azzuro« endgültig Schluss für diesmal. (-mpg)

Theaterhaus-Jazztage Ostern ’98: Watte, Salz und volle Ohren

Jubel (fast) ohne Ende am zweiten und dritten Festivaltag der diesjährigen Oster-Jazztage im Stuttgarter Theaterhaus — von ganz unterschiedlichen Fans, für ganz unterschiedliche Musik.

Am Samstag kannte die Begeisterung vor allem bei den zahlreich erschienenen algerischen Gästen im da schon fast überfüllten Wangener Kulturzentrum kein Halten mehr — schließlich hatte sich mit Khaled der Superstar Algeriens angesagt.

Diesmal kam der schmächtige Sänger auch wirklich nach Stuttgart. Vor einem Jahr hatten ihn schon die »Jazz-Open«- Macher für ihr Festival in der Liederhalle eingeplant; damals hatte Khaled, dessen Texte zum Teil politisch ziemlich scharf sein sollen, wegen Attentats-Drohungen fundamentalistisch gesinnter Landsleute abgesagt.

Und jetzt gab er, während sich das Kondenswasser an den Wänden sammelte, ein gut zweieinhalbstündiges Konzert. Seine acht Begleiter waren Vollprofis, die im internationalen Vergleich gut bestehen können — ihm selbst, stimmlich eher Durchschnitt, fraß der Großteil des Publikums sozusagen aus der Hand.

Seinen 97er-Hit »Aisha« mußte er nach der stimmungsvollen Einleitung seines Gitarristen und ersten Keyboarders gar nicht groß selbst anstimmen: Das erledigte ein vielstimmiger Publikumschor ziemlich perfekt. Und selbst nach dieser Zugabe war hoch lange nicht Schluß mit dem — nicht nur aus »beinharter« Jazz-Sicht — ziemlich glattgebügelten Arab-Pop: In der zur »Jazz-Lounge« erklärten Halle drei fragte sich so manch ein Besucher während der Wartezeit auf zwei Combos aus der Region, was die watteweichen Harmonien von ebenan denn, bittschön, mit Jazz zu tun hatten . . .

Sowohl das »Patrick Tompert Trio« als auch das Quintett um Klaus Graf und Sebastian Studnitzky lieferten dann vor kleinem Publikum bis weit in den Morgen hinein »richtigen«, eher konventionell gelagerten Jazz — wie bereits aus zahlreichen Clubgastspielen in der Region bekannt in teils verblüffend hoher Qualität.

Schon am Karfreitag lieferten Musiker aus dem »Gäu« kräftig Salz für die Stuttgarter Jazz-Suppe. Fried Dähn und Manfred Kniel überraschten mit ihrer Schrägton-Show sicher auch so manchen Großstädter — nur hatten der Cellist und der Drummer das Pech, zeitgleich gegen eine All-Star-Formation im großen Saal anspielen zu müssen.

In Halle eins blies nämlich Albert Mangelsdorff, Deutschlands wohl bekanntester (und vielleicht auch bester) Posaunist, zusammen mit Jazz-Weltstar Chico Freeman ins Blech. Interessanter als die Horn-Kombination war da schon die dreiköpfige Percussion-Begleitung, die westliche Grooves mit solchen aus Asien und Afrika zusammenbrachte.
Frisch und überraschend klangen auch die Ravel-Bearbeitungen, die der Frankfurter Jazzer zu später Stunde zusammen mit Wolfgang Dauner, Christof Lauer, Dieter Ilg und Wolfgang Haffner präsentierte. Speziell die letzten drei spielten — wieder mal — ganz hervorragend zusammen.

Das Highlight dieses langen Abends  – der neben der Klasse Mangelsdorffs auch dessen höchst erstaunliche Kondition bewies – gab’s aber mittendrin. Zusammen mit dem Tübinger Ausnahme-Trompeter Claus Stötter spielte der »edler statesman« der deutschen Jazzszene weitgehend frei improvisierte, nicht eben einfache, aber beeindruckend intensive Musik. Da zeigte sich, daß im Schlichten oft die wahre Schönheit liegt — und in der Beschränkung große Kunst.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Claus Stötters Nevertheless: Club der Jazz-Könner

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge wird Dizzy Krisch wohl den massiven Zulauf im Tübinger Jazzkeller registriert haben. Über den jetzt bei den Gastspielen von Claus Stötters »Neverthelesse« zweimal völlig ausverkauften, eigentlich schon überfüllten Jazzkeller gefreut hat sich der Musiker mit Sicherheit, weil die Leute ja auch wegen seiner Vibraphon-Künste in die Haaggasse schwärmten.

Als alter und neuer Vorsitzender des eingetragenen Jazzclub-Vereins dürfte er aber auch ins Nachdenken gekommen sein: So voll wie bei den beiden Konzertabenden mit dem Trompeter und Flügelhornisten Stötter und seiner Band ist das Gewölbe bei Jazz-Veranstaltungen in letzter Zeit nie gewesen — egal, wer was wann wie spielte.

Er ist halt »everybodys darling«, der Stötter, nicht nur in der regionalen Jazzszene. Und er macht, auch weil er anderswo gut beschäftigt ist, nicht den Fehler vieler anderer, sich in Tübingen »totzuspielen«. »Heimspiele« mit »Nevertheless« sind etwas Rares — und weil zum Wissen um das musikalische Können von Claus, Dizzy und Co. halt noch die Erkenntnis kommt, daß man diese Formation eben nicht alle Tage »nebenan« hören kann, reißen sich die Jazzfans um einen Platz.

Und sei er auch noch so klein: Am letzten Sonntag gab’s im Kellergewölbe das berühmte Sardinenfeeling zu erleben — und selbst auf der langen Treppe des Jazzclubs »stapelten« sich jene Fans, die nicht überpünktlich zum Konzert gekommen waren. Tags zuvor, so wurde berichtet, soll’s nicht anders gewesen sein. Da gab’s einigen Unmut wegen der Enge — Musiker und Veranstalter sollten sich überlegen, beim nächsten Mal in einen größeren Raum auszuweichen.

Zu hören waren schwerpunktmäßig die Titel der letzten »Nevertheless«-Platte – eigentlich kein neues Material, aber teilweise in neuen Arrangements gespielt. Vom Sonntagskonzert bleibt — mal abgesehen von der wirklich verblüffenden Geschlossenheit der Gruppe — ein bezwingend elegant und trotzdem zupackend spielender Drummer Francois Laizeau in besonders nachhaltiger Erinnerung sowie ein Dizzy, der mit seinen feinen Tönen immer prägnant den Gesamtsound prägte, ohne sich (von der Lautstärke her gesehen) auch nur ein einziges Mal in den Vordergrund zu stellen.

Und Matthias Erlewein, der Kölner Saxophonist, lieferte mit dem Bandchef öfters wieder jene traumhaft sicheren Duett-Geschichten innerhalb der Band, wegen der »Nevertheless« von Anfang an gelobt wurde.

Am Ende des Gastspiels stand ein federnd-funkiger Jazz-Reggae und ein ganz sachtes, ganz leises, sehr schönes Stück mit Stötters Flügelhorn als akustischem Mittelpunkt. Und um Mitternacht gab’s für den Ausnahme-Trompeter von seinen Ausnahme-Mitmusikern Glückwünsche zum Geburtstag.

Autor: Martin Gerner

Erstabdruck/Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger

Claus Stötter: „Ich spiele in allererster Linie für mich“

»Ich hab‘ meine Traumband schon gefunden«, sagt der Ausnahmetrompeter Claus Stötter, 35, beim Interview mit dem Tonspion. »Einfach, weil’s wirklich eine richtige Band ist und keine Schnellschuß-Geschichte.«

Claus Stötters Band heißt „Nevertheless“ und macht spannenden Jazz wie kaum eine andere süddeutsche Formation. Wer Dizzy Krisch, Matthias Erlewein, Yves Torchinsky und Francois Laizeau schon mal mit dem perfekten Trompeten-Techniker Stötter gehört hat — zum Beispiel bei dem hervorragenden Open-air-Konzert kürzlich vorm Tübinger »Depot« —, versteht den Spruch von der »Traumband«.

Zur Musik ist der Landes-Jazzpreisträger von 1990 und heutige Dozent an der Stuttgarter Musikhochschule übers Spiel in der Blaskapelle gekommen — zu Hause, in Bötigheim bei Heilbronn.

»Musikschulen gab’s damals noch nicht. Eigentlich wollte ich ja Sax lernen. Das Spiel in der Blaskapelle war letztendlich für das Überleben als Berufsmusiker sehr wichtig: Man spielt von Anfang an mit anderen Leuten zusammen und lernt ganz früh Noten lesen. Für mich bedeutet das, daß ich heute in jede Situation hineingeschmissen werden und immer vom Blatt spielen kann.«

In die Region hat es ihn, der sechs Jahre lang an der Stuttgarter Musikhochschule klassische Trompete studierte, der Liebe wegen vor zwölf Jahren verschlagen. Und von 1990 bis 1995 war Claus Stötter Mitglied des vielbeachteten französischen »Orchestre National De Jazz«. »Diesen Job hab‘ ich gekriegt, weil ich mal mit Denis Badault gejammt habe und es da zwischen uns sofort gefunkt hat. Als der dann zum Leiter der Bigband berufen wurde, wollte er mich dabeihaben.«

In Paris ist Stötter aber hauptsächlich wegen seiner 12jährigen Tochter nicht geblieben, »mir war das Leben dort auch zu stressig, und ich wollte wieder mit kleineren Bands spielen«.

So lebt er jetzt – den Jazzkeller sozusagen vorm Wohnzimmerfenster – wieder in Tübingen, und hat das Glück, seine Brötchen »im wesentlichen mit Spielen« verdienen zu können.

Auch sonst macht der Musiker einen ausgeglichenen und zufriedenen Eindruck: »Ich konnte im Jazz immer meiner eigenen Lust nachgehen, immer zuallererst für mich selbst spielen. Ein klassischer Musiker hätt‘ ich nie werden können, es ist nicht mein Ding, etwas auf den Millimeter genau so auszuführen, wie es geplant ist.«

Dem Nachwuchs gibt Stötter die Ratschläge: »Vielseitig sein, sein Instrument möglichst gut und stilistisch weitgefächert beherrschen, perfekt Noten lesen.« Und noch was ist ganz wichtig: »Man hat schon dann gewonnen, wenn man sich nicht sagt: Ich bin untalentiert, sondern »Ich brauche halt länger als die anderen«.(mpg)